Frage von masas, 58

Was für eine Ansicht vertritt Epikur gegenüber der Göttlichkeit und Schicksal (Zufall)?

Könnte mir jemand das bitte erklären? Also gewissermaßen, wie redet er über das Wesen Gottes, über die Gottlosigkeit und das Schicksal (Zufall)? Ich bedanke mich schon mal im Voraus für die Antworten.

Hilfreichste Antwort - ausgezeichnet vom Fragesteller
von Albrecht, Community-Experte für Philosophie, 21

Epikur hat die Auffassung, es gebe Götter/Gottheiten, es sei aber falsch, sie zu fürchten oder etwas von ihnen zu erbitten, weil sie weder die Menschen strafen noch ihnen durch ein Eingreifen helfen.

  • Götter/Gottheiten sind unsterbliche/unvergängliche und glückselige Wesen.
  • Die Welt ist keine göttliche Schöpfung.
  • Alle Dinge können rein natürlich erklärt werden.
  • Götter/Gottheiten kümmern sich nicht um die Angelegenheiten der Menschen und lenken/leiten nicht die Welt.
  • Furcht gegenüber Göttern/Gottheiten ist unnötig und falsch.
  • Aberglauben soll überwunden werden.
  • Frömmigkeit gegenüber den Göttern/Gottheiten besteht darin, über sie richtige Auffassungen zu haben und sie als Vorbilder zu verehren.

Bei den Begriffen »Schicksal« und »Zufall« ist zu klären, welche Bedeutung sie haben, bevor Epikurs Meinung dazu ermittelt wird. Als Schicksal kann alles bezeichnet werden, was jemandem widerfährt/geschieht, also sowohl Notwendiges als auch Zufälliges. Zufall kann a) das Nicht-Notwendige, b) das Unvorhersehbare und c) das Unbeabsichtigte/Ungeplante meinen.

Epikur vertritt die Auffassung, manches geschehe notwendig, manches zufällig, manches durch die Menschen (die Menschen können also in einigem Ausmaß die Wirklichkeit und damit auch ihr eigenes Leben gestalten).

Epikur nimmt eine Notwendigkeit aufgrund einer Gesetzmäßigkeit der Natur an, die aber nicht eine durchgehende strikte (strenge und ausnahmslose) Notwendigkeit alles Geschehens ist. Grundlage für Nicht-Notwendigkeit ist eine ab und zu stattfindende spontane minimale Abweichung (griechisch: παρέγκλισις [parenklisis]; lateinisch: clinamen) der Atome von der Bahn, auf der sie sich bewegen (diese Lehre ist in den wenigen erhaltenen Epikur-Texten nicht enthalten, aber in antiken Texten späterer Epikureer [Lucrez 2, 216 – 250; Diogenes aus Oinoanda Fragment 54 III 6 Smith; vgl. auch Marcus Tullius Cicero, De fato 21 - 25]). Dadurch gibt es einerseits Zufall (griechisch: τύχη [tyche]; lateinisch: fortuna), andererseits Spielraum menschlicher Willensfreiheit. Die Abweichung ist nur sehr gering und die Möglichkeit bleibt bestehen, in einem Ursache-Wirkung-Verhältnis Ziele anzustreben.

Epikur verneint die Existenz einer Gottheit Zufall ab, die von der Menge/Masse angenommen wird. Besonders scharfe Ablehnung äußert Epikur gegen die Existenz einer Schicksalsnotwendigkeit (griechisch: εἱμαρμένη [heimarmene]; lateinisch: fatum) mit einer strikten durchgehenden Notwendigkeit und Vorherbestimmung, wie sie die Stoiker vertraten.

Epikur zeigt Wertschätzung vernünftig überlegter guter Entscheidungen und zieht sie schlechten Entscheidungen auch dann vor, wenn durch Zufall die gute Entscheidung keinen Erfolg hat und es jemandem auf unvernünftige Weise nach einer schlechten Entscheidung gut geht. Epikur hält Autarkie (Selbstgenügsamkeit) der Menschen für etwas Gutes. Seiner Meinung nach ist es richtig, sich auf das Erreichbare zu konzentrieren. Ein glückliches Leben ist für Menschen verfügbar und Zufall ist dafür nicht entscheidend.

