Frage von Bolaking99, 186

Was sind die Unterschiede bzw Gemeinsamkeiten zwischen ökologischen Imperativ von Hans Jonas und den kategorischen Imperativ von Kant?

Hilfreichste Antwort - ausgezeichnet vom Fragesteller
von Albrecht, Community-Experte für Philosophie, 84

Hans Jonas stellt den ökologischen Imperativ vor dem Hintergrund vorangeschrittener Globalisierung und neuartiger Zerstörungsmöglichkeiten aufgrund der Entwicklung der Technik auf. Sein neuer Imperativ ist nicht als Ersatz für den von Immanuel Kant dargelegten kategorischen Imperativ gedacht, sondern als eine Ergänzung. Dabei geht es vor allem um das Vermeiden eines Risikos einer umfassenden Zerstörung bzw. Vernichtung (der Menschheit, des Planeten Erde, der Natur). Daher richten sich die Überlegungen von Hans Jonas beim ökologischen Imperativ ausdrücklich und betont besonders auf Fernwirkungen und die Zukunft.

Hans Jonas versucht Pflichten gegenüber Angehörigen zukünftiger Generationen und gegenüber der nicht-menschlichen Natur zu begründen. Aufgrund neuerer Erfahrungen setzt er die Existenz der Menschheit nicht als gegeben voraus. Seiner Meinung nach kann Kants Ethik eine Pflicht zur Erhaltung der Menschheit nicht begründen.

Immanuel Kant hat mehrere Formulierungen des kategorischen Imperativs geschrieben, wobei dieser ein einziger ist und nur verschieden ausgedrückt wird.

Immanuel Kant, Grundlegung zur Metaphysik der Sitten (1785. 2. Auflage 1786). Zweiter Abschnitt. Übergang von der populären sittlichen Weltweisheit zur Metaphysik der Sitten. AA IV, 421/BA 52:

„Der kategorische Imperativ ist also nur ein einziger und zwar dieser: handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, daß sie ein allgemeines Gesetz werde.

auf Zwecke als Gegenstände des Willens bezogen:

Immanuel Kant, Grundlegung zur Metaphysik der Sitten (1785. 2. Auflage 1786). Zweiter Abschnitt. Übergang von der populären sittlichen Weltweisheit zur Metaphysik der Sitten. AA IV 429/BA 66 - 67:

„Der praktische Imperativ wird also folgender sein: Handle so, daß du die Menschheit, sowohl in deiner Person, als in der Person eines jeden anderen, jederzeit zugleich als Zweck, niemals bloß als Mittel brauchest.

Hans Jonas ergänzt mit seinem neuen Imperativ den von Immanuel Kant dargelegten kategorischen Imperativ, wie er in einer auf den Menschen als Zweck an sich selbst bezogenen Fassung zum Ausdruck kommt.

Aufgrund einer inzwischen vorhandenen Möglichkeit zu Vernichtung einschließlich einer Selbstauslöschung der Menschheit und einer Zerstörung des Planeten Erde stellt Hans Jonas ein erstes Gebot der Ethik auf, das als Bezug auf die Zukunft und Überlebenschancen gedacht ist. Ein dauerhaftes Überleben der Menschheit ist nicht gesichert und keine Selbstverständlichkeit. Daher gehört zur Verantwortung, an ihre Erhaltung zu denken und dies bei Entscheidungen zu berücksichtigen.

