Frage von Revic, 127

Behinderung beim Vorstellungsgespräch angeben?

Ich möchte mich gerne im Bereich Tierheim- und Pensionstierpflege für eine Ausbildungsstelle bewerben, weiß aber nicht, wie viel ich von mir preis geben soll und was ich besser nicht sagen sollte. Außerdem würde ich gerne wissen, wie meine Chancen stehen. Ich weiß, dass kann man nicht so pauschal sagen, aber wenn ihr euch in die Rolle eines Arbeitgebers versetzen würdet (es vllt. sogar seid), worauf würdet ihr achten?

Kurze Eckdaten zu mir: Ich bin Volljährig, habe einen guten Realschullabschluss (1,8) und habe schon zwei Schülerpraktika in diesem Bereich absolviert. Praktikumszeugnis ist auch einwandfrei. Allerdings gibt es da ein Problem: Ich leide an einer Autismus-Spektrum-Störung, was mich vor allem in meiner sozialen Kommunikation und Interaktion stark einschränkt. Mir wurde ein SBA mit GdB 50 bewilligt. Sollte ich das bei dem Vorstellungsgespräch anmerken oder würden das bloß meine Chancen verringern?

Hilfreichste Antwort - ausgezeichnet vom Fragesteller
von Lea1984, 12

Pauschal kann Dir das keiner sagen, da es vom Arbeitgeber abhängig ist.

Fakt ist aber, man spürt das "Anderssein". Ich habe erst mit 24 die Diagnose erhalten und hätte mir gewünscht, es früher gewusst zu haben. Es gab viele Probleme auf Arbeit (in vielen Jobs, die ich aber nicht alle ausschließlich wegen AS verloren habe, aber doch einige), die vermeidbar gewesen wären. Ich an Deiner Stelle würde es riskieren und offen heraus die Wahrheit sagen, bevor sie Dich als "komisch" abstempeln und nicht nehmen. Du kannst Dich nicht ewig verstellen...

Wenn sie Dich einstellen, könnten sie für die Dauer der Ausbildung bis zu 50% deines Gehalts vom Staat als Fördermittel bekommen. Verschweigen würde ich es aber allein schon deshalb nicht, weil man zwangsläufig neben Kollegen auch mit anderen Menschen Kontakt hat und es zu Missverständnissen kommen kann. Weiß der Arbeitgeber um Deine Schwächen, kann man besser auf mögliche Probleme reagieren.

Dir stehen auch 5 Tage mehr Urlaub zu und glaube mir- die brauchst Du auch. Ich habe AS, GdB von 90.

Wenn Dich Dein möglicher Ausbildungsbetrieb von einem Praktikum her kennt. könnte dies Deine Chancen steigern, genommen zu werden.

Viel wichtiger ist allerdings bei der Berufswahl, dass Du bei einer dualen Ausbildung herausfindest, wo die Berufsschule ist (ob Internat, da die Fahrtkosten/Internatskosten usw.) und ob Du Dir das vom Lehrgeld überhaupt leisten kannst bzw. Zuschüsse beantragen kannst/musst. 

Wichtig sollte auch für Dich sein- späterer Lohn und... Rente. Zwar sagen alle, man sollte sich nicht danach richten, man bekäme später sowieso keine mehr... aber auf das Gerede gebe ich nichts. Du solltest schon von dem späteren Geld bei Festanstellung (in Vollzeit) gut leben können. Gehört Tieren Deine Leidenschaft, kannst Du auch nach Feierabend Tierheimhunde ausführen, wenn Du später so gut wie keine Aussichten auf Übernahme bzw. Arbeit allgemein hast.

Ich habe zwei sinnlose Ausbildungen hinter mir. Die erste hatte auch mit Tieren zu tun, aber es erfolgte trotz erfolgreichem Abschluss keine Übernahme und in der Region gab es keine Arbeit... nach diversen Minijobs kam die zweite Ausbildung, bei der ich im ersten Anlauf scheiterte, beim zweiten Anlauf dabei bleib und nach erfolgreichem Abschluss auch kurz in dem Beruf arbeitete- es aber einer war, der nicht so gut für Autisten geeignet war. Zwischenzeitlich erfolgte die Diagnose (u.a. nach Zusammenbrüchen usw.) und ich wurde dann darin für arbeitsunfähig erklärt.

Daher rate ich Dir, überlege Dir genau, was Du machen möchtest und- sag die Wahrheit. 5 Absagen mehr sind besser als wenn Du 5-10 Lebensjahre verpfuscht, indem Du AS verleugnest und neben all den Anforderungen an die Ausbildung/den Job auch noch mit aller Kraft Autismus kompensieren musst, damit es keiner bemerkt.

Antwort
von RuedigerKaarst, 46

Hallo,
ich schätze dass dies bereits beim Gespräch, spätestens den Kollegen auffallen wird.

Ich würde sagen, dass Du dies zuerst ansprechen solltest.
So kannst Du den Wind aus den Segeln nehmen und erörtern, weshalb Du für das Praktikum und für eine spätere Ausbildung geeignet bist.

