Frage von Coja987, 188

Ist es ethisch vertretbar ein ungeborenes, behindertes Kind abzutreiben?

Antwort
von isebise50, 75

Bereits im Jahr 1995 wurde die so genannte embryopathische Indikation abgeschafft.

Nur weil ein Ungeborenes eine Behinderung hat, darf also keine Spätabtreibung vorgenommen werden.

Aber laut § 218a Absatz 2 (medizinische Indikation) ist der mit Einwilligung der Schwangeren von einem Arzt vorgenommene Schwangerschaftsabbruch dann nicht rechtswidrig, wenn der Abbruch der Schwangerschaft unter Berücksichtigung der gegenwärtigen und zukünftigen Lebensverhältnisse der Schwangeren nach ärztlicher Erkenntnis angezeigt ist, um eine Gefahr für das Leben oder die Gefahr einer schwerwiegenden Beeinträchtigung des körperlichen oder seelischen Gesundheitszustandes der Schwangeren abzuwenden, und die Gefahr nicht auf eine andere für sie zumutbare Weise abgewendet werden kann.

Zwei Ärzte müssen zu dieser Überzeugung kommen: derjenige, der die Indikation stellt, und ein anderer, der den Abbruch macht. Beide müssen dafür die gegenwärtigen und die zukünftigen Lebensumstände der Schwangeren in Betracht ziehen und der Frau vor dem Abbruch eine Beratung über Lebensperspektiven mit dem Kind anbieten.

Nach deutschem Recht besteht die Möglichkeit, eine Schwangerschaft aus medizinischer Indikation in jedem Stadium zu beenden, es gibt keine Einschränkung bezüglich der SSW. In einem fortgeschrittenen Schwangerschaftsstadium, in dem der Fötus außerhalb der Gebärmutter lebensfähig wäre, wird der Fetozid vor einem Schwangerschaftsabbruch durchgeführt, um eine Lebendgeburt zu verhindern. Der Eingriff muss vor Einsetzen der Eröffnungswehen erfolgen, da mit Beginn des Geburtsvorgangs das Ungeborene juristisch als Person gilt und der zu diesem Zeitpunkt vorgenommene Schwangerschaftsabbruch ein Tötungsdelikt darstellt, der strafrechtlich verfolgt wird.

Die Mehrzahl der mit medizinischer Indikation vorgenommen Abbrüche werden letztlich aufgrund einer diagnostizierten Embryopathie durchgeführt. Bei Schwangerschaftsabbrüchen nach Pränataldiagnostik liegen bei 88 Prozent der Spätabtreibungen schwerwiegende klinische Befunde vor, darunter schwere Chromosomenanomalien, fehlende Nieren oder fetale Tumoren. Mindestens 50 Prozent der Kinder hätten keine Chance, das erste Jahr oder auch nur ihre Geburt zu überleben.

Ich kann nur jedem wünschen, niemals eine solch qualvolle Entscheidung treffen zu müssen. Wenn es dann aber doch so sein sollte, befürworte ich, dass man in seinem Heimatland legale Möglichkeiten findet und nicht ins Ausland reisen muss.

Alles Gute für dich!


Kommentar von carn112004 ,

Gut die Rechtslage geschildert; ich will nur nochmal, auf das hinweisen, was man als Heuchelei sehen könnte:

"Nur weil ein Ungeborenes eine Behinderung hat, darf also keine Spätabtreibung vorgenommen werden."

"Die Mehrzahl der mit medizinischer Indikation vorgenommen Abbrüche werden letztlich aufgrund einer diagnostizierten Embryopathie durchgeführt. "

und noch eines:

"liegen bei 88 Prozent der Spätabtreibungen schwerwiegende klinische Befunde vor, "

wie schwer sind die Behinderungen/Gesundheitsprobleme der verbleibenden 12%?

