John Stuart Mill: Was heißt Nützlichkeit?

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Allgemeines zum Begriff »Nützlichkeit«

Die Begriffe »Nützlichkeit«, »nützlich« und »Nutzen« beziehen sich auf ein Mittel-Zweck-Verhältnis. Nützlichkeit bedeutet die Eigenschaft, für einen Zweck förderlich/brauchbar/geeignet/tauglich zu sein (Zweckdienlichkeit). Nutzen bedeutet, gut für etwas (einen Zweck/ein Ziel) zu sein, ist also immer auf ein „wozu“/„wofür“ (ein Kriterium/Maßstab) bezogen.

Das Prinzip der Nützlichkeit (principle of utility) des klassischen Utilitarismus ist darin weitergehend, mit einer bestimmten Theorie des Guten verbunden zu sein, in der es um die Summe des Glücks geht.

Nützlichkeit bei Jeremy Bentham

Jeremy Bentham, ein John Stuart Mill vorausgehender Denker des Utilitarismus, hat unter Nutzen etwas verstanden, das in Richtung Wohlergehen, Vorteil, Freude, etwas Gutem oder Glück geht und es fördert.

Jeremy Bentham, An introduction to the principles of morals and legislation (1787), 1. Kapitel, Abschnitt 2:

„By the principle of utility is meant that principle which approves or disapproves of every action whatsoever, according to the tendency which it appears to have to augment or diminish the happiness of the party whose interest is in question : or, what is the same thing in other words, to promote or to oppose happiness. I say of every action whatsoever, and therefore not only of every action of a private individual, but of every measure of government.”

„Mit dem Prinzip der Nützlichkeit ist das Prinzip gemeint, das jede Handlung in dem Maß gutheißt/billigt oder ablehnt/mißbilligt, wie sie die Tendenz zu haben scheint, das Glück der Gruppe zu vermehren oder zu vermindern, deren Interesse in Frage steht/um deren Interesse es geht: oder, was dasselbe in anderen Wörtern ist, Glück zu fördern oder ihm entgegenzustehen. Ich sage jede Handlung, und daher nicht nur jede Handlung eines privaten Individuums, sondern jede Regierungsmaßnahme.“

Abschnitt 3:

„By utility is meant that property in any object, whereby it tends to produce benefit, advantage, pleasure, good, or happiness (all this in the present case comes to the same thing) or (what comes again to the same thing) to prevent the happening of mischief, pain, evil, or unhappiness to the party whose interest is considered: if that party be the community in general, then the happiness of the community: if a particular individual, then the then the happiness of that individual.”

„Mit Nützlichkeit ist die Eigenschaft in jedem Objekt gemeint, durch die es die Tendenz hat, Gewinn, Vorteil, Lust/Vergnügen/Freude oder Glück hervorzubringen (all dies läuft im gegenwärtigen Fall auf dieselbe Sache hinaus) oder (was wieder auf dieselbe Sache hinausläuft) das Geschehen von von Unheil/Unglück/Schaden, Schmerz/Leid, Üblem/Schlimmen, oder Unglück der Gruppe zu verhindern, deren Interesse betrachtet/überlegt wird: wenn diese Gruppe die Gemeinschaft allgemein ist, dann das Glück der Gemeinschaft: wenn ein besonderes Individuum, dann das Glück dieses Individuums.“

Nützlichkeit bei John Stuart Mill

John Stuart Mill folgt der Definition bei Jeremy Bentham. Es geht um Maximierung von Glück und Minimierung von Unglück und zwar nicht nur individuell, sondern auch auf die Allgemeinheit bezogen.

John Stuart Mill, Utilitarianism (1861), 2. Kapitel:

„The creed which accepts as the foundation of morals, Utility, or the Greatest Happiness Principle, holds that actions are right in proportion as they tend to promote happiness, wrong as they tend to produce the reverse of happiness. By happiness is intended pleasure, and the absence of pain; by unhappiness, pain, and the privation of pleasure.”

John Stuart Mill, Der Utilitarismus. Übersetzung, Anmerkungen und Nachwort von Dieter Birnbacher. Durchgesehene Ausgabe. Stuttgart : Reclam, 1985 (Universal-Bibliothek ; Nr. 9821), S. 13:

„Die Auffassung, für die die Nützlichkeit oder das Prinzip des größten Glücks die Grundlage der Moral ist, besagt, daß Handlungen insoweit und in dem Maße moralisch richtig sind, als sie die Tendenz haben, Glück zu befördern, und insoweit moralisch falsch, als sie die Tendenz haben, das Gegenteil von Glück zu bewirken. Unter ›Glück‹ [happiness] ist dabei Lust (pleasure] und das Freisein von Unlust [pain], unter ›Unglück‹ [unhappiness] Unlust und das Fehlen von Lust verstanden.“

Eine Veränderung gegenüber Bentham liegt bei Mill darin, bei der Lust/der Freude zusätzlich zu quantitativen Unterschieden auch qualitative Unterschiede als Gesichtspunkte für die Beurteilung/Bewertung einzuführen. Es gibt seiner Meinung nach höhere und niedrigere Lust/der Freude.

