Frage von RickGrimes14, 95

Aikido Gürtelsystem?

Im Internet findet man leider viele verschiedene Tabellen. Was ist die erste Prüfung? Der 6.Kyu? Und wie lange braucht man dafür ungefähr? Oder ist das von dojo zu dojo unterschiedlich?

Antwort
von Enzylexikon, 74

Hallo. :-)

Es gibt verschiedene Aikido-Verbände, bei denen es voneinander Abweichungen geben kann.

Je nachdem welchem Verband das Dojo angehört, kann das variieren.

Gerade im Kindertraining beginnt man gerne mit dem 10. Kyu, um die Kinder durch beglaubigte "Fortschritte" (Urkunden) zu motivieren.

Formell wird meist mit der Prüfung zum 6. oder 5. Kyu begonnen.

Wie oft geprüft werden kann, wird von Verbänden festgelegt, allerdings kann ein Dojo die Prüfungen auch verschieben, etwa wenn das Lernniveau der Schüler noch nicht angemessen ist.

Wie lange man zu einer Graduierung benötigt, hängt zum einen vom Verband ab. Es kann sein, dass nur einmal jährlich Prüfungen durchgeführt werden.

Außerdem wird natürlich die Teilnahme am Training berücksichtigt. Jemand der sich nur alle paar Wochen im Verein sehen lässt, kann nicht erwarten, am Ende des Jahres zur Prüfung zugelassen zu werden.

Ob man an Prüfungen teilnehmen kann, hängt also auch vom eigenen Trainingsfleiß ab. Hier gibt es meist Vorgaben des Verbands.

"Vorausgesetzt wird ein Mindestalter von XY Jahren mit einer regelmäßigen Trainingsdauer von mindestens XY Jahren".

Es kann natürlich auch vorkommen, dass man eine Prüfung nicht besteht - das sind schließlich keine reinen Formalitäten - dann dauert es eben länger.

Bei Dan-Graden wird, neben  dem technischen Können, später auch theoretisches Wissen, etwa pädagogische Fähigkeiten und das Verständnis der Aikido-Konzepte geprüft.

Es kann auch üblich sein, zunächst eine Zeit als Assistenzlehrer verbringen zu müssen, bevor die nächste Graduierung möglich wird.

Der Charakter der Übenden, egal ob Kyu oder Dan ist ebenfalls wichtig.

Ich selbst habe schon erlebt, dass eine Person nicht höher graduiert wurde, weil dieser Aikidoka zwar technisch gut war, es ihm aber an charakterliche Reife mangelte.

Immerhin lernt man potentiell gefährliche Techniken und muss, gerade als Dan, auch ein Vorbild für die Schüler sein. Ein Haudrauf-Genosse hats da schwer.

Wie ich hier immer wieder sage, ist Aikido keine Kampfkunst für Menschen, die schnelle Fortschritte für ihre Motivation benötigen.

In jedem Unterricht finden sich die gleichen Grundübungen. Das ist für manche Menschen lästig und sie haben das Gefühl nicht weiter zu kommen.

Erst später erkennt man beispielsweise, dass in der Einleitungen zu einem scheinbar banalen Standard-Wurf auch das Potential für eine Atemi-Technik (Angriff auf eine empfindliche Körperstelle) enthalten ist.

So etwas entdeckt man nicht von heute auf morgen und auch Lehrer vermitteln ihr Wissen jeweils den Graduierungen entsprechend.

In den Aikido-Vereinen die ich kennen gelernt habe, gibt es übrigens auch keine Kennzeichnung der Schülergrade durch farbige Gürtel.

Dadurch wird die Gleichheit der Übenden betont und sowohl Konkurrenzdenken, als auch Einschüchterung verhindert.

Lediglich die Urkunde und die Eintragung in den Vereinspass bestätigt den erreichten Rang. Aikido ist somit also auch nichts für Selbstdarsteller, die gerne mit Gürtelfarben angeben.

Manche Vereine lassen zumindest im Jugendtraining farbige Gürtel zu - ich persönliche befürworte diese Herangehensweise nicht.

Lediglich Lehrer tragen ab einer bestimmten Graduierung den schwarzen Halama (Hosenrock). Das ist ebenfalls verbandsabhängig.

Ich vermute, in Deutschland hat es sich mehrheitlich durchgesetzt, bereits den 1. Dan ("schwarzer Gürtel") als ausreichend für den Hakama anzusehen.