Und hast du vielleicht eine Quelle für diese Zahlen? (damit ich da weiterlesen kann und vielleicht selbst die Antwort finde)

Kommentar von isebise50 ,
  • Die in deinen Augen Heuchelei erklärt sich von selbst. Wenn der Abbruch der Schwangerschaft angezeigt ist, um eine Gefahr für das Leben oder die Gefahr einer schwerwiegenden Beeinträchtigung des körperlichen oder seelischen Gesundheitszustandes der Schwangeren abzuwenden, aber nicht aufgrund einer Behinderung des Kindes, ist dies zumeist schon zu Beginn der Schwangerschaft bekannt. Dann kann ein Abbruch nach Fristenregelung vorgenommen werden und taucht nicht in der Statistik auf. Die eine trügerische Sicherheit bietende Pränataldiagnostik liefert aber erst spät (nach der 14.SSW) gegebenenfalls "schlechte" Befunde.
  • Meistens tagt ein sogenannter „Ethikrat“ im Krankenhaus über den eventuellen Eingriff. Nur wegen z.B. eines Klumpfußes wir kein Kind abgetrieben.
Kommentar von carn112004 ,

Die Heuchelei kann darin gesehen werden, dass wie du sagst:

a) "weil ein Ungeborenes eine Behinderung hat, darf also keine Spätabtreibung vorgenommen werden."

wegen Behinderungen keine Spätabtreibungen vorgenommen werden dürfen

b)"Die Mehrzahl der mit medizinischer Indikation vorgenommen Abbrüche
werden letztlich aufgrund einer diagnostizierten Embryopathie
durchgeführt.
Bei Schwangerschaftsabbrüchen nach Pränataldiagnostik liegen bei 88
Prozent der Spätabtreibungen schwerwiegende klinische Befunde vor, "

bei der Mehrzahl der Spätabtreibungen der Anlass der Abtreibung die Feststellung einer Behinderung ist, in dessen Folge sich dann nach Einschätzung des Arztes eine Gefahr für die Gesundheit der Schwangeren ergibt.

Wenn das Gesetz sagt, aus irgendeinem Grund Y darf X nicht gemacht werden, aber jeder weiß, dass in bestimmten Konstellationen eben X aufgrund von Y gemacht wird, dann ist Heuchelei zumindest nicht unpassend. Trifft ja uns alle.

Kommentar von annemarie37 ,

Was soll denn daran "Heuchelei" sein, wenn der Arzt befindet, die Belastung durch ein behindertes Kind könne für die Frau, unter Berücksichtigung ihrer gegenwärtigen und zukünftigen Lebensverhältnisse, eine unzumutbare schwerwiegende Beeinträchtigung ihres körperlichen oder seelischen Gesundheitszustandes zur Folge haben?

Kommentar von carn112004 ,

Das die Diskriminierung von behinderten doch gerade erfolgt, weil sie so eine Last sind.

Wenn man das hehre Ziel setzt "Lasst uns Behinderte nicht mehr wie eine unerträgliche Last behandeln, die uns stört, die wir verbannen, die wir vernichten." und nachher hat man ein Gesetz, was das vernichten legalisiert, wenn Behinderte eine unerträgliche Last darstellen, dann hat man sein hehres Ziel wenigstens teilweise hintertrieben.

Um es nochmal zu sagen: Den Vorwurf der Heuchelei richte ich da vor allem gegen die Gesellschaft und die Politik, die die Anti-Diskrimnierung auf so ein hohes Podest hebt und einen geradezu ächtet, wenn man mit irgendeinem "Sorry, auf behinderte Rücksicht nehmen, wäre uns gerade zu schwierig." daherkommt, wobei sie aber gleichzeitig an dem entscheidensten Punkt des möglichen Neins zu dem Menschen aufgrund der Behinderung, nämlich bei dem Ja der Mutter zu ihrem Kind, sogar das Vernichten bezahlt. Würden sie konsequent sein, müssten sie sich viel mehr darum bemühen, Familien mit behinderten Kinder zu helfen, und viel weniger auf Heiligenschein machen, wie toll sie doch gegen Diskriminierung agieren würden.

