Solon - Retter des Adels oder Verräter des Volkes?

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2 Antworten

Für den wirklichen Sachverhalt sind beide Einschätzungen („Retter des Adels“ und „Verräter des Volkes“) nicht passend. Solon hat einen Weg des Kompromisses eingeschlagen. Rettung und Bewahrung kann einerseits auf Verschuldete, denen Verlust ihres Landbesitzes drohte (vor allem Kleinbauern), und in Schuldsklaverei/Schuldknechtschaft Geratene bezogen werden, andererseits auf Volk bzw. Staat der Athener ingesamt.

Solon hat eine Lösung für eine Agrarkrise gefunden, die zu einem scharfen Gegensatz zwischen Leuten aus dem Adel (vornehme und reiche Oberschicht) und Leuten aus dem einfachen und armen Volk geführt hatte.

Es gab daneben Leute (offenbar auch aus dem Adel), die sich keiner dieser beiden Gruppierungen in diesem Konflikt angeschlossen hatten. Solon hatte anscheinend Unterstützer aus dem Adel. Der Machtkampf einzelner miteinander rivalisierender Adligen, denen Freundesgruppen halfen, konnte als schlecht und schädlich beurteilt werden, ebenso überhebliches und habgieriges Verhalten, das scharfe soziale Konflikte bewirkte. Adlige konnten eine Vorherrschaft einer einzelnen Adelsgruppe oder die Möglichkeit eines Adligen der mit Unterstützung auch aus den Reihen der Armen eine Tyrannis errichtet, als Bedrohung empfinden.

Solon war ein Adliger, wenn auch einer ohne riesiges Vermögen. Von ihm wird berichtet, Handel betrieben zu haben.

Solon wurde in einer Krisensituation im frühen 6. Jahrhundert v. Chr. in Athen zum Vermittler/Schlichter (διαλλακτής; Wieder-Ins-Lot-Bringer) und Gesetzgeber (νομοθέτης) bestimmt, in der Rolle eines Schiedsrichters (αἰσυμνητήρ und αἰσυμνήτης).

Solon hat sich als jemand verstanden, der eine ausgewogene Ordnung schuf, allen die ihnen zustehenden Rechte gab, aber nicht mehr, ein Mittler zwischen Vornehmen und Reichen (dem Adel) und dem einfachen Volk/den Armen, beide Seiten schützend und an Überheblichkeit und Zügellosigkeit hindernd. Seine Leitvorstellung war die Eunomia (εὐνομία; Wohlordnung, gute Ordnung).


In der Überlieferung wird Solon überwiegend gut beurteilt, als anständig, maßvoll, ein unparteiischer Vermittler, der unter den damaligen Umständen tragfähige Maßnahmen anstrebte. Er wurde zu den «Sieben Weisen» gezählt. Zum Teil galt er später sogar als Begründer der Demokratie in Athen, obwohl er keine demokratische Ordnung schuf und Gleichheit im Sinne eines genau gleichen Anteils für alle ablehnte. Tatsächlich kann er nur als Wegbereiter eingestuft werden, der in die Vorgeschichte der athenischen Demokratie gehört.

Von Solon sind durch Zitierung seine Gedichte teilweise erhalten und eine besonders wertvolle Quelle. Andere Quellen sind aus deutlich späterer Zeit. Quellenkritisch ist die Frage zu stellen, ob sie außer Solons Gedichten zuverlässige Überlieferung zur Verfügung hatten, ob sie ein Schema eines sozialen Gegensatzes zwischen Reichen und Armen aus ihrer eigenen Zeit in die Vergangenheit zurückprojiziert haben und ob sie sie aus Versen Solons manchmal überzogene Schlüsse gezogen haben (z. B. aus einer Selbstdarstellung, die betont, seinen Auftrag auf Vermittlung erfüllt und richtig gehandelt zu haben, eine Verteidigung gegen tatsächliche heftige Vorwürfe vieler Leute folgert).

