Epikur und die Tugend?

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2 Antworten

Das Denken von Epikur ist eher dynamisch, lebensnah, und das Leben ist nun mal dynamisch, jeden Tag anders mit neuen Herausforderungen. Epikur ist zudem ein diesseitig orientierter Philosoph. Er lehnt es ab, Götter oder sonstiges höheres Sein als Ursprung von Idealen, von Normen und Werten anzusehen. Für ihn entwickeln sich Werte, Normen, Ideale und Gesetze aus dem gesellschaftlichen Miteinander. Tugenden sind gesellschaftlich anerkannte Persönlichkeitsmerkmale wie Tapferkeit, Besonnenheit usw., deren Ranking auch situationsabhängig ist. Im Krieg hat Tapferkeit einen höheren Stellenwert als Zuverlässigkeit. Im täglichen Miteinander ist das dann umgekehrt.

Zur Emotionsskala: Nach Epikur ist unser Leben aufgespannt zwischen "Lust" und "Schmerz". Ich würde "Lust" als den Bereich positiver Signale übersetzen, positive Emotionen, mit denen das Leben ein gutes Überleben belohnt. "Schmerz" umfasst den Bereich negativer Signale, Warnsignale des Lebens, dass das Überleben gefährdet ist. Zwischen den Extremen der Skala von Lust und Schmerz gibt es nach Epikur etwas, das wir heute den "grünen Bereich" nennen würden, wo trotz des Auf- und Abs des Lebens im Großen und Ganzen alles soweit in Ordnung ist. In diesem "grünen Bereich", in dem wir das Gefühl einer gewissen Lebenssicherheit empfinden, das Gefühl, wie haben unser Leben insgesamt im Griff, in diesem Bereich können wir durchaus mal besondere Momente der Freude (eine Party, ein Konzertbesuch, ein gutes Essen) zulassen (die negative Bedrohung der Übertreibung ist die Abhängigkeit), aber wir können auch mal begrenzt Schmerzen akzeptieren, wenn wie im Sport am Ende eine überaus positive Erfahrung steht. Solange wir immer wieder in diesen "grünen Bereich" zurückkehren ohne in die Gefangenschaft von Ängsten oder Gier zu geraten, solange entwickelt sich bei uns mit zunehmender Gewissheit dieser Fähigkeit eine Gelassenheit gegenüber den Schwankungen des Lebens.

Das ist ein dynamisches Lebensmodell, kein statisches. Eine Ruhe und Gewissheit, das Leben im Griff zu haben, ist eine Erfahrung der Praxis. Die kann man sich nicht theoretisch einreden, nach dem Motto: Es geht mir besser und besser. Wenn es uns gelingt, dass wir unser Leben so einrichten, dass wir in möglichst großer Ruhe und Selbstbestimmtheit unsere Ziele ansteuern und erreichen, dann kehrt eine innere Ruhe ein, dann weicht die ängstliche Hektik. Hilfsmittel dazu sind Aufklärung, Wissen, ein stabiler, verlässlicher Freundeskreis und möglichst eine Familie, mit der man "Pferde stehlen kann". Alles, was man zur Pflege von Wissen, von Freunden und Familie gibt, bekommt man vielfach zurück. Das ist so die Grundeinstellung Epikurs, in den Schwankungen des Lebens dennoch das Ziel eines insgesamt gelingenden Lebens nicht aus dem Blick zu verlieren.

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Kommentar von berkersheim
14.12.2015, 17:17

In den Bereich der Pflege eines guten gesellschaftlichen Miteinanders gehören für Epikur die Tugenden. „Grüner Bereich“ bedeutet im Gesellschaftlichen, dass man in der Gemeinschaft Anerkennung und Achtung genießt, dass einem Respekt gezollt wird. Diese Signale gesellschaftlicher Wertschätzung verlangen Pflege und da sind die Tugenden zentral. Sie sind die Orientierungswerte der Gesellschaft, wie sie eine Person einschätzen und beurteilen. Steht jemand wie z.B. Odysseus im Ansehen, dass er Tapferkeit und Klugheit, ja sogar eine gewisse Schläue als Wesenseigenschaften hat, dann wird ihm bei drohenden Auseinandersetzungen nicht nur Respekt sondern sogar die Führerschaft angeboten. Solcherart positive Signale aus der Gesellschaft bestärken die Gelassenheit, auch im Umgang mit den Mitbürgern das richtige Maß zu beherrschen. Die Herausbildung gesellschaftlich anerkannter Tugenden ist also ein Teil der Pflege, den „grünen Bereich“ auf den gesellschaftlichen Rahmen auszudehnen.

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Epikur versucht die Tugend als das Mittel zur Seelenruhe den Menschen schmackhaft zu machen, nicht so asketisch wie die Stoiker oder so zwanghaft wie die Gebote in der Religion, wo de ständig blosss deine niederen Triebe und Boshaftigkeit und Egoismus unterdrücken sollst.

Sondern Epikur lehrt halt, wenn de die Tugend pflegst, tuste dir selber was gutes.

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