"Free Sebastian"-Trend & Rückblick auf unsere Blickwechsel-Aktion mit einem Scientology-Aussteiger

Im Jahr 2022 fand in unserem Ask Me Anything-Segment Blickwechsel eine Aktion mit dem Scientology-Aussteiger DetlefRuchatz statt. Da das Thema Scientology derzeit auf Tiktok trendet, blicken wir aus aktuellem Anlass auf diese Aktion zurück.

gutefrage-Redaktion
12.1.2024
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Wer ein bisschen die Trends auf sozialen Medien wie Tiktok verfolgt, der ist möglicherweise in den letzten Monaten auf Sebastian gestoßen. Sebastian ist ein Sea-Org-Recruiter der Scientology-Zentrale in Los Angeles. Die Sea-Org, das ist eine Ordensgemeinschaft innerhalb von Scientology, deren Mitglieder sich Scientology ganz und gar verschrieben haben. Sebastians Job besteht darin, sieben Tage die Woche unbedarfte Touristen unter dem Vorwand eines Persönlichkeitstest in das Scientology-Gebäude am Walk of Fame zu locken. Selbstverständlich mit dem Ziel, diese Personen am Ende im besten Fall für Scientology zu gewinnen. Zu dem unverhofften und wahrscheinlich auch ungewollten Tiktok-Fame kam Sebastian, nachdem er und eine Kollegin einen bekannten Tiktok-Content-Produzenten zum Persönlichkeitstest überreden wollte. Dieser machte vom Anwerbungsversuch ein satirisches Video und lud dieses auf seinem Kanal hoch.

"Free Sebastian" - Hintergründe eines Social Media-Trends

Das war die Geburtsstunde des “Free Sebastian”-Trends. Seitdem entstehen vor dem Scientology-Gebäude in Los Angeles quasi täglich Videos von Trollen, Influencern und ehrlich besorgten Aktivisten, die einerseits versuchen, Passanten vor Scientology zu warnen und die andererseits aber auch “Free Sebastian”-Plakate hochhalten, um Sebastian aus den Fängen der Sekte zu befreien. Sebastian selbst bekommt das alles mit, denn er steht beinah rund um die Uhr vor der Zentrale und geht der Tätigkeit nach, die ihm durch die Sekte aufgetragen wurde. Menschen anwerben. Freilich wirkt er nicht so, als wolle er befreit werden, doch machen einige Aufnahmen durchaus den Eindruck, als wisse er um die Schwierigkeit des Loses, das er sich selbst ausgesucht hat. Am Ende wirft die Geschichte um Sebastian nicht nur die Frage auf, wie mit Sekten wie Scientology umzugehen ist, sondern auch bis zu welchem Punkt man versuchen sollte, Menschen zu “retten”, wenn diese nach gar keiner Rettung verlangen. Vor diesem Hintergrund kann es interessant, nochmal einen Blick auf unsere Blickwechsel-Aktion mit DetlefRuchatz zu werfen

Blickwechsel mit einem Scientology-Aussteiger

Im Juni 2022 fand bei uns eine Blickwechsel-Aktion mit einem Nutzer statt, der vieles von dem, was Sebastian in Scientology vielleicht noch bevorsteht, schon hinter sich hat. DetlefRuchatz war 20 Jahre lang bei der Sekte, zehn davon auch wie Sebastian in Los Angeles für die Sea-Org. Das folgende Foto zeigt ihn im Konferenzraum der Scientology-Zentrale in Kopenhagen. 2013 verließ er die Sekte desillusioniert, ohne aber grundsätzlich mit deren Philosophie zu brechen, die er weiterhin für sich persönlich anwendet.

Zur Aktion gab es seinerzeit auch viele kritische Stimmen. Manche erachteten die Antworten von DetlefRuchatz, der sich offensichtlich nicht als Opfer von Scientology sehen wollte und bestimmte Scientology-Praktiken noch immer als nützlich erachtete, als verharmlosend. Der ein oder andere mag auch einfach enttäuscht gewesen sein, dass das Bild, welches DetlefRuchatz von der Sekte in seinen Antworten zeichnete, kein schwarz-weißes war, sondern vielmehr unterschiedlichen Schattierungen von Grau entsprach.

