Frage von THWTyp, 224

Darf der Rettungsdienst eine (bewusstlose) Person wiederwillen der Angehörigen behandeln?

Dies ist ein sehr theoretische Frage:

Darf der Rettungsdienst/Notarzt eine Person welche nicht mehr ansprechbar ist behandeln, obwhl dies die Angehörigen (vor Ort!) Verweigern und keine Patientenverfügung vorhanden ist?

Gehen wir mal davon aus, dass der (bewusstlose) Verletzte einen schweren Verkehrsunfall hatte diesen aber bei sofortiger Notfallmedizinscher Behandlung/Notoperation überstehen würde. Jedoch verweigern die Angehörigen sämtliche/ oder spezielle Maßnahmen wie spritzen von Medikamenten oder ähnlichen aufgrund religiöser oder politischer Einstellung

Dürfen die Angehörigen das oder muss der Notarzt seine Behandlung durchführen?

Bitte die Antwort mit Gesetzen begründen bzw. ausführliche Antworten geben. Danke!

MfG THWTyp

Hilfreichste Antwort - ausgezeichnet vom Fragesteller
von strol, 57

Deine Frage ist gar nicht so theoretisch. Bei einem Autounfall kommt es jetzt nicht so oft vor, dass die Angehörigen die Hilfe verbieten, aber bei Reanimationen ( vor allem von älteren, kranken Leuten) kommt es ständig vor, dass die Angehörigen das Rettungsdienstpersonal dazu auffordern, die Wiederbelebungsmaßnahmen zu unterlassen.

In diesem Fall liegt es daran, dass der Patient oft schwer krank, komplett bewegungsunfähig ist oder der nahende Tod allen klar war und der Patient dann friedlich im Kreise der Familie eingeschlafen ist usw. und es "einfach an der Zeit war zum Sterben" und auch alle (vor allem der Patient) damit seinen Frieden geschlossen hat.

Oft stehen die Angehörigen dann auch wedelnd mit einer eventuellen Patientenverfügung daneben. Nach Gesetz müssen dann aber auch hier alle Wiederbelebungsmaßnahmen durchgeführt werden, bis die Echtheit der Patientenverfügung durch den Arzt festgestellt wurde und bis dahin wird so verfahren, als gebe es keine Patientenverfügung. Je nach Rettungsdienstpersonal wird hier z.T. nach Sinnhaftigkeit der Maßnahmen und Menschenverstand verfahren.

Falls die Angehörigen die Versorgung nicht zulassen, dann meldet das das Rettungsdienstpersonal der Leitstelle und diese schickt dann die Polizei.

Ist es jedoch ein Autounfall, dann MUSS der Notarzt/Rettungsdienst alles tun, um dem Patienten zu helfen, denn es muss immer das getan werden, was der Wille oder der mutmaßliche Wille des Patienten ist und nicht was der Wille der Angehörigen ist. Auch wenn die Angehörigen sagen, dass das der Wille des Patienten ist, ist es in der kurzen Zeit nich möglich das zu überprüfen. Und wenn es nur den geringsten Zweifel gibt, wird immer alles versucht, dem Patienten zu helfen. Bei einer möglichen Patientenverfügung wird auch hier erstmal alles unternommen und im Fall der Fälle die Maßnahmen normalerweise im Krankenhaus abgestellt.

Antwort
von DorktorNoth, 71

Prinzipiell ist es jedem möglich, jegliche medizinische Behandlung abzulehnen, auch wenn dadurch das eigene Leben in Gefahr gerät. Dies kann aus religiösen bzw. weltanschaulichen Gründen sein, vergleiche die Ablehnung jeglicher Übertragung von Blut und Blutbestandteilen durch die Zeugen Jehovas. Eine solche Ablehnung kann auch durch Angehörige dem behandelnden Arzt zur Kenntnis gebracht werden, wenn sich der Patient selbst nicht äußern kann. Beispiel: "Unser Vater hat nie gewollt, an eine Dialyse angeschlossen zu werden, daher lassen Sie das bitte." 