Früher war in Japan das tragen von Hakama nicht mit einem Rang verbunden, sondern allgemein verbindlich.

Erst in der Kriegszeit bzw. Nachkriegszeit, wo die Menschen wenig besaßen, bürgerte sich der Verzicht auf Hakama bei Kyu-Graden wirklich ein.

Kommentar von Enzylexikon ,

Der Wunsch, viele verschiedene Techniken zu lernen, mit Waffen zu üben und schnell zu graduieren wird im Aikido definitiv nicht erfüllt.

Allein welchen Umfang des Waffentraining einnimmt, hängt bereits vom Aikido-Stil und dem jeweiligen Lehrer ab.

So ist das Iwama-Aikido zwar generell "waffenlastiger" als zB das weltweit bekannteste Aikikai-Aikido, allerdings gibt es natürlich auch Aikikai-Lehrer, die qualifiziert mit den Übungswaffen umgehen können.

Manchmal werden Waffen selbst kurz im Anfängertraining genutzt - allerdings dann meist nur, um bestimmte Bewegungskonzepte zu verdeutlichen, die sich aus der Handhabung entwickelt haben.

Ein Lehrer kann beispielsweise den Sinn von Doppelschrittdrehungen (taisabaki) als Ausweichbewegung verdeutlichen, indem er einen Angriff mit einem Bokuto (Holzschwert) demonstriert.

Die Anzahl der Aikido-Techniken steigt auch nicht explosionsartig mit jeder neuen Graduierung an.

Der Unterricht folgt in der Regel immer dem gleichen Grundmuster. Dazu gehört auch, die Grundlagen weiterhin zu üben.

Auch Dan-Träger kommen nicht darum herum.

Allerdings erkennt man als Fortgeschrittener zunehmend, wie sinnvoll das ist, da man dann die Feinheiten in den Techniken entdeckt.

Ich habe mal erlebt, dass ein Lehrer, der sich kaum zu bewegen schien, trotzdem einen Angreifer, der ihn gepackt hatte, vollkommen kontrollierte.

Man sah das und dachte "Das muss einfach Fake sein..."

Tatsächlich wandte der Lehrer genau die Konzepte an, die man bereits zu Beginn lernt - Zentrieren, Gewichtsverlagerung, Brechen des Gleichgewichts - so dass es ihm möglich war, auch ohne raumgreifende Bewegungen zu agieren.

Ich habe den Eindruck, die Absprungrate beim Aikido ist in manchen Vereinen deshalb so hoch, weil es eben keinen spektakulären Fortschritt gibt, sondern eine Entwicklung des Schülers notwendig ist.

Dieser langsame Lernprozess entspricht aber nach meiner Meinung eigentlich genau dem menschlichen Leben.

Das Kleinkind erlernt das Laufen auch erst durch hundertfache Wiederholung und entwickelt dabei Geduld und Ausdauer.

Genau so, ist die Graduierung im Aikido kein Ergebnis plötzlicher Erkenntnis, die zu einem neuen Rang führt, sondern das Wachsen und die Verinnerlichung des bereits Bekannten.

Entschuldige wenn das alles etwas esoterisch klingen mag - es ist aus meiner Sicht aber eine adäquate Beschreibung, weshalb Aikido eben nicht ein reines Selbstverteidigungssystem, sondern ein Lebensweg ist.

Kommentar von RickGrimes14 ,

Danke für diese wirklich sehr ausführliche und informative Antwort! Ich bin erst seit 2 Wochen beim Training dabei aber schon sehr begeistert vom Aikido. Vorallem weil wir einen sehr kompetenten und symphatischen Lehrer haben. Überhaupt alle Leute beim Aikido Training sind sehr ruhig und nett. Ich habe schon viele Sportarten ausprobiert aber diese ist was ganz besonderes. Ich bin auch überzeugt dass es nicht nur ein Sport ist sondern auch den Charakter bildet. Bin sehr froh Aikido entdeckt zu haben. Du hast mir mit deinen zahlreichen Antworten hier auf gf auch viel geholfen! Danke dafür :) onegai shimasu

Kommentar von Enzylexikon ,

Es freut mich wirklich zu hören, dass dir Aikido gefällt und dir der Verein in dem du übst, ein sympathisches Umfeld bietet.

Keine Ursache, ich helfe gerne, wenn ich kann. Ich hoffe, du hast noch lange Freude am Training. :-)

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