Viel Erfolg!

Antwort
von Ostsee1982, 10


Ich weiß, dass kann man nicht so pauschal sagen, aber wenn ihr euch in
die Rolle eines Arbeitgebers versetzen würdet (es vllt. sogar seid),
worauf würdet ihr achten?

Wenn eine Behinderung verschwiegen wird würde JEDER Arbeitgeber erstmal die gleiche Messlatte anlegen wie auch bei jedem anderen Bewerber und nach dem ersten persönlichen Eindruck gehen, das heißt, Bewerbungsgespräch und Qualifikationsnachweise. Wenn das überzeugt gibt es erstmal ein befristetes Arbeitsverhältnis worin du dich beweisen musst, da gehört natürlich auch das Auskommen mit den anderen Mitarbeitern dazu und wenn dem was nicht gefällt, gibt es ein persönliches Gespräch oder bist irgendwann weg (entlassen).

GdB 50 mit Autismusspektrumstörung und angeblich starker Einschränkung in den Bereichen Kommunikation und Interaktion finde ich ungewöhnlich, da kann das ja nur schwach ausgeprägt sein. Ich selbst habe einen GdB von 80 und kann mich normal ausdrücken. Bei einer starken kommunikativen Einschränkung, wie willst du da ein Bewerbungsgespräch führen?

Ich kann dir das nicht sagen ob du das angeben solltest oder nicht. Es kann von Vorteil sein wenn man einen geschützten Arbeitsplatz bekommt aber auf dem 1. Arbeitsmarkt wäre ich damit sehr vorsichtig.

Kommentar von Revic ,

Zu der Frage mit dem GdB: ich bin nicht an sich kommunikativ eingeschrenkt. Mit mir selbst kann ich sehr gut reden. Problematisch sind nur Gespräche mit anderen Personen, die ich nicht näher kenne. Dazu leide ich an einer Sozialphobie, weshalb ich u. a. nicht telefonieren kann. Wurden dir der Gdb von 80 allein aufgrund einer ASS zugesprochen? Das wäre eher ungewöhnlich.

Kommentar von Ostsee1982 ,


Zu der Frage mit dem GdB: ich bin nicht an sich kommunikativ
eingeschrenkt. Mit mir selbst kann ich sehr gut reden. Problematisch sind nur Gespräche mit anderen Personen, die ich nicht näher kenne.

Genau darum geht es doch auf einer Arbeitsstelle. Mit anderen Menschen reden und oft nicht nur mit einer Person sondern Personengruppen. Mit mir selbst kann ich auch sehr gut reden.


Wurden dir der Gdb von 80 allein aufgrund einer ASS zugesprochen? Das wäre eher ungewöhnlich. 

Ja, bewertet wird ua auch die Ausprägung. Ich habe ein abgeschlossenes Studium, einige Jahre gearbeitet, bin aber nicht mehr arbeitsfähig und kann auch nicht alleine wohnen damit war auch der hohe GdB gerechtfertigt. Ich kenne 2 andere Asperger Autisten mit einem GdB von 100. Von dem her kommt mir 50 sehr niedrig vor.

Antwort
von halbsowichtig, 9

Im Bewerbungsschreiben würde ich nichts erwähnen. Denn fast niemand hat Ahnung, was Autismus denn überhaupt ist. Die Arbeitgeber sehen nur, dass der Bewerber "was am Kopf hat" und laden vorsichtshalber erstmal die "normalen" Bewerber ein.

Im Vorstellungsgespräch kommt es darauf, an, wie stark man dir den Autismus ansieht. Kannst du für ein paar Stunden "normal wirken"? Dann lass es drauf ankommen und verrate nichts! Nur wenn man im Gespräch sowieso bemerken muss, dass du seltsam wirkst, solltest du die Behinderung von dir aus erwähnen. Dann kannst du auch gleich erklären, warum du für den Beruf - trotzdem oder besonders - geeignet bist.

Antwort
von meinlein, 32

Gute Frage!

Schwer zu sagen, ich habe mal gehört, dass Firmen eine bestimmte Anzahl von Menschen mit Behinderungen einstellen müssen. Einige engagieren Werkstätten für Menschen mit Handicap z.B. für Gartenarbeit. Andere stellen direkt Menschen mit Behindertenausweis ein. Wie hoch der Grad sein muss um diese Richtlinien zu erfüllen kannst ja mal googlen.

Also wenn ich ein Tierheim hätte und mein Bewerber einen motivierten Eindruck macht, würde ich ihn auch unabhängig von einem Ausweis oder den Richtlinien einstellen.

Ich wünsche Dir viel Erfolg und hoffe dass Du Deinen Traumjob bekommst.

Vielleicht wäre es angebracht mal einen Tag dort zu hospitieren? Oder ein Praktikum in dieser Firma zu absolvieren?

Lg

Antwort
von dsupper, 60

Hallo,

das ist immer schwierig zu sagen.

Es könnte aber auch deine Chancen erhöhen, denn meines Wissens nach bekommen Arbeitgeber erhebliche Zuschüsse, wenn sie Menschen mit Behinderungen zur Ausbildung einstellen.