Wichtig dabei ist, dass es sich um den Willen DES PATIENTEN  handeln muss und nicht den der Angehörigen. Die Angehörigen sagen dem Behandelnden nur, was der Angehörige wohl wollen würde. Das ist natürlich ein wichtiger Unterschied. Um nachvollziehen zu können, ob die Angehörigen es ernst meinen und wirklich nur im Sinne ihres erkrankten Angehörigen sprechen, kann viel Zeit erfordern.  Diese hat man im Notfall meist nicht. Bei einem akuten Fall, draußen auf der Straße, wird ein Notarzt daher ohne das Vorliegen einer vom Patienten selbst verfassten Verfügung nicht auf lebensrettende Masnahmen verzichten, da er nicht nachvollziehen kann, was denn nun der Wille des Patienten ist - und dann darf und muss er, das ist allgemein anerkannt, davon ausgehen, dass der Patient möchte, dass ihm geholfen wird. Insofern wird der Arzt in diesem von dir geschilderten Fall den Willen der Angehörigen ignorieren und behandeln. 

Textstellen zu Gesetzen kann ich dir nicht bieten, die Grundlagen finden sich an vielen verschiedenen Stellen: Berufsordnung der Ärzte, Heilpraktiker-Gesetz, aber auch im Strafgesetz (unterlassene Hilfeleistung), etc. Wie so oft ist aber nicht nur der Wortlaut der Gesetze entscheidend, gerade in so einer schwierigen Grauzone, sondern die derzeit gültige juristische Auslegung.  (Diese siehe oben)

Antwort
von Bitterkraut, 79

Ja, der Arzt entscheidet nach seinem Gewissen und nach dem mutmaßlichen Willen des Patienten - und er darf davon ausgehen, daß der Patient leben will. Die Angehörigen haben da erst mal nix zu sagen. Die entscheiden nicht über Leben und Tod.

Antwort
von Rollerfreake, 60

Nur der Patient selbst kann rechtskräftig eine Behandlung verweigern, kann er dies nicht äußern, z.B. aufgrund einer Bewusstlosigkeit ist das Rettungsfachpersonal und der Notarzt zur Hilfeleistung verpflichtet. Rechtsgrundlage ist die mutmaßliche -angenommene- Einwilligung des Patienten in die Maßnahmen und vor allem die allgemeine Hilfeleistungspflicht sowie die Garantenstellung des Rettungsfachpersonals und des Notarztes. Würde der Rettungsdienst die Behandlung unterlassen ohne das der Patient selbst dies geäußert hat, wäre das eine Straftat. Unterlassene Hilfeleistung und durch Garantenstellung zusätzlich Körperverletzung oder Tötung durch unterlassen. 

Übrigens kommt selbst Patientenverfügungen im Rettungsdienst keine Bedeutung zu, lebenserhaltende Maßnahmen werden zunächst dennoch ergriffen, über einen Abbruch der Behandlung wird dann im Krankenhaus meist auf der Intensivstation entscheiden.

Kommentar von DorktorNoth ,

Das ist so nicht richtig.  Eine Patientenverfügung gilt prinzipiell immer und ein Verstoß dagegen stellt eine strafbare Handlung dar. Natürlich gilt das nur so lange, wie man sich sicher sein kann, dass die Verfügung auch den aktuellen Patientenwillen widerspiegelt. Bestehen daran Zweifel, dann gilt in dubio pro vitam, im Zweifel für das Leben.  

Kommentar von Rollerfreake ,

In einer Notfallsituation wenn es akut darum geht Leben zu retten oder schwere Schäden abzuwenden hat man keine Zeit zu prüfen ob die Verfügung dem aktuellen Willen des Patienten entspricht, daher Behandlung und die Prüfung der Verfügung in Ruhe im Krankenhaus. 

Expertenantwort
von furbo, Community-Experte für Recht, 21

Eine in etwa vergleichbare Frage hatten wir hier vor einigen Tagen schon einmal.

Solange es keinen entgegenstehenden freien Willen des Betroffenen gibt, ist die Behandlung durchzuführen. Daran ändern auch keine zeternden Verwandten, die die Behandlung verweigern wollen.  

Es gibt keinen Paragrafen, der bestimmt, dass die Verwandten kein Mitspracherecht gegen eine Behandlung haben. Es müsste eine rechtliche Regelung geben, damit sie ein Mitspracherrecht haben. 

