Aristoteles - Hauptaussagen aus Ethik der Mitte sowie Höchstes Glück ist das Leben im Geistigen?

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Mitte

Heranzuziehen ist der Text von Aristoteles, Nikomachische Ethik 2, 5 – 9 (allgemein über die Mitte in der Ethik); 3, 9 – 15 und 4, 1- 15 (einzelne Tugenden); 5, 9 (Gerechtigkeit).

Aristoteles versteht Charaktertugend/Vortrefflichkeit des Charakters allgemein und die einzelnen Tugenden/Vortrefflichkeiten des Charakters als (richtige) Mitte, die zwischen einem Zuviel (ὑπεϱβολή [hyperbole]; Übertreibung/Übermaß) und einem Zuwenig (έλλειψις [elleipsis]; Zurückbleiben/Mangel) liegt.

Bei Vortrefflichkeiten/Tugenden des Verstandes/dianoetischen Tugenden (ἀϱεταὶ διανοηϑικαί [aretai dianoetikai]) wie z. B. Klugheit und Weisheit gibt es dagegen nicht ein Zuviel.

Die Tugenden/Vortrefflichkeiten des Charakters haben einen Bezug zu Affekten (Leidenschaften), die mit Lust und Schmerz verbunden sind (Aristoteles, Nikomachische Ethik 2, 2; 2, 4; 2, 5).

Charaktertugenden/Vortrefflichkeiten des Charakters/ethische Tugenden sind feste innere Haltungen/Einstellungen, aus denen heraus Menschen gut handeln.

Definition und wesentliche Merkmale der Charaktertugend/Vortrefflichkeit des Charakters als Mitte (Aristoteles, Nikomachische Ethik 2, 6, 1106 b 36 – 1107 a 8):

„Die Tugend/Vortrefflichkeit (ἀετή [arete) ist also eine wählende/vorsätzliche Haltung/Einstellung (ἕξις [hexis]; lateinisch: habitus), die in der auf uns bezogenen Mitte liegt, die durch vernünftige Überlegung bestimmt ist, und zwar durch die, mittels derer der Kluge die Mitte bestimmen würde. Sie ist aber Mitte von zwei Schlechtigkeiten, einer des Übermaßes und einer des Mangels. Und ferner ist sie insofern Mitte, als die Schlechtigkeiten teils hinter dem, was in den Leidenschaften und Handlungen sein soll, zurückbleiben, teils darüber hinausschießen, die Tugend/Vortrefflichkeit aber das Mittlere sowohl findet als auch wählt. Daher ist die Tugend/Vortrefflichkeit nach ihrem Sein/ihrer Wesenheit/ihrer Substanz (οὐσία [ousia]) und ihrem Begriff, der angibt, was sie ist, Mitte, hinsichtlich des Besten und des Guten aber Äußerstes/Höchstes.“

Die Mitte (μεσότης [mesotes]) bei Aristoteles ist eine innere Haltung/Einstellung (denkbar ist, sie als eine Verhaltensdisposition zu bezeichnen), die auf ein richtiges Verhältnis zu Affekten (Leidenschaften) und auf das in einer Lage angemessene Verhalten ausgerichtet ist. Sie ist nicht mit Durchschnittlichkeit und Mittelmäßigkeit zu verwechseln, worauf volkstümliche Vorstellungen über einen goldenen Mittelweg (lateinisch: aurea mediocritas) leicht hinauslaufen.

Die Mitte bei Aristoteles ist auch nicht etwas, das für alle und immer stets quantitativ genau das Gleiche ist. Die gemeinte Mitte hat nicht einen mathematisch genau gleichen Abstand von Extremen. Sie kann je nach einer bestimmten Situation und der handelnden Person (z. B. sind Körperkraft und finanzielle Verhältnisse individuell unterschiedlich) unterschiedlich liegen und auch mal deutlich zu einer Seite hin. Die Mitte der Sache hat den gleichen Abstand von den beiden Extremen und ist für alle Menschen ein und dasselbe (Aristoteles, Nikomachische Ethik 2, 5, 1106 a 29 - 31). Das Mittlere in Bezug auf die Menschen (auf uns) ist dagegen weder zuviel noch zuwenig, dies aber nicht für alle als ein und dasselbe (Aristoteles, Nikomachische Ethik 2, 5, 1106 a 31 - 32).

