Frage von Immobilie2016, 87

Arbeitgeber schickt trotz schriftlicher Vereinbarung im Aufhebungsvertrag (selbst gekündigt) mit Beurteilung "sehr gut" dasArbeitszeugnis mit Beurteilung "gut"?

Hallo Zusammen,

ich habe vor mehreren Wochen meine Arbeit gekündigt.

Da ich schnell aus dem Vertrag wollte (Bossing, ganz schlimme Arbeitszustände, keine schöne Arbeitsatmosphäre) habe ich gekündigt und um einen Aufhebungsvertrag gebeten. Da ich wusste wie meine ehemalige Vorgesetzte agiert, habe ich bei der Geschäftsleitung im Aufhebungsvertrag ein Arbeitszeugnis mit der Beurteilung "sehr gut" ausgehandelt. Das wurde mir ebenfalls sofort zugesichert.

Seitdem ich allerdings von dort weg bin, ist die Geschäftsleitung selbstverständlich nicht zu erreichen. :( Die Sekretärin, die mit dem Verfassen des Zeugnisses beauftragt worden ist, schickt mir die Entwürfe (auch von der Geschäftsleitung abgesegnet, auch immer in cc) mit einer Beurteilung von "befriedigend", teilweise auch "gut", jedoch nie "sehr gut". Das Spiel geht inzwischen seit zwei (!) Monaten. Die Geschäftsleitung ist zwar in den E-Mails auf cc, jedoch wird nicht geantwortet und auch telefonisch lande ich nur bei der Vorzimmerdame anstatt beim Ansprechpartner (Geschäftsführer), mit dem ich es damals vereinbart habe.

Meine Frage daher. Wie stehen meine Chancen, wenn ich zum Anwalt gehe. Das Kuriose ist dabei, dass ich die schriftliche Vereinbarung des Zeugnisses mit der Bewertung "sehr gut" im Aufhebungsvertrag erhalten habe. Denkt das ehemalige Unternehmen eventuell ich bin blöd oder kenne diese versteckten Formeln nicht? Ich habe ihnen auch schon eine von mir selbst geschriebene Version geschickt (natürlich mit der Beurteilung "sehr gut"), doch darauf wird nicht eingegangen. An meinen letzten Tag hieß es noch von der Geschäftsleitung, ich bekomme das Arbeitszeugnis so wie ich möchte. Demnach ist anscheinend nicht mehr so.

Am meisten ärgert mich jedoch dabei, dass ich bei diesem Job durch die Höhle gegangen bin. 14-Stunden-Tage und tägliche Demütigungen durch meine Vorgesetzte sind an der Tagesordnung gewesen. Ich habe es so lange mitgemacht, dass ich zum Schluss professionelle Hilfe in Anspruch nehmen musste, da ich total fertig war. Jetzt darf ich auch noch um mein Arbeitszeugnis "streiten". Habe ich auch hier Chancen, beim ehemaligen Arbeitgeber etwas gelten zu machen bzw. darauf hinzuweisen? Die Umstände sind ihm bewusst. 

Freue mich auf Eure Antworten. Experten, hoffe, Ihr könnt mir helfen. Danke für alle Antworten im Voraus!!

Antwort
von Interesierter, 41

Zunächst mal vorneweg, wenn du selbst gekündigt hast, dann hast du das Arbeitsverhältnis von dir aus beendet und der Aufhebungsvertrag ist obsolet. Etwas, was gekündigt ist, kann man nicht nochmals aufheben. Die Kündigung erfolgte vor der Aufhebung, also ist die Kündigung wirksam und die Aufhebung nicht. Die Zusicherung ist hier leider nichts wert.

Um ein Zeugnis mit der Note "sehr gut" durchzusetzen, müsstest du letztlich beweisen, dass du auch "sehr gute" Arbeit geleistet hast. 

Kannst du diesen Nachweis führen, stehen deine Chancen gut, dieses Zeugnis vor Gericht zu erstreiten.

Kannst du diesen Nachweis nicht führen, was leider die Regel ist, gehst du vor Gericht baden.

Antwort
von lutzblmel, 25

Wenn du eine Rechtschutzversicherung hast, dann lass das anwaltlich überprüfen. Das Zeugnis und die vertraglichen Vereinbarungen. 

Denn selbst, wenn der Aufhebungsvertrag unwirksam ist, muss die vertragliche Zusicherung zur Notenvergabe nicht unbedingt ebenfalls unwirksam sein.
Je nach Wortlauf kann dort auch vermerkt sein, dass deine sehr guten Leistungen auch so in einem Zeugnis ausgestellt werden.
Dann ist das ja schon ein Indiz dafür, dass deine Leistungen auch tatsächlich sehr gut waren. 