Ein Knackpunkt wäre die Verweigerung der Behandlung durch die Erziehungsberechtigten. Sie haben tatsächlich ein Mitspracherecht, das nur durch ein Vormundschaftgericht ausgehebelt werden kann. 

Bei der Behandlung von Minderjährigen ist aber nicht die Geschäftsfähigkeit, also die Fähigkeit, Rechtsgeschäfte abzuschließen, sondern die Einwilligungsfährigkeit ausschlaggebend. Die Einwilligungsfähigkeit  beginnt lt. BGH bei ca. 14 Jahren. D.h. dass Eltern nur bei einem Kind unter 14 Jahren die Behandlung verweigern könnten. 

Würden die Erziehungsberechtigten bei einem nicht einwilligungsfähigen Kind aber die erforderliche, lebensrettende Behandlung verweigern, könnte bei ihnen sogar eine Straftat wegen eines KV- oder Tötungsdeliktes vorliegen. In solchen Fällen sollte der Rettungsdienst mit dem Vormundschaftsruchter Kontakt aufnehmen und die Polizei rufen. 

Eine lebensrettende oder schwere Gesundheitsschäden verhindernde Behandlung gegen den erklärten Willen des Erziehungsberechtigten dürfte dennoch ohne Folgen bleiben, da man sich auf eine Notstandslage berufen kann. 

Sollte trotz Hilfeverpflichtung nicht geholfen werden - auf die folgenden strafrechtlichen Sanktionen brauche ich wohl nicht einzugehen

Kommentar von DorktorNoth ,

In dercTat darf und muss bei Kindern (sofern diese nicht ohnehin todkrank sind) auch gegen den Willen der Eltern behandelt werden, gerade, wenn sie unter 14 sind. Vorausgesetzt, eine Nichtbehandlung würde das Kind schädigen.

Antwort
von kevin1905, 44

Die Angehörigen haben i.d.R. kein Mitspracherecht. Nur die Person selbst direkt, oder über eine Vorsorgevollmacht könnte Maßnahmen ablehnen.

Wenn durch die verletzte Person keine Willenserklärung abegegeben werden kann, würde der Straftatbestand der unterlassenen Hilfeleistung greifen.

Antwort
von maria131415, 48

Ja dürfen sie aber nur in aller größter not den nach dem gesetz ist jeder mensch zur hilfe bepflichtet daher ist das ihre pflicht aber sie dürfen nur das nötigste tuhen sodass er es bis zur klinik schafft.

Antwort
von piobar, 76

Das Gesetzt sieht vor in erster Linie das Leben zu retten ganz gleich was die angehörigen wollen.

Wenn der Patient im Koma liegt über eine gewissen Zeitraum dann, kann auch in Deutschland der Stecker gezogen werden...

Kommentar von THWTyp ,

Wie gesagt der Patient liegt nicht im Koma und würde die Maßnahmen mit hoher Wahrscheinlichkeit überleben.

Kommentar von tapri ,

es steht hier Rettungsdienst. Nicht Arzt.

Ein Rettungsdienst muss retten. Warum sollte er auf irgendeinen Verwandten/Erbschleicher/neidischen Nachbarn/intriganten Kollegen hören?

Woher soll der Rettungsdienst so schnell sich Gewissheit holen, wer ihm sagt, dass er keine Hilfe leisten soll und warum?

Keiner ist so dumm würde auf Zuruf "nicht behandeln"

Kommentar von THWTyp ,

Darf der Rettungsdienst/Notarzt eine Person welche nicht mehr
ansprechbar ist behandeln, obwhl dies die Angehörigen (vor Ort!)
Verweigern und keine Patientenverfügung vorhanden ist?

Tapri lesen bitte

Kommentar von piobar ,

ganz gleich wer vor Ort ist und was gesagt wird. Der Notarzt bzw. Rettungsdienst muss den Patienten helfen - ohne wenn und aber! warum fragst du eine solch spezifische Frage?

Antwort
von kugel, 73

Ja  darf bzw. er muss sogar!

Dazu ist er verpflichtet (so wie jeder übrigens, erste Hilfe, in welcher Form auch immer, zu leisten)

Es geht um das Leben des Verletzten und nicht um die Meinung und die Ansicht der Angehörigen.