Die Gefahr hinter Scientology und ähnlichen Sekten

Tatsächlich möchte ich hier aber die These aufstellen, dass Gefährlichkeit und Verharmlosung nicht in DetlefRuchatzs Aufarbeitung seiner eigenen eng mit Scientology verknüpften Lebensgeschichte liegt, sondern viel eher in den schwarz-weiß gezeichneten Bildern, wie sie aus Filmproduktionen und Boulevardmedien zur Genüge bekannt sind. Denn die Realität ist nie ganz schwarz-weiß. Ansonsten würden Menschen kaum Sekten wie Scientology beitreten und Jahre darin verbringen. Viel eher liegt die Gefahr genau darin, dass man sie nicht erkennt, bevor es schon viel zu spät ist und es gar keinen so einfachen Ausweg mehr gibt. In einer seiner Antworten schrieb DetlefRuchatz, dass er seit seinem Austritt nicht von Scientology belästigt oder verfolgt wurde. Ist diese persönliche Erfahrung eher die Regel oder die Ausnahme? Wir wissen es nicht. Schließlich sprach DetlefRuchatz auch klar die harten Praktiken an, derer sich die Sekte bedient, um jenen, die sie als “Surpressive Persons” bezeichnet, das Leben zur Hölle zu machen. Dies beträfe laut ihm aber nur diejenigen, die sich öffentlich gegen die Praktiken von Scientology aussprechen. Doch warum fällt dann dennoch vielen der Ausstieg so schwer, obgleich das Leben in Scientology kaum Annehmlichkeiten bietet. Was sich einerseits an den weitgehend unentgeltlichen ewigen Arbeitswochen von Sea Org-Recruitern wie Sebastian zeigt, andererseits aber auch aus den Antworten in unseren Blickwechsel ablesen lässt.

Eine tiefschürfende Erklärung dafür dürfte folgender Beitrag aus unserem Blickwechsel liefern. DetlefRuchatz wurde gefragt, wie schwer sein Austritt war. Hier seine Antwort:

Ich wurde von der Scientology-Kirche nach meinem Austritt nicht belästigt, verfolgt oder beobachtet. Solche Dinge sind vor allem Leuten vorbehalten, die nach ihrem Ausstieg sehr lautstark und medienwirksam gegen die Scientology-Kirche vorgehen.

Ein normales Mitglied würde einfach nicht mehr in der Scientology-Kirche erscheinen. Es zieht keine negativen Konsequenzen nach sich.

Als Sea-Org-Mitglied hat man es etwas schwieriger. Normalerweise ist man mittellos und hat außerhalb des Sea-Org-Stützpunkts auch keinen festen Wohnsitz. Sollte man einen direkten Ausstieg in Erwägung ziehen, muss man sich daher auch Gedanken machen, wie man das Problem drohender Obdachlosigkeit und vor allem das Problem, Geld für sein Essen zu haben, lösen wird. Ich hatte es insofern etwas leichter, als dass den relevanten Mitarbeitern in der Sea Org bekannt war, dass ich die Sea Org zur Bereinigung einer zivilrechtlichen Angelegenheit zumindest vorübergehend verlassen musste. Daher konnte ich meine Planung und meine Internet-Recherchen in Sachen Einnahmen und Unterkunft durchführen, ohne Gefahr zu laufen, dass die Sea Org dazwischenfunken und mir einen Strich durch die Rechnung machen würde. 

