Meine erste Rezension hier hatte ich aufgrund von Vorabdrucken in diversen Zeitschriften verfasst.Viel Zeit braucht man, um die Arbeit sorgfältig zu lesen und zu würdigen. Das haben meiner Überzeugung nach bisher die wenigsten derer getan, die dazu - in diesem Forum oder anderswo - Stellung genommen haben.
Das Buch verdient 5 Sterne.
Ich habe die Gewohnheit, wichtige Stellen in Sachbüchern anzustreichen. Bei diesem Werk hätte ich irgendwann damit aufhören sollen. Es gibt nämlich kaum einen Satz darin, der nicht anstreichenswert wäre.
Drei davon - eines allerdings selbst ein Zitat - will ich herausgreifen:
"Manche Dinge lassen sich eben nur beurteilen, indem man sich über konkrete Fakten und Zusammenhänge beugt; allgemeines Gerede führt da nicht weiter" (S. 372).
"Da politische Macht in einer Demokratie durch Wahlen errungen wird, für deren Erfolg sich das Versprechen einer sorglosen Zukunft als geeignetes Mittel erwiesen hat, ist die Verdrängung der demografischen Probleme zu einer heimlichen überparteilichen Staatsräson unseres demokratischen Wohlfahrtsstaates geworden" (Zitat nach Birg, S. 373),
"Hebel und Ansatzpunkte dafür [für Veränderungen] gibt es, man muss sie allerdings auch bedienen wollen. Dafür sehe ich in Deutschland gegenwärtig leider weder gesellschaftliche noch politische Mehrheiten" (S. 373).
Im Gegensatz zu dem, was immer wieder behauptet wird, beschuldigt Sarrazin weder Hartz-IV-Empfänger noch Migranten pauschal, noch greift er sie an. Im Gegenteil, er stellt fest, dass sie sich, wie jeder Unternehmer oder Arbeitnehmer, überhaupt jeder wirtschaftende Mensch, nach den Grundsätzen der Ökonomie verhalten, indem sie das Verhältnis zwischen Input und Output optimieren. Wer etwas umsonst kriegen kann, wäre dumm, etwas dafür zu bezahlen, und wer in Deutschland ohne Arbeit mehr verdient als in seinem Heimatland mit harter Arbeit, wäre schlecht beraten, nicht hierher zu kommen, wenn er es könnte. Sarrazin skizziert lediglich die Entwicklungen, die sich aus den in Deutschland vorhandenen Leistungs- bzw. Nichtleistungsanreizen ergeben und stellt die Frage, ob wir diese wollen, und ob wir sie bezahlen können. Die Frage, ob Sarrazin die Entwicklungslinien zutreffend beschreibt, kann man völlig unemotional diskutieren - seine Ausgangswerte und Schlussfolgerungen sind entweder falsch oder richtig. Die Frage, ob wir das wollen, was am Ende solcher Entwicklungen steht, muss jeder für sich als Bürger entscheiden und dann in politische Entscheidungen umsetzen, und sei es nur in der Wahlkabine. Der eine ist eben dieser Meinung, der andere jener. Die moralische Keule, die Sarrazins Gegner schwingen, ist somit völlig fehl am Platze.
Ein Rassist ist nicht, wer feststellt, dass Japaner anders aussehen als Äthiopier und Eskimos anders als Niederbayern, und dass die Unterschiede auf Vererbung beruhen. Rassist wäre auch nicht einmal, wer feststellen würde, dass, beispielsweise, die Eskimos im Durchschnitt intelligenter wären als die Niederbayern. Denn diese Feststellung beinhaltet keinerlei Feststellung über die Intelligenz eines einzelnen Niederbayern oder Eskimos. Rassismus beginnt dort, wo nicht mehr auf das Individuum und sein Tun und Können geschaut wird, sondern wo jemand gerade wegen seiner Gruppenzugehörigkeit bevorzugt oder benachteiligt wird.
