Frage von WhoozzleBoo, 72

Würdet ihr eine im Sterben liegende Verwandte zum Abschied besuchen?

Guten Morgen. Ich habe gestern erfahren, dass meine Tante, die ihre Krankheit eigentlich schon seit längerem überwunden hatte, einen Rückfall hatte und wohl nicht mehr viel länger als eine Woche hat. Ich sehe sie eher selten, deswegen hab ich es erst jetzt erfahren. Nun liegt es ja Nahe, dass man so schnell wie möglich zu ihr fährt um sie zu besuchen. Aber ich weiß nicht, ob ich das schaffe. Ich glaube ich ertrage es nicht, sie da liegen zu sehen und zu wissen, dass es das letzte Mal ist. Ich wüsste gar nicht, wie ich mich verhalten bzw. was ich sagen soll. Ist es nicht leichter, sie als fröhlichen, lachenden Menschen in Erinnerung zu haben, so wie ich sie zuletzt gesehen habe? Es ist das erste mal, dass jemand aus meinem näheren Umfeld stirbt. Was soll ich machen? Danke :(

Antwort
von nachdenklich30, 42

Wenn mir diese Person wichtig war, würde ich sie besuchen. Es ist vielleicht die letzte Gelegenheit - und der Tod ist sehr entgültig. Danach ist keine Begegnung mehr möglich.

Wie diese Begegnung aussehen kann: Das ist vieles möglich.

  • Es kann sein, dass diese Person den kommenden Tod komplett ignoriert. Das finde ich besonders schwer. Man weiß, was kommen wird, und man kann nicht drüber sprechen. Ich finde das schade. Es wäre viel schöner, wenn man vielleicht noch einmal gemeinsam weinen könnte. Wenn man "tschüs" sagen könnte. Wenn man danke sagen könnte. Aber manchmal kann das diese Person nicht. Dann muss ich das respektieren. Aber man könnte ja fragen: "Magst Du drüber sprechen, wie es dir geht und was für dich bevor steht?" Manchmal kann diese Frage öffnen. Ich hatte schon ehrliche und schöne Gespräche. Ich hatte aber auch schon strikte Verweigerung. Das war sehr schwer. Aber ich war froh, da gewesen zu sein.
  • Es kann sein, dass diese Person sich nicht mehr äußern kann. Und dass es nicht gut aussieht. Aber das gehört zum Leben dazu. Jeder sollte sich fragen, wie das wäre, wenn man selbst da liegt: Würde man lieber allein sein wollen? Würde man sich fragen, wo die Freunde alle sind, die man hatte und warum sie nicht mehr kommen? Würde man sich über einen Besuch freuen, weil er zeigt, dass man auch in einer besch... persönlichen Lage und wenn man nicht besonders gut aussieht dennoch nicht vergessen ist? Was sollen all die schönen Worte hinterher ("Wir werden dich immer in guter Erinnerung behalten und nie vergessen"), wenn die letzten Taten in der Lebenszeit dieser Person das exakte Gegenteil ausdrückten? Wenn man sich von dieser Person distanzierte? Wenn man sie nicht mehr sehen wollte? Ich gebe zu, es kann sehr schwer sein, den Anblick einer leidenden Person auszuhalten. Und sie sehen manchmal wirklich nicht schön aus. Aber ich bin selber noch auf keinen Menschen gestoßen, dessen Anblick mich in einer solchen Situation schlimm verstört hat. Für mich kann ich sagen, dass ein solcher Anblick all die anderen guten Erinnerungen nicht auslöschen konnte. Aber ich bin auch immer mit der Ansicht heran gegangen, dass auch Schlimmes zum Leben hinzu gehören kann. Dass Menschen ihre Würde nicht nur haben, wenn sie gut aussehen, sondern auch dann behalten, wenn sie nicht gut aussehen.Auf der anderen Seite ist es gut, wenn jeder seine eigenen Grenzen respektiert. Und wenn jemand sich nicht vorstellen kann, die Situation zu ertragen, darf er diese Grenze auch ernst nehmen. Wieder auf der anderen Seite hilft uns die Liebe, mehr auszuhalten, als wir uns vorher vorstellen konnten.
  • Es kann sein, dass sich ein guter und schöner Abschied ergibt, für den du lange dankbar sein kannst. Ein gutes Gespräch... Oder Sprechen geht nicht, und man kann nur noch die Hand halten und einfach mit aushalten, was diese Person auch aushalten muss. Es kann schwer sein, und doch ein gutes Gefühl, weil man sie nicht allein gelassen hat.
  • Ich war noch ein Kind und weiß, dass meine alte Lehrerin im Sterben lag. Ich habe es nicht geschafft, sie zu besuchen. Inzwischen bin ich traurig. Ich glaube, sie hat auf mich gewartet. Diese Gelegenheit habe ich verpasst. Schade. Auch das muss man sich überlegen: Kann ich damit leben, wenn ich eine solche Gelegenheit bewusst verpasst habe?

