Wie entstanden die Artikel in der Deutschen Sprache?

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3 Antworten

Eine gute Frage. Germanische Sprachen hatten zu Beginn 3 Genus ("grammatische Geschlechter"). Manche germanische Sprachen haben diese Unterscheidung bis heute bewahrt. Deutsch hat diese Unterscheidung bewahrt, Isländisch ebenso. Schwedisch hat heute nur noch 2 Genus. Englisch nur noch ein Genus (abgesehen von den Personalpronomina, da wird noch "he"/"she"/"it" und "his"/"her"/"its" unterschieden, auch "him" usw.)

"Warum" man das eingeführt hatte, weiß ich nicht. Es ist aber klar, dass eine Sprache das nicht unbedingt haben muss, es gibt Sprachen, die ganz auf diese Unterscheidung (und auch auf Artikel wie "der"/"ein")  verzichten können. Finnisch ist so ein Beispiel.

Durch die Kenntnis des Englischen wird einem Deutschen klar, dass eine Genusunterscheidung im Grunde verzichtbar ist. Dennoch verlangt die deutsche Grammatik diese Unterscheidung.

Das ist ein Stolperstein für Ungarn oder Finnen, die Deutsch lernen (Chinesen werden ebenso die obige Frage stellen). Die Unterscheidungen sind im Deutschen in vielen Fällen nicht ableitbar. Ableitbar sind sie in manchen Fällen, bei denen ein "natürliches" Genus übertragen werden kann (die Frau, der Mann; die Stute, der Hengst...).

Interessant ist, dass das Genus auch dann gleich mitunter bleibt, wenn die Form des Artikels verändert wurde. Z.B. "der Hund" (männlich), isländisch "hundur" ("(ein) Hund" männl. Endung -ur), "hundurinn" ("der Hund" - der bestimmte Artikel wird in nordischen Sprachen "agglutiniert", hinten angehängt, ohne ein eigenes Wort zu bilden).

"Wolf" ist isländisch "ulfur" (männl.) gotisch "ulfs" ("sa altha ulfs" der alte Wolf) (männl.). Die Endungen -ur/-s wechseln, sie sind aber in nordisch-germanisch und ostgermanisch maskulin. (Vergleiche auch -s in baltischen Männernamen, Zigurd-s, Normund-s, Vytauta-s, auch wenn Baltisch eher dem Slawischen nahe steht).

D.h. "Hund" und "Wolf" sind auch in solchen Sprachen männlich (gewesen, im Falle von Gotisch), die gar nicht unsere westgermanischen Artikel (der, die, das) kannten. Westgermanische Artikel wurden vornedran gestellt ("der Wolf" "the wolf"), nordische Artikel wurden hintendran agglutiniert ("ulven"/ "vargen" = der Wolf, norwegisch/schwedisch). Einfluss samischer Sprachen ist hier ggf. mitverantwortlich für das "Agglutinieren".

Schwedisch "Kind/das Kind" ist "barn/barnet". "ett barn" = ein Kind, "barnet" = das Kind. Genus ist dasselbe wie im Deutschen (Neutrum), die Realisierung des Artikels anders.

Schwedisch "Frau/die Frau" ist "kvinna/kvinnan". "en kvinna" = eine Frau. Entsprechend "man/mannen". Beides sind "en-Wörter" sog. "Utrum", eine Zusammenfassung des maskulinen und femininen Genus.

Auch im Plural wird agglutiniert "kvinnor" = Frauen, "kvinnorna" = die Frauen. Das ist eine Grammatik, die der samischen Grammatik (finno-ugrisch) etwas ähnelt. Ähnliche Punkte, die ebenfalls agglutiniert wurden, sind nordische Verneinungen (aldri-gi = niemals; ei-gi = nicht, daher norwegisch "ikke" schwedisch "inte" oder "ej") und das nordische Mediopassiv; im Schwedischen wird das durch -s realisiert.

