Erfahrungen von Menschen mit Behinderung in unserer heutigen Leistungsgesellschaft?

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4 Antworten

Hey Milena,

krasses Thema! Ich finde es auf jeden Fall cool, was du machst und dass du dich für behinderte Kinder einsetzt!

Ich hab eine Gehbehinderung. Mit der "Leistungsgesellschaft" selbst habe ich persönlich nicht so das Problem, eher mit den Ansichten der Menschen. Ich will bitte selbst entscheiden was ich kann und was mir zu viel ist und nicht schon im voraus nichts zugetraut bekommen! Das ist echt ein Problem.

Oft stößt man nämlich an Grenzen, die nur in den Köpfen der anderen entstanden sind. So war es nahe liegend, dass ich mit Gehbehinderung eine Ausbildung in einer sitzenden Tätigkeit mache. Ich bin dafür aber echt nicht gemacht, ich bin ein Mensch, der gerne anpackt und sieht was er geschafft hat. Ich will etwas Sinnvolles tun und Daten in den PC eintippen, die mich nicht interessieren, gehört da für mich einfach nicht dazu.

In dem Amt habe ich dann meine Ausbildung grade so geschafft und fand es vom ersten Tag an mega ätzend. Hab noch 2 Jahre da gearbeitet und dann war der Vertrag fertig und ich ganz froh drum.

In der ersten Woche der Arbeitslosigkeit landete ich natürlich in einer Maßnahme vom Arbeitsamt, diese beinhaltete ein 2wöchiges Praktikum. Das habe ich dann gleich genutzt, um endlich den Job zu machen, den ich schon lange gerne gemacht hätte: Tierheim.

Am Anfang waren natürlich alle skeptisch "Kannst du das denn?" - Klar, ich will es können! Sicher besser als im Büro zu hocken!

Ich hab dann richtig rein gehauen und auch nach dem Praktikum weiterhin ehrenamtlich im Tierheim gearbeitet. Daraufhin habe ich dort eine Ausbildung bekommen. Joa und diese Ausbildung hab ich mit 1,0 abgeschlossen. Ich hab das einfach komplett gerockt, obwohl ich natürlich abends völlig fertig war vom vielen Laufen! Aber das hat mir Spaß gemacht.

Ich hab auch einfach unheimlich viel Selbstbewusstsein mitgenommen und gelernt, dass ich sowohl mit den größten Hunden, als auch mit den unfreundlichsten Menschen fertig werden kann.

Fazit: Behinderte Menschen stoßen leider oft auf falsches "Mitleid" und Fehleinschätzungen. Ja, ich kann nicht lange stehen, aber wenn ich mich bewegen und hin und wieder sitzen kann, kann ich das doch machen! Und ich kann auch durchaus 20kg Futtersäcke tragen oder große Hunde führen (da geht es meist eh nicht um Kraft, sondern um Körpersprache!)

Ich finde das wichtigste, auch bei einer geistigen Behinderung, ist, dass man grade Kinder einfach mal machen lässt und selbst ihren Tatendrang nachgehen lässt und sie nicht zu sehr behütet (solange keine ernste Gefahr besteht, versteht sich!). Jeder Mensch sollte die Möglichkeit haben, das zu tun was er kann und was ihm Spaß macht!

Von Idioten, die glotzen oder dumme Sprüche bringen, brauchen wir da ja gar nicht erst reden, die gibts natürlich auch, aber ganz ehrlich: Da hab ich echt besseres zu tun, als mich mit solchen Menschen auseinander zu setzen.

