Warum "fühlt" niemand Gedichte?

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11 Antworten

Hallo!

Die meisten verstehen Gedichte zumindest in diesem Alter nicht.. sie haben noch keinen Sinn für Poesie oder kein Interesse dran, leiern es emotionslos runter "weil es Schule und damit uncooles Pflichtprogramm ist" & sind in erster Linie dran interessiert, dass es vorbei ist & man bald nach Hause kann. Mir ging es damals genauso :)

Gedichtanalysen sind zudem ein trockenes Thema.. ein klassisches "ich mach' es halt, weil ich es muss"-Thema. Dafür muss man ein Faible haben, das man in jungen Jahren eben noch nicht hat. Es ist wie mit klassischer Musik ------> auch da kommt man oft im vorgerückten Alter erst auf den Trichter, weil man die Reife und die Zeit braucht, um diese Musik genießen zu können.

Allerdings hängt diese "Aversion" gegenüber Gedichten auch mit der gängigen Gedichtauswahl an Schulen zusammen: Es wird seltenst Stoff präsentiert, mit dem die jungen Leute was anfangen können. In der Regel sind das Werke in schwer verständlicher, alter Sprache und das dazu von Leuten, die schon viele Jahre tot sind und die vllt. Literaturexperten bekannt sind, aber eben nicht der Jugend. Es ist also nichts Greifbares, nichts, was einen Jugendlichen ansprechen würde.

Ich kann mich demzufolge nur an ein einziges Gedicht erinnern, das ich in meinen 13 Jahren Schule gelernt habe und noch immer auswendig kann --------> "Uno, due, tre" von Josef Reding, gelernt in der 6. Klasse im Januar 2003. Warum? Es ist leicht verständlich geschrieben, hat eine für Kinder nachvollziehbare Handlung (spielt im Schulbereich), ist speziell für Kinder/Jugendliche geschrieben. Und Josef Reding lebt immer noch, also war das kein "Literaturpapst", der schon hunderte von Jahren tot ist.

Die meisten Gedichte, die wir sonst lernten, waren Gedichte im typischen Klischee: Alt, schwer geschrieben, mit unbekannten Wörtern und komplexem Satzbau, verworrenen Handlungen und vielen Metaphern, die man erst mal verstehen musste. Die haben wir gelernt, weil wir es mussten und auswendig runtergeleiert, damit wir die 2 bekamen beim Aufsagen.. verstanden haben wir sie nicht. Ich erinnere mich ganz dunkel an den Zauberlehrling oder Gottfried Kellers "Christmarkt vor dem Berliner Schloss", kann zu denen aber kaum mehr als 1-2 Textstellen sagen (im Gegensatz zu "Uno, due, tre" von Josef Reding). 

Ich (26) gebe zu, dass ich mit dem "Gedicht" von Sarah Kirsch auch nichts anfangen kann -------> für mich sind das ein paar aneinandergereihte Worte, deren Aussage ich zwar verstehe, aber es gibt mir persönlich einfach nichts. Der Sprachaufbau ist für mich unattraktiv -------> will sagen: Gedichte sind höchst subjektiv & wenn du z.B. nach diesem Werk drei Leute fragst hast du vier Antworten.

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Kommentar von BlackBanan24
24.09.2016, 14:11
und die Zeit braucht, um diese Musik genießen zu können.

Zu dem Aspekt "Zeit" könnte man noch ergänzen, dass eben genau das im Unterricht fehlt. Danke G8...

In einer Doppelstunde werden nicht 1-2 Gedichte besprochen, sondern 4-5. In einer Klausur soll nicht nur ein Gedicht analysiert werden, sondern 2, und die sollen in einer weiteren Aufgabe unter verschiedenen Aspekten und am besten noch in Bezug auf einen zusätzlichen Sachtext, miteinander verglichen werden. Wenn man kaum Zeit hat, sich mit einem Gedicht zu befassen, hat man auch kaum die Möglichkeit sich damit emotional auseinander zu setzen.

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 Hallo Marilynsflight,

Dank für Deine Frage, die ich erst jetzt entdecke.

Es ist ja sehr verständlich, dass wir ein Gedicht „verstehen“ wollen.

Aber Gedichtinterpretationen gehen nach meinem Gefühl  an dem, was ich mal „Sinngestalt“ nennen möchte, meist vorbei.

Auf meinem Tisch liegt seit dem 7. November der Text von YOU WANT IT DARKER, von Leonard Cohen. Ich lese die Zeilen täglich (und höre auch seine Stimme). Und  allein durch das tägliche Lesen kommt dieses  „Gedicht“ allmählich zu mir. Ich beginne das "Gedicht" – wie Du so schön sagst – zu fühlen.-

In dem Zusammenhang  beschäftigt mich noch der anmaßend klingende Gedanke, dass in mir etwas ins Schwingen kommt, was ein Gedicht jenseits des Sagbaren vermittelt. Ein Gedicht fühlen heißt für mich:

Etwas von dem Erleben, was jenseits des Interpretierbaren uns ein weiter gespanntes Erleben vermittelt, als uns unser Denken zur Verfügung stellen kann.

