Frage von patr93, 220

was heisst es selbstständig zu sein nach hgb §84?

ich brauche eure Hilfe :/ ich bin jetzt im 3 Lj. als Kauffrau für Versicherungen und Finanzen. Ich wollte eigentlich einen Angestellten Vertrag, nun wurde mir jetzt eine Selbstständigkeit nach HGB §84 angeboten..

Jetzt stellen sich mir fragen, auf die ich nirgendwo eine Antwort finde (die ich versteh?).. Ich soll ein Bruttogehalt von 1.500 € bekommen. auf diese 1.500 € soll dann noch die Provision drauf. Soweit, so gut. Aber wie berechne ich denn, was ich an Steuern zahlen soll/muss? (Krankenkassenbeitrag zahle ich voll und ganz- das weiß ich) Und wie funktioniert das, wenn ich verheiratet bin- also mit den Steuerklassen ??

Ich wurde nicht ganz so toll aufgeklärt und weiß nun nicht, was ich von dem Angebot halten soll...

Danke schon mal für die Antworten

Antwort
von Loroth, 118

Hallo,

Ich wurde nicht ganz so toll aufgeklärt und weiß nun nicht, was ich von dem Angebot halten soll...

Deine Skepsis ist möglicherweise nicht ganz unberechtigt:

Es gilt die Tätigkeit, aber auch die Rahmenbedingungen eines (Fest-)Angestellten dem Grunde nach von einem Selbständigen zu unterscheiden. Dies betrifft eine ganze Reihe von Aspekten.

Aber wie berechne ich denn, was ich an Steuern zahlen soll/muss?

Zwar werden Ehegatten auch bei einer Selbständigkeit eines der beiden gemeinsam zur Einkommenssteuer veranlagt, die (altbekannten) Steuerklassen kennt man aber nur beim Nicht-Selbständigen. Dies hat damit zu tun, dass vom Arbeitgeber ja - in aller Regel monatlich - gem. der Gehaltsabrechnung Lohnsteuer an den Fiskus abzuführen ist. Um hier eine größere Steuergerechtigkeit zu ermöglichen, hat man die Steuerklassen als quasi "Vorab-Einstufung" erfunden.

Die endgültige Festlegung erfolgt aber erst im Zuge der Steuererklärung, zu deren Abgabe fast jeder Berufstätige verpflichtet ist. Dies ist dann auch eine Gemeinsamkeit zwischen Selbständigen und Nicht-Selbständigen.

Bei Selbständigen ist es jedoch so, dass eben nicht aufgrund des monatlichen Gehalts Einkommensteuer abgeführt wird, sondern zumeist auf der Basis der Gewinn-/Verlustrechnung.

Wieviel Steuer Du nun letztendlich zahlen musst, kann Dir hier niemand im Voraus sagen. Jedoch gehört diese Frage sehr wohl in einen Businessplan, auf dessen Grundlage man entscheidet, ob die Selbständigkeit wirtschaftlich Sinn macht.

Und da habe ich auf der Grundlage Deiner bisherigen Angaben meine Zweifel:

Ich soll ein Bruttogehalt von 1.500 € bekommen. auf diese 1.500 € soll dann noch die Provision drauf.

Im ersten Moment hört sich das ja nicht schlecht an. Wenn man aber nur etwas genauer schaut, bekommt man doch Zweifel. Warum?

  1. Ein Gehalt kann Dir als selbständige 84erin schlichtweg gar nicht gezahlt werden. Möglicherweise ist hiermit ein "Zuschuss" - parallel zu den Provisionen gemeint. Die Unterscheidung ist in diesem Zusammenhang deswegen so wichtig, weil von diesem Geld ALLE Kosten (Steuern, Versicherungen, Büro- und Fahrtkosten, etc.) noch abgehen. Mitnichten kann man mit diesem Betrag also komplett für die Lebenshaltung ausgehen.
  2. Ist dieser "Zuschuss"/"Gehalt" zeitlich unbegrenzt? Oder gibt es noch irgendwelche Fallstricke á la "begrenzt auf die ersten x Jahren"?
  3. Üblicherweise erhalten 84er Handelsvertreter zumeist einen Kunden- und Versicherungsbestand zur Betreuung. Hierfür erhalten Sie dann eine Bestandsprovision, die natürlich mit jedem hinzugewonnenen Kunden/Vertrag kontinuierlich größer wird. Dies scheint hier nicht gegeben zu sein. Du würdest also nur über die - einmalige - Abschlussprovision an Deinem (hoffentlichen) Erfolg beteiligt sein.
  4. Mit Verlaub, aber - ohne Dir zu nahe treten zu wollen - : Eine frischgebackene Kauffrau für Versicherung, etc. lässt man als seriöser Auftraggeber nach nur 3 Jahren nicht ins kalte "Selbständigkeits-Wasser" springen. Was, wenn Du auch nur einmal für 4 Wochen krank wirst? Die dann fehlende  Provision holst Du im ganzen Jahr nicht mehr auf...
  5. Dass bei einer so weittragenden Entscheidung keine vernünftige Aufklärung erfolgt, verstärkt den negativen Eindruck noch.