Dass wirtschaftlich und sozial erfolgreiche Menschen im großen und ganzen intellektuell leistungsfähiger sind als lebenslange Transferempfänger, wird niemand ernsthaft leugnen können. Ebenfalls nicht, dass die intellektuelle Leistungsfähigkeit jedenfalls zum Teil erblich ist - ob zu 30 oder, wie Sarrazin vermutet, zu 50 bis 80 %, sei einmal dahingestellt. Egal, wie hoch der Prozentsatz ist - wenn er größer als 0 ist, bleibt die Tatsache unbestreitbar, dass ein Volk im Durchschnitt weniger intelligent wird, wenn die Intelligenteren weniger Kinder kriegen als die weniger Intelligenten.
Wenn das wiederum so ist, bleibt die Frage erlaubt, ob wir das wollen, und wenn wir es nicht wollen, wie wir es ändern können. Wenn wir es nicht wollen, ist es - und nichts anderes sagt Sarrazin - nicht sinnvoll, ein Anreizsystem zu haben, in welchem eine Transferempfängerin ohne Schulabschluss und ohne Beruf davon finanziell profitiert, Kinder in die Welt zu setzen, während eine Frau mit Berufsabschluss und Arbeitsplatz erhebliche finanzielle und sonstige Nachteile in Kauf nehmen muss.
Man wird, mit Sarrazin, die Frage aufwerfen dürfen, wieso andere Migrantengruppen sich im Vergleich zu türkisch-arabischen weitaus besser integrieren, ihre Kinder besser ausbilden und nicht überdurchschnittlich von Sozialtransfers leben. Und die weitere Frage, wieso diese Gruppe - wohlgemerkt, im Durchschnitt, keineswegs alle Individuen - sich in Amerika ohne weiteres integriert, in Deutschland und Europa aber einerseits die Vorzüge des Sozialstaates genießt, andererseits zu diesem nichts beiträgt. Wer auf diese Fragen eine plausible Antwort hat, dem höre ich gerne zu. Wer hier nur mit Schimpfworten und Worthülsen um sich wirft, trägt nicht zur Diskussion bei und hilft vor allem auch nicht denen, die er glaubt, vor Sarrazin in Schutz nehmen zu müssen.
Sarrazin ist selbstkritisch genug, um am Schluss seines Buches zu sagen: "Ich habe versucht, Zuspruch und Widerspruch produktiv umzusetzen [...]. Es schadet nicht, die eigene gefestigte Meinung immer wieder in Frage zu stellen, denn in der Weite der sozialen Wirklichkeit gibt es nur wenige endgültige und abschließende Antworten". Diese Einstellung würde man den Schreihälsen wünschen, die, statt sich mit Sarrazins Argumenten auseinanderzusetzen, lediglich darüber nachdenken, wie man ihn am besten loswird: durch Rausschmiss aus seiner beruflichen Stellung, aus seiner Partei oder am besten gleich aus dem Land - wie einst die DDR-Oberen bei Rudolf Bahro, nachdem er angemahnt hatte, man solle doch einmal Ventile an die Heizkörper machen, das würde gegenüber dem Lüften der überheizten Räume Energiekosten sparen.
Dieses Buch ist eines der anspruchsvollsten, bedenkenswertesten und zugleich erschütterndsten, die ich seit langer Zeit gelesen habe. Jeder, der bereit ist, "die eigene gefestigte Meinung in Frage zu stellen", wird es mit Gewinn lesen, und zwar selbst dann, wenn er nicht alle Wertungen und Schlüsse des Autors teilt. Darüberhinaus ist es diesem Buch gelungen, was selten gelingt: mit einem Buch eine Diskussion über ein wichtiges Thema anzustoßen, das von der Politik sträflich vernachlässigt worden ist.
Damit hat sich Sarrazin mit seinem Buch nicht nur um Deutschland, sondern auch um das Buch überhaupt verdient gemacht. Es ist eine Streitschrift, aber wer mit Büchern streitet, tut es friedlich. Mit Fakten und Argumenten. Nicht mit Maulkörben, Berufsverboten, Parteiausschlussverfahren. Nicht mit Fäusten, Messern und Pflastersteinen, mit Kalaschnikows oder Selbstmordattentaten. Obwohl er manchmal falsch rangeht (Seine Sachen erscheinen oft ausländerfeindlich) hat er oft recht. Das ist aber wohl noch unwahrscheinlicher, als dass sich die Politiker ernsthaft des Themas annehmen...