Frage von YeloU, 207

warum ist unsere gesellschaft im sexuellen bereich so verklemmt?

ich kann das einfach nicht verstehen. viele jungs und vor allem mädchen werden wütend wenn man einen sexuellen humor hat oder einfach mal über sexualität quatscht.

wieso können wir generell nicht leute mit einer anderen sexualität akzeptieren?

Antwort
von musikuss78, 40

Generell kann ich Dich da nur unterstützen - ich finde auch, dass noch viel zu wenig über Sex geredet wird, ob nun unter Freunden oder gar unter Partnern.

Und wenn man mal was über die eigene Sexualität erzählt, haben auch noch viele den Gedanken »Das sagt man doch nicht, das ist doch privat/ intim.« Wurde uns nun mal 2.000+ Jahre so eingetrichtert.

Allerdings muss auch ich unterscheiden. Bei sexuellem Humor gibt es gewisse Grenzen: Erstmal hat jeder seine eigene Vorstellung von Humor - was der eine als lustig empfindet, sieht der andere schon als Angriff. Zudem sollte der Humor auch nicht gerade sexistisch sein. Und zu guter Letzt ist es nicht zu jeder Zeit gut, Humor loszulassen, der eventuell sogar als Anmache durchgeht.

Kommentar von YeloU ,

ich meine jetz humor mit:
(wenn jemand einen besen in der hand hält:)
„hast du gerne so lange sachen in den Händen?”

Kommentar von musikuss78 ,

Najaaaa, das kann unter Umständen schon als Anmache gelten und ist ganz klar sexistisch :P

Antwort
von Kapodaster, 57

Du stellst zwei unterschiedliche Fragen in einem Atemzug.

Zur ersten: Menschen haben unterschiedliche Geschmäcker und unterschiedliche Grenzen, ab wann sie sexuelle Anspielungen als übergriffig empfinden. Das ist so zu akzeptieren, hat mit Höflichkeit und Rücksicht zu tun.

Zur zweiten Frage: Es gibt soo viele Formen von Sexualität, und vieles wird heute schon allgemein akzeptiert, was vor einer Generation noch verdammt wurde. Ist auch ok, solange es unter Erwachsenen geschieht, die einvernehmlich und mit klarem Bewusstsein handeln und niemanden schädigen.

Antwort
von Libertinaer, 19

ich kann das einfach nicht verstehen.

Das ist aus unserer religiösen Tradition heraus entstanden.

Anders als viele polytheistischen Religionen (i.d.R. mit eigenen Göttinnen der Fruchtbarkeit usw.) basieren die drei großen monotheistischen Religionen (Judentum, Christentum und Islam) auf dem Alten Testament. Und das ist schon als solches ziemlich sexual- und auch frauenfeindlich (deswegen werden auch Frauen traditionell anders beurteilt, selbst wenn sie exakt das gleiche tun wie Männer). Dort ist halt die Sexualmoral patriarchialischer Nomadenstämme der Steinzeit niedergeschrieben - mit der Frau als "Eigentum" bzw. "Ware".

Und das Christentum setzt da mit seiner "Leidensethik" noch einen oben drauf (kein fröhliches "rumpoppen", wo doch der Heiland so gelitten hat: in "Gods own country", den USA, findet man heute noch in einzelnen Bundesstaaten Gesetze, die z.B. Oralsex verbieten oder sogar das Lachen beim Sex.), sowie seiner "wir wissen es besser als alle anderen"-Einstellung, die auch heute noch insbes. der katholischen Kirche zueigen ist.