Gott/Gottheiten

Gott/Gottheiten Epikur hat die Existenz von Gottheiten angenommen, sie aber für unvergängliche und glückselige Lebewesen gehalten, die sich nicht um die Angelegenheiten der Menschen kümmern und nicht die Welt lenken/leiten/regieren, da mühselige Geschäfte, Sorgen, Zornesausbrüche und Gunsterweise mit Glückseligkeit unverträglich seien (Epikur, Brief an Herodot [Diogenes Laertios 10, 76 – 77]; Epikur Brief an Menoikeus [Diogenes Laertios 10, 123 – 124]). Erscheinungen am Himmel und auf der Erde, alles, was zwischen Himmel und Erde geschieht, kann nach Epikurs Auffassung natürlich, ohne Einwirkung von Gottheiten, erklärt werden und diese Erklärung übernimmt die Naturlehre/Naturphilosophie. Himmelserscheinungen verkünden nicht göttliche Strafen. Furcht vor Göttern/Gottheiten ist tatsächlich der Sache nach unbegründet und falsch. Die Beseitigung solcher Furcht trägt zu einem glücklichen Leben bei (Wegfall einer Beunruhigung der Seele).

Die Existenz von Göttern/Gottheiten ergibt sich aus Epikurs Erkenntnistheorie. Danach ist Erfahrung Grundlage von Wissen/Erkenntnis (dieser Standpunkt wird Empirismus genannt) und zwar die Erfahrung der Sinne (dieser Standpunkt wird Sensualismus genannt). Da Menschen (bildhafte) Vorstellungen von Göttern/Gottheiten haben (dies war bei den damaligen Menschen sehr allgemein so), geht dies nach Epikurs Erkenntnistheorie auf etwas in der Wirklichkeit Vorhandenes zurück.

Epikur wendet sich gegen ein falsches Verständnis von den Göttern/Gottheiten. Die Masse habe über sie falsche Meinungen. Epikur zeigt durch begriffliche Untersuchung, wie dabei widersprüchliche Aussagen auftreten. Mit Begriffen zu Göttern/Gottheiten, die der Definition nach feste Wesensmerkmale sind/zum Kern ihrer Eigenschaften gehören, sind weitere Zuschreibungen unvereinbar: Der Begriff von Göttern/Gottheiten als glückselige Wesen schließt aus, daß sie mit den Mühen einer Erschaffung, Erhaltung und Lenkung der Welt und einer Sorge für die Menschen belastet sind. Ihre Glückseligkeit, Unvergänglichkeit/Unsterblichkeit und völlige Unanfälligkeit für Übel (nichts kann ihnen schaden) schließt Affekte (Leidenschaften) wie Zorn, Haß, Neid, Mißgunst und auch begünstigende Gefälligkeit aus. Götter/Gottheiten können unmöglich solche Empfindungen haben und sind nicht durch Gebete und Opfergaben bestechlich.

Götter/Gottheiten sind nach Epikur beste und erhabenste Wesen. Sie zeichnen sich durch Weisheit und Tugend/Vortrefflichkeit aus und haben daran Freude. Sie besitzen selbstgenügsame Unabhängigkeit (Autarkie). Sie genießen Glückseligkeit. Ihre Leben ist von Lust/Freude geprägt, sie haben eine frohe, heitere Gemütsruhe.

Epikur spricht im Brief an Menoikeus (Diogenes Laertios 10, 133) davon, wie jemand mit der richtigen Auffassung das von einigen als Herrin von allem eingeführte Schicksals verlacht/verspottet und eher sagt, daß das eine aufgrund/gemäß der Notwendigkeit (κατ' ἀνάγκην) geschieht, anderes aus Zufall (ἀπὸ τύχης), anderes durch uns (παρ' ἡμᾶς). Er wolle eher dem Mythos über die Gottheiten nachfolgen als dem Schicksal der Naturphilosophen Sklave zu sein, da nach dem Mythos Hoffnung auf Abbitte durch Ehrung der Gottheiten bestehe, das Schicksal sich dagegen unerbittlich verhalte.

Notwendigkeit (ἀνάγκη [ananke]) und Zufall (τύχη [tyche]) sind in diesem Zusammenhang Begriffe, keine Gottheiten (als Personifikationen von Schicksalsmächten).

