Frage von heartbreaker14, 75

Wie kann ich vor anderen Menschen singen?

Hallo erstmals Ich bin in einem Chor und der macht eine Musicalaufführung und dort muss ich eine Solo singen. Aber ich kann nicht vor Leuten singen und ich habe wahnsinniges Lampenfieber. Hat irgendjemand ein paar Tipps dagegen

Antwort
von MissMarplesGown, 67

Teil 1:

Dein Problem hat nicht wirklich mit Singen zu tun... Es geht hier um Dein (für solche Aktionen nicht ausreichendes) Selbstbewusstsein, das offenbar nicht so stabil ist, wie es sein könnte - oder müsste, wenn Du auf der Bühne singen willst oder sollst.

Ein stabiles Selbstbewusstsein, das auch persönliche Ängste und Selbstzweifel überwinden kann, baut man sich leider nicht mal eben über "Tips" aus dem Internet auf. Dazu müsste jemand vorort intensiv und über längere Zeit mit Dir an dem Problem arbeiten.

Die Entwicklung eines stabileren Selbstbewusstseins ist ein Teil Deiner Persönlichkeitsentwicklung, das braucht viel Zeit und viele positive Erfahrungen mit Dir selbst, bis sich da wirklich etwas tut. Für eine Musical-Aufführung bekommst Du das nicht mal eben schnell hin - und erst Recht nicht über "Tips und Tricks" von anderen Leuten - das braucht eine echte und dauerhafte Veränderung in Dir selbst. Und die muss wachsen.

Wenn Du für Dein Solo Deinen Mut nicht findest, solltest Du zumindest so mutig und auch fair sein und dort klipp und klar sagen, dass Du doch kein Solo singen wirst, weil Du das so spontan nicht schaffst. Bei Aktionen wie Musical-Aufführungen müssen sich alle Beteiligten absolut aufeinander verlassen können. Es ist nicht wild, wenn Du Deine Rolle frühzeitig abgibst - es wäre nur sehr blöd und unkollegial, wenn Du bis zum Schluß so tust, als würdest Du das bringen und dann erst unmittelbar vor der Aufführung plötzlich wegbrichst. Wenn Du bereits merkst, dass Du im Grunde seit Beginn schon nur an Flucht und Auswege denkst, dann sage es den Anderen jetzt, damit jemand anders Deinen Part mit einüben kann.

Ich bin ansonsten bezüglich Bühnenaktionen immer bemüht, Leute dahin zu motivieren, solche Dinge zu schaffen, da eine solche Erfahrung sich enorm positiv auf das Selbstvertrauen auswirkt und diese Wirkung sogar Jahre anhalten kann, was jedem jungen Menschen zu wünschen ist. Man kann dieses gewonnene Selbstbewusstsein hinterher nämlich auch auf andere Lebenssituationen übertragen und das ist sehr hilfreich.

Ich selbst habe aber in meiner Jugend über meine Schule einige Jahre an Musical-Aufführungen mitgewirkt und werde nicht vergessen, als wir im Jahr des Schulabschlusses eine Musical-Revue einstudiert hatten und plötzlich gleichzeitig 2 (!!) Frauen mit unüberwindbarem Lampenfieber unmittelbar vor der Premiere ausfielen und eine weitere krank wurde. Ich hatte als stärkste Sängerin damals bereits 8 Soli (wir hatten in dem Jahr nur 4 sichere Solistinnen, die anderen sangen nur Ensemble) plus Ensemble in allen anderen Nummern und musste dazu dann sämtliche Stücke der ausfallenden Mädels zusätzlich übernehmen, weil ich die Einzige war, die auch deren Texte auswendig drauf hatte. Choreografie musste ich dann improvisieren, 2,5 Stunden vor Aufführungs-Beginn, Ich hatte ein immenses "Umzieh-Problem" und kam irgendwie gar nicht mehr von der Bühne herunter.

Ich fand das absolut peinlich - nicht weil ich mehr singen musste, das Singen selbst war purer Spaß, sondern weil ich dauernd auf der Bühne war und die anderen nur jeweils 1-3 Soli hatten (ich 14!) und keine von ihnen auch nur eine weitere Nummer übernehmen konnten. Das war ein derartiges Missverhältnis, dass es nicht mehr schön war, die Revue war im Eimer, weil sie kein Revue-Flair mehr hatte. Wenn wir auch in dem Jahr wieder ein komplettes Musical einstudiert hätten, wäre alles vollständig im Eimer gewesen. Wir hatten für Nebenrollen nie Zweitbesetzungen, weil es nicht genug gute und zuverlässige Sänger gab, um mehr als die Hauptrollen zweifach zu besetzen.

