Frage von Solnnis, 164

Warum gilt es unter deutschen Jugendlichen als extrem uncool und peinlich, wenn man im Dialekt redet?

Ich bin Ausländer/Nichtdeutscher und ich bin wirklich erstaunt, welche Blüten die Umerziehung und Gehirnwäsche schon getragen hat. Da wird die eigene Kultur verleugnet und man passt sich der Mehrheit an, um ja nicht als uncool, oder Opfer zu gelten.

Wie weit ist es schon mit der deutschen Kultur gekommen, wenn es uncool geworden ist, im eigenen Dialekt miteinander zu sprechen?

Wohlgemerkt, ich komme aus einer westdeutschen halben Millionenstadt mit sehr vielen Ausländern, Leuten mit Migrationshintergrund, also ich will ja nicht verallgemeinern, aber hier ist es ganz sicher so wie ich es beschrieben habe.

Antwort
von zippo1970, 81

Ich finde es jetzt nicht schlimm, wenn man seinen regionalen Dialekt redet. das zeigt doch auch die sprachliche Vielfalt in unserem Land. Wichtig ist halt, dass man des Hochdeutschen auch mächtig ist, denn im Berufsleben, oder im Kontakt mit Menschen, die des Dialektes nicht mächtig sind, sollte Hochdeutsch eine Selbstverständlichkeit sein.

Aber speziell in Großstädten geht Dialekt verloren, weil viele Menschen aus anderen Regionen, dazu kommen. Auf dem Land ist Dialekt, auch bei Jugendlichen, durchaus "cool".

LG :-)

Antwort
von Repwf, 86

Ich bin Anfang 40 und finde Dialekt auch "uncool" !

Ich finde es einfach unhöflich so zu sprechen und der andere versteht es nicht! 

Ich sprech zB weitergehend Kölsch, trotzdem eürde ich es außerhalb von Köln niemals sprechen! Selbst wenn ich Kölner wäre! Übergeordnet bin ich deutsche - also spreche ich das Deutsch was alle verstehen 

Kommentar von Solnnis ,

Das ist schon klar, nur ich spreche ja konkret Deutsche Jugendliche an, bei denen es uncool ist unter sich im Dialekt zu sprechen.

Kommentar von spaeschel85 ,

Die machen sich nur drüber lustig. Das ist harmloser Humor. Dass es bis heute als "uncool" gilt ist Folge des 20. Jahrhunderts und den gesellschaftlichen und sprachlichen Entwicklungen.

Es ist keine Folge politischer Einflussnahme. Nicht ansatzweise. Diese Annahme von dir ist einfach falsch.

Tatsächlich nutzt du die Entwicklung der deutschen Sprache aus, um politisch zu argumentieren. Das hat in diesem Fall aber wenig mit den geschichtlichen Fakten zu tun.

Antwort
von Yamato1001, 49

Hallo Solnniss
Ich kann dir über die Lage in Deutschland leider keine Auskunft geben, da ich aus der Schweiz komme. Ich habe mich trotzdem endschlossen, einen Kommentar dazu abzugeben. (Wie es bei uns ist...)
Bei uns in der Schweiz gibt es einen Trend, der in verschiedene Richtungen geht.
Einerseits haben wir seit den 1960er Jahren einen starken Aufschwung der regionalen Schweizer Mundarten.
In den regionalen Dialekten findet jegliche nicht schriftliche Kommunikation statt. Bei uns, der jüngeren Generation (ich bin 19) hat es sich auch so ergeben, dass sämtliche Textnachrichten (SMS, Whatsapp, E-Mail) im privaten Bereich ebenfalls auf Schweizer Mundard ausgetauscht werden.
Das heisst, bei uns ist es in diesem Punkt anders - Mundart ist (bei der Jugend noch viel mehr als bei den älteren) in der Schweiz sehr populär.
Jetzt kommt noch die Kehrseite der Medallie.
Wir haben einerseits vermehrt wie auch im Hochdeutschen einen englischen Einfluss zum einen. Zum Anderen ist es so, dass wir vielerorts einen hohen Ausländeranteil haben. Das führt dazu, dass Dialektworte verlohren gehen, da die Personen, welche Mundart nicht als Muttersprache haben gweisse Wörter nicht kennen.
Ein Beispiel:
Immer mehr wird das Wort "Pfütze" genutzt. In dem Mundard den ich selbst spreche ist das passende Wort "Guntä".
Andere Worte haben sich schweizweit durchgesetzt und sind so zum "neuen" Mundart geworden. (einzig ältere Leute nutzen die Mundartwörter dabei noch)
Ein Beispiel:
Wenn Gefahr droht sagen wir in Deutschland und inzwiscjen auch in der Schweiz "Achtung!"
Das ursprüngliche Wort wäre "Obacht!" gewesen.
Ich fasse zusammen.
Auch das Schweizerdeutsche unterliegt äusseren Einflüssen, doch ist es so populär, dass man sich keine Sorgen um dessen Fortbestehen machen muss.
Ich hoffe ich konnte dir die Lage aus Sicht der Schweiz ein wenig näher bringen.
Lg