Sonderfall Gerechtigkeit: Bei der Gerechtigkeit gibt es eine gewisse Abweichung vom Schema. Wie Aristoteles selbst darlegt (Aristoteles, Nikomachische Ethik 5, 9, 1133 b – 1134 a), ist Gerechtigkeit eine Mitte der Sache, nicht eine Mitte „für uns“. Gerechtigkeit ist nicht etwas, das bei Steigerung falsch ist, sondern die von der Mitte der Sache abweichenden Extreme sind jeweils Ungerechtigkeit. Dies ist kein grundsätzlich die Richtigkeit der Lehre von der Mitte widerlegendes Argument, sondern eines gegen die starke Betonung der Mitte durch Aristoteles; Mitte zu sein, ist eine Erscheinungsform bei den Charaktertugenden, aber das entscheidende Wesensmerkmal ist das Angemessene und nach der praktischen Vernunft/Klugheit (φϱόνησις [phronesis]; sie verbindet ein Wissen über allgemeine Prinzipien mit umsichtiger und geschickter Anwendung im Einzelfall) Richtige.

Beispiele für eine bestimmte Charaktertugend/Vortrefflichkeit des Charakters:

Tapferkeit (ἀνδρεία [andreia]) ist Mitte zwischen Tollkühnheit (θρασύτης [thrasytes]) und Feigheit (δειλία [deilia]). Menschen können sich vom Schrecken übermäßig bestimmen lassen oder tatsächlich bedrohliche Gefahren nicht angemessen beachten. Beides ist falsch und hat nachteilige Folgen. Die Bedrohung fügt einen wirklichen Schaden zu oder Menschen lassen sich unnötig davon abhalten, ihre Lebensziele zu verwirklichen. Wenn Menschen vor gar nichts Angst zu haben, steht dies zu kluger Überlegung in Gegensatz. Zwar ist bei der Tugend der Tapferkeit das Standhalten vor dem, das erschrecken kann, wichtig. Es kommt aber auf richtige Ziele und angemessene Beurteilung der Verhältnisse an. Ein Höchstmaß an Zuversicht in allen Fällen ist nicht gut, weil es auf eine dumme Selbstüberschätzung und eine Unterschätzung von Gefahren hinausläuft. Wenn tatsächliche Gefahren zu Unrecht geringschätzt und vernachlässigt werden, ist diese Tollkühnheit etwas, das Grund für ein Scheitern sein und unangenehme Folgen haben kann. Sie ist ein unvernünftiges Verhalten und ein Charakterfehler.

Freigiebigkeit (ἐλευθεριότης [eleutheriotes]) ist Mitte zwischen Verschwendungssucht (ἀσωτία [asopia]) und Knauserei/Geiz (ἀνελευθερία [aneleutheria]). Bei Verschwendung wird nicht ausreichend darauf geachtet, woher gegeben wird und was das ist, wofür ausgegeben wird. Es mangelt an kluger Auswahl: Das Nützliche und Angenehme ist im Verhältnis zum Aufwand gering. Beim Geiz ergibt sich kein schönes und gutes Leben. Auch der Nachteil im Bezug auf ein freundschaftliches Verhältnis zu anderen Menschen könnte angegeben werden.

theoretische Lebensform (Leben im Geistigen) als höchstes Glück

Die Glückslehre steht vor allem bei Aristoteles, Nikomachische Ethik 1 und 10. Sehr wichtige Abschnitte zur theoretischen Lebensform sind Aristoteles, Nikomachische Ethik 1, 3 und 10, 7 – 9.

Glück(seligkeit) (εὐδαιμονία [eudaimonia) ist nach Aristoteles das höchste und letzte Ziel (Endziel) menschlichen Handelns. Alle streben nach Glück.