Antwort
von carn112004, 47

Nein, zumindest soweit Spätabbrüche nach der 24. Woche gemeint sind, (*)

denn es gibt eigentlich nur zwei Möglichkeiten:

a) es ist niemals ethisch vertretbar, Menschen zu töten, weil sie behindert sind;

     somit nein

b) es kann ethisch vertretbar sein, Menschen zu töten, weil sie behindert sind, um ihnen Leid zu ersparen;

           mindestens muss dann jedoch gegeben sein, dass die Behinderung tatsächlich vorliegt und tatsächlich so schwer ist, dass zwecks "Leidminimierung" ie Tötung erforderlich ist;

          dafür müssen mindestens, da es um Leben und Tod eines Menschen geht, die besten mit einem vertretbaren Aufwand verbundenen Diagnosemethoden verwendet eingesetzt werden, um eben sicher zu stellen, dass kein Irrtum vorliegt (wäre ja saublöd, man würde einen Menschen töten, weil der vermeintlich behindert war, dabei war er es gar nicht oder zumindest erheblich weniger als gedacht)

         die Präzision von Diagnosemethoden steigt gigantisch, sobald das Kind mal draußen ist; da sich bei Spätabtreibungen nach der 24. SSW die Abtreibung von der Geburtseinleitung nur durch den Fetozid unterscheidet, wäre es ethisch richtig im Sinne der Leidminimierung den sein zu lassen, nach der Geburt zu untersuchen und dann über Töten oder Nichttöten zu entscheiden, da das dann auf zuverlässigerer Basis erfolgen kann

Für Abtreibungen vor der 24. SSW ist die Sache bei b) möglicherweise anders, da ja dann - wenn man übers töten erst bei der nach Geburt zuverlässigeren Diagnose entscheiden will - die Schwangere einige Wochen oder Monate zusätzliche Schwangerschaft auf sich nehmen muss, bis man 24. oder ein bischen später erreicht, was dann aber völlig gewissermaßen witzlos wäre, wenn die Nachgeburt-Diagnose nur bestätigt, was man bereits vorher vermutet hat.

Für a) ändert sich natürlich nichts.

Anzumerken ist, dass wie isebise50 erläutert hat, die Rechtslage in D momentan ziemlich scheinheilig und widersprüchlich ist; eigentlich darf wegen Behinderung nicht abgetrieben werden; tatsächlich passiert es trotzdem, es wird genau aus dem Grund der Behinderung abgetrieben; und alle, die sich mit dem Thema auskennen, wissen das.

Ferner, stellt man 10 Minuten vor Einesetzen der Geburtswehen die Behinderung fest, kann man ohne dass es rechtswidrig wäre und auf Krankenkassenkosten dem ungeborenen eine tödliche Spritze ins Herz stechen (fetozid). Stellt man aber die exakt gleiche Behinderung und ansonsten auch alles exakt gleich nach dem Einsetzen der Geburtswehen fest und sticht dann die Spritze ins Herz, dann zahlt das nicht nur die Krankenkasse nicht, sondern man ist wegen Totschlag oder Mord dran und ferner fänden es alle ganz furchtbar; nur weil man halt ein paar Minuten später erst die Behinderung festgestellt hat.

(*ich lese in die Frage hinein, dass abgetrieben werden soll, weil eine Behinderung vorliegt; rein vom Wortlaut her würde auch noch drunter fallen, dass ein behindertes Kind aus irgendwelchen anderen Gründen als die Behinderung abgetrieben werden soll)

Antwort
von Raubkatze45, 43

Das deutsche Gesetz sieht es offenbar als ethisch vertretbar an, so dass auch Spätabtreibungen vorgenommen werden, wenn eine Behinderung feststeht und die Mutter sich nicht für stark genug hält, damit fertig zu werden.