Antwort
von spaeschel85, 40

Das ist Spökes was du erzählst!

Dass Menschen in Mittel- und Norddeutschland mit wenig Dialekt reden, hat gute Gründe und ist Deutsche Geschichte des 20. Jahrhunderts.

Das hat mit "Umerziehung" oder "Kulturverleugnung" rein garnichts zu tun.

Die sprachlichen Veränderungen fingen schon im Kaiserreich an, als das Land wirtschaftlich und kulturell stärker zusammenwuchs. Zwischen 1900 und 1950 hat eine Landflucht in die Städte stattgefunden. Die Menschen zogen dort hin wo es Arbeit gab. Viele Dörfer/Kleinstädte wurden größer, wuchsen zusammen und wurden zu unseren heutigen westdeutschen Großstädten.

Viele der Dörfler die in die Städte gezogen waren, darunter auch mein Vater, sprachen mit heftigem Dialekt, den die anderen Einwohner in der Großstadt kaum oder gar nicht verstehen konnten. Auch führte der zweite Weltkrieg zu innerdeutschen Flüchtlingen, die auch ihre eigenen Mundarten in verschiedene Teile des Landes brachten.

Als Ergebnis galt es Mitte des 20. Jahrhunderts als angesehen, aus Respekt vor den Gesprächspartnern "verständliches Deutsch" zu reden. Ein starker Dialekt hingegen galt plötzlich als verpönt. Jedenfalls nördlich des Weißwurstäquators. Die Proleten machten das. Die Ungebildeten. Nicht diejenigen, die städtisch waren, zivilisiert, modern. Die sprachen Hochdeutsch! Oder zumindest taten viele Leute so, als könnten sie richtiges Hochdeutsch. Die Meisten versuchten einfach ein standardisiertes Deutsch zu reden, damit man sich besser verstand.

Mit dem Zusammenleben änderten sich also auch die Kultur und die Sprache. Nicht nur die Mobilität der Menschen, auch die neuen Medien des 20. Jahrhunderts wie das Fernsehen und das Radio bringen weit entfernte Menschen näher zusammen, und lassen die Bedeutung von lokalen Dialekten verschwinden.

Unser Hochdeutsch ist also ein Standard - etwas worauf man sich als Gesellschaft einigte. Trotzdem gab es Veränderungen auch schon vorher: Als im 19. Jahrhundert "Ruhrpolen" nach Deutschland kamen um in den Bergwerken im Ruhrgebiet zu arbeiten, nahmen Teile der Deutschen Gesellschaft polnische Begriffe auf. Das oft angefügte "Ne?" am Satzende zum Beispiel hat polnische Wurzeln. Genauso war es vorher mit eingewanderten Franzosen oder Ungarn. Auch der internationale Handel und die Globalisierung brachten und bringen uns stets neue Worte.

Sprache passt sich immer an die Menschen an. Nicht umgekehrt. Die Menschen benutzen sie selten so, wie es kulturell am wertvollsten wäre. Sondern so, wie ihnen der Mund steht. - Und wenn ihnen der Mund nach Hochdeutsch steht, weil sie sich dann besser verstehen, sprechen sie halt Hochdeutsch.

Andererseits gab es auch in den letzten 60-70 Jahren Künstler die ihre Dialekte in ihre Kunst einfügten. Zum Beispiel redet Helge Schneider mit seinem Mülheimer Akzent. Es gibt viele die das tun, achte mal drauf. Sprache und auch unsere Dialekte sind und waren und bleiben immer ein Teil unserer Gesellschaft und Kultur. Auch wenn die im ständigen Wandel begriffen sind.