Mein Lieblingsbeispielsatz, der alle drei (agglutinierten) Phänomene darstellt: "dörr-en får ej blockera-s" (schwedisch, die Tür darf nicht blockiert werden). "Tür" ist im Deutschen weiblich, damit im Schwedischen "Utrum" (und nicht "Neutrum" wie barn), kriegt -en Endung, "ej" ist die "finnische Verneinung", und blockeras ist "blockiert werden", eine agglutinierte Passivform.

Ich hoffe, das war nicht allzu verwirrend. Ich weiß natürlich auch nicht, "warum" diese Genusunterscheidung mal gemacht wurde, kenne aber ein paar Realisierungen in den germanischen Sprachen. Ein Teil der germanischen Sprachen unterliefen eine "Reduktion" des Systems (Schwedisch teilweise, Englisch fast vollständig). Konservative Sprachen (Deutsch, Isländisch) bewahren die 3 Genus in der Gänze (alte schwedische "Dialekte" übrigens auch, wie die alte Sprache von Dalarna/Mittelschweden, oder "Nynorsk" eine Gruppe norwegischer Dialekte).

 

 

  

  

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Kommentar von mychrissie
18.11.2015, 10:13

Interessant wäre, mal zu deuten, warum die Genera von Sonne und Mond im Französischen genau umgekehrt wie im Deutschen sind.

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Kommentar von Geist0701
18.11.2015, 19:22

Wow, erstmal Danke für diesen Beitrag. Das ist ja sehr ausführlich und echt interessant. Kommst du aus Schweden oder wie kommt es, dass du dich da so gut auskennst?

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So, dann geh ich mal weit in die Vergangenheit :)

Natürlich - ich weiß es auch nicht! Ich hatte mir aber natürlich auch schon mal Gedanken darüber gemacht.

Angenommen mal die Menschen beginnen nach jahrtausendelanger Sprachlosigkeit, bestimmte Dinge zu benennen. Da wird es am Anfang erst mal gar keine Grammatik gegeben haben. Keinen Dativ, keinen Plural etc. Das ist später erst entstanden. Auch da hat es wohl erstmal keine Regeln gegeben.

Irgendwann werden die Menschen bemerkt haben,dass sie für bestimmte grammatische Formen bestimmte Muster verwenden. Da wurden dann die Substantive klassifiziert. Wörter, die nach dem gleichen Muster wie das Wort für 'Mann' dekliniert wurden wurden dann als männlich bezeichnet etc.

Ob es da schon Artikel gab? Jedenfalls wurden Beziehungen hergestellt, wie auch immer, entweder durch vorangestellte Artikel wie im Deutschen, oder angehängte wie in den skandinavischen Sprachen, oder sonstwie. Das war dann wohl schon eine Vereinfachung, denn statt vieler individuell deklinierter Substantive gab es dann nur noch (drei? im Russischen gibt's heute noch mehr als drei, denn es wird teilweise auch zwischen belebt und unbelebt unterschieden) Klassen, die einigermaßen regelmäßig gebeugt wurden.

Stell ich mir halt so vor ;)

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In dieser Konkretheit dürfte das schwierig abzuleiten sein.

Grundsätzlich erhöht die Deklinierbarkeit von Sprachen deren systematische Ausdruckspräzision, fördert deren Differenzierbarkeit und beugt somit Missverständnissen vor. Das wäre meine Generalthese.

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Kommentar von atzef
17.11.2015, 19:26

Vielleicht noch ein Bsp. zur Erläuterung meiner These.

Das Subjekt einer Handlung/Tätigkeit steht im Deutschen immer im Nominativ. Dieser Fall ist über die Artikel recht eindeutig festlegbar. Das wiederum ermöglicht dem Subjekt eine relativ freie Positionierbarkeit im Satz. Im Unterschied zum Englischen. Die kennen nur eine rudimantäre Deklination und müssen das Subjekt zumeist an Position 1 benutzen.

Ebenso frei ist die Positionierbarkeit in slawischen Sprachen, die zwar keine Artikel kennen, aber eben eindeutig über die Substantivendungen deklinieren.

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