Frage von Camelbak, 144

Warum ist der ruf der Bundeswehr so schlecht?

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Antwort
von testwiegehtdas, 57

Die Frage ist ob du das jetzt allgemein meist oder für den Grundwehrdienst oder die spätere Arbeit dort wenn man bleibt.

Allgemein erlebe ich in meinem Umfeld ein paar die sie sehr mögen, andere die sie nicht mögen und viele die ihr neutral gegenüber stehen. Dort kann ich keinen allgemein schlechten Ruf erkennen.

Grundwehrdienst ist immer so eine Sache. Zum einen gab es in der Umsetzung immer Probleme, weil Einzelfälle nur sehr begrenzt zugelassen wurden. An sich MUSSTE man ja nie dienen, man hätte auch Zivildienst machen können. Daher sehe ich die Abschaffung aus mehreren Gründen kritisch: Zum einen weil eben so nur wenige für den Ernstfall ausgebildet sind (egal ob Krieg oder Katastrophenhilfe) und zum anderen weil die Zivis einfach im Sozialen Bereich fehlen. Es gibt viel zu wenige FSJler die das abfangen, aber für "richtige" Angestellte mit Mindestlohn ist oft kein Geld. Zudem ist oft auch eine Hemmschwelle da als Junge ein FSJ in einer Behinderteneinrichtung oder einem Kindergarten zu machen. Das habe ich oft genug gehört, auch von Jungs die es dann doch gemacht haben. Als Zivi mussten sie es machen und viele meinten hinterher, wenn sie gewusst hätten wie es wird, hätten sie keine/kaum Bedenken gehabt. Natürlich gab es auch die sehr Unbegeisterten, aber die gibt es immer, egal bei was.   

Die Arbeitsbedingungen später sind tatsächlich recht schlecht im Vergleich was viele andere Firmen mittlerweile bieten. Ich hätte keine Lust ständig umzuziehen, damit meine Kinder ihren Vater sehen können, nur weil er alle paar 1-3 zu einem anderen Stützpunkt versetzt wird. Ok, vermutlich könnte man sich irgendwie arrangieren, aber anders geht es eben besser... Zudem wird es gefühlt immer schwerer weg zu kommen, da sie einen halten wollen. Einem werden (soweit ich weiß) keine großen Steine in den Weg gelegt, aber die Hilfen die es früher (zu Zeiten als mein Vater aktiv war) noch gab wurden wohl stark reduziert (habe da aber keine persönliche Erfahrung mit). Zudem muss man sich immer länger Verpflichten, wenn man z.B. studieren möchte. Ok, Verpflichtung finde ich nicht schlimm, hat man bei vielen Firmen z.B. bei einem dualen Studium auch (wobei man sich hier oft rausklagen kann, auch ohne das Studium zurück zu zahlen), aber 12 Jahre oder länger (je nach Studium) finde ich dann doch mit 19 einen ganz schön gewagten Schritt. Woher weiß ich jetzt, was ich in 17 Jahren machen möchte? Zumal man ja kaum Mitspracherechte hinterher hat, wo man eingesetzt wird. Ich persönlich bin froh, dass mein Freund sich letztendlich dagegen entschieden hat, obwohl ich selber überlegt hatte mich dort für ein Studium zu bewerben. 

Zudem melden die Medien oft nur negative Nachrichten über die Bundeswehr. Positives hört man fast nie. Auch nach den extremen Hochwassern wurden nur die Feuerwehren und Freiwilligen gelobt, von der Bundeswehr, die selber massenhaft im Einsatz war, habe ich nicht einen Satz gelesen. Man mag jetzt sagen, dass das deren Job sein, aber es ist ebenso der Job der Berufsfeuerwehren. Trotzdem wurden diese gelobt und die Bundeswehr nicht (zumindest nicht hier bei uns in den Medien).



Expertenantwort
von navynavy, Community-Experte für Bundeswehr, 50

Ich würde nicht generell sagen, dass die Bundeswehr einen schlechten Ruf hat - das ist sehr stark von der Region in Deutschland und auch dem sozialen Status der äußernden Person abhängig.