John Stuart Mill, Utilitarianism (1861), 2. Kapitel:

„It is quite compatible with the principle of utility to recognise the fact, that some kinds of pleasure are more desirable and more valuable than others. It would be absurd that while, in estimating all other things, quality is considered as well as quantity, the estimation of pleasures should be supposed to depend on quantity alone.“

John Stuart Mill, Der Utilitarismus. Übersetzung, Anmerkungen und Nachwort von Dieter Birnbacher. Durchgesehene Ausgabe. Stuttgart : Reclam, 1985 (Universal-Bibliothek ; Nr. 9821), S. 15:

„Die Anerkennung der Tatsache, daß einige Arten der Freude wünschenswerter und wertvoller sind als andere, ist mit dem Nützlichkeitsprinzip durchaus vereinbar. Es wäre unsinnig anzunehmen, daß der Wert einer Freude ausschließlich von der Quantität abhängen sollte, wo doch in der Wertbestimmung aller anderen Dinge neben der Quantität auch die Qualität berücksichtigung findet.“

Nach Auffassung von Mill können nicht nur quantitative Unterschiede (Menge/Ausmaß des Glücks/der Lust/der Freude) in der Beurteilung eine Rolle spielen, sondern auch qualitative Unterschiede (die Beschaffenheit), wobei bestimmte Arten von Glück/Lust/Freude als wünschenswerter und wertvoller beurteilt werden.

Ein wichtiger Gesichtspunkt ist, was gut urteilsfähige Menschen bevorzugen, als das ihren Fähigkeiten entsprechende Glück. Urteilsfähigkeit wird bei der Gewichtung von Lust/Freude einbezogen. Menschen empfinden bei erfolgreicher Verwirklichung und Bestätigung ihrer Fähigkeiten Glück. John Stuart Mill beurteilt bei der Lust/Freude diejenige von zweien für wünschenswerter und wertvoller, die von allen oder fast allen, die beide erfahren haben - ungeachtet des Gefühls, eine von beiden aus moralischen Gründen vorziehen zu müssen - entschieden bevorzugt wird. Wer aufgrund von Erfahrung die besten Vergleichsmöglichkeiten hat, entscheidet, indem er etwas bevorzugt, was wünschenswerter ist. Menschen heben sich nach Mill durch ihre Vernunftbegabung von anderen Lebewesen ab.

Neben körperlich-sinnlichen Lüsten/Freuden nennt Mill aus Tätigkeit des Verstandes, des Empfindens, der Vorstellngskraft/Phantasie und des moralischen Gefühls. Höherrangig als z. B. Essen und Sex (die von ihm als angenehm anerkannt bleiben) ist nach Mills Meinung z. B. der Besuch eines schönen Konzerts, das Lesen eines guten Buches und die Anerkennung und innere Freude schöpferischer und sozialer Tätigkeiten.

Seiner Meinung nach ist es, wenn eine von zwei Freuden so weit über andere gestellt wird, sie auch beim Wissen zu bevorzugen, daß sie größere Unzufriedenheit verursacht, und sie gegen noch so viele andere Freuden nicht eintauschen zu mögen, berechtigt, jener Freude eine höhere Qualität zuzuschreiben. Diese übertreffe die der Quantität so weit, daß diese im Vergleich dazu nur gering ins Gewicht falle. Es sei nun aber eine unbestreitbare Tatsache, daß diejenigen, die mit beiden gleichermaßen bekannt sind und für beide gleichermaßen empfänglich sind, der Lebensweise entschieden den Vorzug geben, an der auch die höheren Fähigkeiten beteiligt sind.

Mill wendet sich dagegen, die Begriffe Glück (happiness) und Zufriedenheit (content) zu vermengen. Wesen mit höheren Fähigkeiten seien nicht so leicht voll zufriedenzustellen und hätten stets das Gefühl, alles erwartbare Glück sei unvollkommen.

John Mill, Utilitarianism (1861), 2. Kapitel:

„Whoever supposes that this preference takes place at a sacrifice of happiness- that the superior being, in anything like equal circumstances, is not happier than the inferior- confounds the two very different ideas, of happiness, and content. It is indisputable that the being whose capacities of enjoyment are low, has the greatest chance of having them fully satisfied; and a highly endowed being will always feel that any happiness which he can look for, as the world is constituted, is imperfect. But he can learn to bear ist imperfections, if they are at all bearable; and they will not make him envy the being who is indeed unconscious of the imperfections, but only because he feels not at all the good which those imperfections qualify. It is better to be a human being dissatisfied than a pig satisfied; better to be Socrates dissatisfied than a fool satisfied. And if the fool, or the pig, are a different opinion, it is because they only know their own side of the question. The other party to the comparison knows both sides.“

John Stuart Mill, Der Utilitarismus. Übersetzung, Anmerkungen und Nachwort von Dieter Birnbacher. Durchgesehene Ausgabe. Stuttgart : Reclam, 1985 (Universal-Bibliothek ; Nr. 9821), S. 17 – 18:

