Frage von Implord, 66

Wie fühlen sich Mitleid und Reue an?

Neulich hatten wir im Unterricht das Thema "Gewissen" und alles was dazu so gehört. Als Aufgabe sollten wir, unter anderem, uns an ein Beispiel erinnern, als wir etwas bereut, oder jemanden bemitleidet, haben.

Nun sah ich mich mit dem Problem konfrontiert, dass ich nicht sicher bin, ob ich je irgendetwas bereut, oder jemanden bemitleidet habe.

Was Reue angeht, bin ich mir nicht sicher, wie man den Unterschied zwischen "Angst vor Strafe" und "Reue" erkennt. Ich meine, ich verstehe rein logisch, wann eine Handlung moralisch falsch war, aber fühlt es sich auch anders an?

Und bezüglich Mitleid: Ich bin ein sehr hilfsbereiter Mensch und versuche immer, anderen mit ihren Problemen zu helfen, aber ich tue diese Dinge ja eigentlich, weil mein Instinkt mir sagt, dass ein einzelner Mensch schwach ist, also helfe ich anderen, damit sie mir helfen und mich stärker machen. Außerdem mache ich es, weil ich die Gesellschaft dieser Leute schätze und ihnen mehr Gründe gebe, in meiner Nähe sein zu wollen. Ist das Mitleid oder doch nur billige, egoistische Aufmerksamkeitshascherei, wie meine Psychologen (und Freunde und Bekannte und Leute die ich für länger als 10 Minuten kenne) sie mir nachsagen?

Hilfreichste Antwort - ausgezeichnet vom Fragesteller
von Janiela, 24

Puuuhh... Reue ist manchmal mit Angst vor Strafe verbunden, aber das liegt daran, dass Gründe für beides oft zusammenfallen. Reue ist das sogenannte "schlechte Gewissen" - du fühlst dich unwohl, zweifelst an dir, denkst darüber nach, was du hättest besser machen können. Ein Beispiel für eine Situation, in der Reue, aber keine Angst vor Strafe auftreten kann, wäre, dass dich jemand nach dem Weg fragt, du es erklärst und dann erst zehn Minuten später feststellst, dass du den völlig falschen Weg erklärt hast. Vielleicht denkst du dann an die Person und fühlst dich ganz betroffen. Es tut dir leid und du möchtest die Zeit am liebsten zurückdrehen, um die Situation wieder gerade zu rücken. Eigentlich ist das das Kernelement von Reue: Dass man am liebsten etwas in der Vergangenheit anders gemacht haben möchte, weil die Resultate von dem, was man stattdessen getan hat, einen traurig machen. Vielleicht hast du schonmal jemandem etwas gesagt, was er/sie völlig in den falschen Hals bekommen hat und was ihn/sie dann sehr verletzt hat. Auch da wäre es recht wahrscheinlich, dass Reue aufkommt, denn man hat einen Schaden verursacht, den man nie beabsichtigt hatte.

Mitleid ist einfacher zu erklären: Du leidest darunter, zu sehen, dass jemand leidet. Beispielsweise gibt es zahlreiche Videos im Internet, in denen sich Menschen verletzen. Wenn dir das beim Zugucken weh tut und dir auch keinen Spaß mehr macht, das anzusehen, dann ist das wohl reines Mitleid. Wenn es dir weh tut, du es aber gleichzeitig witzig findest, ist es eine Kombination von Mitleid und Schadenfreude, die sich gegenseitig nicht unbedingt ausschließen müssen. Wenn du wütend wirst, weil du siehst, wie ein Kind, ein Tier oder ein anderes relativ hilfloses Wesen von einem erwachsenen Menschen misshandelt wird, ist das Ausdruck einer Kombination von Mitleid und Hilflosigkeit. Es tut weh, oft genug in der Brust physisch spürbar.

Ich selbst habe sicher einige Male Reue und Mitleid empfunden. Reue habe ich aber schon lange nicht mehr empfunden, weil ich schon lange stets im Einklang mit meinem guten Gewissen handle. Wenn du immer nur das machst, was mit deinem Gewissen vereinbar ist, ist es gut möglich, dass du Reue nicht kennst oder dass es schon so lange her ist, dass du dich nicht mehr daran erinnerst, wie sich das anfühlt. Mitleid wiederum empfinde ich häufiger mal, aber in den seltensten Fällen habe ich Mitleid, wenn ich anderen helfe - ganz einfach, weil ich besser helfen kann, wenn ich gerade nicht selber leide. Für Leid ist später noch genug Zeit. Außerdem setzt helfen voraus, dass ein Problem lösbar ist. Wieso sollte man unnötig für ein Problem leiden, das man lösen kann?