Es ist nicht einfach. Nur Mut und alles Gute - auch falls Du Dich gegen den Besuch entscheidest...

Expertenantwort
von Kajjo, Community-Experte für Liebe, 56

Ja, es kann oft in der Tat nicht nur leichter sondern auch lebensbejahender sein, jemand fröhlich, lachend, voller Leben in Erinnerung zu behalten. Dieser Gedanke ist nicht falsch oder unmoralisch, sondern durchaus berechtigt.

Ich glaube es gibt zwei Punkte, die du bedenken solltest, die vielleicht deine Meinung ändern.

  • Erstens ist ein Abschiedsbesuch immer dann empfehlenswert, wenn es noch irgendwelche Dinge gibt, die zwischen euch nicht ausgesprochen wurden. Ein Danke für irgendwas wichtiges, eine Entschuldigung von einer der beiden Seiten, wenn jemand noch etwas klar stellen oder aussprechen möchte, z.B. wie gern du sie hattest, was sie dir bedeutet hat oder für dich getan hat. Du hast nur diese Chance und würdest es später bereuen, sie verstreichen zu lassen. Auf der anderen Seite meine ich das nicht so, dass du dir irgendwas ausdenken sollst, sondern gerade solche Momente erfordern absolute Ehrlichkeit. Wenn es nichts gibt, das auf deiner Seele brennt, dann ist ein Abschiedsbesuch vielleicht auch wirklich nicht nötig.
  • Zweitens kann es natürlich sein, dass die sterbende Person ohnehin ziemlich alleine ist oder keinen Ansprechpartner hat, der wirklich ein enges, vertrautes Verhältnis hat. Dann kann es der Anstand und die Zuneigung gebieten, für den anderen da zu sein, ihm zu zeigen, dass er nicht alleine ist und geliebt wird und in Erinnerung bleiben wird. Dies gilt natürlich nur dann, du wirklich so ein enges Verhältnis hast, dass solche Gefühle tatsächlich auf beiden Seiten gegeben sind. Im allgemeinen ist das Aufgabe der allerengsten Verwandten in bezug auf die tatsächlich gefühlte Nähe.
  • Wenn du aber kein so enges Verhältnis hast und für dich selbst klar entscheiden kannst, dass du sie lieber fröhlich in Erinnerung behältst, dann ist das absolut in Ordnung und sogar der richtige Gedanke. Lass dich nicht in Todesbettbesuche hineinquatschen, die nur grausig und kompliziert und wortlos sind.
Antwort
von pauli1OO, 30

Ich weiß das deine Frage schon seit längeren gestellt ist aber damals wo meine Mutter im Koma lag und es keine Hoffnung mehr für sie gab habe ich sie besucht ich würde dir das auch empfehlen und hoffe das du es getahn hast denn so kannst du nochmal mit ihr reden und ihr etwas erzählen auf alle Fälle wird der Abschied einfacher und du machst dir hinterher keine Vorwürfe alles gute für die Zukunft

Kommentar von WhoozzleBoo ,

Danke für deine Antwort. Sie hält immer noch durch. Sie ist stärker als erwartet und hat einen unglaublichen Lebenswillen. Für die Ärzte ist es ein kleines Wunder. Ich habe sie besucht und ich bin froh es getan zu haben und werde es auch bis zum Ende tun.

Antwort
von XC600, 49

ja natürlich ist es schwer und es wird nicht ohne Tränen abgehen aber für deine Tante ist das doch sehr wichtig zu wissen das dort noch Menschen aus der Familie sind denen sie nicht egal ist und die sie nicht vergessen haben ........... es wäre doch richtig schlimm für sie wenn jetzt gar keiner mehr zu  ihr kommt weil alle Angst haben vor dem letzten Mal ........... Abschied gehört nun mal zum Leben dazu und du solltest dich wirklich überwinden hinzugehen , der Tante zu Liebe....

Antwort
von AnnAMariA1288, 72

Hallo WhoozzieBoo,

so wie ich das verstehe, scheint dir deine Tante ja echt nahe zu stehen, sonst würdest du dir ja nicht so viele Gedanken darüber machen. Ich an deiner Stelle würde die Gelegenheit nutzen und sie noch ein letztes Mal besuchen. Wenn du es nicht tust, bereust du es vielleicht irgendwann mal. Bestimmt freut sie sich über deinen Besuch. Und es ist ja nicht so, dass deine Erinnerungen an sie als fröhlichen Menschen danach verschwinden und du dich dann an sie nur noch als kranken Menschen erinnerst. 

Ich hoffe, ich konnte dir helfen.

Viele Grüße

Antwort
von QMstudy, 48

Meine Großeltern sind nacheinander gestorben und wohnten beide mehrere Autostunden von mir entfernt.

Als mein Großvater im Sterben lag habe ich die Vorlesungen sausen lassen und bin für einen Tag zu ihm ins Krankenhaus gefahren. Die letzten Worte die er mir mit auf den Weg gab werde ich niemals vergessen.