Epikur, Ausgewählte Schriften. Übersetzt und herausgegeben von Christof Rapp. Stuttgart : Kröner, 2010 (Kröners Taschenausgabe ; Band 218), S. 3 – 4 (Epikur, Brief an Menoikeus):  

„123 Wozu ich dich auch unentwegt ermahnte, dies tue und übe dich darin, indem du begreift, dass dies die Elemente des guten Lebens sind: Zuerst glaube, dass Gott ein unvergängliches und seliges Wesen ist, wie es der allgemeine Begriff Gottes vorgegeben hat, und schreibe ihm nicht zu, was sich fremd zu seiner Unvergänglichkeit oder unvereinbar mit seiner Seligkieit verhielte. Glaube über ihn alles das, was in der Lage ist, seine mit Unvergänglichkiet verbundene Seligkeit zu bewahren. Götter gibt es nämlich; denn es gibt eine klare Kenntnis von ihnen. So wie aber die mMenge meint, so sind sie nicht. Denn sie (die Menge) beachtet nicht das, wofür sie die Götter eigentlich hält. Gottlos aber ist nicht der, der die Götter der Menge bestreitet, sondern der, der die Meinungen der Menge den Göttern anheftet.

124 Die Aussagen der Menge über die Götter sind nämlich keine wahren Vorbegriffe (prolēpsis), sondern falsche Vermutungen. Diesen entsprechend wird der größte Schaden den schlechten Menschen und ebenso der größte Nutzen (den guten Menschen) von den Göttern verliehen. Denn weil sie mit den eigenen Vorzügen immer vertraut sind, begrüßen sie die ähnlichen als gut und halten alles das, was nicht von derselben Art ist, für fremd.“

Epikur, Ausgewählte Schriften. Übersetzt und herausgegeben von Christof Rapp. Stuttgart : Kröner, 2010 (Kröners Taschenausgabe ; Band 218), S. 8:  

„133 Denn wen würdest du für besser halten als denjenigen, der über die Götter fromme Auffassungen hat, sich gegenüber dem Tod völlig furchtlos verhält, und das Ziel der Natur erkannt und verstanden hat, dass die Grenze des Guten leicht zu erfüllen und leicht zu beschaffen ist und dass die Grenze des Schlechten entweder nur kurz andauert oder geringe Mühen erfordert, der die von manchen als Herrscherin über alles eingesetzte Schicksalsnotwendigkeit verlacht und vielmehr sagt, dass zwar manches aus Notwendigkeit geschieht, anderes aber aus Zufall und anderes wiederum bei uns liegt, da ja die Notwendigkeit nicht zur Rechenschaft gezogen werden kann, der Zufall unstet ist und das, was bei uns liegt, keinem (fremden) Herren unterworfen ist, da ihm von Natur aus sowohl Tadel als auch das Gegenteil (davon) folgen kann.

134 Denn es wäre besser, den über die Götter erzählten Mythen zu folgen, als sich der Schicksalsnotwendigkeit der Naturphilosophen als Diener zu unterwerfen; denn der Mythos wahrt (wenigstens) die Hoffnung auf Erhörung, indem man die Götter verehrt, während das Schicksal eine unerbittliche Notwendigkeit hat. Den Zufall aber hält der Weise weder für einen Gott, wie es die Menge glaubt – denn nichts von dem, was ein Gott tut, geschieht auf ungeordnete Weise –, noch für eine unstete Ursache, denn er glaubt nicht, dass Gutes oder Schlechtes von diesem (Zufall) den Menschen für das glückliche Leben gegeben wird, obwohl der Ursprung für große Güter oder Übel von ihm ausgehen kann.

135 Für besser hält es der Weise, wenn einem auf vernünftige Weise Unglück widerfährt, als wenn es einem auf unvernünftige Weise gut ergeht, denn es ist besser, wenn bei den Handlungen eine gute Entscheidung zum <Mißerfolg führt, als wenn eine schlechte Entscheidung> durch den Zufall zum Erfolg führt."

Epikur, Ausgewählte Schriften. Übersetzt und herausgegeben von Christof Rapp. Stuttgart : Kröner, 2010 (Kröners Taschenausgabe ; Band 218), S. 13 (Hauptlehrsätze (Kyriai Doxai) I):  

„Was selig und unvergänglich ist, empfindet weder Beunruhigung noch bereitet es einem anderen Beunruhigung. Daher wird es nicht durch die Gefühle von Zorn und Dankbarkeit gequält. Denn alles solches findet sich beim Schwachen.“

Epikur, Ausgewählte Schriften. Übersetzt und herausgegeben von Christof Rapp. Stuttgart : Kröner, 2010 (Kröners Taschenausgabe ; Band 218), S. 15 - 16 (Hauptlehrsätze (Kyriai Doxai) XVI):  

