Wusste Heinrich Himmler vom 20. Juli

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Himmler war offenbar nicht über den geplanten Staatstreich und das Attentat, die am 20. Juli 1944 unternommen wurden, informiert. Es gibt keinen Beleg dafür. Himmler besaß als Reichsführer SS mit dem Sicherheitsdienst (SD), der gegnerische Strömungen aufspüren, beobachten und überwachen sollte, und Reichsinnenmister, dem die Polizei unterstand, einges Wissen über oppositionelle Gruppen. Die Existenz von Gegnerschaft in einigen Kreisen war ihm zumindest in groben Zügen bekannt (z. B. bei den Widerständlern Carl Friedrich Goerder und Ludwig Beck). Die neu entstandene Gruppe von Offizieren um Stauffenberg und ihre Absichten kannte er dagegen nicht. Julius Leber wurde nach einer Besprechung mit einer Widerstandsorganisation, in die höchstwahrscheinlich ein Gestapospitzel eingedrungen war, am 5. Juli 1944 verhaftet, wobei er aber nichts über die Pläne in Bezug auf den 20. Juli verriet.

Es gab 1943 einen abenteuerlichen Plan einiger Widerständler, verschiedene Nationalsozialisten gegeneinander auszuspielen und Himmler für eine Zurückdrängung des „Führers“ zu gewinnen. Der preußische Staastminster der Finanzen Johannes Popitz nahm über Carl Langbehn Kontakt zu ihm auf. Am 26. August 1943 kam Popitz zu Himmler ins Reichsminsterium des inneren und deutete sondierend auf verschwommene Art einen Wunsch nach einem Kurswechsel an, da die Kriegsführung überfordert, also unvernünftig sei.

Peter Hoffmann, Widerstand, Staatsstreich, Attentat : der Kampf der Opposition gegen Hitler. 3., neu überarbeitete und erweiterte Ausgabe. München : Piper, 1979, S 368: „Erst nach dem 20. Juli 1944 wurde deutlich, daß Popitz und Langbehn Mitglieder eines sehr großen konspirativen Kreises waren.“

Joachim Fest, Staatsstreich : der lange Weg zum 20. Juli. Berlin : Siedler, 1994, meint S. 232 – 233, die Gesprächssondierungen seien einer Neigung Himmlers entgegengekommen, eine Niederlage in Betracht zu ziehen und verbleibende Chancen auszurechen. Popitz habe es vermieden, die Rede bereits auf den Sturz des Führers zu bringen und nur davon gesprochen, ihn zu entlasten.

Heinrich Fraenkel/Roger Manvell, Himmler : Kleinbürger und Massenmörder. Herrsching : Pawlak, 1981, S. 183, legen dar, wie Himmler am 3. August 1944 mit schneidender Ironie über Langbehn gesprochen hat: „Diesen Mittelsmann ließen wir einmal plaudern, ließen ihn erzählen, und der erzählte ungefähr: Ja, es wäre also doch notwendig, daß der Krieg beendet würde, wir müßten mit England zu einem Friedensschluß kommen – genau die Gedanken von jetzt - , und zwar wäre die Voraussetzung, der Führer müßte weg und so ungefähr aufs Altenteil gesetzt werden, auf einen Ehrenpräsidentenposten, und seine Gruppe wäre sich darüber klar, daß sie es gegen die SS nicht gut durchführen könnte […].“ Er habe Hitler davon berichtet und sie hätten zusammen darüber gelacht.

Peter Longerich, Heinrich Himmler : Biographie. München : Siedler, 2008, S. 717 hebt hervor, wie es Himmlers Reputation nicht geschadet hat, weder die weitverzweigten Vorbereitungen für den Staatsstreich aufgedeckt noch das Attentat auf den Führer verhindert zu haben. „Selbstverständlich waren die Aktivitäten konservativer Oppositioneller und Widerständler der Gestapo nicht völlig verborgen geblieben und sie hatte in diesen Kreisen in den Vormonaten auch bereits Verhaftungen vorgenommen. Doch von einer Enttarnung des eigentlichen Staatsstreiches waren Himmlers Schergen im Juli 1944 noch meilenweit entfernt.

In einer Rede vor Offizieren äußerte er sich am 21. Juli denn auch so großsprecherisch wie vage über den Ermittlungsstand vor dem Attentat: Als alter Nazi […] habe ich eine Regung dieser Kreise wir wollen ehrlich und deutsch zueinander sprechen – immer schon erwartet. Und als Reichsführer SS, der ich alle Nachrichtendienste zur Verfügung und der ich ein Gespür für die politischen Entwicklungen habe, konnte [sic!] ich eine Aktion der Teile der politischen Skala, die man Reaktion heißt, schon sehr lange erwarten. Ich wusste, dass es einmal kommt.“

Am 3. August blieb er vor den Reichs- und Gauleitern ähnlich unbestimmt: „Wir waren […] diesen ganzen reaktionären Verschwörungen, sagen wir einmal, auf der Spur.“ In diesem Zusammenhang nammte er unter anderen Johannes Popitz, Franz Halder und Erich Fellgiebel als bereits vor dem 20. Juli Verdächtige; er äußerte sich in der abfälligsten Weise über die mittlerweise enttarnten Verschwörer, vermied jedoch jede Aussage darüber, inwieweit er über die konkreten Vorbereitungen des Widerstandes informiert war.“

S. 718: „Himmler entwickelte nach dem 20. Juli erheblichen Aktivismus, um sein Versagen nachträglich zu kompensieren.“

Hi, die Kreatur Himmler war Hitlers eifrigster Vasall. Er profitierte vom 20. Juli, war möglicherweise informiert. Erst 5 nach 12 versuchte Himmler, gegen HitIers Wunsch, Friedensverhandlungen einzuleiten. Sein Ende ist mit Fragen behaftet. Und Langbehn als Zeuge gegen Himmler zu benutzen ist zumindest sehr unsicher. Aber, was ist heutzutage sicher, wenn es um die Zeit vor 1945 geht? Gruß Osmond http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-46369577.html

Nach meiner Einschätzung kann man davon ausgehen, daß Himmler von den konkreten Plänen zum 20. Juli nichts wußte. Einen Zusammenhang zwischen Machtgelüsten seinerseits und enntnis über die Pläne herzustellen läßt sich auch nicht belegen. Vielmehr kann man einen großen Aktivismus von ihm nach dem Attentat ffeststellen, um aus dem Anschlag eine Stärkung seiner Position zu erreichen. Dazu hat unser Experte Albrecht ja wieder mal umfangreichstes Schriftmaterial eingestellt. Einen Machtmenschen wie Himmler, der auch über entsprechende populistische Fähigkeiten verfügte, fiel es nicht schwer, für sich Profit aus der Sache zu ziehen. Fraglich erscheint, ob die Offiziersgruppe überhaupt die Ambitionen von Himmler auf eine Führungsrolle in der NachHITLER Zeit mitgemacht hätte.

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