Tipp: Hol Dir fachmännischen Rat ein. Ansprechpartner können sein:

  • Steuerberater
  • Agentur für Arbeit (hier kann es ggf. auch noch eine finanzielle Förderung geben. Hierzu wird Dein Selbständigkeits-Plan zumeist extern geprüft und auf seine wirtschaftliche Auskömmlichkeit hin bewertet: Du schlägst also eventuell zwei Fliegen mit einer Klappe.)
  • BVK: Der Bundesverband Deutscher Versicherungskaufleute prüft auf Antrag (und gegen Mitgliedschaft) gleichfalls die wirtschaftliche Tragfähigkeit einer beabsichtigten Selbständigkeit.
  • Bauchgefühl: Nicht selten sagt einem das eigene Gefühl schon die richtige Antwort...

Viele Grüße

Loroth

(P.S.: Gaaaanz subjektive Einschätzung meinerseits: Um wirtschaftlich auskömmlich und nicht für einen Hungerlohn arbeiten zu müssen, benötigt ein selbständiger Versicherungsvertreter m.A.n. mindestens 5 - 6.000 Euro garantierte Einnahmen pro Monat...)

Antwort
von marcussummer, 128

Du sollst offenbar vollständig als Selbständige arbeiten. Dann bekommst du auch kein "Gehalt", sondern eher eine "Vergütung" oder "Provision". Gehalt bekommt nur ein Angestellter.

Damit musst du den ganzen steuerlichen Kram auch selber mit dem Finanzamt regeln oder durch einen eigenen Steuerberater regeln lassen. Die setzen dann in einen Vorauszahlungsbescheid fest, wie viel du monatlich oder quartalsweise auf die Einkommenssteuer vorauszahlen musst (analog zur Lohnsteuer). Eine Steuererklärung ist dann natürlich Pflicht.

Überlege lieber gut, ob du den Schritt in die Selbständigkeit gleich zum Berufseinstieg machen willst. Ist ein riesiger Aufwand (der neben dem üblichen fachlichen Aufwand noch dazu kommt) und du trägst den größten Teil des wirtschaftlichen Risikos selber. Vielleicht solltest du da auf eine Anstellung drängen - oder dich noch mal woanders bewerben...

Kommentar von patr93 ,

danke für die schnelle Antwort.. wie ist das denn mit den Steuerklassen ?? ich blick da echt nicht durch :/ wenn ich dann verheiratet bin, hab ich keine Steuerklasse und mein Ehemann dann die 3 ?

bin da echt überfordert :/

Kommentar von marcussummer ,

Ja, das ist möglich. Als (ausschließlich) Selbständige hast du keine Steuerklasse, weil diese sich nur auf die Höhe der Lohnsteuer bezieht. Und Lohnsteuer wird nur bei Angestellten abgeführt, nicht bei Selbständigen. Die zahlen wie erwähnt die festgesetzten Vorauszahlungen, welche auf der Höhe des zu erwartenden Gewinns basieren.

Aber wenn dich das alles überfordert, ist das ein Grund mehr, sehr gut über die Aufnahme einer selbständigen Tätigkeit nachzudenken - oder zumindest vorab mit einem Steuerberater die für dich relevanten Fragen zu klären.

Antwort
von kevin1905, 98

Ich soll ein Bruttogehalt von 1.500 € bekommen

Das ist kein Gehalt.

Aber wie berechne ich denn, was ich an Steuern zahlen soll/muss?

Erstmal meldest du dein Gewerbe an.

Du erstellst am Jahresende eine Einnahmenüberschussrechnung. Das Ergebnis kommt in die Anlage G (Einkünfte aus Gewerbebetrieb).

Und wie funktioniert das, wenn ich verheiratet bin- also mit den Steuerklassen ??

Du bist selbständig du hast keine Steuerklasse. Dein Ehegatte geht in die III. Nachzahlung vorprogrammiert, also Geld zurück legen!

Kleiner Hinweis: Du bist Selbständig mit einem Auftraggeber und daher versicherungspflichtig in der gesetzlichen Rentenversicherung. Du kannst dich davon 3 Jahre lang befreien lassen (V050, V023). Der Befreiungsantrag muss spätestens im dritten Monat nach Aufnahme der selbständigen Tätigkeit gestellt werden.