„Nur in Wenigem macht sich für den Weisen der Zufall bemerkbar, die größten und wichtigsten Dinge hat die Überlegung angeordnet, ordnet sie andauernd während der Lebenszeit und wird sie anordnen.“

Epikur, Ausgewählte Schriften. Übersetzt und herausgegeben von Christof Rapp. Stuttgart : Kröner, 2010 (Kröners Taschenausgabe ; Band 218), S. 32 (Vatikanische Spruchsammlung 65.):  

„Es hat keinen Sinn, von den Göttern zu erbitten, was einer sich selbst verschaffen kann.“

Epikur, Ausgewählte Schriften. Übersetzt und herausgegeben von Christof Rapp. Stuttgart : Kröner, 2010 (Kröners Taschenausgabe ; Band 218), S. 62 (Brief an Herodot):  

„77 Denn Geschäftigkeiten und Sorgen sowie Empfindungen von Zorn und Dankbarkeit sind nicht mit der Seligkeit vereinbar; vielmehr tritt dieses im Zustand der Schwäche und der Furcht auf oder wenn wir der Nächsten bedürfen. Auch darf man nicht annehmen, dass sie (die Himmelskörper) die Seligkeit besitzen, wenn sie zugleich zusammengeballtes Feuer sind, und diese Bewegungen aufgrund eines vernünftigen Plans empfangen. Vielmehr muss man bei allen diesen Namen, die man auf solche Gedanken anwendet, die gesamte Würde wahren, damit nichts von ihnen als mit der Würde unvereinbar erscheint; wenn man das nicht tut, wird die Unvereinbarkeit selbst die größte Beunruhigung in den Seelen verursachen. Deshalb muss man annehmen, dass durch den ursprünglichen Einschluss dieser Zusammenballungen bei der Entstehung der Welt auch diese Notwendigkeit und der regelmäßige Umlauf zustande gekommen sind.“

Malte Hossenfelder, Epikur. Originalausgabe, 3., aktualisierte Auflage. München : Beck, 2006 (Beck'sche Reihe : Denker ; 520), S. 79 – 80:  

„Wie die Furcht vor den Göttern die Menschen peinigt, wie sie ihr Dasein verdunkelt, sie erniedrigt und zu Sklaven macht, wie selbst diejenigen, die an sich eine vernünftige und nüchterne Weltsicht haben, angesichts von Naturereignissen, deren Ursachen sie nicht kennen, doch wieder schwankend werden und vor den Himmelserscheinungen zittern, schildert Lukrez eindrucksvoll in mehreren Passagen (Lucr. I 62 ff. V 83 ff. VI 35 ff.). Um diese Geißel der Menschheit auszurotten, muß nach Epikur der Aberglauben überwunden werden, daß die Götter die Welt regierten. Epikur unternimmt das in zwei Schritten. Zum einen zeigt er, dass es dem Wesen der Götter widerspricht, sich um die Welt zu kümmern. Zum anderen führt er vor, wie sich alle Erscheinungen am Himmel und auf der Erde, die die Menschen auf göttliches Wirken zurückführen, ebensowohl ohne Einwirkung der Götter erklären lassen. Den ersten Schritt erledigt er durch ein analytisches Argument. So schreibt er an Menoikeus: „Halte die Gottheit für ein unvergängliches und seliges Lebewesen, so wie der allgemeine Begriff der Gottheit vorgezeichnet ist, und hänge hr nichts an, was entweder der Unvergänglichkeit fremd oder der Seligkeit unangemessen ist. Glaube vielmehr alles das von ihr, was ihre mit Unvergänglichkeit gepaarte Seligkeit zu bewahren vermag. Denn Götter gibt es, die Erkenntnis ihrer ist evident. Wie sie sich aber die breite Masse vorstellt, sind sie nicht, denn in deren Vorstellung ist ihr Wesen nicht gewahrt. Gottlos ist nicht der, der die Götter der Masse abschafft, sondern der, der den Göttern die Vorstellungen der Masse anhängt, denn die Aussagen der Masse über die Götter sind keine wahren Begriffe, sondern falsche Mutmaßungen. Daher werden die größten Schädigungen und Förderungen von den Göttern hergeleitet, denn da die Masse immer nur mit ihren eigenen Tugenden vertraut ist, akzeptiert sie nur die Gleichartigen, während sie alles, was nicht derart ist, für unangemessen hält" (Men. 123 f.). Epikur beschreitet also keinesfalls den Weg des Atheismus, sondern bekräftigt ausdrücklich die Existenz der Götter. Die Furcht vor ihnen versucht er durch eine bloße Analyse ihres Begriffs als seliger Wesen zu beheben, indem er dartut, daß Seligkeit sich nicht mit Weltregierung verträgt. […]. Man braucht im Grunde also lediglich den Gottesbegriff in seiner Reinheit unverfälscht zu bewahren, um von allen religiösen Ängsten verschont zu bleiben.

