Frage von fragegestell, 43

Kann Metrum nicht bestimmen!?

Wieso schaffe ich es nicht das Metrum bestimmen zu können? Es hört sich für mich alles gleich an :/
Was kann man dagegen tun. Hab unzählige Gedichte ausprobiert aber es geht immer noch nicht.

Antwort
von Kartoffelpumpe, 29

Um herauszufinden, ob eine einheitliche Metrik vorliegt, solltest du zuerst alle von Natur aus betonten Silben im Vers markieren. Alle mehrsilbigen Wörter haben eindeutige
festgelegte Betonungen (diese steht auch im Duden). So hat das Wort Krankenwagen die Betonungen auf "Krank" und "wa". Niemand würde hier auf die Idee kommen, das Wort KrankEEENwaGEEEN auszusprechen. Also findet man durch normales Sprechen heraus, dass das Wort "Krankenwagen" die Silbenabfolge X x X x hat. Hierbei steht das große X für eine betonte, das kleine x
für eine unbetonte Silbe.

Es gibt 4 verschiedene Versfüße:

1) Jambus: unbetonte Silbe, betonte Silbe: x X

2) Trochäus: betonte Silbe, unbetonte Silbe: X x

3) Daktylus: unbetonte Silbe, unbetonte Silbe, betonte Silbe: x x X

4) Anapäst: betonte Silbe, unbetonte Silbe, unbetonte Silbe: X x x

"Krankenwagen" hat die Silbenfolge X x X x. Das Wort besteht somit aus 2 Versfüßen Trochäus. X x | X x.

"Klavier" wird KlaVIER gesprochen, hat also die Silbenfolge x X. Das Wort besteht somit aus einem Versfuß Trochäus.

Das ganze lässt sich für jedes Wort machen. Manche Wörter lassen sich aber verschieden betonen. Dies ist besonders bei zusammengesetzten Wörtern der Fall. Autobahn lässt sich entweder X x x sprechen, mit einziger Betonung auf "Au" oder mit zusätzlicher Betonung auf "bahn", also X x X.
Man muss beide Möglichkeiten in Erwägung ziehen und schauen, was sich besser in den Vers fügt.

Einsilbige Wörter sind entweder betont oder unbetont. Dies ist ebenfalls abhängig von den anderen Betonungen im Vers.

Anwendung:
Nehmen wir uns jetzt mal ein Beispiel. Wie wäre es mit einer echten
Ballade, z. B. "Belsazar" von Heinrich Heine. Der erste Vers lautet:

Die Mitternacht zog näher schon;

Der Vers hat 2 mehrsilbige Wörter, bei denen wir die Versfüße bestimmen können: "Mitternacht" X x X und "näher" X x.

"die", "zog" und "schon" sind einsilbige Wörter, die keine Betonung mit sich bringen. Wir haben nun:


Die Mitternacht zog näher schon;      #
 ?     X   x    X    ?    X   x     ?

Jetzt
gilt es für die einsilbigen Wörter eine Betonung zu raten, wir
probieren also aus, ob man die Betonungen jetzt so setzen kann, dass
eine einheitliche Abfolge derselben Versfüße entstehen kann. Also
entweder durchgehend Jambus: x X x X x X x X x X ... oder durchgehend
Daktylus: X x x X x x X x x X x x ...

Probieren wir mal Daktylus:


Die Mitternacht zog näher schon;
 X    x    x    X     x    x    X     x

X x x | X x x | X x. Das obere wäre Daktylus. Passt aber nicht, da wir wissen, dass auf jeden Fall unsere 2. Silbe betont ist, siehe #. Wir haben also hier mehr als nur unsere ? geändert.

Beim Daktylus lässt sich aber noch ein Auftakt = unbetonte Silbe davor setzen. Probieren wir das mal:


Die Mitternacht zog näher schon;
 x     X  x      x      X   x   x      X

x | X x x | X x x | x Das würde gehen, wenn wir unsere "Nacht" unbetont machen. Aber das Wort "näher" hat in der Naturbetonung immer die Betonung X x. "näher" dürfen wir aber nicht ändern, da sind wir nicht flexibel.

Wir können nun sowohl Daktylus als auch Auftakt-Daktylus ausschließen.

Probieren wir mal Jambus:

Die Mitternacht zog näher schon;
 x     X   x    X     x    X   x     X


x X | x X  | x X | x X Das sieht doch gut aus. Wir haben keine in # festgelegten Betonungen geändert. Wir haben es erraten, das einheitliche Metrum ist Jambus.

So geht das bei jedem Vers. 1) Naturbetonung der mehrsilbigen Wörter
festlegen. 2) einheitliche Versmaße probieren. 3) Das einheitliche
Versmaß davon wählen, dass die in 1) festgelegten Naturbetonungen nicht
verletzt.

Jetzt haben wir einen Vers des Gedichts als Jambus festgelegt, jetzt können wir schauen, ob die anderen Verse auch Jambus sind.

In stummer Ruh lag Babylon

?    X    x      ?      ?    X  x  X

Das wäre die Naturbetonung.


In stummer Ruh lag Babylon


x   X    x      X      x    X  x  X

Das wäre Jambus. Passt, verletzt die Naturbetonung nicht. So sprichst du jetzt die ganze Ballade durch, und achtest darauf, dass die Naturbetonungen nicht verletzt werden. Du wirst hoffentlich merken, dass es nicht bei jedem Vers klappt. Dort liegt entweder ein anderes Metrum vor, oder gar keins. Es kann durchaus Gedichte geben, in denen Verse kein festes Metrum haben oder gar kein Vers ein festes Metrum hat.

Nehmen wir mal ein anders Gedicht: Joseph von Eichendorff - Das zerbrochene Ringlein


In einem kühlen Grunde
Da geht ein Mühlenrad
Mein’ Liebste ist verschwunden,
Die dort gewohnet hat.

Sie hat mir Treu versprochen,
Gab mir ein’n Ring dabei,
Sie hat die Treu’ gebrochen,
Mein Ringlein sprang entzwei.

Ich möcht’ als Spielmann reisen
Weit in die Welt hinaus,
Und singen meine Weisen,
Und geh’n von Haus zu Haus.

Ich möcht’ als Reiter fliegen
Wohl in die blut’ge Schlacht,
Um stille Feuer liegen
Im Feld bei dunkler Nacht.


Hör’ ich das Mühlrad gehen:
Ich weiß nicht, was ich will —
Ich möcht’ am liebsten sterben,
Da wär’s auf einmal still!

Da kannst du mir ja jetzt vielleicht helfen, und mir sagen, welches Metrum es hat. :) Durchgängig? Ja oder nein?

Kommentar von Kartoffelpumpe ,

KlaVIER besteht natürlich aus einem Versfuß Jambus.

x     X     => Jambus

War 2 Sekunden zu spät beim editieren. .-.

Antwort
von KreativerNameY, 28

Hallo da,

ich hatte lange Zeit dasselbe Problem. Halte am besten Ausschau nach längeren Wörtern, die Du kennst, und lies sie übertrieben betont vor. Wo Du eine Betonung siehst, schreib es über die Silbe, und vielleicht ergibt sich so ein Muster.

Oder Du legst dir eine Liste an Wörtern an, die häufig in Gedichten vorkommen, ein paar Grundwörter sozusagen, an denen Du die Betonung ablesen kannst. Wenn Du diese Worte dann in Gedichten wiederfindest, hast Du schon mal einen Anhaltspunkt.

Viel Glück noch mit den Gedichten, und lass nicht den Kopf hängen ;)

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