Es geht nicht darum, das niemand unüberwindbare Angst bekommen darf - es geht immer darum, sich hier absolut ehrlich und hart selbst einzuschätzen und der Gruppe nichts vorzumachen, sondern sehr früh diesen "Dialog" mit sich selbst zu führen und dann auch so früh wie möglich zu sagen, wenn man meint, dass man wegbricht. Weil damit im Ernstfall die gesamte Aufführung steht und fällt, wenn der Ausfall unmittelbar vor der Aufführung erst bekannt wird. Die meisten jungen Leute, die so etwas einen Tag vor der Aufführung sagen oder plötzlich eine Halsentzündung vortäuschen, wissen nicht selten im Innern und vor sich selbst schon Wochen oder Monate vorher, dass sie zum Schluß letztlich kneifen werden, wenn ihnen nur bis dahin eine Ausrede einfällt.

Kommentar von MissMarplesGown ,

Teil 2:

Wenn Du merkst, dass Du Deine Angst wohl nicht überwinden können wirst, aber im Grunde irrsinnig gern Dein Solo singen möchtest, dann wende Dich an den Leiter und bitte ihn/sie ab JETZT SOFORT, mit Dir über längere Zeit einzeln daran zu arbeiten und Dir bei der Überwindung von Angst und Unsicherheit zu helfen. Das wird aber nicht mit einer Einzelprobe und einem persönlichen Gespräch erledigt sein, sowas muss jede Probe begleiten. und es muss zusätzliche Proben für Dich geben.

Du allein musst Dich rechtzeitig sicher einschätzen können - und wenn Du tatsächlich singen willst, bist Du verantwortlich dafür zu signalisieren, dass Du Hilfe brauchst. Es gibt sehr gute Laiensänger, die scheitern allein an ihrer Angst und das muss nicht sein! Aber: Es ist ein gutes Stück harte (Persönlichkeits-)Arbeit, wenn Du das schaffen willst! Es gibt hierzu keine Tricks, keine Tips, keine Drops, keine Sprüche, die diese Angst mal eben ausreichend "wegmachen". Du musst Dich da Stück für Stück bewusst und mutig "rausentwickeln". Und vorher musst Du ehrlich mit Dir sein und Dich fragen: "Will ich das tatsächlich schaffen - oder will ich diese Bürde im Grunde nur loswerden?"

Antwort
von Marvyn, 65

Stell dir alle Zuschauer in Unterwäsche vor.

Kommentar von MissMarplesGown ,

Und das macht dann selbstsicher und nervenstark und lässt besser und sauberer singen? Irrtum! Angst vor Auftritten ist bei Weitem NICHT nur eine konkrete Angst vor "einer Masse Leuten, die da im Raum sitzen". Die Angst findet woanders statt, das Publikum wird auf psychischer Ebene nur als Symbol für das Eigentliche benitzt.

Die Leute tun ihr nichts. Aber ihr eigener Anspruch und die Angst, vor diesem Anspruch im eigenen Kopf zu versagen, kann die Hölle sein. Die Angst wird nur auf ein Publikum projiziert, tatsächlich reibt sich sich nicht da draussen auf, sondern am eigenen inneren Selbst-Wert-Gefühl und einer Angst, dieses könnte beschädigt, verletzt werden. Diese Konflikte liegen ganz "da drinnen" und müssen auch dort gelöst werden, nicht an einem Publikum. Wenn man das Angstproblem innen bei sich selbst auflösen kann, wird das Publikum unmittelbar zum wohlwollenden und unterstützenden, Anerkennung schenkenden Freund, der einem durch den Auftritt hilft.

Solche unrealistischen Gedankenspielchen (Publikum in Unterwäsche) lenken die Aufmerksamkeit und Konzentration des Sängers ganz gefährlich vom Wesentlichen weg. Man sollte solche Experimente nicht machen, wenn man einen guten Auftritt haben möchte. Auf der Bühne braucht man grundsätzlich die volle Konzentration auf sich selbst. Und wenn alle ohne Kopf da sitzen würden: Es MUSS dem Sänger egal sein, er ist vollständig bei sich selbst und nirgendwo anders. DA gehört die Aufmerksamkeit hin, nicht ins Publikum.

Keine passende Antwort gefunden?

Fragen Sie die Community