Meine Großmutter starb ein paar Monate später während der Klausurenphase. Ich habe sie nicht mehr besucht sondern für Klausuren gelernt.

Im Nachhinein bin ich sehr traurig darüber das ich mich innerlich nicht richtig von ihr Verabschieden konnte. Jedoch behalte ich den Tod meines Großvaters in positiver Erinnerung weil wir uns im Guten verabschieden konnten.

Ich persönlich würde dir den Schmerz einer einmaligen Verabschiedung empfehlen, statt dein Leben lang diese innerliche Unruhe zu empfinden aufgrund der Tatsache das du dich nicht richtig verabschieden konntest.

Antwort
von Almuric, 46

Es geht hier nicht um deine Befindlichkeit, sondern um die deiner Tante. Wenn sie noch alles halbwegs mitbekommt, was um sie herum vorgeht und sie dir was bedeutet, solltest du dich überwinden und sie besuchen. Aus eigener Erfahrung kann ich dir sagen, daß sie sich so benehmen wird, als ob sie nicht dem Tode nah ist, und es dir leicht machen nicht daran zu denken.

Du wirst es dir später nur schwehr verzeihen, wenn du jetzt nicht hingehst. Gib dir nen Ruck und mach dich auf die Socken...

;-)

Antwort
von Akka2323, 61

Denk nicht an Dich, denk an Deine Tante. Ist sie noch bei Bewusstsein? Würde sie sich freuen, Dich noch einmal zu sehen? Entscheide dann, wenn Du das alles bedacht hast.

Antwort
von ShadowGirl999, 64

Hallo,
ich finde es kommt darauf an wie Sie aussieht, ist sie nur noch im Krankenhaus an Geräten angeschlossen und sieht blass und schwach aus würde ich nicht zu ihr fahren, denn wie du selber sagst hat man lieber einen Fröhlichen Menschen in Erinnerung!

Wenn sie jedoch noch relativ ok aussieht denke ich das sie sich freuen würde dich noch einmal zu sehen und vielleicht ein paar letzte Worte zu wechseln, klar ist das nicht leicht aber in solchen Momenten muss man sich einfach zusammenreißen und das tun was gerade für die Person am besten ist der es wirklich schlecht geht.

Antwort
von LonelyBrain, 51

Ja aufjedenfall - das haben sie verdient! Habe meine Oma damals auch besucht (mehrmals!) und ich würde es bereuen wenn ich es nicht getan hätte!

Du wirst es nicht ertragen wenn du sie nicht besucht hast. So kannst du dich verabschieden. Das wird dir helfen.

Für den moment schmerzt es - aber es gehört zum Trauern dazu Abschied zu nehmen!

Antwort
von Batheo, 49

Der Abschied fällt schwer aber aus eigener Erfahrung wirst du dir ein lebenlang Vorwürfe machen wenn du sie nicht nochmal besucht hast. Klar für einen selber ist es ein schwieriger anblick, aber für den sterbenden ist es eine Freude die Menschen nochmal zu sehen und zu wissen das man an ihn gedacht hat.

Antwort
von Kirschbluete921, 47

Ich denke auch, dass das jeder selbst entscheiden sollte. Als meine Opas im Sterben gelegen haben, habe ich sie täglich besucht. Ich finde, das ist man seinen Lieben schuldig. Natürlich muss man in dem Moment für sie stark sein, aber ich hatte das Gefühl, dass sie darüber sehr dankbar waren.

Antwort
von pauli1OO, 3

Hey habe deine Frage bereits beantwortet mich würde interessieren ob deine Tante noch lebt und wie es ihr geht da du auf meine Antwort geantwortet hast das sie tapfer ist 

Antwort
von dhammo, 28

Nimm diese Gelegenheit war, Einmal um Abschied zu nehmen von deiner dann, und dann mit einer Grund Wahrheit unserer Existenz konfrontiert zu sein. Mache dir Aber keine Gedanken vorher was du sagen solltest und was du nicht sagen solltest. Es ist eine außergewöhnliche Situation wo du vielleicht gar nichts sagen musst, sondern einfach mit deinem Herzen in Kontakt gehstn Wie das geht, wirst du sehen wenn es soweit ist. Und überlege dir einfach mal, was du dir wünschen würdest, wenn du auf deinem Sterbebett liegen würdest. Deine Tante wird sich sehr freuen Dich zu sehen. Es ist das letzte Mal vielleicht, was gibt es da zu sagen? Oder ist es mehr Ein Fühlen? Ein Zusammensein ohne etwas darstellen zu müssen, Ohne etwas sein zu müssen, Einfach in Liebe verbunden.

Antwort
von aftermath92, 53

Schwieriges Thema... Das musst du letztendlich für dich selbst entscheiden. Wenn du hinfahren solltest, würde ich es aber nicht alleine machen.

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