Als das einem Menschen eigentümliche Werk (das, wozu er speziell bestimmt ist) versteht Aristoteles (Nikomachische Ethik 1, 6, 1098 a) die mit Vernunft verbundene Tätigkeit (ἐνέργεια [energeia; lateinisch: actus; Bedeutung: Ins-Werk-Setzen, Wirksamkeit, Tätigkeit, Verwirklichung/Wirklichkeitsvollendung einer Möglichkeit) der Seele und ein entsprechendes Handeln. Das menschliche Gut (τὸ ἀνθϱώπινον ἀγαθὸν [to anthropinon agathon]) ist nach ihm der Vortrefflichkeit/Tugend/Tüchtigkeit (ἀϱετή [arete]; bedeutet der Wortherkunft nach - ἄϱιστος [aristos] = bester ist als Superlativ eine Steigerung von ἀγαϑός [agathos] = gut) etwas wie „Bestheit“ bzw. ein hervorragendes Gutsein) gemäße Tätigkeit der Seele bzw. (wenn es mehrere Vortrefflichkeiten gibt) der besten und vollkommensten Vortrefflichkeit/Tugend/Tüchtigkeit entsprechende Tätigkeit.

Gründe für die Wahl der Vernunft sind:

  • Vornehmheit: Die Vernunft ist als das Leitende das Vornehmste in uns und die Gegenstände der Vernunft die vornehmsten im Bereich der Erkenntnis.
  • Langfristigkeit: leichter eine anhaltende Tätigkeit möglich
  • Beständigkeit/Dauerhaftigkeit/Stabilität des Genusses
  • Reinheit (keine Mischung mit etwas Unangenehmen) des Genusses
  • Autarkie/Selbstgenügsamkeit (αὐτάρκεια [autarkeia), weil es für die geistige Lebensform im verhältnismäßig kleinstem Ausmaß weiterer Dinge bedarf, sie für sich selbst ausreichend/genügend ist
  • zur Muße, die vom Menschen begehrt wird, passende Tätigkeit

Aristoteles unterscheidet drei Lebensformen, in denen Glück gesucht wird, Nach dem Rang sind dies:

1) βίος θεωρητικός [bios theoretikos ]: Leben der theoretischen Betrachtung (θεωρία; Forschung und Philosophie)

2) βίος πρακτικός [bios praktikos]: politisch-praktisches Leben (vor allem Handeln in einer Gemeinschaft)

3) βίος ἀπολαυστικός [apolaustikos]: Leben der sinnlichen Lust und des Vergnügens

Die Lebensformen können miteinander verbunden werden, aber die theoretische Lebensform (also selber denken, geistige Tätigkeit) hat den höchsten Rang. Ein bloß auf sinnliche Lust beschränktes Leben hat den geringsten Rang, weil kein Streben nach Vollkommenheit aufritt, Menschen sich knechtisch und ohne Einsicht und Besonnenheit verhalten. Ein bloßes Erwerbsleben mit einem Streben nach Reichtum um seiner selbst willen ist verfehlt ein gutes Leben und ist nicht der richtige Weg zum Glück.

Das Glück der theoretischen Lebensform (Leben im Geistigen) ist das vollendete Glück.

Die Tätigkeit der theoretischen Lebensform ist am dauerhaftesten, wie sie am leichtesten anhaltend ausgeübt werden kann.

Die Genüsse der theoretischen Lebensform sind von wunderbarer Reinheit und Beständigkeit.

Bei theoretischem Betrachten/Denken ist die Autarkie am größen. Es bedarf am wenigsten äußerer Güter. Bei der praktischen Lebensform sind Freunde und Mitbürger erforderlich, der Weise ist am meisten sich selbst genug, auch wenn die Mitarbeit anderer das Denken noch verbessern kann.

Das theoretische Betrachten/Denken wird um seiner selbst willen geliebt.

Die Vernunft (νοῦς [nous]) ist das, was bei Menschen am meisten etwas Göttliches ist, das Leitende, Vornehmste und Beste. Das theoretische Betrachten/Denken ist die göttliche Lebensform. Menschen sind aus Leib und Seele (mit Vermögen der Vernunft) zusammengesetzte Wesen, nicht ganz göttlich, aber sie sollen sich bemühen, möglichst stark dem Göttlichen in ihnen als dem wahren Selbst nachzuleben.

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Ich erinnere mich an den "Mittelweg". Wenn es darum geht das Richtige zu tun, dann wähle den Mittelweg. Nicht geizig sein, auch nicht Geld verprassen, aber freigebig sein. Oder: Nicht feige sein, auch nicht tollkühn sein, aber tapfer sein ist richtig. 

Im Übrigen schaue mal unter Wikipedia zur Nikomachischen Ethik.

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