Der zweite Schritt zur Behebung der Götterfurcht, der Nachweis, daß sich alles, was zwischen Himmel und Erde geschieht, auf natürliche Weise ohne Rückgriff auf die Götter erklären läßt, ist Aufgabe der Naturlehre.“

Lucr. = Lukrez (Titus Lucretius Carus)  

Men. = Epikur, Brief an Menoikeus

Kommentar von Albrecht ,

Malte Hossenfelder, Epikur. Originalausgabe, 3., aktualisierte Auflage. München : Beck, 2006 (Beck'sche Reihe : Denker ; 520), S. 101 - 102:

„Ermöglicht wird die Gelassenheit gegenüber der Zukunft durch die Überzeugung, daß die Lust jederzeit verfügbar sei, und zwar in ihrem höchsten erreichbaren Grade, so daß weder besondere, erst künftig realisierbare Genüsse noch die bloße längere Dauer etwas hinzufügen könnten. Deswegen stellt auch der Zufall, die Tyche, keinerlei Bedrohung dar. Der Epikureer sieht in ihm „keine unsichere Ursache; denn er glaubt [nicht], daß durch ihn Gutes oder Übles zum seligen Leben den Menschen gegeben werde, wohl aber, daß er den Ausgangspunkt großer Güter oder oder Übel bilde. Er hält es für besser, mit Verstand Pech als ohne Verstand Glück zu haben; denn es ist schöner, wenn beim Handeln das richtig Beurteilte [nicht zum Erfolg kommt, als wenn das falsch Beurteilte] durch den Zufall zum Erfolg kommt" (Men. 134 f.). Diese Sätze sind, auch wenn sie zunächst befremden mögen, durchaus konsequent und entsprechen dem Ideal des Epikureischen Weisen. Der äußere Erfolg des Handelns spielt überhaupt keine Rolle. Entscheidend ist allein die richtige innere Einstellung, vermittelt durch vernünftige Einsicht. Wer sie besitzt, dem kann äußerer Mißerfolg nichts anhaben, weil er weiß, daß er immer alles haben wird, was er zur Glückseligkeit braucht. Wem sie aber fehlt, dem nützt auch der äußere Erfolg nichts, weil die Furcht vor Verlust und die Begierde nach mehr Lust vertreiben. Über unsere innere Einstellung aber verfügen wir selbst, und insofern können uns Zukunft und Tyche unberührt lassen, weil unser Glück in unserer Hand liegt.“

Malte Hossenfelder, Die Philosophie der Antike 3: Stoa, Epikureismus und Skepsis. 2., aktualisierte Auflage. München : Beck, 1995 (Geschichte der Philosophie. Herausgegeben von Wolfgang Röd ; Band 3), S. 115 – 116:  

„Die Furcht vor den Göttern entspringt für Epikur dem Aberglauben, daß die Götter die Welt regieren. Deswegen zittern die Menschen vor den Himmelserscheinungen, halten Blitz und Erdbeben für den Ausdruck göttlichen Zorns, der weiteres Unheil nach sich ziehe, sehen in der Sonnenfinsternis das Ende der Welt nahen, beschäftigen einen ganzen Berufsstand mit der Ausdeutung angeblicher Zeichen göttlichen Willens, könne keine Tempel ruhigen Herzens betreten und fügen einander, um die Götter zu besänftigen, größtes Leid zu. Um dieses Übel auszurotten, muß man also zur Einsicht verhelfen, daß die Götter sich ihrem Wesen nach nicht mit der Weltregierung befassen können, und andererseits vorführen, wie sich alle Erscheinungen am Himmel und auf der Erde ebensowohl ohne Einwirkung der Götter erklären lassen.“

Christoph Horn, Antike Lebenskunst : Glück und Moral von Sokrates bis zu den Neuplatonikern. Originalausgabe. 2. Auflage. Unveränderter Nachdruck. München : Beck, 2010 (Beck`sche Reihe: bsr ;1271), S. 93 - 94:  