Hans Jonas, Das Prinzip Verantwortung. Versuch einer Ethik für die technologische Zivilisation. 1. Auflage. Frankfurt am Main : Insel-Verlag, 1979, S. 36:  

„Ein Imperativ, der auf den neuen Typ menschlichen Handelns paßt und an den neuen Typ von Handlungssubjekt gerichtet ist, würde etwa so lauten: »Handle so, daß die Wirkungen deiner Handlung verträglich sind mit der Permanenz echten menschlichen Lebens auf Erden«; oder negativ ausgedrückt: »Handle so, daß die Wirkungen deiner Handlung nicht zerstörerisch sind für die künftige Möglichkeit solchen Lebens«; oder einfach: »Gefährde nicht die Bedingungen für den indefiniten Fortbestand der Menschheit auf Erden«; oder, wieder positiv gewendet: »Schließe in deine gegenwärtige Wahl die zukünftige Integrität des Menschen als Mit-Gegenstand deines Wollens ein«.“

Es soll vermieden werden, etwas zu tun, was das Überleben der Menschheit gefährdet. Für dieses Gebot der Existenz/des Erhaltens der Menschheit und der Biosphäre versucht Hans Jonas eine Begründung zu geben.

Der Gedankengang in seinen großen Schritten ist:

a) Versuch des Aufweisens einer objektiven Zweckhaftigkeit des Seins/der Natur in sich, unabhängig von menschlicher Deutung

b) Versuch, die Zweckhaftigkeit als ein Gut an sich zu zeigen

c) Ableitung einer kategorischen Pflicht zur Erhaltung dieses Gutes aus diesem Gut der Erfüllung von Zweckhaftigkeit (eine Zielausrichtung auf die Selbsterhaltung und das Nutzen von Möglichkeiten zur Weiter- und Höherentwicklung, eine dem Ganzen innewohnende Selbstbejahung).

Der Mensch ist das einzige Wesen, das Verantwortung übernehmen kann. Aus diesem Können folgt bei Hans Jonas ein Sollen. Die Menschheit ist zur Existenz und zu einer bestimmten Qualität des Lebens (Wohlergehen und Glück gehören dazu) verpflichtet. Die Menschen stehen in einem Treueverhältnis zur Welt. Träger von Verantwortung sind verpflichtet, das Dasein künftiger Verantwortungsträger zu ermöglichen.

Gemeinsamkeiten

  • Aufstellen eines allgemeinverbindlichen Gebotes
  • Enthalten eines Sollens, das uneingeschränkt verpflichtend ist
  • Adressierung an Personen, die als Subjekte mit einem Ich verstanden werden
  • Aufbauen auf Vernunft (Imperativ ist durch Vernunft begründet/gerechtfertigt und und richtet sich an Menschen als vernunftbegabte, daher zur Selbstgesetzgebung, Einsicht und Verantwortung fähige Wesen)