Wenn Du in einer Schulstunde von einem Gedicht so angesprochen wurdest, dann finde ich das  außergewöhnlich.

Sei glücklich über diese Gabe und mach Dir keine Gedanken darüber, dass Du kaum Resonanz für Dein Erleben findest.

Sicher fühlst Du selber, dass Du Deine Gabe nicht als verwertbare Begabung begreifen solltest.

Gedichte fühlen heißt für mich: Empfindsam für „das ganze Leben“  werden.

Ich wünsche Dir gute Zeiten mit Gedichten.

Pescatori

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Erst einmal: Jeder hat unterschiedliche Interessen. Nicht jeder intressiert sich für Lyrik oder das Fach Deutsch an sich. Vielleicht sind für dich Formeln in Physik oder in Chemie nur eine sinnlose Anordnung von Zahlen und Buchstaben, genauso wie Gedichte für einige nur ein Anordnung von Wörtern ohne jeglichen Zusammenhang sind. Andere sehen in solchen Formeln Zusammenhänge die sie super intressant finden, genauso wie du Zusammenhänge in Gedichten erkennst.

Vermutlich liegt das einfach an der "Umgebung Schule":  Schule bzw. Unterricht wird in 1. Linie als Ort wahrgenommen, an dem ich in irgendeiner Weise "Leistung" (z.B. in Form von Unterrichtsbeiträgen) erbringen muss. Und das hat enormen Einfluss auf die Art, wie ich an etwas rangehe: Wenn ich ein Gedicht und eine Fragestellung dazu bekomme, lese ich das Gedicht automatisch mit der entsprechenden Fragestellung im Hinterkopf und überlege, was denn eine sinnvolle Antwort auf die Frage sein könnte. Zumal es im Fach Deutsch leider viele Lehrer/-innen gibt, die am liebsten nur ihre eigene Interpretation hören - selbst wenn eine andere genauso passend und in sich schlüssig ist. Wenn ich so ein Gedicht also lese, denke ich also in 1. Linie darüber nach, was der Lehrer von mir hören will. Das führt dazu dass ich bestimmte Dinge, die das Gedicht insgesamt ausmachen, übersehe und vor allen Dingen grundsätzlich rational an die Sache herangehe und nicht emotional. Schliesslich ist in der Schule ja immer von einer "Gedichtsanalyse" die Rede: Eine "Analyse" ist etwas, bei dem ich etwas systematisch und logisch denkend erfasse und nicht emotional mich von Gefühlen leiten lasse. 

Außerdem ist da die Tatsache, dass man das Gedicht vorgesetzt bekommt, man sich das Thema also selbst nicht aussuchen kann. Das allein macht einen riesigen Unterschied: Es gibt Texte zu Themen, die mich intressieren und die mich berühren z.B. weil ich gewisse Erfahrungen gemacht habe. Andere Themen hingegen lassen mich absolut kalt. Wenn mich ein Thema intressiert, bin ich auch durchaus bereit mich damit näher zu befassen, wenn es mich nicht intressiert eher weniger. Wo wir direkt beim nächsten Punkt wäre: Die Gedichtsauswahl in der Schule. Die meisten Gedichte, die man in der Schule liest, sind alte Schinken in merkwürdiger Sprache, von Leuten die längst tot sind über Themen zu dem man kaum einen Bezug hat. Selten bekommt man mal ein Gedicht, das nicht wenigstens 80 Jahre alt ist, und selbst damit kann man sich sprachlich und thematisch als Jugendlicher kaum identifizieren. Würde man hingegen aktuellere Gedichte analysieren wie z.B. Poetry Slams oder Songtexte, die ja auch irgendwo Lyrik sind (ja es gibt auch heute noch intelligente Songtexte) sähe das denke ich ganz anders aus.

Ich glaube man kann grundsätzlich nicht sagen, dass Jugendliche gar keine Gedichte "fühlen". Die Schule ist für so etwas aber m.M.n einfach nicht der richtige Ort, zumal da auch oft die Zeit für so etwas fehlt. Und mit vielen Gedichten in der Schule kann man als Jugendlicher nun mal nix anfangen. Ich persönlich finde Gedichte im Unterricht oft sterbenslangweilig. Das Interpretieren von Songtexten hingegen macht mir ziemlich viel Spaß und da bin ich durchaus auch in der Lage diese zu "fühlen".