„Epikur lehnt den stoischen Schicksalsbegriff, die heimarmenê, vehement ab. Der Mensch ist für ihn kein Schauspieler in einem Theaterstück, das von höheren Mächten inszeniert wird; der Weltlauf ist nicht göttlich determiniert. Glück läßt sich folglich nicht auf dem Weg einer Anpassung des Menschen an die kosmische Vernunft und Ordnung erreichen, sondern einzig dadurch, daß der Mensch sich selbst aus seiner bestehenden Unmündigkeit herausführt. Der epikureische Philosoph erreicht eine solche Souveränität zumindest in den zentralen Lebensfragen: „Nur in unbedeutenden Dingen kommt dem Weisen der Zufall in die Quere; die größten und wichtigsten aber hat die vernünftige Überlegung geregelt, regelt sie unaufhörlich im Leben und wird sie immer regeln" (Brief an Menoikeus 123 f.; Ubers. M. Hossenfelder). Gemeint ist ein Souveränitätsideal, das im Vergleich zu seinem stoischen Gegenstück bescheidener und einfacher ausfällt. Insbesondere ist die Theologie Epikurs vom Volksglauben der Antike weiter entfernt als die stoische Auffassung. Abgelehnt wird die Vorstellung, die Götter vergäben Glück oder Unglück an die Menschen (KD 1). Epikurs Göttervorstellung wirkt beinahe rationalistisch konstruiert; die Götter sind weder für die Welteinrichtung noch für den Weltlauf verantwortlich, und sie kümmern sich nicht um menschliche Angelegenheiten (vgl. etwa Lukrez, De rerum natura III 14-24). Götter gelten bei Epikur als unsterbliche Wesen von unbeirrbarer Heiterkeit und teilnahmsloser Gelassenheit. Ihr Lebensgenuß ist der Inbegriff dessen, was Epikur dem Menschen als Strebensziel empfiehlt; daher greift Epikur die platonische Formel von der „Angleichung an Gott" (homoiôsis theô) positiv auf. Die Funktion der epikureischen Götter besteht insbesondere darin, Leitbilder für das abzugeben, was der epikureische Philosophenschüler allmählich zu erreichen hofft, die Ataraxie.“

KD = Kyriai Doxai (Hauptlehrsätze)

Kommentar von Albrecht ,

Michael Erler, Epikur (341 – 271/70 v. Chr.). In: Klassiker der Philosophie. Herausgegeben von Otfried Höffe. Band 1: Von den
Vorsokratikern bis David Hume. Originalausgabe. München : Beck, 2008 (Beck'sche Reihe ; 1792), S. 81 – 82:  

„Auch Epikurs Theologie zielt vorrangig darauf, die Menschen vor der Furcht – der Furcht vor den Göttern – zu befreien. Daß Götter existieren, ist für Epikur evident, haben doch alle Menschen eine Vorstellung von den Göttern. Die Götter existieren als unvergängliche und glückselige Wesen, versehen mit Tugend und Weisheit, nicht belastet durch Affekte. Sie haben weder selbst Sorgen noch bereiten sie anderen welche (KD 1). Weil die Welt ein Produkt des Zufalls ist, sind die Götter nicht für sie verantwortlich; sie kümmern sich weder um die Welt noch um die Menschen und sind weder durch Gebet noch durch Opfer beeinflußbar. Deshalb können die Menschen von den Göttern zwar nichts Gutes erwarten, müssen aber auch nichts Schlimmes befürchten. Götterfurcht ist vielmehr Folge einer Projektion irriger Vorstellungen unphilosophischer Menschen auf die
Existenz der Götter. Obgleich Epikur also den Göttern einen direkten
Einfluß auf das menschliche Leben abspricht, bestreitet er nicht, daß
sie infolge des Vorbildcharakters ihrer ungetrübten, ruhigen und deshalb lustvollen Existenz indirekt doch einen Einfluß auf das menschliche Leben haben können. Wer sie nämlich nachahmt, sich von Furcht befreit und daher auf der Erde wandelt »wie ein Gott« (Ep. Men. 123 f.), bereitet sich selbst das Glück, das andere fälschlich von den Göttern erhoffen. Aus der Götterverehrung wird also eine Pflege des Selbst.

