Wurden Mädchen/Frauen früher in Deutschland an Männer "verkauft" oder mussten die Väter eine Mitgift an die Männer geben?

7 Antworten

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Die Mitgift (von mitgeben) oder die Aussteuer oder Heiratsgut war eine von den Eltern der Braut mitgegebene Haushaltsausstattung für den ersten gemeinsamen Haushalt der Eheleute, die früher erst mit der Heirat auch wirklich zusammenzogen. Es ist erst wenige Jahrzehnte her, dass man das nicht mehr so macht. Meine erste Verlobte (1995) hatte sowas noch.

Zur Geburt einer Tochter wurde eine Aussteuertruhe oder -schrank angeschafft und das Mädchen bekam bis zur Heirat kaum persönliche Geschenke zu Geburtstag oder Weihnachten, sondern immer etwas zur Aussteuer dazu: Tischdecken, Handtücher, Besteck, Geschirr, Gläser usw.

In manchen Gegenden bekam die Mitgift der Brautvater, aber zum überwiegenden Teil das Brautpaar. Der Brauch reicht bis ins alte Babylon, und damit 3.700 Jahre, zurück.

Das männliche Gegenstück nennt man Morgengabe/Brautgeld eine Gabe des Bräutigams an die Brauteltern - damit sollte die Brautmutter abgesichert werden, wenn sie verwitwet. Hier war in manchen Regionen sogar die Höhe gesetzlich verankert. Diesen Brauch kenne ich persönlich überhaupt nicht. Aber Deine Doku wird wohl genau das gezeigt haben.

Woher ich das weiß:Recherche

ich lese sehr gerne die Romane von Jane Austen. Meist spielen da wenig bemittelte Mädchen, aber aus der guten Gesellschaft, die Hauptrolle. Sie hatten leider kaum Chancen, einen passenden Ehemann zu bekommen, weil sie kaum eine Mitgift in die Ehe brachten.

Bei sehr vielen Mädels hieß es dann in der Beschreibung: sie bringt 10.000 Pfund mit oder sogar 30.000 Pfund, was vor 200 Jahren ein Vermögen war. So ein Mädchen konnte natürlich der Heldin locken den Kerl ausspannen. oder böse Kerle versuchten, mit ihr wegzulaufen, damit das Mädel sie heiraten musste und sie so an die Mitgift kamen.

Natürlich aber fanden die Heldinnen dann doch die wahre, große Liebe, obwohl sie höchstens 500 bis 1000 Pfund Mitgift in die Ehe brachten. Und 1000 Pfund waren in den Kreisen die Jane austen beschrieb viel zu wenig, um einen tollen Ehemann zu bekommen.

(um nicht missverstanden zu werden: die Inhaltsangaben scheinen eher auf eine Kitschautorin hinzudeuten, aber in Wahrheit hat Jane Austen Weltliteratur geschrieben, weil sie die Gesellschaft des englischen Regency so haargenau beschrieb).

Ach, ich glaub, ich guck heute Abend wieder Sense and Sensibility mit Emma Thompson und Kate Winslet. Oder doch lieber Pride and Prejudice mit Colin Firth als Mr. Darcy?

In die Hochzeitstruhe kam die Mitgift bzw. Aussteuer. Da Mädchen nur das Bauernhaus mit dem dazu gehörigen Land erbten, denn nur ein Sohn erbte dieses, wenn vorhanden, bekamen Frauen dementsprechend Hausrat, Kleidung, Bettwäsche etc. mit in die Ehe auch ein Geldbetrag wurde ausgehandelt, welchen der Bräutigam erhielt. Die Bettwäsche, Decken und Kleidung wurde bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts von den Mädchen selbst hergestellt. So sah dann später der Ehemann wie fleißig und ordentlich seine Frau ist. Ich habe heute noch Handtücher und Decken, die meine Oma selbst gewebt hatte und dann bestickt. Auch einen fertig gewebten Stoffballen, der dann nicht weiter verarbeitet worden war existiert noch.

Bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts suchten die Eltern sich den Ehepartner für die Kinder aus. Da wurde auch ausgehandelt, was alles der spätere Ehemann mit bekommt. Bei mir in der Familie fand die letzte arrangierte Ehe 1913 statt. Der älteste Bruder und somit Hoferbe meines Großvaters musste eine Frau heiraten, die genügend Geld mit in die Ehe brachte, um den überschuldeten Hof halten zu können. Die Ehe wurde eine Katastophe. Mein Großonkel erhängte sich 1934 nachdem er überall in der Familie erzählt hatte, er könne es mit seiner Frau nicht mehr aushalten. Du kannst dir sicher vorstellen, wie schlimm dieses für die Frau, nach dem Tod ihres Mannes war, in der Familie.

