Pro Kontra Deutschlandlied?

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5 Antworten

Es ist richtig und sollte auch nicht geändert werden, dass in Deutschland für Deutschland die 3. Strophe gesungen wird. Und dies ist heute auch vollkommen ausreichend.

Im Mai 1952 wurde die 3. Strophe offiziell zur Nationalhymne der Bundesrepublik Deutschland und noch einmal für das wiedervereinigte Deuschland duch das Bundesgesetzblatt vom 29. November 1991.

Vorher wurde am Weimarer Verfassungstag des Jahres 1922, dem 11. August, das ganze Lied der Deutschen vom ersten Reichspräsidenten Friedrich Ebert (SPD) zur Nationalhymne bestimmt. Zur Zeit des Nationalsozialismus (1933–1945) wurde nur noch die erste Strophe gesungen, auf die das nationalsozialistische Horst-Wessel-Lied folgte.

Wie jedes Gedicht und jedes Lied muss auch dieses im zeitgeschichtlichen Entstehungsrahmen gesehen werden und aus dieser damaligen Sicht interpretiert werden.

Dieses Lied ist aus politischen Gründen, der Verfasser hätte wegen staatsfeindlicher Gedanken verhaftet werden können, nicht in deutschen Landen verfasst worden. Deutschland gab es weder als Staat noch als einheitliche Gemeinschaft.  

In "Deutschland" konnten die Menschen damals von Werten wie Freiheit oder Recht nur träumen. Genau das aber tat Hoffmann von Fallersleben. Ähnlich wie viele fortschrittliche Geister sehnte er die Überwindung von Willkür und Feudalherrschaft der zahllosen Fürsten herbei: ein einiges, demokratisches Deutschland. Diese Träume diskutierte er auf Helgoland mit Gleichgesinnten. Auf einer Klippe der Nordseeinsel sitzend schrieb von Fallersleben das "Lied der Deutschen" auf. Er unterlegte dem Text die Melodie des "Kaiserquartetts" von Joseph Haydn. Aus einer Zeit, in der es eine deutsche Einheit gab.

Die Idee von einem einheitlichen Deutschland machte die Fürsten (mit ihrer Macht) überflüssig. Der Ruf nach Recht bedrohte ihr Feudalsystem, der Ruf nach Freiheit gefährdete ihre Macht. Nur ein Jahr nach dem Verfassen des Deutschlandliedes auf Helgoland wurde von Fallersleben kurzerhand und ohne weitere Bezüge seines Lehrstuhls an der Uni Breslau enthoben. aus: http://www.ndr.de/kultur/geschichte/chronologie/Das-Deutschlandlied-ein-Lied-mit-Geschichte-,liedderdeutschen100.html

Dies (s.o. Einigkeit, Recht, Freiheit)  ist die Idee dieses Liedes. August Heinrich Hoffmann von Fallersleben "dachte nie, dass Deutschland überlegen sei. Er hatte stattdessen die Vision eines geeinten und fortschrittlichen Nationalstaats mit Bürgerrechten." http://www.ndr.de/kultur/geschichte/175-Jahre-Deutschland-Lied-Murmeln-im-Glanze,hymne160.html

Es geht nicht darum, dass Deutschland besser ist - wie es die Nationalsozialisten interpretierten - sondern das ein geeintes Deutschland, sowie auch die Franzosen einen Nationalstaat haben, besser ist, also über allem steht, d.h. über den Fürsten und Kleinstaaten und ihren einzelnen Interessen. Es ging um die jahrelang ungelöste Frage - der damaligen Zeit! - Was ist deutsches Vaterland? Es geht um innenpolitische Reformen und nationale Einheit. Die unzähligen Staaten etc. des Deutschen Bundes behielten ihre Souveränität und handelten in ihrem eigenen Sinne.
Vor dem Inkrafttreten des Bürgerlichen Gesetzbuchs zum 1. Januar 1900
herrschte auf dem Gebiet des 1871 gegründeten Deutschen Reichs Rechtszersplitterung

Heute sind Einigkeit und Recht und Freiheit. Für das deutsche Vaterland! erreicht und sind des Glückes Unterpfand nach dem eine Teilung von deutschen Landen erneut und friedlich Brüderlich mit Herz und Hand! überwunden werden konnte.