Freilich ist die Annahme einer ewigen und glückseligen Existenz der
Götter in einem atomistischen Weltbild erklärungsbedürftig und wurde in der Antike – und in der modernen Forschung - kontrovers diskutiert. Die These, Epikur spreche den Göttern keine reale Existenz zu, sehe in ihrerExistenz nur eine Produktion menschlicher Wunschvorstellungen kollidiert mit Äußerungen Epikurs, wonach der Existenz der Götter unmittelbare Evidenz zukomme. Epikur ist kein Atheist.“

Ep. Men. = Epikur, Brief an Menoikeus

ausführlich:

Michael Erler, Epikur. In: Die hellenistische Philosophie. Erster Halbband (Grundriss der Geschichte der Philosophie. Begründet von Friedrich Ueberweg. Völlig neu bearbeitete Ausgabe. Herausgegeben von Helmut Holzhey. Die Philosophie der Antike - Band 4/1). Herausgegeben von Hellmut Flashar. Basel ; Stuttgart : Schwabe, 1994, S. 144 – 145 und S. 149 – 153 (§ 7. Lehre. C. Pysik: 4. Antiteleologische Kosmologie. 7.Theologie)

Antwort
von berkersheim, 23

Die größeren Werke, die Epikur zu all diesen Fragen geschrieben hat, sind ja leider nicht erhalten. So kennen wir nur seine Äußerungen in kurzen Lehrbriefen, in denen er das Wichtigste darlegt. In seinen Ausführungen zur Physik und zur Entwicklung menschlicher Gesellschaften lässt er zwei Überzeugungen deutlich erkennen:

1) Das Sein ist ewig, ohne Anfang und ohne Ende und immer ein Prozess, in dem eins ins andere übergeht. D.h. es gibt bei ihm keinen göttlichen Schöpfer.

2) Wenn der Mensch stirbt, lösen sich alle Verbindungen der Atome auf, auch die Verbindungen der Atome der Seele und gehen ein in den ewigen Kreislauf, um sich neu zu verbinden. Nichts ist unsterblich. Alles immer nur eine Verbindung auf Zeit.

Da die Menschen in allen Kulturen (damals) einen Begriff von Göttern haben, gibt es Götter, von denen dieser Begriff stammt. Allerdings muss man vorsichtig sein: Satz Epikurs war - Was wirkt, hat auch etwas Bewirkendes. D.h. wenn Götter wirken, Menschen daran glauben und danach handeln, ist da nicht nichts! Was es allerdings ist, lässt er offen. Ihm ist wichtiger, dass Menschen durch seine Philosophie zu sich selbst finden, autark und möglichst frei werden, vor allem frei von falschen Ängsten und falschen Begierden. Zu den falschen Ängsten zählen die vor den strafenden, unberechenbaren Göttern. Hier zeigt er, dass die glückseligen Götter ihre eigene Glückseligkeit zerstören würden, wenn sie sich auf die Händel der Menschen einlassen würden. Götter interagieren nicht mit den Menschen. Aber den nach Glückseligkeit strebenden Menschen können sie ein Vorbild sein. Sie können helfen, aus den selbstgebauten Gefängnissen der Ängste und der Süchte (Begierden) frei zu kommen.

Schicksal gibt es als vielfältiges Phänomen. Es kann Auswirkung sein von falschen Ansichten über die Zusammenhänge des Seins, Fehldeutungen vergangener Entwicklungen, falschen Einstellungen durch Ängste und Süchte, falschen Erwartungen und letztlich, da es mit unserem Handeln und Entscheiden in eine ungewisse Zukunft zu tun hat, auch mit unserem zukunftsbezogenen Unwissen. Wir sind als Menschen in die Gesetze und Notwendigkeiten der Natur eingebunden genauso wie die unserer Gesellschaften. Größtmögliche Autarkie und Freiheit von schicksalhaften Überraschungen erlangen wir durch Aufklärung, mehr Wissen über die Gesetze und Notwendigkeit von Natur und Gesellschaft. Wichtig ist, falsche Meinungen zu eliminieren und darauf beruhende Ängste, Süchte, Erwartungen, die uns in die Irre führen und in Konflikt mit den Realitäten bringen. Je mehr wir uns mit unseren Erwartungen tiefer in eine ungewisse Zukunft wagen, desto größer ist das Risiko des Scheiterns. Besser ist, sich realistische, überschaubare Ziele zu setzen und über das erfolgreiche Erreichen dieser Ziele Selbstsicherheit und Selbstgewissheit zu erreichen. Das führt zu Gelassenheit und einem Erfahrungsschatz, wie man mit ungewisser Zukunft umgehen kann. Ganz wichtig ist ein Kreis guter Freunde, der einen auffängt, wenn doch mal was daneben geht. Zudem findet man dort immer ehrlichen Rat. All diese aufgezeigten Beziehungen sieht Epikur in Wechselwirkung.

