Frage von SzaboNemesis, 116

Leben wir in einer Post-Demokratie?

Angesichts des massiven Vertrauensverlusts der Bürger in die etablierte Politik, das durch Sozialabbau, Militäreinsätze und EU-Politik befeuert wird, tut sich die Frage auf, ob wir nicht längst in einer Postdemokratie leben. Bestimmt wirklich noch der Souverän?

Hilfreichste Antwort - ausgezeichnet vom Fragesteller
von Juli277di, 81

Ich denke ja. Die Oligarchie ist die wahre heutige Herrschaftsform, die in politikwissenschaftlichen Theorien nichts mit der Demokratie zu tun hat. Sie ist die Herrschaft der wenigen (Reichen). Der Begriff wird im Alltag heute nur noch selten verwendet und wenn, dann in einem populistisch-propagandistischen Kontext: die russische Oligarchie oder ukrainische Oligarchen. Es ist ein negativer, nicht-demokratischer Begriff, der sehr gut mit Fingern auf andere zeigt und eher selten auf einen selber.

Die politischen Veränderungen in den vorbildlichen Demokratien des Westens ändern das nun. Es wird immer deutlicher, welchen Einfluss das Geld auf die Politik hat und wie einige Reiche die politischen Fäden ziehen.

Dementsprechend kann ich deine Bedenken gegenüber unseres Systems gut verstehen. Man kann auch "Postdemokratie" dazu sagen :)

LG Julian

Kommentar von SzaboNemesis ,

Klasse Antwort!

Kommentar von Andretta ,

Exakt. Besser als Julian hätte ich es nicht schreiben können.

Kommentar von eccojohn ,

Volle 100 % erreicht - Gratulation !

Ich hoffe mal, du entwickelst oder verfolgst auch eigene politische Ambizionen und übst sie aus !

Kommentar von surfenohneende ,

Sehr gute Antwort !

BTW: Stärkung der Oligarchie passierte auch mit Russland in den 1990s unter Boris Jelzin ( Alkoholiker ) ... Putin versucht die Olligarchen wieder zu entmachten, nicht immer mit den besten Mitteln ( die genauso übel sind wie Die der Olligarchen ) , aber immer noch besser als eine allmächtige Olligarchie

Kommentar von lesterb42 ,

Und wer sind jetzt die Oligarchen in Deutschland?

Kommentar von Ruehrstab ,

"Der Begriff Klassenkampf klingt für viele sicher veraltet und erinnert ja auch an die ideologischen Schlachten der Vergangenheit. Allerdings verwendet heute sogar mancher Chefkapitalist das Wort wieder. Der berühmte Investor und Multimilliardär Warren Buffet etwa meinte 2004 in einem persönlichen Gruß an seine Aktionäre: 'If class warfare is being waged in America, my class is clearly winning.' Also übersetzt: 'Wenn es einen Klassenkampf in Amerika gibt, dann ist meine Klasse eindeutig dabei, ihn zu gewinnen.'

Zu dieser Klasse gehören neben den Eigentümern und Managern der Großbanken auch die global tätigen Investmentfonds, die zwar selbst kein Geld schöpfen können wie die Banken, die aber ebenso über
Verteilungsmacht beim Investieren von fremden Vermögen verfügen. Um diese Geldschöpfungs- und Geldsammelstellen gruppieren sich
international arbeitende Dienstleister, wie Ratingagenturen, Wirtschaftsprüfer und Unternehmensberatungen. Gemeinsam bilden all diese Finanzkonzerne de facto eine transnationale Interessengruppe, die man ebenso gut als 'Klasse' bezeichnen kann.

Und dieser in absoluten Zahlen sehr kleinen Gruppe von Menschen steht nun im Grunde die gesamte übrige Menschheit gegenüber: Eine winzige Gruppe hat ein System perfektioniert, dass 99,99 Prozent der Leute mehr oder weniger für sich arbeiten lässt. Mit freier Marktwirtschaft hat das wenig zu tun – die meisten Unternehmer werden ja von diesem Finanzklüngel ganz ähnlich manipuliert und ausgenommen wie der 'Normalbürger'."

("Wer regiert die Welt": http://www.nachdenkseiten.de/?p=31761 )



Kommentar von lesterb42 ,

Mag alles stimmen, nur merk ich davon nichts. Ich erkenne auch nicht, dass unsere Demokratie beschädigt wird.

Antwort
von Geraldianer, 63

Das Problem ist nicht das demokratische System.

Verantwortliche Politiker müssen sich in einer globalisierten Welt Sachzwängen beugen. Egal welches politisches Programm sie verfolgen.