Heute sind diese Werte für uns selbstverständlich. Ein Blick auf die Welt läßt erkennen, dass auch heute nicht alle Staaten und Völker mit diesen Werten leben dürfen.

Wer heute die besungenen Grenzen fordert, hat nicht den Sinn des Liedes verstanden.

Grüße seniorix

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Kommentar von Max22x23
18.11.2016, 19:53

Hallo seniorix,

vielen Dank für deine ausführliche Antwort. Sie war sehr hilfreich!

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In der ersten Strophe wird Deutschland zwischen Maas und Memel und zwischen Etsch und Belt beschrieben. Das stimmt nicht mehr.

Man könnte gutwillig die Maas vertreten, die liegt nahe bei Jülich und den Belt, wenn man den Fehmarn-Belt meint. Ebenso die Etsch, wenn man das deutsche Sprachgebiet meint. Aber die Memel ist nun wirklich weit entfernt in Litauen.

Schlimmer ist die Bemerkung "Deutschland über alles". Das wird immer als überheblich angesehen.

Fazit: die erste Strophe taugt nicht mehr.

Wozu auch. Die dritte Strophe hat einen sehr schönen Text. Was will man mehr, als dass Deutschland blühe im Glanze des Glückes von Einigkeit und Recht und Freiheit.

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Die erste Strophe nimmt Bezug auf eine deutsche Grenze, die es schon lange nicht mehr gibt. Insofern könnte das Absingen dieses Textes in einigen Leuten Ideen wecken, die unrealistisch und gefährlich sind.

In der zweiten Strophe steht, dass "deutsche Frauen, deutsche Treue" etc. in der Welt ihren "alten schönen Klang" behalten sollen. Diesen "alten schönen Klang" gibt es aber spätestens seit dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr.

Ich bin sicher kein Linker, trotzdem reicht die dritte Strophe meiner Meinung nach völlig aus.

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Hei, Max22x23, gegen das Lied der Deutschen sprach, dass der Text weit über die Realität der tatsächlichen Grenzen hinauszielt und deshalb im Ausland als immer noch und wieder existierender Expansionsdrang der Deutschen bewertet wurde: Maas, Memel, Etsch sind schon lange nicht mehr unser.

Hinzu kam, dass auch die Zeile "Deutschland über alles in der Welt" als Beweis für  deutschen Chauvinismus angesehen wurde ~~~ Herrenmenschen, die nach wie vor von Weltbeherrschung träumen...

Besonders während der zwölf tausend Jahre des Nazi-Reichs stießen die Strophen übel auf in der Welt.

Aber: Sie sind - historisch gesehen - Ausdruck für das Streben der Deutschen nach Einheit, Frieden, Recht und Freiheit ~~~ die napoleonische Besetzung und die Freiheitskriege lagen noch nicht lange zurück, als das Lied entstand. und die Deutschen waren der Zersplitterung Deutschlands in Dutzende von Staaten und Stätchen überdrüssig. Diesem Streben nach Einheit gab 1949, als auf deutschem Boden zwei Staaten entstanden und große Teile besetzt waren, das Lied eine Stimme.

Es vereint also Tradition mit dem, was wir heute bitter nötig haben: Einigkeit, Recht und Freiheit.

Auch die DDR-Hymne mit der gleichen Melodie, hätte nach der Wiedervereinigung Deutschland gut gestanden. Das Luther-Lied "Wach auf, wach auf, du deutsches Land, du hast genug geschlafen..." war 1949 als Hymne der Bundesrepublik vorgeschlagen worden und hätte damals wie heute gut in die Zeit gepasst.

Und so. Grüße!

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Kommentar von Max22x23
18.11.2016, 18:16

Nabend Zehnvorzwei, 
vielen Dank für deine ausführliche Antwort. Sie war sehr hilfreich!

LG

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Kommentar von earnest
18.11.2016, 18:57

Anders als vielleicht Du(?) bin ich mit der dritten Strophe sehr zufrieden. Auch die Melodie gefällt mir.

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Gibt es da ein "Pro" für die erste Strophe?

Außer für die extreme Rechte hierzulande?

(Und ich dachte, das Thema sei schon lange gegessen.)

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