Das führte dann auch u.a. dazu, dass ab Theodosius I. z.B. Homosexuelle verfolgt wurden: "Ab dem 4. Jhdt. dann, etwa glaube ich zur Zeit des heiligen Augustinus, hat sich die christliche Sexualmoral durchgesetzt, wurden Homosexuelle verbrannt, öffentlich hingerichtet. Also das war neu. Wie konnte das sein, wo doch vorher die Kultur so tolerant war?" (Dr. Gabriele Sorgo, Kulturhistorikerin)

Zum Vergleich: Im späteren Islam ist Homosexualität zwar auch verboten, aber eher als ein "wenn schon, dann seid bitte diskret" zu verstehen, weil die Voraussetzungen für eine Bestrafung nicht praktikabel waren (mind. 4 männliche Zeugen, die den homosexuellen Akt mit eigenen Augen gesehen haben). Hier hat sich die "moderne" Einstellung des Islam erst mit der christlichen Kolonialisierung verbreitet (ebenso wie die christliche Monogamie, während die anderen "Buchreligionen, von polytheistischen mal ganz zu schwiegen, polygam sind, bzw. halt waren).

Auch die Hexenverbrennungen gingen zumindest zum Teil in Richtung Unterdrückung hier weiblicher Sexualität.

Fazit: "Die bedeutendste negative Leistung des Christentums war die 'Problematisierung' der Sexualität (...) Wir brauchen eine Geisteshaltung, die in der Sexualität kein 'Problem', sondern ein 'Vergnügen' sieht. Den meisten Leuten fehlt dazu die Sicherheit - und oft auch die Liebe." (Dr. Alex Comfort, Arzt, Psychologe, Wissenschaftler und Schriftsteller)

wieso können wir generell nicht leute mit einer anderen sexualität akzeptieren?

Nun, heutzutage sind die religiösen Menschen zumindest in den westeuropäischen Staaten i.d.R. in der Minderheit (auch in Deutschland). Warum also ist es immer noch so?

Es ist die Eigenart von Traditionen, selbst dann noch weiterzuleben, wenn der ursprüngliche Grund/Anlass schon längst nicht mehr existiert. Auch muss man bedenken, dass die Sexualerziehung bis zur Sexuellen Revolution Mitte des letzten Jahrhunderts fest in kirchlicher Hand war: "In unserem Kulturkreis wurde Sexualerziehung seit Jahrhunderten durch die kirchenamtlich interpretierte christliche Sicht von Sexualität bestimmt. Je nach Grundposition und Toleranzbereitschaft des Betrachtenden wird die daraus resultierende, seit dem 17. Jahrhundert in Europa dominierende Sexualerziehung als normativ, christlich-konservativ oder repressiv bezeichnet. Wie Koch noch 1971 in seiner Analyse von sexualpädagogischen Aufklärungsschriften zeigte, sind die meisten Bücher und Traktate bis in die 60er-Jahre des 20. Jahrhunderts hinein katholischer, evangelischer, aber auch überkonfessionell-christlicher Herkunft und somit identisch mit sexualmoralischen Praxistheorien als didaktisierte sexualmoralische Werte." (Prof. Dr. Uwe Sielert, Universität Kiel)

Erst ab da hat sich zum einen die Quelle des Wissens über Sexualität geändert, zum anderen hat sich auch zumindest die evangelisch-lutherische Kirche geändert (andere eher weniger).

Und auch wenn (nicht nur die Sexual-)Gesetze seitdem massiv geändert wurden, so finden sich Reste dieses gestörten Verhältnisses zur Sexualität bis heute noch in ihnen wieder (mal abgesehen vom Umstand, dass viele selbst die liberaleren Gesetze anscheinend falsch verstehen "wollen", wie die zahlreichen falschen Antworten zum Thema "wer darf mit wem ab wann Sex haben" hier bei GF immer wieder zeigen).

Denn letztlich ist die Generation unserer Eltern oder Großeltern durchaus noch mit dem "alten" Verständnis von Sexualität aufgewachsen bzw. erzogen worden. Und wer das nicht hinterfragt, der gibt das ggf. auch so an seine Kinder weiter. Denn: "Wenn ich den Glauben eines Menschen mit 8 oder 9 Jahren habe, habe ich ihn für den Rest seines Lebens.
Je früher ich damit anfange, jemandem einzuimpfen, was er glauben soll, umso eher bleibt er dem für den Rest seines Lebens treu.
Auch wenn er mal abgleitet, irgendwann kehrt er zurück.
Und wenn es zu emotionalen Entscheidungen kommt, wie: wen heirate ich, wen wähle ich, dann wird religöser Glaube mächtig."
(Dr. Michael Persinger, Neurologe

Wir glauben erstmal, was uns als Kind bewusst wie unbewusst(!) beigebracht wird. So sind wir "programmiert". Denn sonst wären die Kinder, die ja noch nichts wissen, ziemlich schnell tot - zumindest in der Urzeit und jetzt im Straßenverkehr.