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Warum geht es allen immer nur darum, irgendeinen Sinn zu finden, wenn
Wortkompinationen und Spiele einen regelrecht Abheben lassen können?

Vermutlich weil Lehrer in einer Prüfung den Sinn wissen wollen und dir keine 1 dafür geben, dass du sagst, dass das Gedicht dich hat abheben lassen.

Das viele Menschen mit Gedichten nicht viel anfangen können ist aber nicht nur in der Schule so. Das ist generell so. Es könnte an zwei Dingen liegen. Zum einen wird das Gedicht als etwas empfunden was erst mühevoll auseinander gepflückt werden muss, bevor man seinen wahren Sinn erkennen kann. Das ist vielen zu mühsam. Zum anderen gibt ein Gedicht oft keine eindeutigen Interpretationen her. Ich hatte da schon Diskussionen mit Deutsch Lehrern wie sie darauf kommen, dass ihre Interpretation die einzig mögliche sinnvolle Interpretation sein soll. Wieso könnte nicht auch ich recht haben mit einer anderen Sicht des Sinnes. Der Autor des Gedichtes ist meistens schon lange tot und kann dazu nichts mehr sagen.

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Hallo!

Ich denke der emotionale Zugang zu Poesie, ist ein sehr individueller. Ist vielleicht auch eine Sache der Lebenserfahrung. Zumindest bei Vielen.

In der Schule waren Gedichte für mich eine Qual. Langweilig und öde. Und dann sollst du etwas interpretieren, was du nicht verstehst, und zu dem du gar keinen persönlichen Zugang hast. So kann man einem jungen Menschen auch das Interesse an Gedichten, auch für immer nehmen.

Gedichte die wir "fühlen", die uns "berühren", die uns emotional "packen", sind die, die etwas beschreiben, was wir aus unserem persönlichen Leben kennen, oder nachvollziehen können.

Ich war 13, da wurde ich in der Schule, mit Goethes "Erlkönig" "gequält. Ich konnte nix damit anfangen, und fand es nur nichts sagend, und furchtbar "trocken".

Viele Jahre später, bin ich wieder darüber "gestolpert", und habe es mal wieder gelesen. Es hat mich voll gepackt. Ich habe diesen Text "gefühlt", und verstanden.

Was war jetzt anders, als damals in der Schule? Ich war Vater geworden. Ich spürte die Angst, wenn das eigene Kind im Sterben liegt. Ich hatte einen emotionalen Zugang, den ich mit 13 Jahren noch nicht hatte.

Von daher liegt es manchmal einfach nur an der Zeit, und an unseren Erfahrungen im Leben, ob uns ein Text emotional anspricht.

LG :-)

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Das ist 1. nicht die Methodik, die im deutschen Schulsystem unterrichtet wird. Und 2. empfindet jeder Gedichte anders (weswegen das mit der Methodik und der Kommunikation dann wohl auch eher schwierig wird).

Ich kann mich an kein Gedicht, was ich in der Schule gelesen hab, erinnern, was mich irgendwie berührt hat. Fand die eher öde oder belanglos.
Kann mit dem von dir zitierten Gedicht auch nicht viel anfangen.
Wenn man außerdem sowas vorgesetzt bekommt, mit der Erwartung es zu analysieren, ist es nicht verwunderlich, dass man nicht die Muße hat, sich auf das Gedicht einzulassen.

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Hallo, Marilynsflight.

Es interessiert sie einfach nicht, da sie es als lästig ansehen, sich mit etwas zu befassen, das ihnen vermeintlich nix bringt.

Du hattest dabei wahrscheinlich dein Kopfkino an und einen regelrechten Film gesehen.

Dunkelheit ragt

in Licht

Doch

ohne sie

wäre es nicht

So wie ich bei Obigem, denn dabei sehe ich immer den Pferdekopfnebel vorm inneren Auge, lG.


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Kommentar von Naemi777
24.09.2016, 07:29

Das zitierte Gedicht gefällt mir. :-)

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Offenbar bist DU die Ausnahme und das "nicht fühlen" der Normalfall!

Die Frage müsste also eigentlich lauten:

"Warum kann ich Gedichte fühlen?"

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Kommentar von Naemi777
23.09.2016, 19:13

,Nicht fühlen‘ ist kein Normalfall, sondern traurig.

1

Ich kann dich wirklich sehr gut verstehen…

Manche finden es vllt. tatsächlich nicht bewegend oder rührend. Vielleicht achten sie einfach nur darauf, dass das hier Schule und Unterricht ist…

Und Andere versuchen es manchmal auch nur zu verstecken, um nicht als nah am Wasser gebaut zu gelten.

Aber behalte deine Sensibilität und lass sie nicht verhärten, denn das ist, meiner Meinung nach, sehr wichtig!

LG Naemi777

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sorry, ich fühle auch nix

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