Banken und Konzerne können nur durch gemeinsame Entscheidungen vieler Staaten daran gehindert werden, ihre Macht skrupellos auszuüben.

Würde GB aus der EU austritt, fehlt dem Land der direkte Zutritt zum europäischen Bankensystem. Damit wären eben viele Großbanken, Steuermittel und Arbeitsplätze in anderen europäischen Ländern.

Wenn Merkel ihr oft gescholtenes "alternativlos" gesagt hat, wollte sie genau dies ausdrücken.

Antwort
von soissesPDF, 39

Noch nicht.
Durch eine wirtschaftshörige Politik deutet nicht wenig auf eine Oligarchie hin.
Diese jedoch müsste zuerst die Verfassung (das Grundgesetz) überwinden bevor sie zur Macht greifen könnte.

Richtig ist, dass jede Verfassung ihre Feinde im innern hat.
Dazu gehören heute auch wirtschaftshörige Poltiker, aller Parteien.
Ähnlichkeiten mit der Geschichte sind nicht zufällig.

Es liegt tatsächlich beim Wähler, wie viel Demokratie möglich wird oder bleibt.

Expertenantwort
von atzef, Community-Experte für Politik, 34

Ein aufgeblasenes und realitätsfremdes Scheinproblem.

Hat jemand den Souverän abgeschafft? Der kann wie in all den jahrzehnten zuvor seine Herrschaft ungehindert in Wahlen und Abstimmungen ausüben.

Wenn von diesem Recht derzeit weniger Gebrauch machen als früher, dann ist es bloßes Wunschdenken, deren Motivlage aus einem vermeitlichen "Sozialabbau" (Wann und wo haben Deutsche jemals zuvor sozial abgesicherter gelebt?), "Militäreinsätzen" (die kaum jemand mitbekommt oder interessiert) und pauschalierend der "EU-Politik" abzuleiten.

Wenn Menschen nicht zur Wahl gehen, liegt das nicht nur an irgendeiner Unzufriedenheit, sondern kann ebensogut auch daran liegen, dass ihnen Politik relativ egal ist, weil eigentlich alles relativ gut für sie läuft.

Kommentar von Modem1 ,

Das kann ich aus meinen persönlich Umkreis nicht bestätigen: Ich selber habe bisher gewählt und wenn ich keine Lust habe ins Wahllokal zu gehen habe ich Briefwahl gemacht. Es ist erschreckend: Bei Einigen ist das Vertrauen wirklich futsch..kein Vertrauen mehr in die Politik. Unter 4 Augen wird mir das anvertraut. Ansonsten schweigt man sich aus.

Antwort
von Cibag, 7

Wir leben nach wie vor in demokratischen Systemen, aber der Umgang bzw. die Anwendung hat sich verändert. https://de.wikipedia.org/wiki/Postdemokratie#Gegentendenzen_zur_Postdemokratiee

Antwort
von Modem1, 48

Wer ist wir?Militäreinsätze kommen aus dem Nato Hauptquartier.. zumindesten Befehle dazu.Als Nato  Mitglied muss man parieren.Wir sind eine Demokratie mit Einschränkungen.Die leeren Sitze im Bundestag sprechen ihre Worte wie die gewählten Abgeordneten noch die Demokratie achten.Das gibt es in der privaten Wirtschaft nicht da wird man gefeuert.Da können die Menschen das Vertrauen verlieren.

Kommentar von surfenohneende ,

Ja ... & es wird wieder immer schlimmer ....

Antwort
von voayager, 23

Ja, deine Einschätzung ist richtig, wir leben in einer Art Post-Demokratie, wo nur noch wie im TV alles von Außen betrachtet wird, also eine Art Zuschauer-Demokratie.

Antwort
von xShocKWavE, 68

Der Souverän hat immer noch die Möglichkeit, selbst mitzuwählen und dadurch selbst mitzubestimmen. Gerade Extremparteien wie die AfD sorgen neben den etablierten Parteien für eine breite Meinungsvertretung, auch wenn ich ihre Ansichten nicht gutheißen und verteidigen will. 

Aber ich verstehe deine Sorge. Wenn wir die nächste Bundestagswahl abwarten, wird sich diese Frage wohl endgültig klären, Ob zum Guten oder zum Schlechten, sei einmal dahin gestellt.

Antwort
von Daspasstschon, 59

Nein, das glaube ich nicht. Dennoch befinden wir uns in einer Phase, in der die Demokratie beweisen muss, dass sie wehrhaft ist.

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