Unterschiede

  • logische Widerspruchsfreiheit/Verträglichkeit – reale Widerspruchsfreiheit/Verträglichkeit: Es geschieht eine Ersetzung der logischen Möglichkeit (eine Maxime [subjektiver Grundsatz] des Handelns kann sowohl widerspruchsfrei gedacht als auch widerspruchsfrei gewollt werden) bei Immanuel Kant durch eine reale Möglichkeit (irdische Biospäre und Existenz der Menschheit sind Voraussetzung für die reale Existenz menschlichen Willens) bei Hans Jonas.
  • Nicht-Konsequentialismus - Konsequentialismus: Es gibt bei Kant eine Einbettung in eine Ethik mit einem Nicht-Konsequentialismus - nicht allein die Folgen einer Handlung sind für die Bewertung ausschlaggebend, sondern (auch) etwas an der Handlung selbst – , bei Jonas dagegen eine Einbettung in eine Ethik mit einem Konsequentialismus - allein die Folgen einer Handlung sind für die Bewertung ausschlaggebend – . Immanuel Kant hat eine deontologische Ethik vertreten, etwas Gesolltes/eine Pflicht ist Maßstab bei der Bewertung. Kant vertritt die Auffassung, eine uneingeschränkt gute Handlung könne nur eine von einem guten Willen getragenen Handlung sein. Das moralisch uneingeschränkt Gute existiert nach seiner Ethik nur als guter Wille. Entscheidend ist die Handlungsabsicht, nicht die tatsächlich eingetretene Handlungsfolge. Ein ausreichender Einsatz der praktischen Vernunft bleibt aber trotzdem geboten. Eine Person darf sich nach Kant beim guten Willen nicht auf einen bloßen Wunsch beschränken, sondern hat auch die ihr zur Verfügung stehenden Mittel anzuwenden, damit sich die Absicht verwirklicht (wie aus einer Bemerkung in Klammern bei Immanuel Kant, Grundlegung zur Metaphysik der Sitten (1785/6). Erster Abschnitt. Übergang von der gemeinen Sittlichen Vernunfterkenntniß zur philosophischen (AA IV, 394/BA 4) hervorgeht). Einfach nur gut gemeint kann auch nach Kant zu wenig sein. Denn ein Wille, der sich gar nicht darum kümmert, ob die Handlungsabsicht durchgesetzt wird, und dem die Folgen einer Handlung egal/gleichgültig sind, ist kein echter guter Wille, da dafür etwas beim Wollen fehlt. Nach Kant soll ein Bestreben zur Verwirklichung der Absicht vorhanden sein. Hans Jonas fordert eine Berücksichtigung der Wirkungen einer Handlung in Bezug auf die Lebensmöglichkeit. Die Wirkung macht insofern den ethischen Gehalt einer Handlung aus. Seine Verantwortungsethik ist ein Konsequentialismus. Da nützliche Folgen zum Kriterium werden, rückt seine Ethik in die Nähe des Utilitarismus.
  • Allgemeinheitsgrad in Bezug auf Handlungssituationen: Der kategorische Imperativ Immanuel Kants ist ein universales Moralprinzip, der „neue Imperativ“, den Hans Jonas vertritt, ein weniger allgemeines Prinzip, das sich nicht auf alle Arten von Handlungssituationen bezieht, sondern auf bestimmte Arten von Handlungssituationen beschränkt ist. Denn nicht alle Handlungen beeinflussen die Überlebensmöglichkeiten der Menschheit und die Erhaltung der Biosphäre. Es gibt moralisch relevante Entscheidungen, die nicht zum Anwendungsbereich des „ökoloischen Imperativs“ gehören. Dieser ist auf ganz elementare Dinge ausgerichtet.
Kommentar von Bolaking99 ,

Danken für die mega gute Antwort. Könntest du bitte noch die Gemeinsamkeit Aufstellen eines allgemeinverbindlichen Gebotes kurz erläutern?

Kommentar von Albrecht ,

Ein Imperativ (Befehlsform) wie „Handle“ ist immer ein Gebot (gebietet Handlungen, sowohl ein Tun als auch ein Unterlassen). Das Gebot gilt sowohl beim kategorischen Imperativ von Immanuel Kant als auch beim ökologischen Imperativ von Hans Jonas für alle Personen. Die Imperative legen allgemein ein Verhalten fest. Alle ohne Ausnahme sollen daran gebunden sein.

Antwort
von dergedenkliche, 72

ich glaube, bei kant ging es auch eher um das generelle verhalten, also in jedem bereich. Hans Jonas war es sogar wichtig, dass wenn die menschen in gefahr sieht, dass man die demokratie zeitweise aussetzten darf (tolle formulierung). Ihm ging es mehr, sich genau zu überlegen, was passiert, wenn ich das jetzt erforsche, deswegen war ihm auch lieber, dass die wissenschaft langsam voranschreite, als dass es verheerende folgen gibt.

Antwort
von home16, 62

Kant ging es nur um die Beweggründe, die einer Handlung zugrunde liegen.

Die Auswirkung einer Handlung spielt in Kants System keine Rolle, entscheidend ist nur die Absicht, die der Mensch hat.

Beispiel: niemals lügen

(Selbst wenn die Henker vor der Türe stehen und dich fragen, ob du deinen Freund versteckt hältst.)


Beim ökologischen Imperativ scheint es um die Wirkung zu gehen.


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