Grundsätzlich wirken aber durchaus bestimmte Faktoren darauf ein, dass breite Schichten in Deutschland die Bundeswehr belächeln und/oder negativ sehen:

  • Die Berichterstattung in Deutschland über die Bundeswehr ist grundsätzlich eher kritisch-negativ. Über Positives oder grundsätzliche Entwicklungen (Umstrukturierung etc.) wird so gut wie gar nicht berichtet. Dadurch entsteht der Eindruck, dass gewisse Probleme der Bundeswehr (Ausrüstung, Personalknappheit etc.) nur in Deutschland bestünden. Dies ist aber unzutreffend - nahezu alle westlichen Länder kennen solche Schwierigkeiten, übrigens auch die USA. Wer sich also nur über die Mainstream-Medien über die Bw informiert, erhält einen unzutreffend einseitig-negativen Einblick.
  • Viele Leute erinnern sich an ihre - oft Jahrzehnte zurückliegende - Wehrpflichtzeit mit Gammeldiensten, Saufgelagen o.ä. und verbreiten das weiter als realistisches Bild von der angeblich unfähigen Bundeswehr. Dass sich diese Dinge spätestens seit Aussetzung der Wehrpflicht massiv geändert haben, sehen viele nicht bzw. wollen es nicht sehen.
  • Dass viele Bereiche der Ausrüstung (Kampfpanzer, Panzerhaubitzen, geschützte Fahrzeuge...) von der Qualität hervorragend sind, aber in (noch) zu geringen Stückzahlen vorhanden sind, ist den gewaltigen Umstrukturierungen und Einsparungen der letzten Jahre geschuldet. Das wird aber kaum gesehen - die Beschaffungsskandale der letzten Jahre (siehe Punkt 1) haben die herausragend postiven Dinge in diesem Bereich in der öffentlichen Wahrnehmung leider völlig überschattet.
  • Tatsächlich - das wurde schon in anderen Posts gesagt - ist die Mehrheit der deutschen Bevölkerung sehr militärskeptisch bis pazifistisch eingestellt. Das ist grundsätzlich nicht verkehrt, weil das den Einsatz militärischer Mittel in den Fokus der gesellschaftlich-politischen Beobachtung stellt, jedoch führt das im Extremfall auch zu eingeschränkter bzw. halbherziger Entschlusskraft. Der Afghanistaneinsatz war z.B. stets von der Bemühung der Politik bestimmt, möglichst nicht martialisch bzw. kämpferisch zu wirken. Das führte zum Teil dazu, dass die Soldaten vor Ort vor unklaren Bestimmungen für Gefechtssituationen standen oder nur defensiv reagieren durften, wo offensives Handeln evtl. Menschenleben gerettet hätte.


Ein Wort zum Schluss - negativ wird die Bundeswehr übrigens vor allem im eigenen Land gesehen. Die Verbündeten und andere Länder bewundern und respektieren deutsche Soldaten für ihre Professionalität, die Qualität der Ausbildung und ihre Leistungsbereitschaft. Das nur am Rande.

Kommentar von Almalexian ,

"haben die herausragend postiven Dinge in diesem Bereich in der öffentlichen Wahrnehmung leider völlig überschattet."

Jetzt würd mich mal interessieren was die herausragend positiven Dinge sind.

Kommentar von navynavy ,

Die oben genannten:

* Geschütze Fahrzeuge (v.a. der Typen Dingo, Eagle IV/V, Enok etc.)

* Neue Kampfpanzermodelle (Leopard 2A6M und Leopard 2A7)

* Panzerhaubitze 2000 (im Moment durchläuft sie das erste große Systemupdate, was die relativ niedrigen Bereitschaftszahlen erklärt)

* Spähwagen Fennek

* GTK Boxer

* Überwindung der Kinderkrankheiten beim System Infanterist der Zukunft

Das sind zumindest die größeren Dinge. Das sind samt und sonders Dinge, um die uns viele ausländische Streitkräfte beneiden.

Kommentar von Almalexian ,

Teilweise was funktionierendes einzukaufen würde ich nicht unter herausragend positiv verbuchen. Und wenn doch, ist es ein Armutszeugnis.

