Da geht es nicht um eine Vergewaltigung, da eine Vergewaltigung bereits ein Vers darüber besprochen wird.

📜 5. Mose 22,28–29 – Worum geht es wirklich?

1. Die hebräische Sprache:

  • Der Schlüsselbegriff ist וּתְפָשָׂהּ וְשָׁכַב עִמָּהּ (utəfāsāh wəšākav ʿimmāh), wörtlich: „und er ergreift sie und liegt bei ihr“.
  • „תָּפַשׂ“ (tāfas) bedeutet „ergreifen“, „festhalten“, kann auf Gewalt hindeuten, muss es aber nicht zwangsläufig.
  • Es fehlt hier das Wort „חָזָק“ (ḥāzaq) – das oft bei eindeutig gewaltsamen Übergriffen benutzt wird – z. B. in 5. Mose 22,25: „ein Mann ergreift sie und vergewaltigt sie“ (וְהֶחֱזִיק בָּהּ וְשָׁכַב עִמָּהּ).

2. Vergleich mit anderen Versen im selben Kapitel:

  • 5. Mose 22,25–27 beschreibt eine Vergewaltigung im Feld, bei der das Mädchen schreit, aber niemand helfen kann. Der Mann wird mit dem Tod bestraft.
  • 5. Mose 22,28–29 unterscheidet sich: keine Rede von „Schreien“, keine Strafe für den Mann außer der Zahlung und Heirat.

3. Historisch-kultureller Kontext:

  • In der antiken israelitischen Gesellschaft war Jungfräulichkeit stark mit Familienehre und Heiratsfähigkeit verknüpft.
  • Der Text zielt weniger auf das persönliche Unrecht an der Frau, sondern auf den „Schaden“ für den Vater, dessen Tochter durch den Geschlechtsverkehr „entehrt“ wurde.
  • Die Zahlung von 50 Silberstücken ist eine Art Brautpreis, und die Ehe dient (aus damaliger Sicht) als „Wiedergutmachung“.

🧭 Ist es Vergewaltigung oder einvernehmlicher Sex?

Nicht eindeutig – aber aus heutiger Perspektive problematisch:

Auslegung

Argumente Einvernehmlicher Sex:

Der Kontext fehlt, dass Gewalt oder Schreie vorliegen. Das Verb „tāfas“ kann auch „verführen“ oder „verleiten“ bedeuten.Vergewaltigung (milde behandelt)Der Mann „ergriff“ sie und „lag bei ihr“ – das klingt nicht nach Zustimmung. Dass sie „nicht verlobt“ war, macht den Akt weniger strafbar, aber nicht unbedingt einvernehmlich.Kulturelle Regelung, keine moralische BewertungDer Text regelt, was rechtlich passiert – unabhängig davon, ob es sich um Liebe, Verführung oder Gewalt handelte. Aus Sicht des alten Israel geht es primär um soziale Ordnung, nicht um individuelle Gerechtigkeit.

🧠 Moderne ethische Bewertung:

Nach heutigen ethischen Standards ist dieser Text höchst problematisch, weil:

  • Die Zustimmung der Frau keine Rolle spielt.
  • Der Mann als Täter heiraten „muss“, die Frau kann ihn nicht ablehnen.
  • Die Frau wird behandelt wie Eigentum des Vaters, nicht als eigenständige Person.

Fazit:

5. Mose 22,28–29 beschreibt mit großer Wahrscheinlichkeit vorehelichen Sex, möglicherweise durch Verführung oder leichten Zwang, aber nicht eindeutig eine Vergewaltigung im modernen Sinn.
Es ist eine gesetzliche Regelung, die aus einer patriarchalen Gesellschaft stammt, in der weibliche Selbstbestimmung nicht berücksichtigt wurde.
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