Liebesheiraten wurden erst nach dem 2. Weltkrieg üblich.

Früher heiratete man i.d.R. im gleichen Stand, Adelige heirateten untereinander, Handwerkssohn heiratete Handwerkstochter, Großbauerssohn heirate Großbauerntochter, Knecht heiratete Magd etc. Auch kamen die Ehepartner aus einer Gemeinde, welche zu Fuß an einem Tag zu erreichen war. Außer Pferd und Wagen gab es keine Transportmittel und arme Bauern hatten nicht einmal Pferde. Die Mitgift musste also mit einen Karren zum Bräutigam selbst gezogen werden.

Auch wurde nur innerhalb der gleichen Religion geheiratet. Wer römisch-katholisch war durfte nur jemanden heiraten, der ebenfalls römisch-katholisch war oder sich vor der Heirat zu diesem Glauben bekannte. Selbst mein Freund benötigte in den frühen 80er Jahren einen Dispens vom Vatikan, also eine Genehmigung, um seine evangelische Frau zu heiraten.

Woher ich das weiß:eigene Erfahrung

Bei den Wohlhabenden war das vllt. so üblich, dass da Wagenladungen von Gütern als Mitgift beim Hochzeitszug dabei waren. Eigentlich hat man früher gesammelt für den späteren Haushalt. In die Kiste kamen Geschenke oder selbst hergestellte Gegenstände für den späteren Haushalt. Schon als Kind bekamen die Töchter z.B. zu Weihnachten an Geburtstagen usw. Bestecke, Geschirr, Bettwäsche usw. für den späteren Haushalt. Man hatte kein Geld um den ganzen Haushalt auf einmal zu bezahlen und da die Frauen meist nicht arbeiten gingen um bei der Hochzeit alles zu kaufen, wurde eben schon jahrelang für eine spätere Heirat gesammelt. Es gab auch sog. Aussteuerversicherungen in die die Eltern bereits den Kindern regelmäßig eine kleine Summe einzahlten und die dann bei der Heirat ausbezahlt wurde, damit die Tochter bei der Heirat eine Summe für die Haushaltsanschaffungen hatte. Das ganze hat sich mit der Zeit so nach und nach erledigt, als es üblich war, dass auch Frauen berufstätig wurden und selbst Geld verdienten.

Danke für die Antwort. Also war es nicht üblich, die Töchter an die Ehemänner zu verkaufen?

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@Katze446

Nein, das war die Ausstattung für die Töchter. Im Mittelalter bei den Reichen kam es aber wohl sehr auf die Mitgift an. Die wurde da auch mal mit den jeweiligen Parteien ausgehandelt, was die Tochter da so mitbekommt in die Ehe und mußte standesgemäß sein, hat aber mit verkaufen nichts zu tun.

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@Klaraaha

Danke für die informationsreiche Antwort

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Dies kam in ganz Nordeuropa ganz auf den Geldbeutel des Bräutigams an. schlicht und einfach, ging es dabei im Volk zu.

Die meisten heirateten eben, dass die Braut eine Aussteuer mitbrachte (meist Wäsche usw. In einer Hochzeitstruhe) - während der Ehemann sich um eine Wohnung kümmerte. Und beide froh waren, wenn der Ehemann eine Arbeit hatte,und sich billige Ringe kaufen konnten. Oft waren die Männer auch Tagelöhner.

Solche Rituale die du erwähnst, kannten meine Vorfahren nicht- und ich gehe bis 1690 zurück.

Übrigens in Kirgisien.! Wird heute noch jede zweite Frau irgendwo entführt und zwangsverheiratet - ist nicht lustig

https://de.qantara.de/inhalt/initiativen-gegen-zwangsheiraten-in-kirgistan-fuer-eine-braut-die-keiner-klaut

Ja, auch das mit den Entführungen von Frauen und Mädchen wurde als Problem in Afghanistan benannt. Das ist mit ein Grund, warum die Männer ihre Töchter und Frauen zuhause verstecken. So sagte es zumindest die Doku.

Ich bin so froh, als Frau in Deutschland geboren zu sein, das kann ich dir gar nicht sagen...

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@Katze446

Ich kam als Frau schon viel rum - muss dir Recht geben

Schlimm war für mich Madagaskar und Algerien,- in Alg. wo ich mitbekam, dass neben unserer Lodge, nachts ein Mädchen beschnitten wurde

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@miqona

Ihr beide dürft euch entspannen, denn diese Sitten, inklusive Beschneidung, sichern Stück um Stück auch bei uns ein.

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