Was beinhaltet Kindererziehung alles? Was muss ich mir darunter vorstellen?

Also, es gibt so ein paar Begriffe, mit denen ich mich immer wieder schwer tue. Das sind meist abstrakte Begriffe wie Verantwortung oder eben Erziehung.

Die Erziehung interessiert mich dabei aber weit mehr. Ich frage mich nämlich, ob ich erzogen wurde. Ich wurde als Jugendliche fast immer alleine zu Hause gelassen. Mein Vater war den ganzen Tag arbeiten. Wenn ich Glück hatte war mein Bruder nicht da, weil wir uns ansonsten meinstens nur gestritten oder geschlagen haben. Meine Mutter ist tot.

Also, irgendwie kann ich mir nicht vorstellen, wie andere Kinder erzogen werden. Wie läuft das so ab? Ist Erziehung meistens aktiv, also: so, mein Kind ist 16, jetzt zeige ich ihm einmal, wie man ein Haushaltsbuch führt oder läuft das auch passiv ab: also so, dass die Eltern einfach etwas vorleben und das Kind beobachtet das Verhalten der Eltern und übernimmt das dann? Z.B. wie man das Bad, die Küche putzt, wie man sich verhält, wenn Besuch da ist etc.

Wie gesagt, ich war große Teile meiner Jugend alleine zu Hause und habe das, was so angefallen ist, irgendwie gemacht. Mir wurde es ja nie gezeigt. Dabei denke ich vor allem an den Haushalt. Ich hatte keinen blassen Schimmer davon, wie man Beläge und Ablagerungen in der Toilette entfernt, deshalb habe ich mir durchaus auch einmal den Brieföffner geschnappt, um darin herumzuschaben. Dadurch, dass ich es nicht konnte, habe ich des Öfteren auch Kollateralschäden verursacht wie z.B. das Laminat im Esszimmer kaputt geputzt. Und mir wird auch heutzutage noch manchmal gesagt, dass ich keine Manieren hätte und nicht wüsste, wie man mit anderen Menschen umgeht. Woher sollte ich das auch wissen? Wir hatten auch selten Besuch zu Hause. Mein Vater hatte keine Freunde, ist eher der kontaktarme Mensch. Natürlich waren wir nicht komplett abgeschottet.

Woher sollte ich wissen, dass man anderen Menschen die Hand gibt, wenn man den Raum betritt?-keine Ahnung. Auch essen konnte ich vor allem direkt nach Mamas Tod nicht wirklich, ich habe die Feinmotorik nicht mehr drauf gehabt. Das ist im Laufe der Zeit schon besser geworden.

Ich habe mir in meinen späten Teenager-Jahren ein Umfeld geschaffen, das günstig war: ich hatte gute Freundinnen, bin parteipolitisch aktiv gewesen, habe Cello gespielt- dadurch hatte ich auch eine bessere Feinmotorik unter anderem, habe mich auf die Schule konzentriert. Zu Hause hatte sich aber nichts geändert. Ich habe mich versucht mehr oder weniger selbst zu erziehen. Das hat nur bedingt funktioniert. Es ist dann doch eigentlich nicht meine Aufgabe.

Ich merke auch heute noch, dass ich Dinge nicht weiß, die für andere selbstverständlich oder banal sind oder, wo andere sich nicht vorstellen können, dass man das nicht wissen kann.

Also, wie erzieht ihr eure Kinder oder, wie wurdet ihr erzogen? Kann man auch nicht erzogen werden? Ich denke, geprägt wird man immer irgendwie.

Familie, Erziehung, Psychologie, Gesellschaft, Kinder und Erziehung, Liebe und Beziehung, Manieren, Persönlichkeitsentwicklung, Verantwortung, werte und normen
6 Antworten
Warum sind so viele Menschen so unreflektiert?

Ich habe sehr selten Menschen getroffen, bei denen ich auch im Alltag sagen würde, dass sie reflektiert sind. Das trifft auch auf studierte Menschen zu, die ja eigentlich zumindest beim wissenschaftlichen Arbeiten einen gewissen Grad an Reflexion an den Tag legen müssen.

Um Besipiele zu nennen: unser Französisch-Lehrer hat in der elften Klasse behauptet, in unserer Klasse würden alle in einer intaken Familie leben. Wie kommt er zu so einer Behauptung? Hat er es bei jeder einzelnen Familie überprüft?

In meinem letzten Schuljahr ist meine Chemie-Lehrerin auf mich zugekommen, weil es, sage ich einmal, unbestreitbar war, dass ich familiäre Probleme habe, weil ich deshalb in einer psychiatrischen Klinik war. Sie hat mir dabei angeboten, dass ich jederzeit zu ihr kommen und um ein Gespräch bitten könnte, was sehr löblich und nett ist. Nur frage ich mich warum sie davon ausgeht, dass bevor sie von meinen familiären Problemen erfahren hat, alles in Ordnung war,was sie auch selbst so gesagt hat. Familiäre Probleme können doch auch ohne ihr Wissen vorhanden sein. Kann ja auch sein, dass andere Kollegen davon wissen und, weil es um etwas Vertrauliches geht, nicht gleich jeden Kollegen damit behelligen. Dann geht sie ja davon aus, dass sobald solche Probleme auftauchen, das auch sofort bekannt wird und sie unmittelbar Kenntnis davon erhält.

Ich finde so etwas wie ich schon erwähnt habe, extrem unreflektiert, fast schon dumm, und in den beiden oben beschriebenen Fällen auch fast schon anmaßend bis unverschämt sich ein Urteil über die familiären Verhältnisse der Schüler zu erlauben.

Es gibt noch viele weitere Beispiele, die aber auch teilweise schwer zu beschreiben sind, weil es dabei auch viel um Blicke, Gestik und Körpersprache ging, mit der die anderen kommuniziert haben.

Warum bemühen sich anscheinend so wenige Menschen um Reflexion? Das ist doch eigentlich etwas Erstrebenswertes oder liege ich da falsch? Mir wurde auch schon oft gesagt, dass ich reflektiert bin. Nur um zu rechtfertigen, dass ich mich über meine so "unreflektierten" Mitmenschen so aufrege.

Studium, Verhalten, Ausbildung, Erkenntnis, denken, Kommunikation, Psychologie, Philosophie
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