Das macht es dann als Erwachsener aber schwer, von seiner bis dahin erworbenen Weltsicht mitunter Abstand zu nehmen (die Chance dazu bietet sich aber in der Pubertät). Albert Einstein bemerkte einmal richtigerweise: "Der gesunde Menschenverstand ist nicht mehr als eine Anhäufung von Vorurteilen, die man bis zum 18. Lebensjahr erworben hat."

Kommentar von Libertinaer ,

Nachtrag: Die Sexualfeindlichkeit zeigt sich z.B. auch in der Ablehnung der Pornographie, die mit der Guttenbergs Erfindung des Buchdruckes rasch an Verbreitung für jedermann gewann (das war damals für die Menschen das, was heute das Internet ist).

Das erste Land, das Pornographie verbot, war übrigens Großbritannien.

Damals standen im Parlament 2 Abstimmungen an:

  1. Soll Pornographie verboten werden?
  2. Soll die Einleitung von Arsen in die Umwelt verboten werden?

Nun, Pornographie wurde verboten, aber mit Arsen durfte man weiter Umwelt und Menschen vergiften ...

Quelle: Die Geschichte der Pornografie (2008)

Antwort
von Schlauerfuchs, 26

Manche sind schüchtern und trauen sich nicht darüber zu reden.

Mit den Sex ist es so jeder hat Interesse daran und ist auch notwendig ,dass Die Menschheit nicht ausstirbt ,aber nicht jeder redet offen darüber .

Akzeptiert wird eher was ,als darüber zu sprechen.

Antwort
von Schnuppi3000, 44

Über Sex zu reden und die Ausprägung der Sexualität Anderer zu akzeptieren sind zwei unterschiedliche Dinge.

Für mich ist Sex ein relativ privates Thema über das ich lediglich mit guten Freunden rede.

Das heißt aber weder, dass ich in der Hinsicht verklemmt bin noch, dass ich die Sexualität anderee Menschen nicht akzeptiere.

Antwort
von Mariokingpin, 55

Wie meine Vorredner auch, finde ich, dass du zwei Fragen stellst.

Wenn du generell einen sexistischen Humor hast, muss du dich damit zurückhalten. Viele empfinden Sexualität als etwas privates (vor allem Mädchen), was auch gut so ist. Wenn du ein paar gute Kumpels hat, kannst du ja mit denen deinen Humor ausleben.

Wenn sich deine zweite Frage auf Schwule und Lesben bezieht, ist es heutzutage wirklich etwas überholt, dies nicht zu akzeptieren. Wenn du Sexpraktiken meinst, gibt es tatsächlich Dinge, die einfach nur abstoßend sind und auch verstörend.

Kommentar von YeloU ,

zB fetische werden auch nicht "akzeptiert" und meistens als krankheit abgestämpelt.

Kommentar von Libertinaer ,

Was "krank" ist, lag/liegt halt im Auge des Betrachters. Und früher kannten die Betrachter noch keine moderne Wissenschaft und/oder Medizin, weil es das noch gar nicht gab. Und heute gibt es sie, aber nicht alle wissen davon, bzw. wollen es wissen (s. kathl. Exorzismus bei Verhaltensweisen, die wir heute verstehen und "psychischen Störung" nennen, die ggf. einfach durch medikamentöse Korrektur behandeln, weil die körpereigene Gehirnchemie halt ausnahmsweise mal nicht so funktioniert, wie sie besser sollte).

Vor rund 100 Jahren stellte Siegmund Freud, er ist nicht nur der Begründer der Pychoanalyse sondern auch der Entdecker des Sexualtriebs, fest: "Kinder sind polymorph pervers."