Wenn du Bock hast mehr mit mir über das Thema zu reden, kannst du mich gerne anschreiben! (Email: mind-hack@gmx.de) Ich habe grade einen Blog gestartet mit dem ich ebenfalls Menschen mehr Selbstvertrauen und die Denkanstöße geben will um ihr Ding zu machen. Deshalb interessiert es mich natürlich auch! :)

Liebe Grüße und viel Erfolg mit deiner Arbeit,

Ronja

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Ich habe einen Sohn von 8 Jahren, der Probleme mit der auditiven Wahrnehmung hat, sie sind aber nicht so ausgeprägt, dass man von einer AVWS (auditive verarbeitungs- und wahrnehmungsstörung) sprechen kann. Außerdem wurde festgestellt, dass sein IQ unterdurchschnittlich ist, aber nicht niedrig genug, um ihn als lernbehindert einzustufen. Er ist auch sonst verhaltensauffällig im sozial-emotionalen Bereich, aber da man nicht weiß, ob er vielleicht doch eine Lernbehinderung oder AVWS hat, kann man auch nicht ausschließen, dass die Verhaltensauffälligkeiten daher rühren, somit ist er auch kein eindeutiger Fall für eine Schule mit diesem Schwerpunkt.

Es ist für uns deshalb sehr schwer, passende Hilfe zu finden, weil sich niemand zuständig fühlt. Eine Regelschule zu besuchen schafft er aber nicht. Hätte er eindeutige Behinderung oder Störung, wäre es einfacher Hilfe zu bekommen, aber so fällt er irgendwie durchs Raster.

In der Vorschulklasse hatte er noch viel Freude am Lernen und ist gern zur Schule gegangen, sogar wenn er krank war; die Lehrerin war aber auch schon älter und hatte mehr Erfahrung. Als er im letzten Jahr in die erste Klasse zu einer jungen Lehrerin wechselte, dauerte es nur wenige Wochen, bis er diese Lust komplett verloren hatte. Er wollte gar nicht mehr zur Schule, hatte Schulungsraum und ständig Ärger dort, weil die Lehrerin überfordert war mit ihm.

Wir haben nun dafür gekämpft, dass er probeweise auf eine Sprachheilschule geht, um zu sehen, ob es dann besser wird. Aber wenn es dort nicht klappt, wird er vermutlich auf eine Schule für Kinder mit sozial-emotionalen Störungen gehen müssen. Und da wird man dann gleich in eine bestimmte Ecke gestellt. Die meisten gehen davon aus, dass es an falscher Erziehung liegt, sogar von meiner eigenen Familie konnte ich mir bzgl der Schule für sozial-emotional beeinträchtigte Kinder anhören, da würden nur die Kinder hingehen, die selbst für die Sonderschule zu blöd sind :-(

Wir als Eltern erleben immer wieder, dass völlig Fremde meinen, unser Kind nach einer kurzen Untersuchung besser zu kennen als wir selbst. Man wird ständig konfrontiert mit Vorwürfen und unser Sohn war in der vorigen Schule am Ende nur noch der Sündenbock für alles, weil er eben verhaltensauffällig und 'anders' war. Freunde hatte er dort auch keine. Wir hoffen jetzt sehr, dass es auf der Sprachheilschule, die er nach den Osterferien besuchen wird, besser wird.

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Kommentar von mirasolita
30.03.2016, 18:10

Schulungsraum = Schulangst 

Meine Autokorrektur macht manchmal seltsame Sachen :-)

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Hallo Milena, da hast du dir ja wirklich was vorgenommen! Ein weites Feld.

Ich wüsste allerdings durchaus ein griffiges Thema für deine Arbeit: "Behindert IST man nicht, behindert WIRD man".  Wie Ronja schon ganz richtig schreibt, scheitern viele Betroffene nicht an ihren eigenen Einschränkungen, sondern an unzureichenden Bedingungen und falschen Erwartungen. Wende dich doch mal mit deinem Anliegen an dieses Forum, da findest du viel mehr Ansprechpartner als hier:

http://www.rehakids.de/phpBB2/intro.html

Viel Erfolg!

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Nur so als Tip... Ab einer bestimmten Größe (die genaue Anzahl hab ich nich im Kopf) ist jede Firma verpflichtet Menschen mit Behinderung einzustellen. Ausserdem  bekommen Menschen mit Behinderung noch einige Vergünstigungen wie Mehrurlaub, keine Verpflichtungen zu Überstunden oder Schichtarbeit etc. Gesetzlich ist da also schon einiges getan (btw, ich bin z.Z. Schüler an einer Schule wo man nur mit gesundheitlichen Einschränken  teilnehmen darf)

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