Solon hat die Versklavung aufgrund von Schuldknechtschaft abgeschafft (Verbot dieser Form des Zugriffsrechts auf Person des zahlungsunfähigen Schuldners). Es gab eine allgemeine Schuldentilgung, als „Lastenabschüttelung“ (Seisachtheia [σεισάχθεια]) bezeichnet (von Solon als Befreiung von Abhängigen aus schmachvoller Knechtschaft verstanden). Solon hat nach der Überlieferung auch in andere Länder als Sklaven verkaufte Athener loskaufen lassen (Freikauf). Flüchtige Schuldner bekamen eine straflose Rückkehrmöglichkeit (durch eine Amnestie).#

Es gab eine ziemlich weitgehende Beibehaltung der Besitzverhältnisse. Die adligen Großgrundbesitzer behielten ihr eigenes Land, es gab keine völlige Umverteilung (γῆς ἀναδασμός [ges anadasmos], „Verteilung des Landes/der Erde“ ist ein Schlagwort der antiken Griechen gewesen).

Solon hat keine allgemeine Gleichheit der Lebensverhältnisse, Lebensweise und der politischen Rechte eingeführt.

Die Verfassung Solons hat politische Rechte (darunter Zugang zu Ämtern und Wahlrecht für verschiedene Einrichtungen) und Pflichten nach Vermögensklassen abgestuft, also nach Menge des Einkommens/Besitzes festgelegt.

Eine Behauptung eines Einzelnen (Phanias von der Insel Lesbos), Solon habe zur Rettung des Statates heimlich beiden Seiten entgegensetzte Versprechen (den Armen auf Verteilung, den Reichen auf Bestätigung ihrer Schuldenforderungen) auf Erfüllung gegeben (Plutarch, Solon 14, 1), ist nicht glaubwürdig.

Es ist erzählt worden (Aristoteles, Athenaion Politeia 6, 2 – 3; Plutarch, Solon 15, 6 – 7), adlige Freunde Solons hätten, als dieser ihnen im Vertrauen Pläne einer Schuldeltilgung mitteilte, viel Geld geborgt, damit große Ländereien gekauft und ihn so überlistet. Zum Teil ist ihm sogar vorgeworfen, dies selbst getan zu haben. Dies gilt aber als falsche Verleumdung. Solon habe auf 5 Talente (oder sogar 15 Talente) verzichtet.Vielleicht ist sogar die ganze Erzählung darüber erfunden.

Es gibt Aussagen, Solon, habe einerseits die Reichen verärgert/betrübt, weil er ihre Schuldenforderungen wegnahm/beseitigte und einiges an der politischen Ordnung veränderte, andererseits noch mehr die Armen, weil er keine Landverteilung durchführte und nicht alle gleich machte (Aristoteles, Athenaion Politeia 11, 2; 12, 3; 13, 3; Aristoteles, Athenaion Politeia 12, 5 deutet Verse als Tadel für Unzufriedenheit beider Seiten; Plutarch, Solon 16, 1 – 2).

Naheliegend ist die Annahme, nicht alle häten Solons Maßnahmen begeistert zugestimmt (Solon, Fragment 7; 29 b; 30; 31 Gentili/Prato = 5; 34; 36; 37 West erwecken einen solchen Eindruck).

Beide Konfliktgruppierungen sind nicht durch eine völlige Erfüllung ihrer Wünsche bzw. Forderungen ganz zufriedengestellt worden (was ja auch nicht gut möglich war; und realistisch konnte nicht erwartet werden, Solon werde Maximalforderungen einer Konfliktseite umsetzen). Andererseits haben sie nach Plutarch, Solon 16, 3 bald die Vorteile der Lösung Solons erkannt. Für die Folgezeit sind keine Versuche überliefert, Solons Maßnahmen und Gesetze wieder rückgängig zu machen und abzuschaffen. Bei Auseinandersetzungen handelt es sich um Machtkämpfe einzelner Adliger gegeneinander.

Aristoteles, Athenaion Politeia 11, 2

Aristoteles, Staat der Athener. Übersetzt und eingeleitet von Mortimer
Chambers. Berlin : Akademieverlag, 1990 (Aristoteles, Werke in deutscher
Übersetzung ; Band 10, Teil 1),S. 19 – 20:

„Gleichzeitig geschah es, daß viele der Adligen ihm zu Feinden geworden waren wegen der Schuldentilgung und daß beide Parteien ihre Meinung über ihn geändert hatten, weil die neue Ordnung ihren Erwartungen nicht entsprach. Denn das Volk hatte geglaubt, er werde alles neu verteilen, und die Adligen, er werde alles in dieselbe Ordnung wie früher bringen oder nur wenig ändern. Aber Solon widersprach beiden Parteien und zog es, obwohl er die Möglichkeit hatte, sich der Gruppe seiner Wahl anzuschließen und als Tyrann zu herrschen, vor, sich bei beiden Parteien unbeliebt zu machen, indem er sein Land rettete und die bestmöglichen gesetze erließ.“