Kommentar von navynavy ,

Ich verstehe ehrlich gesagt Dein Problem nicht - natürlich "kauft" die Bw ihre Ausrüstung ein, was soll sie auch sonst tun? Sollen die Soldaten sie selbst zusammenschrauben? Und die genannten Produkte (übrigens mehrheitlich deutsche Rüstungsprodukte, falls Du darauf anspielst) sind sind in der Tat außerordentlich leistungsfähig und in ihrer jeweiligen Kategorie weltweit technologisch mit das Beste, was verfügbar ist. Zudem entstanden sie in enger Zusammenarbeit mit dem Militär.

Was soll bitte daran ein "Armutszeugnis" sein?

Kommentar von navynavy ,

Ich habe mich auf "herausragend positive Dinge in diesem Bereich (= Beschaffungswesen)" bezogen. Und die genannten Projekte wurden fristgemäß beschafft und funktionieren nicht nur wie gewünscht, sondern übertreffen teilweise die in sie gesetzten Erwartungen. Das sind Rüstungsprojekte, die "herausragend positiv" verlaufen sind. Das tun nicht alle.

Oder hast Du jemals Schlagzeilen gelesen wie "Truppe begeistert von neuem Spähpanzer" oder "Deutsche Panzerhaubitzen übertreffen vergleichbare Modelle der US Army deutlich"? Richtig - und genau das ist der Punkt. So etwas hört man nicht in D. Über (angeblich) schief schießende Gewehre und Probleme mit dem NH90 (die es natürlich tatsächlich gibt) wird aber genüsslich berichtet. Und genau dadurch entstehen Bilder/Meinungen, wie Du sie offenbar auch mit Dir herumträgst. 

Kommentar von Almalexian ,

Natürlich hört man das nicht, weil es nicht der Job der Medien ist die Bundewehr zu belobhubeln wenn diese ihren Job in Ordnung machen. Hingegen ist es ihr Job sie zu tadeln wenn sie den nicht macht.

Die Qualität der Waffensysteme wird ja durch die Waffenschmieden festgesetzt, da kann die Bundeswehr maximal auf den Zielrahmen stolz sein. Wenn der Kram nicht funktioniert muss sie sich hingegen mindestens vorwerfen lassen, Schrott gekauft zu haben und dabei nicht hinreichend geprüft zu haben. Mag etwas unfair sein, aber in Sachen Beschaffung kann die Bundeswehr nicht viel positives reißen, es hat einfach zu funktionieren.

Wo sie glänzen könnte wären zb die Einsätze, denn die sind durch die Politik schon so verkorkst angelegt dass es da nicht wundern darf wenn die Bundeswehr nicht so richtig das schafft wozu sie da ist. Schafft sie es doch, auf eine überraschend gute Weise, wäre da auch mal n Lob drin.

Kommentar von navynavy ,

Natürlich hört man das nicht, weil es nicht der Job der Medien ist die
Bundewehr zu belobhubeln wenn diese ihren Job in Ordnung machen. Hingegen ist es ihr Job sie zu tadeln wenn sie den nicht macht.

Es ist keineswegs Aufgabe der Presse, einseitig negativ darzustellen. Das hat mit Bejubeln nicht das Geringste zu tun. Ich verweise nur auf ein Beispiel - während die Medienlandschaft intensiv mit G36-"Bashing" beschäftigt war, erfuhr man z.B. kein Sterbenswörtchen von der Unterstellung einer vollständigen niederländischen Brigade unter die deutsche Division Schnelle Kräfte. Ein bisher beispielloser Akt europäischer Verzahnung - der aber in der gesamten deutschen Medienlandschaft höchstens randläufig Erwähnung fand. In den Hauptnachrichten war die Sache - ich erinnere mich gut - nicht einmal einen Kurzbeitrag wert.

Es gab und gibt genügend Fälle in den Auslandseinsätzen, in denen gerade die technologisch hochwertige Ausstattung der Bundeswehr Leben gerettet hat. Das wäre durchaus Artikel wert gewesen, nämlich im Sinne einer ausgewogenen Berichterstattung, die verhindern würden, dass sich heute im Netz und anderswo "Möchtegernexperten" tummeln, die von der "Schrott-Bundeswehr" o.ä. sprechen.