Nach unserem heuten Begriffsverständnis klingt das ja schon fast so, als wenn die Kleinen sich aufs SM-Studio freuen. ^^

Aber damals nannte man "pervers" jede sexuelle Aktivität, die nicht konkret die Fortpflanzung zum Ziel hatte, was bei Kindern, also vor der Geschlechtsreife, ja auch gar nicht geht. Und "polymorph" bezeichnet vielfältige Formen, da Kinder ihrem Lustprinzip folgen, und erstmal nicht unterscheiden zw. nicht-genitalem Schmusen und genitaler Stimulation: Hauptsache es bereitet ihnen Freude, ungetrübt von dem anerzogenen "Wissen", was sich "gehört" und was nicht. So wurden Kindern damals nachts durchaus auch die Hände am Bettgestänge festgebunden, um bei ihnen "unkeusche Handlungen" zu verhindern (s. auch den Spielfilm "Das weiße Band").

Kommentar von Libertinaer ,

was auch gut so ist.

Sagt wer?

@YeloU

Merkste was?! 8-)

Und neben der unterschwelligen (wenn auch bei weitem nicht mehr so starken) Sexualfeindlichkeit, das doppelte Maß, was Jungs und Mädchen angeht.

In all seiner Kürze ein exemplarischer "Klassiker". ^^

Antwort
von KeinName2606, 43

Weil das lange lange Zeit eben unterdrückt wurde --> schau dir doch mal unsere Geschichte an. da dauert es eben. Aber wenn du vergleichst z.B. vor 50 Jahren und heute hat sich schon viel getan!

Antwort
von FooBar1, 63

Wir sind schon viel weiter als vor 40 Jahren. Keine Panik das wird.

Kommentar von YeloU ,

hoff' ich :)

Antwort
von GravityZero, 59

Wieso verklemmt? Ich habe eher das Gefühl dass der Gegenteil der Fall ist.

Kommentar von KnusperPudding ,

geht mir auch so.

Kommentar von YeloU ,

ich finde das nicht. viele mädchen sagen dann: öh, was bist du denn für ein perverses schwein?

Kommentar von KnusperPudding ,

wenn man mitbekommt, dass sich bereits 12jährige in der Pause auf dem Handy Videos von Analsex reinziehen. ....

Allerdings hat jeder einen anderen Humor, in Bezug auf deinem Kommentar. Manche wollen einfach nicht darüber reden, und das sollte man auch respektieren.

Kommentar von Kapodaster ,

Wir wissen ja nicht, was du zu denen sagst...

Antwort
von PeterP58, 43

Das nennt man Doppel-Moral und ist von Region zu Region unterschiedlich!

Quasi: Angeblich hat keiner ein Sex-Leben! Tadaa! Jetzt ist Sie zum 3. mal Schwanger ... *hust* Und ich glaube nicht, dass die nur im Dunkeln unter der Decke Blümchen-Sex (= Floral-Sex) haben.

Wäre ja abnormal und langweilig, oder?

In Berlin kann man nackt und gefesselt über die Straße gehen - stört sich keiner dran, ist da normal. In Bayern wird nichtmal über Sex gesprochen ^^

Ich bin für sexuelle Freiheit! Und alle haben Sex - das ist menschlich! Und die einen mögen das, die anderen halt was anderes! Solange niemand zu Schaden kommt, sollte man das frei ausleben (dürfen!) !

Antwort
von BWNWone, 30

Ich rede jetzt mal nur für mich. Sex ist ein sehr privates Thema und geht niemand anderen was an außer den Beteiligten. Man kann mal einen Spruch machen, aber man sollte sich auch bewusst sein, wann man dies tut. Eigentlich finde ich auch, dass in unserer westlichen Welt Sex eher all gegenwärtig ist, egal ob Musik, Kunst etc. Sex sells. Außerdem hat eh jede kleine Teenieschlampe schon mit 13-14 Jahren sex. Am Ende wundern sich die Leute wieder, warum so viel Mädchen früh schwanger sind. Das liegt einfach daran, dass sie täglich durch die Medien beeinflusst werden und zwar in die Richtung, dass es ganz normal sei, jedem Idioten im Sommer den A""""h zu präsentieren.

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