Aristoteles, Athenaion Politeia 12, 3

Aristoteles, Staat der Athener. Übersetzt und eingeleitet von Mortimer Chambers. Berlin : Akademieverlag, 1990 (Aristoteles, Werke in deutscher Übersetzung ; Band 10, Teil 1), S. 20:

„Irgendwo an anderer Stelle wieder redet er über diejenigen, die das Land verteilen wollen:

„Die aber zum Raub kamen, hatten übertriebene Hoffnung:

Jeder von ihnen glaubte, er werde großen Reichtum erlangen,

und ich würde, mit glatten Worten schmeichelnd, einen grausamen Sinn enthüllen.

Töricht waren damals ihre Gedanken, und jetzt, wütend auf mich,

sehen mich alle mit schrägen Augen an, als wäre ich ihr Feind.

Unrecht ist dies; denn was ich versprach, vollbrachte ich mit Hilfe der Götter.

Anderes versuchte ich nicht vergebens zu erreichen,

auch freut es mich nicht, etwas durch die Gewalt des Tyrannen zu leisten,

auch nicht, daß die Edlen den gleichen Anteil an der ertragreichen Erde des Vaterlandes wie die Schlechten besitzen sollen.““

Aristoteles, Athenaion Politeia 13, 3

Aristoteles, Staat der Athener. Übersetzt und eingeleitet von Mortimer Chambers. Berlin : Akademieverlag, 1990 (Aristoteles, Werke in deutscher Übersetzung ; Band 10, Teil 1), S. 22:

„Im allgemeinen litten sie weiterhin unter der innenpolitischen Unruhe, einige hatten als Anlaß und Vorwand (ihrer Unzufriedenheit) die Schuldentilgung, andere waren über die politische Ordnung verärgert, da sich ein radikaler Wandel vollzogen hatte, und einige aus gegenseitigem Parteienhaß.“

Plutarch, Solon 14, 1- 4

Plutarch, Große Griechen und Römer. Band 1. Eingeleitet und übersetzt von Konrat Ziegler. Übersetzung der Biographie des Themistokles von Walter Wuhrmann. Zürich ; Stuttgart : Artemis-Verlag, 1954 (Die Bibliothek der Alten Welt : Griechische Reihe), S. 225:

„Jetzt wandten sich die einsichtsvollsten Athener, da sie sahen, daß Solon allein oder doch am ehesten außerhalb des Streites stand, weder teilhatte an der Ungerechtigkeit der Reichen noch von der Not der Armen mit ergriffen war, an ihn mit der Bitte, dem gemeinen Wohl zu Hilfe zu kommen und den Zwistigkeiten ein Ende zu machen. Phanias von Lesbos erzählt allerdings, Solon habe, um den Staat zu retten, beide Parteien hinters Licht geführt, den Armen heimlich die Aufteilung des Landes und den Geldleuten die Aufrechterhaltung ihrer Forderungen versprochen. Solon selbst aber sagt, er sei anfänglich nur zögernd an seine politische Aufgabe herangegangen, aus Furcht vor der Habsucht der einen und dem übermütigen Trotz der anderen. So wurde er nach Philombrotas zugleich zum Archon, zum Schiedsrichter und zum Gesetzgeber gewählt, und die Reichen schenkten ihm als begütertem, die Armen als rechtschaffenem Manne ihr Vertrauen. Auch soll ein früher von ihm getaner Ausspruch, der im Umlauf war, Gleichheit führe zu keinem Streit, sowohl bei den Besitzenden wie bei den Besitzlosen Beifall gefunden haben, weil die einen erwarteten, daß ihnen nach Würde und Tüchtigkeit, die anderen, daß ihnen nach Maß und Zahl das gleiche zuteil werden würde. Da so beide Parteien große Hoffnungen hegten, setzten ihre Führer Solon zu, boten ihm ihre Hilfe an, wenn er sich zum Tyrannen aufwerfen wolle, und redeten ihm zu, mutig ans Werk zu gehen und sich zum Herrn der Stadt zu machen. Auch viele der zwischen den beiden Parteien stehenden Bürger waren in der Erkenntnis, daß die Herbeiführung eines Wandels nur durch Wort und Gesetz allzu mühevoll und schwierig sein würde, nicht abgeneigt, einem, und zwar dem gerechtesten und verständigsten Manne, die Macht in die Hand zu geben.“

