Was bedeutet ,,Sublimierung" in der Philosophie?

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Das Fremdwort »sublimieren« bedeutet allgemein: auf eine höhere Ebene (er)heben, auf eine höhere Stufe bringen, ins Erhabene steigern, verfeinern, veredeln

In der Psychologie wird der Ausdruck dafür verwendet, einen Trieb in kulturelle Leistungen umzusetzen.

In der lateinischen Sprache heißt das Verb sublimare: (hoch) (er)heben, emporheben, erhöhen

Das Adjektiv sublimis heißt: hoch, erhaben, emporstehend, sich hebend, emporragend, in der Luft befindlich, hochstrebend

Sublimierung bedeutet also: Erhebung, Heben auf eine höhere Ebene, Emporheben, Hochheben, Erhöhung, Steigerung ins Erhabene, Verfeinerung, Veredelung

Triebe, Regungen der Natur werden nicht direkt verwirklicht/ausgelebt, sondern umgewandelt bzw. in kulturelles Schaffen umgelenkt. Da dies vom Groben, Trieb- und Naturhaften wegführt, kann der Vorgang als Verfeinerung und Vergeistigung verstanden werden. Sublimierung ist ein Faktor der Kulturentwicklung.

Eine Regung/ein Trieb findet keine direkte Erfüllung/Befriedigung. Die unmittelbare Verwirklichung/Realisierung wird gehemmt/blockiert, aber es kommt zu einer umgeformten Verwirklichung/Realisierung auf einer »höheren« Ebene. Die Kraft/Energie des ursprünglichen Antriebs kommt in abgewandelter Weise zu einer Umsetzung.

In der Philosophie gibt es den Begriff seit dem 19. Jahrhundert. Er fällt vor allem in den Bereich der Psychologie und der Anthropologie.

Sublimierung spielt eine Rolle in der Psychoanalse bei Sigmund Freud. Bei Friedrich Nietzsche gibt es vorher schon dazu Ähnlichkeiten. Bei diesem ist die Sublimierung allerdings nicht auf die Sexualtriebe eingeschränkt bzw. wesentlich darauf konzentriert, sondern hat eine größere Bandbreite.

Friedrich Nietzsche, Nachgelassene Fragmente Herbst 1881, 11[124]:

„Wenn ein Trieb intellektueller wird, so bekommt er einen neuen Namen, einen neuen Reiz und neue Schätzung. Er wird dem Triebe auf der älteren Stufe oft entgegengestellt, wie als sein Widerspruch (Grausamkeit z. B.) — Manche Triebe z. B. der Geschlechtstrieb sind großer Verfeinerungen durch den Intellekt fähig (Menschenliebe, Anbetung von Maria und Heiligen, künstlerische Schwärmerei; Plato meint, die Liebe zur Erkenntniß und Philosophie sei ein sublimirter Geschlechtstrieb) daneben bleibt seine alte direkte Wirkung stehen.“

Friedrich Nietzsche, Nachgelassene Fragmente Sommer 1887, 8 [1]:

zur Genesis der Kunst. Jenes Vollkommen-machen, Vollkommen-sehen, welches dem mit geschlechtlichen Kräften überladenen cerebralen System zu eigen ist (der Abend zusammen mit der Geliebten, die kleinsten Zufälligkeiten verklärt, das Leben eine Abfolge sublimer Dinge, “das Unglück des unglücklich-Liebenden mehr werth als irgend etwas”): andrerseits wirkt jedes Vollkommene und Schöne als unbewußte Erinnerung jenes verliebten Zustandes und seiner Art zu sehen—jede Vollkommenheit, die ganze Schönheit der Dinge erweckt durch contiguity die aphrodisische Seligkeit wieder. Physiologisch: der schaffende Instinkt des Künstlers und die Vertheilung des semen ins Blut ... Das Verlangen nach Kunst und Schönheit ist ein indirektes Verlangen nach den Entzückungen des Geschlechtstriebes, welche er dem Cerebrum mittheilt. Die vollkommen gewordene Welt, durch “Liebe” ...“

Bei Max Scheler, Die Stellung des Menschen im Kosmos (1927) geht es darum, wie sich der Geist von Umwelt- und Triebgebundenheit löst/befreit. Dies geschehe in Sublimierung der vitalen Energie des Triebes hin zu geistiger Tätigkeit.

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Kommentar von Albrecht
02.12.2015, 07:31

Wörterbuch der philosophischen Begriffe. Begründet von Friedrich Kirchner und Carl Michaelsen. Fortgesetzt von Johannes Hoffmeister. Vollständig neu herausgegeben von Arnim Regenbogen und Uwe Meyer. Hamburg : Meiner, 2013, S. 635:

Sublim, lat. sublimis ›hochstrebend‹, ↑ erhaben; dazu Sublimierung, die Erhebung, Steigerung ins Erhabene, die Vergeistigung, Verfeinerung, in der Psychologie des ↑ Unbewußten, bes. der Psychoanalyse, im engeren Sinne die Entsexualisierung des Sexuellen, im weiteren die unbewußte Auswirkung der ›Energien‹ des unmittelbar nicht zugelassenen Trieblebens in verfeinerter, vergeistigter Form.“

lat. = lateinisch

bes. = besonders

Odo Marquardt, Sublimierung. In: Historisches Wörterbuch der Philosophie. Band 10: St –T. Basel : Schwabe, 1998, Spalte 476:

„Im Umfeld des deutschen Idealismus – wo das Wort ‹S.› nur vereinzelt vorkommt – wird die Bedeutung der S.-Figur entdeckt, daß eine primäre – unmittelbare – Realisierung blockiert und dadurch eine sekundäre - ‘höhere’ – Form der Realisierung ermöglicht oder erzwungen wird, also die Figur einer indirekten Steigerung zur Geistigkeit.“

„Daher wird die ‹S.› erst bei S. FREUD zur wirklich prominenten Vokabel für das »Triebschicksal« einer »Verschiebung«ins »Höhere«. «Die Kultur ist unter dem Antrieb der Lebensnot auf Kosten der Triebbefriedigung geschaffen worden«, die «dabei sublimiert, d. h. von ihrem sexuellen Ziel abgelenkt und auf sozial höher stehende, nicht mehr sexuelle gerichtet wird«. Diese Annahme ist der rasch uferlos gewordenen psychoanalytischen Literatur aufgenommen und verarbeitet worden, prägnant aber vor allem beim späten M. Scheler: Der Geist leiht sich die Realisierungskraft des Lebens. Er ist zwar primär ohnmächtig, regiert aber und realisiert sich durch List. Diese indirekte »Verlebendigung des Geistes … allein verdient rechtmäßig ‹S.› genannt zu werden«.“

‹S.› = Sublimierung

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Sublimieren kommt vom lat. sublimo, «emporheben, erhöhen». So gesehen kann man die gesamte kulturelle Evolution als einen gesellschaftlichen wie individuellen Sublimierungsprozess interpretieren. In dieses Thema fällt auch, wie weit Mensch und Tier eins und wie weit sie verschieden sind. Dazu äußert sich z.B. Max Scheler (Die Stellung des Menschen im Kosmos) und Ernst Cassierer (Geist und Leben). Im Grunde geht es in der ganzen  modernen Philosophie des Geistes um die Problematik der Sublimierung, wobei Geist als Sublimierung von Natur aufgefasst wird.

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