Was hast du denn für Vergütungssätze Apro und Bpro?

Ich wurde nicht ganz so toll aufgeklärt und weiß nun nicht, was ich von dem Angebot halten soll...

Du bist selbständig. Du musst dich selbst ständig um alles kümmern. Such dir einen Steuerberater!

Antwort
von Apolon, 76

 Ich soll ein Bruttogehalt von 1.500 € bekommen.

Dies ist nicht möglich!

Als Selbständige hat man keinen Arbeitgeber und kann somit auch kein Gehalt bekommen.

Als Selbständige hat man auch keine Steuerkarte. Muss zusätzlich zur Einkommensteuer auch noch Gewerbesteuer zahlen.

Wenn man als selbst. Versicherungsvertreter tätig ist, muss man außerdem einen Angestellten einstellen mit einem mtl. Einkommen von über 450 €, sonst ist man scheinselbständig und muss Sozialversicherungsbeiträge zahlen.

Ergänzend benötigst Du eine Gewerbeanmeldung, eine Registrierung bei der IHK und eine Vermögensschadenshaftpflichtversicherung.

Eine selbständige Tätigkeit lohnt sich erst bei Einkünften von über 5.000 € pro Monat.

Die Steuern richten sich nach deinen Einkünften. Da du dich hier nicht auskennst, solltest du dir einen Steuerberater nehmen.

Meine Meinung ist allerdings, dass man jemanden die gerade seine Ausbildung beendet hat, keine selbständige Tätigkeit anbieten sollte.

Die mtl. Auslagen liegen für Werbung, Werbegeschenke, Büromaterial, Büromiete, Auto, Versicherungen, IHK-Beitrag, usw. bei mindestens 1500 € im Monat. + Einkommensteuer + Gewerbesteuer.

Gruß N.U.

Antwort
von FreierBerater, 69

Ein GEHALT bekommst du als Selbständige GAR NICHT!

Steuern wirst du abfangs nicht zahlen müssen, da du nach Kosten noch längere Zeit mutmasslich kein positives Ergebnis erzielen wirst/kannst.

Antwort
von promooo, 80

Wie ich sehe, reitest du dich so in dein Unglück. Vorallem finde ich das nicht seriös, wenn man dich nicht aufklärt, was es bedeutet Selbstständig zu sein. Du bist somit Privatkrankenversichert, musst dich Privatrentenversichern (sonst bekommst nie ne Rente später), du musst dich um den Steuerkram kümmern. Bei der Krankenkasse zahlst du meines Wissens auch für deine Frau und Kinder extra Zusatzbeitrag. 

Antwort
von sternstefan, 75

Am besten lässt du dich bei der IHK umfassen beraten, was die Selbstständigkeit angeht.

Expertenantwort
von Daniel Treskow, Assessor Juris / Schwerpunkt Arbeits- und Versicherungsrecht & Versicherungsmakler, 94

Selbständigkeit nach § 84 HGB ist eine Handelsvertretertätigkeit. Das bedeutet, dass du für dein Unternehmen Verträge einwirbst und dafür vergütet wirst. Dein "Bruttogehalt" ist kein echtes Gehalt, sondern ein sog. Fixum. Das bedeutet, der Unternehmer (vermutlich deine Versicherung) zahlt dir ein gewisses Fixum unabhängig davon, ob du Umsatz machst. Das gibt etwas Sicherheit. In den meisten Fällen muss man dies aber erst "ins Verdienen bringen". Wenn du also 1.800 EUR Provisionen einnimmst bekommst du meist nicht 1.500 EUR + 1.800 EUR sondern 1.800 EUR (mit denen dann die 1.500 EUR verrechnet werden). Du fällst also bloß niemals unter 1.500 EUR mtl. Was die Steuergeschichte anbetrifft kann man dazu nichts sagen, weil es daran liegt, wie viel Umsatz du generierst. Je mehr Geld du verdienst, desto mehr Steuern musst du zahlen, wobei du als Selbständiger alles mögliche von der Steuer absetzen kannst. Ob das Angebot gut oder schlecht ist hängt von dir ab. Wenn du genug Umsatz machst und die Provisionssätze stimmen, dann ist das ein gutes Angebot. Wenn du Bspw. schon einen Bestand bekommst, den du bearbeiten darfst, dann kann man das mit ein bisschen Geschick und gutem Networking gut schaffen. Du musst halt ein guter Vertriebler sein. Wenn du das nicht bist, dann lass es lieber.

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