Kommentar von masas ,

Ich bedanke mich für diese ausführliche Antwort und schätze ihre Leistung ich hätte da aber eine Frage und zwar könnten sie mir bitte noch mal den Satz was wirkt , hat auch etwas bewirkendes genauer beschreiben LG masas

Kommentar von masas ,

*erläutern @berkesheim

Kommentar von berkersheim ,

Diesen Satz haben z.B. in neuerer Zeit wieder die amerikanischen Pragmatisten aufgegriffen. Dazu ist evtl. als Voraussetzung wichtig zu wissen, dass Epikur anders als fälschlicherweise behauptet, kein Materialist war. Materialismus setzt den idealistischen Dualismus voraus, die Trennung in Geist und Materie. Wenn man dann den Geist abschneidet oder auf Materie reduziert, hat man den künstlichen, vom philosophischen Idealismus bekämpften Materialismus, wie er auch nach 1.000 Jahren Dominanz idealistischer Philosophie von der Aufklärung und Marx und Co. bekannt wurde. Epikur wie seine Vorgänger Heraklit, Parmenides usw. waren Monisten. Für sie war das Sein ein Ganzes, nicht in Geist und Materie Teilbares. Alles waren nur Zusammensetzungen nicht mehr teilbaren Seins. Das Missverständnis stammt aus der Physik des 20. Jahrhunderts, als man meinte, ein nicht mehr teilbares Materieteilchen gefunden zu haben und es Atom nannte. Inzwischen ist auch da mehrfach Teilung möglich, also nicht das "Atomos" des Epikur gefunden. Wenn es Dich interessiert, wird in folgendem Vortrag etwas davon sichtbar:

www.youtube.com/watch?v=lsTO3-OqdKw

Die Originalstelle bei Diogenes Laertius (X. Buch, Ende Abschn. 32) lautet:

„Nun hat aber unser Sehen und Hören ebenso wie die Empfindung des Schmerzes tatsächlichen Bestand. Daher muß man auch von dem Sichtbaren ausgehen, um sich das Unsichtbare zu deuten. Hat doch auch unsere ganze Gedankenwelt ihren Ursprung in den Wahrnehmungen, deren mannigfache Umstände, Analogie- und Ähnlichkeitsverhältnisse sowie Zusammensetzung für sie bestimmend sind, wobei allerdings auch die Überlegung als mitwirkend auftritt. Und was die Vorstellungen der Wahnsinnigen sowie die Traumerscheinungen anlangt, so sind auch sie wahr, denn sie haben wirkende Kraft; das Nichtseiende dagegen hat
keine wirkende Kraft.
"

Das heißt, die in die Realität von uns wahrnehmbare wirkende Kraft hat einen realen Ursprung. Auch die Wahnvorstellungen kann man nicht als nichts abtun, denn zumindest die Krankheit ist real und wenn sojemand mit einem Messer auf einen losgeht, hilft es nichts zu sagen, „ist ja doch alles nicht real, ist nur Einbildung.“ Damit sagt Epikur, dass Götter keine Realität wie Tisch und Stuhl haben müssen, sondern auch „Wahnvorstellungen“ ähnlich sein können. Nimm die IS-Selbstmörder. Ob der Komplex dessen, woran sie in ihrem Glaubenswahn glauben, real ist, ist nicht die Frage, wenn ich ihre Glaubensvorstellungen nicht ernst nehme, könnte ich zerfetzt werden, und da soll einer sagen, das wäre nicht real. Hier wird deutlich, dass Epikur kein Materialist ist, weil für ihn Gedankenvorstellungen und emotionale Vorstellungen, auch wenn sie noch so komplex sind, letztlich etwas Reales sind. Frag mal einen Physiker, ob er Dir die Gravitation zeigen kann. Er kann Dir nur die Wirkungen der Gravitation zeigen und daraus schließen, dass es sowas wie Gravitation gibt. Ich hoffe, das war nicht zu viel, doch wenn man tiefer in die Philosophie Epikurs eindringt, erweist er sich als komplexer als nur als „Glücksphilosoph“.

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