Der dritte Absatz mag hier der Entscheidende sein. Ab einem gewissen Punkt spielt sich das ganze Leben innerhalb der Sekte ab. Man wohnt in Quartieren von Scientology, arbeitet für Scientology und das komplette soziale Umfeld besteht aus anderen Sektenmitgliedern. Selbst wenn man nicht annimmt, dass Kommunikationskanäle der Mitglieder - wie DetlefRuchatz es in seiner Antwort andeutet - streng überwacht und beschränkt werden, ist dies doch bereits eine sehr große Hürde, denn sehr viele Sektenmitglieder dürften außerhalb der Sekte nichts haben. Keine Rücklagen, keine Unterkunft, keine Freunde, womöglich je nach Land, in dem sie sich befinden, nicht einmal eine Aufenthaltsgenehmigung. Allein das zieht die Daumenschrauben schon ungemein eng an. Und jeder, der sich bereits einmal in einer missbräuchlichen oder toxischen Beziehung gefangen fühlte, weiß wie schwer es sein kann, sich aus bestimmten Situationen zu befreien, einfach weil man sie kennt und Angst vor dem Unbekannten größer ist - dem wieder auf sich allein gestellt sein. Jetzt wollen wir DetlefRuchatz solche Gefühlslagen natürlich nicht unterstellen, dennoch kann es interessant sein, sich die Aktion mit ihm nochmal anzusehen, um zu verstehen, wie viele (Ex-)Sektenmitglieder denken und wie sie ihre Entscheidungen für sich rechtfertigen. Auch scheint es wichtig, ein Verständnis dafür zu entwickeln, dass Menschen, die mehrere Jahre innerhalb eines geschlossenen Sektenkosmos verbracht haben, dort natürlich nicht nur negative Erfahrungen machen, da sich eben ihr ganzes Leben dort abspielt - inklusive der positiven Momente.

Alle Antworten von DetlefRuchatz aus der Blickwechsel-Aktion gibt es hier zu sehen. In einer jüngeren Antwort hat er sich übrigens auch zur Situation des eingangs angesprochenen Sebastian aus Tiktok geäußert. Diese wollen wir Euch nicht vorenthalten.

Wieso der Scientology-Mitarbeiter das macht: Er glaubt, Scientology sei eine gute Sache, und widmet daher sein Leben, dass auch andere in den Genuss von Scientology kommen. Diese Leute sind von unter anderem vom Ideal motiviert, anderen helfen zu wollen. Geld, gesetzliche Arbeitszeitbegrenzung, soziale Sicherheit oder ganz allgemein die Aussicht auf ein „normales“ Leben sind nichts, womit man sie ködern könnte, die Sekte bzw. in diesem konkrete Fall die Sea Org, zu verlassen.

Wieso dieser Typ von TikTok das macht: Keine Ahnung. Vielleicht um der Klicks willen, oder er redet sich ein – genau wie der Scientology-Mitarbeiter –, sein Handeln würde irgendeinen guten Zweck erfüllen. Das tut es nicht. Falls er mit seinem Gerede überhaupt etwas erreicht, dann höchstens, den Scientology-Mitarbeiter zu nerven. Wie schon im ersten Absatz erwähnt: Der Mitarbeiter wird nicht einmal ansatzweise auf sein Gefasel ansprechen. 

„Dann kam heraus dass die für 50$ die Woche bei 70h arbeiten“ Ach ne! Das ist bereits seit Jahrzehnten bekannt. Der Typ von TikTok hat einfach seine Hausaufgaben nicht gemacht. Oft ist es sogar weniger Geld, in manchen Wochen überhaupt kein Geld. 

Zum deinem letzten Absatz: Scientology richtet sich nicht an Flüchtlinge. Sie nutzt jeden aus, der sich ausnutzen lässt. In Kolumbien und Ländern wie Russland hat sich noch nicht so sehr herumgesprochen, wie übel es in Scientology tatsächlich hergeht. In Kolumbien und südlich von Mexiko gibt es bestenfalls ein paar Scientology-Missionen, in denen Einführungsdienste geliefert werden. Das Klima dort ist relativ freundlich und die Preise erschwinglich. Im Glauben, Scientology sei überall so, gekoppelt mit der Aussicht, in den USA leben zu können, lassen sich dort die Leute vergleichsweise leicht ködern, der Sea-Org beizutreten. Viele neue Sea-Org-Mitglieder kommen auch aus Russland. Zwar gibt es in Russland bereits zwei richtige Scientology-Organisationen, doch sind sie vergleichsweise sehr Service-orientiert und längst nicht so Geld-geil wie Scientology-Organisationen im Westen, die bereits wesentlich länger unter der Knute von Sektenführer David Miscavige stehen. Von daher auch dort eine andere Mentalität und größere Bereitschaft, sein ganzes Leben uneingeschränkt in den Dienst dieser „guten Sache“ zu stellen. 

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