Wo sie glänzen könnte wären zb die Einsätze, denn die sind durch die Politik schon so verkorkst angelegt dass es da nicht wundern darf wenn die Bundeswehr nicht so richtig das schafft wozu sie da ist. Schafft sie es doch, auf eine überraschend gute Weise, wäre da auch mal n Lob drin

Das hat die Bundeswehr oft genug. Genau darauf basiert ihr international äußerst positiver Ruf, den in Deutschland kaum jemand zur Kenntnis nimmt. Dinge wie die Operation Halmazag, das tapfere und professionelle Verhalten deutscher Truppen im Feuerkampf gegen oft überlegenen Gegner oder die Leistungen als Führungs- oder Rahmennation bei internationalen Einsätzen schaffen es (leider) so gut wie nie in die Schlagzeilen. Und schon sind wir wieder beim Thema - ausgewogene Berichterstattung wäre dringend nötig, um ein realistisches Bild der Bundeswehr zu zeichnen. Natürlich soll und muss das Negative gezeigt werden - aber darf nicht einseitig werden. 

Antwort
von Jens25, 39

Weil ihre wahre Qualität nicht erkannt wird. Die Bundeswehr ist nicht nur eine Armee sie ist viel mehr: Karriere Sprungbrett, Disziplinator, Sportlich Aktiv, Vielseitigkeit, Zu Hause, Kameradschaft, Zukunft usw. usw. usw. Das Problem an dem Ruf der Bundeswehr ist nicht die Bundeswehr selbst Schuld sondern die Wehrpflicht. Niemand möchte zu etwas gezwungen werden. Das ist wie Schule, da musst du hin, ob du willst oder nicht. Deshalb reden alle auch so abfällig über die Schule. Jetzt muss die Bundeswehr erst mal sehen das sie den "negativen" Ruf einer Wehrpflichttruppe los wird und das dauert.

Antwort
von JesterFun, 87

Weil viele Deutsche alles ablehnen was mit Krieg zu tun hat. Ich persönlich halte rein gar nichts von dem übertriebenen Pazifismus. Denn am Ende sind wir diejenigen die sich nicht verteidigen können wenn es mal nötig wird...

Antwort
von Hikez, 41

Es gibt halt sehr viele organisatorische Probleme (auf 1 Soldaten kommen 40 Büromenschen, Waffen/Fahrzeuge stehen nicht ausreichend zur Verfügung, Gelder werden falsch verwendet usw), kannst du auch alles im Internet nachlesen. Zudem wächst die Ablehnung gegenüber Krieg und vor allem Auslandseinsätzen, was das Image ebenfalls beschädigt

Kommentar von Apfelkind86 ,

Wir haben 181000 Soldaten und ca. 60000 Zivilangestellte.

Wie kommst du da auf deine Behauptung?

Kommentar von Hikez ,

Ging mir dabei um Auslandseinsätze (haben wir jedenfalls damals in der Schule gelernt). Was ich sagen will: Die Verwaltung steht sich aufgrund ihrer Größe und Struktur selber im Weg

Kommentar von Jens25 ,

Also warst du selbst da und redest davon weil du es selbst erlebt hast oder nur weil du es in der Schule (in welchem Fach?) gelernt hast? Bevor du fragst, ja ich war da und klar gibt es dort Verwaltung, aber die ist nicht mehr als in anderen großen Firmen auch. Ist ja auch irgendwie logisch.

Kommentar von Hikez ,

Den Großteil des eigenen Wissens bekommt man aus der Schule ja...Die rhetorische Frage am Anfang hätte man sich sparen können, du kannst doch lesen oder? Das Fach nennt sich Politik und Wirtschaft und wird heutzutage am Gymnasium unterrichtet. Ich meine nicht nur die Verwaltung vor Ort, sondern den ganzen Apparat (also auch das, was die Soldaten nicht direkt betrifft, zB die Zuständigen für Investitionen und andere Führungsebenen). Du wirst dich ja aber perfekt mit der gesamten Bundeswehr auskennen, daher tut es mir leid, diesen Unsinn verbreitet zu haben. Halbes Jahr Unterricht mit falschem Zeug vergeudet, verdammt

Kommentar von Hikez ,

Die Einsätze laufen ja durch alle möglichen Ebenen, bevor wirklich was passiert

Antwort
von SLS197, 50

Finde ich nicht

Antwort
von Peter501, 32

Weil sie von den Politikern gern als Prügelknabe hingestellt wird.

Ich möchte auch nicht in einem Verein dienen der nicht die volle Unterstützung und Anerkennung seines Landes und seiner Bevölkerung hat.

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