Aus christlicher Sicht gibt es keinen ethischen Grund für diese Maßnahmen, weil auch behinderte Menschen gleichermaßen Geschöpfe Gottes sind und nicht als lebensunwert ausgesondert werden dürfen. Wie müssen sich dann behinderte Menschen fühlen, die als lebensunwert erachtet werden und der Umwelt zur Last fallen ? Solch ein Gedankengut ist niemals gutzuheißen, wenn man am Wert des Menschen festhalten will.

Antwort
von MrHilfestellung, 83

Ich finde es bis zu einem bestimmten Zeitpunkt, nämlich dann, wenn das Kind ohne Mutter überlebensfähig sein könnte, es ethisch vertretbar ein Kind abzutreiben, behindert oder nicht.

Antwort
von kiniro, 68

Abtreibungen finden immer bei Ungeborenen statt.

Ethisch vertretbar? Kommt darauf an, welche ethischen Grundsätze die Eltern verfolgen und um welche Behinderung es sich handelt.
Dann noch, ob die Eltern (in den meisten Fällen die Mutter, die sich hauptsächlich darum kümmern müsste) dieser Aufgabe eventuell über Jahre oder gar Jahrzehnte gewachsen wären.

Antwort
von Volkerfant, 51

Das muss jeder für sich selbst entscheiden.

Ich könnte es nicht, weil ein Embryo recht früh schon sehr gut ausgebildet ist, er muss nur noch wachsen und groß werden, dann ist er ein lebensfähiges Kind. Ich finde, jeder Embryo eine Chance auf ein Leben verdient hat.

Antwort
von Babur333, 53

 In diesem Fall ist es ethisch vertretbar, aber das muss jeder selbst entscheiden.

Antwort
von insalata2, 106

Das müssen allein die Eltern entscheiden. Sie können sich beraten lassen, aber die Entscheidung liegt bei ihnen.

Antwort
von Felinira, 72

Es ist ethisch Vertretbar sich dagegen zu entscheiden, die Pflege für ein solches Kind kann ein Leben lang anhalten und die Belastung ist nicht gerade gering. Viele Leute kritisieren diese Einstellung aber bei schwerwiegenden Behinderungen kann es eine Riesenlast sein und wenn man nicht die Zeit dafür erübrigen kann oder will - ist es vertetbar. (Kommt natürlich auch auf die Art der Erkrankung an)

Antwort
von ToniJo02, 91

Kommt drauf an welche Behinderung

Antwort
von sabbelist, 80

Das muß jeder für sich selbst entscheiden.

Antwort
von Norbsund, 81

Muss jeder für sich entscheiden.

Ich finde, dass jedes Kind ein Recht auf Leben hat, egal ob behindert oder nicht.  Deswegen bin ich eigentlich gegen Abtreibung, wenn man zu doof ist zu verhüten.

Bei einer Vergewaltigung sieht das natürlich anders aus. 

Kommentar von isebise50 ,

Warum misst du mit zweierlei Maß; "jedes Kind hat ein Recht auf Leben" - aber nicht, wenn es das Pech hatte, bei einer Vergewaltigung gezeugt zu werden?

Wie kann man so leicht in "richtige" und "falsche" Gründe für eine Abtreibung einteilen.

In einer Schwangerschaftkonfliktsituation zählen allein die Gründe der betroffenen Frau. Ob nun der "falsche" Mann, der "falsche" Zeitpunkt
oder die "falschen" Umstände...

Nur diese Frau kann für sich und ihre Lebensplanung entscheiden, was ihre "richtigen" Gründe sind.

Warum ist es "gerechtfertigter", ein durch eine Vergewaltigung entstandenes oder behindertes Embryo abzutreiben, als eines, was durch Leichtsinn, Naivität, Unkenntnis oder eine Verhütungspanne gezeugt wurde?

In den Diskussionen um die Abtreibungsfrage geht es vorrangig um den Schutz des ungeborenen Lebens - und wer schützt das geborene?

Ist ein Kind die Suppe, die die Frau zur Strafe gefälligst auslöffeln muss?

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