Expertenantwort
von Christian Sehn, Fachanwalt für Arbeitsrecht und Sozialrecht, 7

Es gibt keinen Anspruch auf ein gutes Arbeitszeugnis. Sonst hätten wir auf dem Arbeitsmarkt nur noch Arbeitnehmer mit guten oder sehr guten Arbeitszeugnissen. Der Regelfall ist das befriedigende Arbeitszeugnis. Alles darüber muss vom Arbeitnehmer bewiesen werden. Alles darunter muss vom Arbeitgeber bewiesen werden. Bester Tipp: Beratungshilfeschein holen oder Geld für Erstberatung aufbringen und einen Fachanwalt für Arbeitsrecht mit Expertise im Bereich Arbeitszeugnis das Zeugnis überprüfen lassen.

Antwort
von deKlaus, 52

Zunächst mal: Du hast meines Wissens ein Anrecht auf die Note gut. (Klingt grotesk, ist grotesk - ist aber so)

Anwalt nehmen geht, eine ggfs. vorhandene Rechtschutzversicherung übernimmt den Fall wie er klingt. Bei arbeitsrechtlichen Prozessen gilt, Gerichtskosten fallen nicht an, jeder zahlt seinen Anwalt.

Hier noch ein paar Tipps Formulierungen und Bedeutung:

http://arbeitszeugnisgenerator.net/formulierungen-im-arbeitszeugnis/

Spätestens vor Gericht kriegt die Firma eins auf den Deckel. Also Anwalt einschalten.


Kommentar von Everklever ,

Zunächst mal: Du hast meines Wissens ein Anrecht auf die Note gut. (Klingt grotesk, ist grotesk - ist aber so)

Da trügt dein Wissen. Es besteht vom Grundsatz her nur ein Anspruch auf ein Zeugnis mit durchschnittlicher Bewertung.

Spätestens vor Gericht kriegt die Firma eins auf den Deckel.

Unsinn

 Also Anwalt einschalten.

.....und dann vor Gericht baden gehen und auf den gesamten Kosten sitzen bleiben.....

Kommentar von deKlaus ,

"Anspruch auf ein Zeugnis mit durchschnittlicher Bewertung."

Das ist richtig. Der Durchschnitt liegt aktuell bei "gut". Das hat sich in den vergangenen Jahren immer weiter von "befriedigend" als Durchschnitt hin zu "gut" entwickelt. ich weiß wovon ich spreche.

"Unsinn."

Wenn die Firma bereits vertraglich eine "sehr gut" als Bestandteil des Aufhebungsvertrags zugesichert hat, wird jeder halbwegs erfahrene Arbeitsrechtler das vor Gericht auch als Treffer verwandeln.

"Gesamte Kosten" - Wie gesagt: Das gibt es vor dem Arbeitsgericht nicht. Bei arbeitsrechtlichen Prozessen bezahlt man nur seinen Anwalt.

Kommentar von Everklever ,

Dann wäre das BAG-Urteil vom 18.11.2014 – 9 AZR 584/13 nicht mehr Stand der Dinge? Da wurde ja ausdrücklich festgestellt, dass "durchschnittlich" nach wie vor "befriedigend" bedeutet, selbst wenn in Teilen des Arbeitsmarktes inzwischen die Note "gut" das "befriedigend" numerisch verdrängt hat.

Kommentar von Messkreisfehler ,

Da gebe ich Everklever recht. Der Arbeitnehmer hat grundsätzlich rest mal nur ein Anrecht auf ein Arbeitszeugnis mit "befriedigender" Leistung, ist er der Meinung es ist besser, ist er in der Beweispflicht, ist es schlechter, der Arbeitgeber...

Ich hatte vor kurzem erst den Fall mit einer ehemaligen MItarbeiterin aus dem Büro, vereinbart wurde zunächst ein "gutes" Zeugnis, anch ein paar Tagen nach der Beendigung ihres Arbeitszeugnisses sind so massive Fehler aufgetreten die sie "geschickt" vertuscht hat, dass ich es hier nicht eingesehen und vor allem mit meinem Gewissen nicht vereinbaren konnte hier ein "gutes" oder wie von ihrem Anwalt gefordert sein "sehr gutes" Zeugnis auszustellen.

Ich gab ihr daraufhin ein befriedigendes Zeugnis, danach kam noch ein bisschen Säbelrasseln von ihrem Anwalt, noch ein Gütetermin und dennoch blieb das befriedigende Zeugnis.

Kommentar von deKlaus ,

dann nehme ich diese für mich neuen Infos mal dankbar zu mir ins Büro mit :-)

Kommentar von Nightstick ,

Und im Übrigen zahlt in der ersten Instanz vor dem Arbeitsgericht jeder seinen Rechtsanwalt selbst !!