„Wer meint, daß diese Bevorzugung des Höheren ein Opfer an Glück bedeutet – daß das höhere Wesen unter den gleichen Umständen nicht glücklicher sein können als das niedrigere - , vermengt die zwei durchaus verschiedenen Begriffe des Glücks [happiness] und der Zufriedenheit [content]. Es ist unbestreitbar, daß ein Wesen mit geringerer Fähigkeit zum Genuß die besten Aussichten hat, voll zufriedengestellt zu werden; während ein Wesen von höheren Fähigkeiten stets das Gefühl haben kann, daß alles Glück, das es von der Welt, wie sie beschaffen ist, erwarten kann, unvollkommen ist. Aber wenn diese Unvollkommenheiten überhaupt nur erträglich sind, kann es lernen, mit ihnen zu leben, statt die andern zu beneiden, denen diese Unvollkommenheiten nur deshalb nicht bewußt sind, weil sie sich von den Vollkommenheiten keine Vorstellung machen können, mit denen diese verglichen werden. Es ist besser, ein unzufriedener Mensch zu sein als ein zufriedenes Schwein; besser ein unzufriedener Sokrates als ein zufriedener Narr. Und wenn der Narr oder das Schwein anderer Ansicht sind, dann deshalb, weil sie nur die eine Seite der Angelegenheit kennen. Die andere Partei hingegen kennt beide Seiten.“

Dieter Birnbacher, Utilitarismus. In: Handbuch Ethik. 3., aktualisierte Auflage. Herausgegeben von Marcus Düwell, Christoph Hübenthal und Micha H. Werner. Stuttgart ; Weimar : Metzler, 2011, S. 98 – 99:

„John Stuart Mill, der von seinem Vater streng im Geist Benthams erzogen worden war, hat sich diesem Einfluss als Erwachsener ein Stück weit entzogen und die Radikalität der Bent’hamschen Utilitarismus abgemildert, zugleich aber auch dessen Konturen verunklart. Während Bentham das zu seiner Zeit vorherrschende Denken mit beißendem Spott geißelt, geht es Mill (ähnlich wie später Sidgwick und Hare) primär um den Aufweis von Kontinuitäten zwischen Utilitarismus und Alltagsmoral. Mill bemüht sich, die utilitaristische Ethik in einem Licht darzustellen, das sie unabhängig von jeder besonderen Weltanschauung und insbesondere auch für Anhänger christlicher Grundsätze akzeptabel macht. Die wichtigste Revision betrifft den Hedonismus. Während Bentham sinnliche und geistige Lust gleich gewichtet, führt Mill zusätzlich eine qualitative Wertdimension ein, die es erlauben soll, «höheren» Freuden auch dann einen höheren Rang zuzuordnen, wenn sie den «niederen» an Dauer und Intensität unterlegen sind. Angelehnt an Platons Staat wird das Qualitätsurteil denjenigen überlassen, die über hinreichend vielfältige Erfahrungen verfügen, um die Qualitäten verschiedener Arten von Lust miteinander vergleichen zu können.“

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Gerade in Bezug auf den Utilitarismus kann man nachvollziehen, wie sehr es in die Irre führt, wenn man an einem Begriff klebt und den bis zum geht nicht mehr ausdeutet ohne den sozialhistorischen Hintergrund zu berücksichtigen. Da wir in Deutschland nur vollmundige Nachbabbler sind, ist das auch kein Wunder, denn dieses Land hat sich nie eine eigene Demokratie erkämpft. Sie ist uns von außen übergestülpt worden und so wirklich haben wir sie nicht. In England wurde über den Brexit diskutiert und abgestimmt. In Deutschland ist uns Europa von oben übergestülpt und außer jeder Diskussion, dass wir als Volk jemals drüber diskutieren oder gar abstimmen könnten. Die Deutschen sind immer von oben gemanaged worden. Das ist in England anders. Dort hat die Aufklärung als Bürgerbewegung vom Feudalismus in eine Demokratie geführt, mehr als in Frankreich, wo die Revolution mit Napoleon gescheitert ist.

Der Utilitarismus ist ein wesentlicher, der ethische Teil dieses Weges zur Bürgerdemokratie in England. Mit dem Ende des Feudalismus und der Macht der Kirche war auch ein Ende, dass die Wertmaßstäbe von oben vorgegeben wurden, von selbsternannten Gottesvertretern. Über die Frage, woran sich die Gesetzgebung und das moralische Handeln der freien Bürger künftig zu orientieren habe, wurde öffentlich diskutiert. Der philosophisch-ökonomische Teil dieser Diskussion ist der sog. Utilitarismus. Moral und Ethik erwachsen aus dem gesellschaftlichen Miteinanderumgehen der freien Bürger und der Grundkonflikt ist die Reibung zwischen individuellem Wohlbefinden und dazu notwendiger öffentlicher Ordnung. Utilitarismus fragt danach, welche Bewertung jeweils in diesen Konflikten zwischen öffentlicher Ordnung und individueller Freiheit sinnvoll ist, sinnvoll im Geist von für beide Ziele dienend, nützlich. Es geht eben nicht um Egoismus sondern immer wieder um das Austaxieren beider Geltungsansprüche, wie sie überigens auch in Kants kategorischem Imperativ versteckt sind.

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