Eine ausgezeichnete Frage, die sich wirklich nicht jeder stellt. Erst einmal zu erkennen, daß hier ein Rätsel verborgen ist und daß dieses eben nicht so einfach zu beantworten ist, zeugt von einem kreativen Geist.

Das Problem: Man fertige sich mal eine Raute an (also ein Quadrat das auf der Spitze steht) und färbe die Ecken ein: die obere Ecke=Rot, die untere Ecke=schwarz, die linke Ecke=gelb und die rechte Ecke=grün eingefärbt. Mit dieser Raute (z.B. aus Pappe) stelle man sich vor einen Spiegel. Nun ignoriere man sehr angestrengt die Kenntnis von sich selbst und vom Spiegel und tue einfach mal so als sei das virtuelle Bild im Spiegel ein Bild der Realität hinter der Ebene des Spiegels und dort hinten stehe Jemand der einem eine an den Ecken eingefärbte Raute vor die Nase hält. Nun ordne man den Ecken der Raute (und zwar so als stände man selber im virtuellen Bild des Spiegels) wieder die Farben zu. Man erhält dann: obere Ecke=rot, untere Ecke=schwarz, linke Ecke=grün und rechte Ecke=gelb.

Wenn man sich jener farblich markierten Raute im Spiegel gegenübersteht und das mit der Erkenntnis, das es sich um ein Spiegelbild (also virtuelles Bild) handelt, so ist man auch ohne direkte Sicht auf die Raute in der Lage dem realen Objekt 'Raute' und ihren Ecken die richtigen Farben zuzuordnen. Fehlt einem aber die Erkenntnis der Virtualität des Spiegelbildes und man nimmt jenes virtuelle Spiegelbild als real an, so werden die Seiten links und rechts vertauscht, aber oben und unten bleiben interessanter Weise korrekt zugeordnet. Eigentlich müßte doch auch die Schrift eines Buches, das man im Spiegel betrachtet nicht nur von rechts nach links sondern auch noch von unten nach oben zu lesen sein (ist doch logisch, oder?!). Offensichtlich gilt aber in der Wahrnehmung für die horizontale Ebene was anderes als für die Vertikale!

Die Lösung: Entscheidend ist hier das Instrument der Wahrnehmung und dessen Verarbeitung: Augen und Gehirn. Physikalisch oder sagen wir geometrisch sind beide Ebenen, die vertikale und die horizontale Ebene gleichwertig. Also was für rechts und links gilt müsste auch für oben und unten gelten und umgekehrt. Unser Gehirn hat aber im Laufe unseres Lebens gelernt die Bilder der Umwelt in oben und unten und links und rechts zu ordnen. Hierbei wird es u.a. unterstützt durch unser Gleichgewichtsorgan, welches Beschleunigungen in den drei Raumebenen wahrnimmt, durch Messungen von Gelenkstellungen, Druckrezeptoren in der Haut etc. etc. (im Wesentlichen Meßsystemen zur Erfassung von Schwerkraftauswirkungen) Unser Gehirn wird also im Verlauf seiner Entwicklung in der Verarbeitung der Wahrnehmung zu Realitäten geschult - und zwar so, das es zweckmäßig ist. Alle Objekte die unserer Wahrnehmung zugänglich sind erhalten außerdem noch semantische Werte (z.B. der Himmel ist oben und die Erde ist unten!). Somit erhält jede optische Wahrnehmung einen räumlichen und semantischen(!) Wert. Z.b. wenn im Rückspiegel des Autos man die Ziffern auf den Nummernschildern 'auf links gedreht´(oder quasi von hinten) sieht; will man das Kennzeichen dann lesen liest man die Ziffern entsprechend ihrer semantischen Orientierung von rechts nach links (weil man ja weiß wie ein Nummernschild in der Regel aussieht, obwohl man von rechts nach links lesen wird) und hat dabei keine Probleme mit oben und unten weil eben klar ist das ein Auto auf der Straße fährt und damit die Reifen 'unten' sind und das Dach des Autos 'oben'.

Die räumliche Orientierung eines Objekts in 'oben und unten' kann unser Gehirn relativ einfach mit Hilfe der eigenen Schwerkraftwahrnehmung erfassen. Die Schwerkraft wirkt halt immer in die eine Richtung - nach unten, ob es sich dabei nun um ein virtuelles Spiegelbild oder ein 'wahre' optische Wahrnehmung handelt. 'Rechts und links' sind dagegen semantische Werte die keiner unmittelbaren Wahrnehmung eines Kraftphänomenes (wie z.B. der Schwerkraft) unterliegen. Ein semantischer Wechsel der Seiten links und rechts in einem virtuellen Spiegelbild läst das Gehirn gewähren und kann diesen als solchen auch problemlos interpretieren, einen Wechsel von ‚Oben’ nach ‚Unten’ dahingegen nicht.

PS: Interessant ist doch: was würde ein einäugiger im All geborener Astronaut, der niemals vorher Schwerkraft gefühlt hatte, in einem Spiegel sehen, wenn er diesem auf einer Planetenoberfläche zum ersten Mal gegenüber stände?

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