Antwort
von Everklever, 24

Die Sekretärin, die mit dem Verfassen des Zeugnisses beauftragt worden ist, schickt mir die Entwürfe (auch von der Geschäftsleitung abgesegnet, auch immer in cc) mit einer Beurteilung von "befriedigend", teilweise auch "gut", jedoch nie "sehr gut".

Bist du ein ausgewiesener Zeugnisfuchs, dass du das so herauslesen kannst?

Antwort
von J0eSpivy, 51

Also ich persönlich würde nie ein sehr gutes Arbeitszeugnis haben wollen.
Sehr gute Arbeitszeugnisse sind oft ein Indiz für "Herausloben". 

Ein gutes Arbeitszeugnis ist einfach glaubwürdiger.

Kommentar von Nightstick ,

So ähnlich sehe ich das aus meiner langjährigen Erfahrung im Personalmanagement auch.

Ein geübter Zeugnisleser merkt genau, ob der Mitarbeiter weggelobt werden soll, ob er sich das Zeugnis selbst geschrieben hat, und ob es glaubwürdig ist oder nicht.

Kommentar von Messkreisfehler ,

Das Gefühl hab ich leider! manchmal auch.

Jedoch kann man damit auch auf die Nase fallen,

meine Sekretärin hatte durchweg extrem gute Arbeitszeugnisse, ich dachte zunächst dass dies auch nur Gefälligkeitszeugnise, etc, gewesen seien. Beim Vorstellungsgespräch hat man da dann doch gemerkt, dass sie äusserst kompetent in ihrem Fachbereich ist.

Letztendlich war es die beste Wahl diese Dame einzustellen! Hatte bisher noch keine so fleissige und kompetente MItarbeiterin.

Seit dieser Einstellung versuche ich mich da mit meiner Skepsis bei sehr guten Zeugnissen ein bisschen zurückzunehmen.

Das Bauchgefühl bleibt aber irgendwie immer wenn ein Zeugnis "zu" makellos ist.

Kommentar von deKlaus ,

Ich rufe immer bei einem der vorherigen Arbeitgeber an, das erweitert das Bauchgefühl ungemein.

Antwort
von Everklever, 25

Die Sekretärin, die mit dem Verfassen des Zeugnisses beauftragt worden ist, schickt mir die Entwürfe (auch von der Geschäftsleitung abgesegnet, auch immer in cc) mit einer Beurteilung von "befriedigend", teilweise auch "gut", jedoch nie "sehr gut"

Hat das ein ausgewiesener Fachmann überprüft? Oder hältst du dich selbst für fit genug, um das sicher zu bewerten?

Kommentar von Immobilie2016 ,

"seine Leistungen fanden stets unsere volle Anerkennung" bedeutet ja leider kein "sehr gut"... 

Kommentar von Immobilie2016 ,

oder "für alle auftretenden Probleme fand sie ausnahmslos gute Lösungen" 

Antwort
von Everklever, 30

 habe ich bei der Geschäftsleitung im Aufhebungsvertrag ein Arbeitszeugnis mit der Beurteilung "sehr gut" ausgehandelt

Da gibt es aber nichts auszuhandeln. Ein Zeugnis muss wahrheitsgemäß ausgestellt sein. Das bedeutet, diese Note darf dir nur gegeben werden, wenn du tatsächlich stets "sehr gut" gewesen bist. Mit einem geschönten Zeugnis können sogar (seitens eines späteren Arbeitgebers) Schadensersatzforderungen gegenüber dem Zeugnisaussteller entstehen.

Kommentar von deKlaus ,

Das ist nicht vollständig korrekt.
Der Arbeitgeber darf mit der Ausstellung des Arbeitszeugnisses weder das berufliche Fortkommen des Arbeitnehmers unnötig erschweren, noch darf er unwahrheitsgemäße Angaben machen. Auf der einen Seite haben  Arbeitnehmer also ein Recht auf ein durchschnittliches Zeugnis, auf der anderen Seite ist der Arbeitgeber verpflichtet, einen schlechten Arbeitnehmer nicht besser zu beurteilen, als er es tatsächlich war.

In der gerichtlichen Praxis ist "gut" aktuell durchschnittlich.

Die Formulierung "ausgehandelt" mag ja etwas flapsig sein. Allerdings obliegt es der Geschäftsleitung auch beim Aufsetzen des Aufhebungsvertrags mit der entsprechenden Sorgfaltspflicht zu prüfen. Der Vertrag ist also bindend.

Kommentar von Everklever ,

In der gerichtlichen Praxis ist "gut" aktuell durchschnittlich.

Wie kommst du da drauf? Das Bundesarbeitsgericht hat 2014 genau das verneint und "befriedigend" als Durchschnitt definiert.

Kommentar von deKlaus ,

Info von meinem Arbeitsrechtler. Den ich gerne kommende Woche darauf anspreche ob er mich falsch beraten hat.

Keine passende Antwort gefunden?

Fragen Sie die Community