Kommentar von spaeschel85 ,

Mit Akzent im letzten Absatz ist Dialekt gemeint.

Antwort
von Chare1966, 94

Mittlerweile neigen die Jugendlichen dazu, eher "modern" zu reden. Es ist für sie vielleicht nicht selbstverständlich mit Dialekt zu reden, weil sie nicht so aufgewachsen sind.

Antwort
von MarioXXX, 41

Also in Österreich wird nirgends in Mundart Hochdeutsch gesprochen. Das ist ganz klar. Unglaublich was da in Deutschland abgeht.

Kommentar von Deponensvogel ,

So ein Blödsinn. Die Bauernschädel haben wieder keine Ahnung. Großraum Wien bzw. Wien Umgebung im weitesten Sinne ist, was Jugendliche angeht, ziemlich oft dialektbefreit. V. a. Baden, Mödling ist da betroffen. Da beherrschen die Jugendlichen sehr oft nicht mehr die Mundart.

Antwort
von Mandrinio, 73

Habe ich noch nicht beobachtet. Aber wenn es so ist, wie du schreibst, ist das schon sehr traurig. Das ist eben der Einfluss, unter denen wir zur Zeit stehen!

Kommentar von Solnnis ,

Ja, wahrscheinlich kommst du aus Ost oder Süddeutschland. Hier im Westen ist es fast überall so. 

Kommentar von Mandrinio ,

ja, das stimmt. Aber ich habe die Anfänge damals in Berlin gesehen. Die Hochdeutsch gesprochen haben waren meist Ausländer.

Und die mit dem Assi Ausländer Dialekt waren immer deutsche Jugendliche. Ist schon krass !

Kommentar von Deponensvogel ,

Natürlich findet alle Welt Veränderung immer schrecklich und traurig. Aber mal ganz ehrlich, es gibt kein triftiges Argument dafür, dass die Standardisierung eine schlechte Sache ist.

Jaja, jetzt kommen dann wieder die Antworten mit "Blablabla, Einheitsbrei etc.". Ich find's ja auch schade, wenn die jungen Leute (wie ich selber einer bin) nicht mehr im Dialekt sprechen können. 

Aber im Grunde ist das völlig egal. Davon wird die Welt weder schlechter noch geht sie davon unter. Es ist halt einfach Veränderung und die ist für die meisten Leute immer ein Problem.

Kommentar von Mandrinio ,

klar, über die Jugend wird und wurde von jeder Generation gemeckert. Die jungen Leuten werden dann später älter und dann selber „Wächter der Tugend"  ;-)

Antwort
von lehrerin123, 62

"...welche Blüten die Umerziehung und Gehirnwäsche schon getragen hat. Da wird die eigene Kultur verleugnet und man passt sich der Mehrheit an..."

... weiter muss man nicht lesen, um festzustellen, dass du sicher an einigen Dingen, aber nicht an einer ernsthaften Diskussion der gestellten Frage interessiert bist. Dafür triffst du ein paar zu viele Vorannahmen.

Soweit ist es mit der deutschen/abendländischen Diskussionskultur also schon gekommen... Schade! Wir waren mal ein Volk der Dichter und Denker :)   

Kommentar von Solnnis ,

Aha, wenn du so intelligent wärst, wie du meinst zu sein, dann würdest du mir doch sicherlich erklären können, was an dem was ich gesagt habe falsch ist.

Oder bist du auch schon im Verleugnermodus, also ist dir nicht bewusst, dass Leute daran arbeiten deine Kultur zu zerstören? 

Kommentar von lehrerin123 ,

Och, nö lass mal. 

Ich werde dich nicht bekehren können - bin ja schon kulturverdorben und unterwandert (die Rhetorik erinnert mich an eine längst vergangene Zeit...). 

Aber wenn du doch den großen, dir eigenen Durchblick verfügst, könntest du darüber nachdenken, warum es unlogisch ist

a) von "einem eigenen" Dialekt der Deutschen auszugehen und 

b) für den Verfall desselben gerade die "Ausländer" verantwortlich zu machen.

Eine Einführung in Varietätenlinguistik könnte helfen. 

Kommentar von Mandrinio ,

Wo ich gerade Lehrerin lese, .. die sind ja zum Beispiel beauftragt, dieses Verkommen zu festigen, im Sinne der Auftraggeber

Keine passende Antwort gefunden?

Fragen Sie die Community