Karate Philosophie: den schwarzen Gürtel eines anderen darf man nicht anfassen?

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2 Antworten

Ich teile die Ansicht von OnkelSchorsch: Übertriebene Mystifizierung  wird im Bereich von Budo und Kampfsport gerne betrieben, ist aber überflüssig.

Ausgerechnet einer der klischeehaftesten Filme fasst es ganz gut zusammen:

  • Daniel: "Hey, welchen Gürtel haben Sie?"
  • Mr. Miyagi: "Canvas. J.C. Penney. 3.98 Dollar. Gefällt er dir?
  • Daniel: Nein, ich meine..."
  • Mr. Miyagi: "Auf Okinawa, Gürtel bedeutet, kein Seil für das Halten der Hose zu brauchen".

Alter Film, alte Stereotypen, aber sehr treffend formuliert. ;-)

Diese Herausstellung von "Schwarzgurten" gibt es aber nicht nur im Karate.

In den meisten Stilen des Aikido gibt es zwar keine farbigen Gürtel,  allerdings dient dort der schwarze Hakama, eine Art Hosenrock, als Auszeichnung für die Danträger und unterscheidet sie von den Kyu-Graden.

Meister Ueshiba, der Begründer des Aikido, betrachtete den Hakama allerdings einfach als Teil der traditionellen Kleidung und erwartete, dass alle seine Schüler, unabhängig von ihrer Graduierung, einen Hakama trugen.

Es gehörte sich aus seiner Sicht einfach, "ordentlich angezogen" zum Training zu kommen. Eine Aussagekraft hatte der Hakama also ursprünglich nicht.

Die ehrfurchtsvollen Handhabung, die dieses Kleidungsstück heute genießt, hat damit natürlich wenig zu tun.

Noch etwas zur Graduierung:

Das System von Kyu und Dan-Graden wurde in der heutigen Form erst von Jigoro Kano, dem Begründer des modernen Judo in den 1880ern eingeführt.

Es wurde dann recht schnell von Gendai Budo (modernen Kampfkünsten) und Wettkampfsportarten in der einen oder anderen abgewandelten Form
übernommen.

In den alten Schulen der Kriegskünste (Koryu) gibt es weder das Gürtelsystem noch die damit verbundenen Kyu/Dan-Grade.

Geht man in einem entsprechenden Dojo zum Training, wird man vergeblich nach einer Kennzeichnung für den Kenntnisstand der Übenden suchen.

Stattdessen wird in den alten Stilen das so genannte Menkyo-System genutzt, bei dem der individuelle Kenntnisstand des Schülers durch geschriebene Lizenzen (Menkyo) dokumentiert wurde.

Die wichtigste Auszeichnung ist dabei das "Menkyo Kaiden", die Lizenz, die bestätigte, das man alle Aspekte der Kunst erlernt hatte. Sie war damit gleichzeitig eine Art Lehrbefugnis.

Das Menkyo richtete sich nicht nach Zeiträumen, also zB eine Prüfung pro Jahr, sondern nach den Fähigkeiten des Schülers.

Es war also in der Theorie durchaus möglich, dass jemand der
vergleichsweise neu dabei war, aufgrund seiner Fähigkeiten ein erstes Menkyo erhielt, während ältere Schüler mit weniger Talent diese später erhielten.

Der schwarze Gürtel

Der 1. Dan besagt letztlich eines: Man hat die Grundlagen gelernt, die notwendig sind, um mit dem tatsächlichen Training beginnen zu können.

Wer nicht weiß wie man richtig steht, geht, atmet und die grundlegenden Techniken beherrscht, kann gar keine Fortschritte machen.

Somit ist letztlich alles vor dem 1. Dan eine Vorbereitung, um die Grundlagen zu schaffen, damit man das Training überhaupt aufnehmen kann.

De Kyu-Grade sind lediglich "der Anfang vor dem Beginn".

Wer dieses Prinzip nicht kennt und von der scheinbaren Magie des schwarzen Gürtels bezaubert ist, wird häufig überrascht, dass in Japan schon kleine Kinder einen schwarzen Gürtel tragen.

Ist man mit dem Konzept vertraut, scheint es nur logisch, dass jemand der den Kindergarten abgeschlossen hat und zum ersten Grundschultag geht, eine Schultüte bekommt - oder eben einen schwarzen Gürtel.

Die Bedeutung der Meisterschaft

Ein Meister der Kampfkunst beherrscht natürlich seine Techniken - so wie ein Handwerksmeister sein Handwerk beherrscht.

Meisterschaft wird im Kontext des Budo aber meist damit erklärt, dass es nicht um technische Perfektion, sondern um die Meisterung der eigenen Persönlichkeit, der Stärken und Schwächen, ja letztlich um die Meisterschaft des ganzen Lebens geht.

Man mag das jetzt übertrieben philosophisch formuliert finden, es sollte aber dennoch eines deutlich machen:

Meisterschaft ist niemals von einem äußeren Kennzeichen abhängig - weder Zertifikate, Pokale, noch Gürtel. Selbst wenn all diese Dinge verloren gingen, würde es den Menschen nicht um seine Erfahrung und Integrität berauben.

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Kommentar von Enzylexikon
11.12.2016, 14:42

Vielen Dank für den Stern. :-)

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Ersten heißt es Sensei. Zweitens heißt es ohnehin eher Trainer. Ich persönlich bevorzuge den Ausdruck Vorturner. :-)

Drittens ist das Quatsch. Ein "schwarzer Gürtel" besagt gar nichts. Oder, genauer, nicht mehr, als dass zum Beispiel ein 1. Dan die allerersten Anfängerhürden überwunden hat und jetzt jemand mit fundierten Anfängerkenntnissen ist. Ansonsten ist ein Gürtel ein Ding, mit dem die Jacke zugebunden wird, mehr nicht.

Wer sich in derlei Kinkerlitzchen verliert, hat das mit dem Budo noch lange nicht begriffen. Oft sind es aber gerade solche Leute, die sich als "Sensei" (oder sogar falsch als 'Sensai') anreden lassen, vielleicht sogar so ein Schildchen an der Jacke aufgenäht haben. Damit man auch weiß, wer Anfänger und wer Trainer ist. :-)

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Kommentar von feuerkatz
07.08.2016, 12:19

Ok zu seiner Verteidigung.. das mit dem Sensei habe ich geschrieben und dann auch noch gleich falsch. Er lässt sich nicht als solches ansprechen. Es war einfach nur ein nettes Gespräch das mich neugierig gemacht hat. Er hat ganz normal gesprochen mit mir weder angeberisch noch sonst etwas. Ich möchte nicht dass hier ein falsches Bild entsteht

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