Es gibt keine Patientenverfügung oder eine schiftliche Regelung, wie im Notfall gehandelt werden soll - von SEITEN des Patienten SELBST!

Nur der Patient kann VORHER bestimmen, wie er behandelt werden möchte (z. B. Organ- oder Blutspende)

Antwort
von tapri, 61

er muss!

Rettungsarzt muss erste Hilfe leisten und muss keine Verantwortung dafür übernehmen, einen Patienten evtl. sterben zu lassen.

Die nächste Instanz ist dann der Arzt, der hat mehr Fachwissen und kann da evtl. anders handeln. Ich denke hier nicht an sterben lassen sondern eher z.b. an eine verbotene Blut Transfusion bei Zeigen Jehowas oder sonstigen Behandlungen die aus religiösen Gründen nicht durchgeführt werden dürfen.....

Antwort
von BassZz, 56

Die Rettungskräfte sind dazu verpflichtet, dem Opfer/Geschädigten zu helfen. Falls sie dies nicht tun, hat das sogar rechtliche Folgen.

Expertenantwort
von DerHans, Community-Experte für Recht, 40

Wenn von dem Verletzten nicht eine eindeutige Patientenverfügung vorliegt (am Unfallort eher unwahrscheinlich), werden die Angehörigen gar nicht weiter gefragt.

Die Notfallhelfer sind zur Hilfe VERPFLICHTET.

Antwort
von Anni478, 37

Er darf nicht, er MUSS!


Strafgesetzbuch (StGB)
§ 323c Unterlassene Hilfeleistung


Wer bei Unglücksfällen oder gemeiner Gefahr oder Not nicht Hilfe leistet, obwohl dies erforderlich und ihm den Umständen nach zuzumuten, insbesondere ohne erhebliche eigene Gefahr und ohne Verletzung anderer wichtiger Pflichten möglich ist, wird mit Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr oder mit Geldstrafe bestraft.

Religiöse oder politische Einstellungen haben in der Notfallhilfe oder allgemein in der ärztlichen und therapeutischen Versorgung nichts verloren.



Kommentar von Anni478 ,

Wir brauchen ja nur mal nach Saudi-Arabien blicken, da sehen wir wieviele Menschen bereits ihr Leben lassen mussten aufgrund religiösen Wahns. Lieber den Menschen sterben lassen, als zur Notfallhilfe den Schleier zu lüften. Wirklich krank und abartig dieser grenzenlose Religionswahn.

Antwort
von Kugelflitz, 58

Für die Beantwortung dieser Frage müsste man wissen, ob die Angehörigen anwesend sind oder nicht.

Ansonsten fände ich das auch mal interessant, denn ich wurde auch bereits ansprechbar übergangen.

Kommentar von wurzlsepp668 ,

"bwhl dies die Angehörigen (vor Ort!) Verweigern" Zitat aus der Frage .......

ganz abgesehen davon:

ohne Patientenverfügung haben die Angehörigen GAR NIX zu entscheiden ...

Kommentar von Bitterkraut ,

Die haben auch mit Patintenverfügung nix zu entscheiden. Da hat ja der Patient selbst entschieden. Die Angehörigen können sie nur vorlegen, sonst nix.

Kommentar von Kugelflitz ,

Ich lese nirgends heraus, dass die Angehörigen direkt vor Ort sind.

Nicht ansprechbar kann der Patient übrigens nichts entscheiden.

Kommentar von wurzlsepp668 ,

gut dass du mich darauf hinweist, dass ein bewußtloser Patient nichts entscheiden kann ...... (bin selber lange genug Rettungsdienst gefahren ...)

aus der Fragestellung geht doch klar hervor, dass die Angehörigen vor Ort sind .....

wenn du das nicht herauslesen kannst ....

Antwort
von stubenkuecken, 38

Helfen und Leben retten ist Pflicht, nicht nur für Ärzte.

Unterlassene Hilfeleistung ist strafbar.

Wenn die Angehörigen die Oma lieber verrecken lassen um an das Erbe zu kommen, darf der Arzt nicht zu deren Gehilfen degradiert werden..

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