Plutarch, Solon 16, 1 - 3

Plutarch, Große Griechen und Römer. Band 1. Eingeleitet und übersetzt von Konrat Ziegler. Übersetzung der Biographie des Themistokles von Walter Wuhrmann. Zürich ; Stuttgart : Artemis-Verlag, 1954 (Die Bibliothek der Alten Welt : Griechische Reihe), S. 229 - 230:

„Doch er machte es hiermit beiden Parteien nicht recht, sondern er kränkte die Reichen durch die Aufhebung der Schulden und noch mehr die Armen dadurch, daß er die erhoffte Landaufteilung nicht vornahm und nicht wie Lykurg alle in ihrem Vermögen gleichmachte. Aber Lykurg stammte im elften Gliede von Herakles, hatte viele Jahre als König über Lakedaimon geherrscht, besaß großes Ansehen, Freunde und eine Macht, die er seinen fruchtbaren politischen Plänen dienstbar machen konnte, und hatte mehr durch Anwendung von Gewalt als durch Überredung - sodaß ihm sogar ein Auge ausgeschlagen wurde - das Höchste erreicht, was es für den Bestand und die Eintracht in einem Staate gibt: daß es keinen Armen und keinen Reichen unter den Bürgern gab. Solon konnte mit seiner Politik dies nicht erreichen, da er ja nur einer aus dem Volk und von mittlerem Stande war, aber was er irgend mit der ihm zu Gebote stehenden Macht erreichen konnte, das erreichte er, fußend allein auf seinem klugen Rat und dem Vertrauen, das ihm die Bürger entgegenbrachten. Daß er das Mißfallen der meisten erregte, die anderes erwartet hatten, das hat er selbst ausgesprochen, wenn er von ihnen sagt:

«Damals schwellt' sie eitles Hoffen, jetzt sind alle sie erzürnt,

Sehn auf mich mit scheelen Blicken, gleich als wäre ich ihr Feind.»

Dabei sagt er, wenn ein anderer die gleiche Macht gehabt hätte, so hätte er

«beschwichtigt nicht das Volk und eher nicht gerastet,

als bis er schüttelnd abgeschöpft den fetten Rahm.»

Bald jedoch spürten die Athener den Nutzen, ließen von den gegenseitigen Beschimpfungen ab und feierten ein gemeinsames Opferfest, das sie Lastenabschüttelungsfest nannten, und ernannten Solon zum Reformator des Staates und Gesetzgeber, indem sie ihm nicht Teilvollmachten, sondern eine Generalvollmacht über alles erteilten, über Behörden, Volksversammlungen, Gerichte, Ratsversammlungen, daß er also über die Vermögensklasse, die zum Zutritt in ein Amt berechtigte, über die Zahl der Mitglieder und die Zeiten der Zusammenkünfte bestimmen sollte mit dem Recht, nach seinem Ermessen vorhandene und bestehende Einrichtungen aufzuheben oder zu bestätigen.“

Jochen Bleicken, Die athenische Demokratie. 2., völlig überarbeitete und wesentlich erweiterte Auflage. Paderborn ; München ; Wien ; Zürich : Schöningh, 1994, S. 22:

„Solon, selbst ein Adliger, wenn auch ohne großes Vermögen, löste die Aufgabe im Sinne eines Mittlers zwischen den Parteiungen; in seinen Gedichten hat er viele Male diese seine Rolle als die über den Streitenden stehende Instanz beschrieben, die jeder Seite das ihr Zukommende zu mißt.“

„Da er aber wußte – und auch das wird durch ihn selbst vielfach bezeugt - , daß der mittlere Weg beide Lager wenig befriedigen würde, hat er die Menschen in Athen mittels seiner Gesetzgebung auf den vielfältigsten Gebieten auch zu einem Bewußtsein der Einheit und Zusammengehörigkeit bringen und ihnen so ein Gefühl der Verantwortlichkeit für das Ganze geben wollen.“

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