Bringt dich das deiner Antwort näher?

Kommentar von Implord ,

Näher auf jeden Fall, danke.

Also, ich denke, Reue habe ich tatsächlich schon empfunden. Meistenst zwar in Fällen, wo ich selbst der Leidensträger war, aber das Gefühl, man hätte in der Vergangenheit gerne etwas anders gemacht, ist mir bekannt.

Was Mitleid angeht, so finde ich diese Pannenshow-Videos eigentlich nur langweilig.

Wenn ich sehe, wie jemand Schwaches fertiggemacht wird, dann stehe ich zwar auf, aber weniger als Schmerz, den ich über das Leiden des Opfers empfinde, als aufgrund von Hass auf diesen *unehelichen Sohn (nicht das ich etwas generelles gegen uneheliche Kinder hätte, ist ja nicht ihre Schuld)*. Es macht mich einfach wütend, wenn jemand denkt er sei so viel besser, dass er andere leiden lassen dürfte.

Ich bin mir also noch immer nicht sicher, ob ich Mitleid empfinde...

Kommentar von Janiela ,

Einen Gerechtigkeitssinn hast du auf jeden Fall. Ob du Mitleid empfindest, kann ich dir natürlich auch nicht sagen. Aber vielleicht empfindest du ja sowas wie "antizipiertes Mitleid". Wenn du beispielsweise eine zynische Bemerkung runterschluckst, anstatt sie auszusprechen, weil du jemanden damit nicht verletzen möchtest -und das nicht nur, weil das negative Konsequenzen für dich hat, sondern weil es negative Konsequenzen für den/die andere/n hat- ist das wahrscheinlich auch eine Form von Mitleid. In diesem Fall würdest du durch antizipiertes Mitleid Leid verhindern und damit auch dein Mitleid verhindern. Übrigens ist Mitleid bei manchen Menschen/Situationen sehr stark ausgeprägt und bei anderen nur schwach. Es kann also auch sein, dass du bisher nur sehr schwaches Mitleid empfunden hast, was für dich unter den anderen Gefühlen (Wut, Empörung, Zorn, Schreck) nicht ins Gewicht gefallen ist. In einer schwererwiegenden Situation fällt es vielleicht ins Gewicht. Ganz ohne Mitgefühl kommt Gerechtigkeitssinn nicht aus, also wirst auch du wenigstens eine kleine Portion davon haben. Und Mitgefühl ist in einer Situation, in der andere sich nicht freuen, sondern leiden, relativ gleichbedeutend mit Mitleid.

Kommentar von Implord ,

Oh ja, ich bin bekannt dafür, meine zynischen Bemerkungen runterzuschlucken... Nun, eigentlich nicht. Tatsächlich bin ich dafür bekannt, dass ich den Punkt, an dem andere wissen, dass sie die Klappe halten sollten, mit fröhlicher Höchstgeschwindigkeit überplapper...

Antwort
von SchwarzerTee, 30

Bei beiden Begriffen geht es darum, dass Du Dich in die Gefühle des anderen Menschen hineinversetzt.

Was dann daraus folgt, ist ein zweiter Schritt.

Helfen kann man auch aus einem Konglomerat an Gründen. Da können sowohl altruistische als auch ichbezogene Gesichtspunkte eine Rolle spielen.

Kommentar von Implord ,

Wenn es um das Nachvollziehen der Gefühle andere geht, kann ich dann als Autist, der Probleme genau dabei hat, überhaupt solche Sachen empfinden?

Kommentar von SchwarzerTee ,

Mit Autismus kenne ich mich nicht aus. Wenn Du diese Gefühle nicht nachempfinden kannst, so versuche es über die Verstandes-Schiene, lies also über die Gefühle. Sowohl Sachtexte als auch zum Beispiel Gedichte.

Vielleicht gibt es auch Bücher oder Internetseiten, in denen Gefühle speziell für Autisten beschrieben sind?

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