So wird die Ausbildung für den Betrieb nicht so teuer.

Aus deinen Praktikumszeugnissen dürfte sich ja ergeben, dass diese Behinderung deine Arbeitsleistung und deinen Zugang zu den Tieren nicht beeinträchtigt - sie hat also für den zukünftigen Beruf keinerlei negativen Auswirkungen.

Oft ergibt sich so etwas einfach in einem Gespräch.

Ich drücke dir die Daumen

Daniela

Antwort
von rotesand, 41

Hallo!

Das kann einerseits von Vorteil sein ------> wenn Unternehmen Behinderte einstellen, bringt das ihnen finanzielle Fördermittel ein. Andererseits kann es aber von Nachteil sein -------> speziell wenn es um psychische Probleme, Autismus usw. geht, denken viele man sei "geisteskrank" & winken von vornerein ab.

Ich würde es garnicht erwähnen & es dabei belassen. Wird die bessere Option sein.

Alles Gute :)

Kommentar von polarbaer64 ,

Autismus ist keine geistige Behinderung, sondern eine Entwicklungsstörung. Dann hätte der Fragesteller wohl kaum einen Realschulabschluss mit 1,8. Das leuchtet selbst dem dümmsten Arbeitgeber ein.

http://www.onmeda.de/krankheiten/autismus.html

Kommentar von rotesand ,

Ja, das ist mir auch bekannt.

Viele Arbeitgeber sind aber, da solche Störungen/Diagnosen in den Medien stigmatisiert werden, verunsichert & sehen in Autisten aus Unwissen "geisteskranke" oder Leute, "die einen Schatten haben".

Kannte selbst einen, der das Aspergersyndrom hatte, der hatte vor rd. 10 Jahren mit ähnlichen Vorurteilen und Schikanen zu kämpfen. Er kam erst zu einer Stelle, nachdem er es nicht angegeben hat.

Kommentar von polarbaer64 ,

Hast recht, es gibt leider viele Menschen, die sich nicht die Mühe machen, den Menschen kennen zu lernen und zu sehen, was dahinter steckt... . 

Kommentar von rotesand ,

Das ist gerade bei Behinderungen, die man nicht optisch sieht, leider weit verbreitet.. da überwiegen dann dumme Vorurteile, die man irgendwann mal irgendwo gelesen hat. Und weil man nicht nachdenken will & blind glaubt, was man las ("wird schon was dran sein"), kommt das eben zustande.

Expertenantwort
von polarbaer64, Community-Experte für Tiere, 52

Autismus ist ja im Prinzip eine Behinderung. Oft bevorzugen Arbeitgeber Behinderte den Nichtbehinderten bei gleicher Eignung. Daher würde ich es in der Bewerbung einfach am Rande in einem Satz erwähnen und diese Bescheinigung beilegen. Denn merken würde man es sowieso, und wenn ein Arbeitgeber das nicht weiß, macht es auf ihn evtl. einen schlechten Eindruck, wenn du nicht viel sprichst. Wenn er dagegen informiert ist, dass es sich um eine Erkrankung handelt, gegen die du nichts machen kannst, dann sieht das wieder anders aus.

Gerade ein Beruf mit Tieren wäre für dich sicher gut, da hast du zwar auch Kontakt mit Menschen, aber die sind doch eher in begrenzter Stückzahl.

Du hast einen guten Schulabschluss, da stehen die Chancen bestimmt nicht schlecht. Ich drücke dir die Daumen :o) .

Antwort
von Satiharu, 30

Sei ehrlich, du selbst, dann bekommst du Mitarbeiter, welche dich akzeptieren. Besonders in der Ausbildung ist das wichtig, aber für mich, sowieso!

Besser vorher Absagen kassieren, als nachher eine Ausbildung durchzuziehen und unzufrieden zu sein, oder sogar gespickt zu werden.

Manchmal muss man eben hundert mal versuchen, bis man da ist, wo man hinpasst!

Viel Erfolg, Viel Geduld, Viel Mut! (:


Antwort
von WolfDieHufnagl, 8

Ich würde es bei einem Vorstellungsgespräch erzählen, wenn der Arbeitgeber schon einen ersten Eindruck von dir hat.

Antwort
von derhandkuss, 30

Die Angabe eines GdB von 50 kann Vorteile, aber auch Nachteile mit sich bringen. 

Einerseits kann der Arbeitgeber zur Erkenntnis kommen, dass Du der Arbeit nicht gewachsen sein könntest. Das bedeutet dann, dass Du bereits im Vorfeld eine Absage bekommst.

Andererseits hat der Arbeitgeber eine gewisse Quote bei der Einstellung von Schwerbehinderten zu berücksichtigen. Es kann also auch Vorteile für ihn haben, wenn er Dich einstellt.

Macht sich Dein GdB allerdings im Arbeitsleben bemerkbar, würde ich dies auf jeden Fall angeben.

Keine passende Antwort gefunden?

Fragen Sie die Community