Wurde der Koran bisher nur falsch interpretiert?

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13 Antworten

Fakt ist, dass mit einer Übersetzung des Koran in eine andere Sprache eine ganze Menge des Inhaltes verloren geht. Als Erstes geht der Klang verloren, der für Muslime, die den Koran vor allem als rezitierten Text kennenlernen, so zentral ist. Dann geht die Präzision verloren (der Koran ist kein langer Text, er ließe sich bequem auf 200 bis 300 Seiten drucken, je nach Satzbild). Und er verliert seine besondere sprachliche Gestalt, also das alte Arabische, das man im 7. Jahrhundert in Mekka gesprochen hat. Die Suren sind mehrdeutig und schwer verständlich. Als Übersetzer muss man sich also für eine Variante entscheiden.

Ich stimme Dir in Deiner Vermutung zu, dass ein Großteil der Muslime nach einer falschen Interpretation des Koran lebt. Das Problem liegt u.a. darin, dass Verfechter der klassischen Koranexegese (die sich in der eindeutigen Mehrheit befinden) eine historisch-kritische Lesart ablehnen. An den religiösen Instituten der islamischen Welt, die sich nur mit der "islamischen Wissenschaft" (Studium des Korans, der Hadithen, des Rechts) beschäftigten, wurde keine Theologie (Kalam) gelehrt. Theologie war viel mehr Privatsache und stand sogar oft unter dem Verdacht der Ketzerei, da sie von griechischem Gedankengut beeinflusst war, das als "fremde Wissenschaft" abgetan wurde. Leider hat sich das bis heute nicht wirklich geändert. Warum? Weil konservative Gelehrte glauben, dass bestimmte Tendenzen einer historisch-kritischen Exegese (etwa die Entmythologisierung) den Status der Religion untergraben würden. Man könnte also sagen, sie lehnen aus Angst vor einer Säkularisierung ganzheitliche Analysen des Koran ab. Dies ist nicht nur aus theologischer Sicht (bzw. nicht-muslimischer Sicht) sehr fragwürdig, sondern auch aus religiöser. Denn kritische Vernunft und Glaube sind laut Koran kein Widerspruch, es wird sogar dazu aufgerufen. Der Philosoph Al-Kindi hat schon im 9. Jahrhundert bezüglich Sure 36:79 festgestellt: Der Mensch ist allein durch den Gebrauch seiner Vernunft fähig, die Wahrheit des Propheten, die dieser sowohl in der Offenbarung als auch in seinem Glauben erhielt, zu beweisen. 

Ich plädiere also ganz eindeutig für eine historisch-kritische Koranexegese und das damit verbundene progressive Verständnis des Islam. Dazu zwei Zitate. Das erste von Ednan Aslan, Professor für islamische Religionspädagogik: "Islam ist natürlich das, was wir daraus machen. Die Art, wie wir ihn ausüben und leben, entspricht dem Grad unserer geistigen Reife. Der Islam ist, wie die Muslime sind. Der Koran ist zwar ein abgeschlossenes Buch, aber unser Verständnis der heiligen Schrift ist ein ununterbrochener Prozess. Eine Religion ist deshalb nie fertig, weil die Menschen ständig an ihr arbeiten. Leider stelle ich fest, dass die geistige Reife vieler Muslime im zwölften Jahrhundert viel weiter entwickelt war als jetzt, im 21. Jahrhundert. Kritische Debatten, die vor 800 Jahren in Bagdad geführt wurden, sind heute undenkbar, weil viele Muslime sie als unislamisch betrachten. Gegenwärtig wird eine aufklärerische Perspektive nicht zugelassen, als könnten wir einen Islam mit europäischer Prägung nicht leben. Das macht mir Angst."

Und das zweite von Fazlur Rahman, Professor für islamische Philosophie: "Würden wir heute mit dem Koran so umgehen, als sei er uns eben erst offenbart worden - und genau darauf läuft es hinaus, wenn man den historischen Islam verwirft - so wären wir gar nicht imstande, ihn zu verstehen. Im religiösen Sinn ist der Koran zweifellos so zu behandeln, als würde er dem Geist eines jeden Gläubigen offenbart. Doch derart offenbart werden kann er nur, wenn er auch richtig verstanden wird. Und dafür wiederum gilt es, seine rechtlichen und gesellschaftlichen Aussagen in ihrem geschichtlichen Zusammenhang zu sehen. Hinzu kommt, dass wir die Entwicklung der islamischen Wissenschaft gründlich und historisch-systematisch studieren müssen. Der Bedarf an einer wissenschaftlich-kritischen Auseinandersetzung mit der intellektuellen Vergangenheit des Islam ist umso dringender, da wir heute dazu neigen, diese Vergangenheit zu verteidigen, als sei sie unter Gott."


Glücklicherweise lässt sich ein Zuwachs an prominenten muslimischen Exegeten erkennen, die versuchen, das, was im Koran steht, in seinen Kontext zu stellen. Das sind übrigens in den meisten Fällen Leute, die aus Ländern wie Saudi-Arabien oder dem Iran ausgewandert sind, weil ihnen freies Denken und freie Meinungsäußerung dort nicht möglich ist.

LG


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Kommentar von uyduran
07.11.2015, 12:14

Kleine Korrektur: Beim Zitat von Fazlur Rahman sollte es am Ende des Satzes natürlich "...als sei sie unser Gott" heißen und nicht "unter Gott". Da habe ich mich vertippt.

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Kommentar von waldfrosch64
24.01.2016, 18:08

@Uyduran 

______ Denn kritische Vernunft und Glaube sind laut Koran kein Widerspruch, es wird sogar dazu aufgerufen. _____

  • Gekonnt verschweigst du erneut ,dass zum Islam nicht nur der Koran sondern auch die Sunna gehört ,und die Scharia ist gar eine sehr wichtiger Bestandsteil  des Islams .
  • "Kritische Vernunft " steht im Widerspruch zur Scharia ...dem Islamischen Gesetz ,dem sogar offiziell,( laut Islamischer  Menschenrechtserklärung Kairo 1981 ) genau diese Menschenrechte unterstellt worden sind.

______Glücklicherweise lässt sich ein Zuwachs an prominenten muslimischen Exegeten erkennen, die versuchen, das, was im Koran steht, in seinen Kontext zu stellen. Das sind übrigens in den meisten Fällen Leute, die aus Ländern wie Saudi-Arabien oder dem Iran ausgewandert sind, weil ihnen freies Denken und freie Meinungsäußerung dort nicht möglich ist.___

  • Bleibt die spannende Frage, wie lange noch
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Es ist in der Tat so,dass das arabisch, das zu Zeiten der Entstehung des Koran geschrieben wurde, heute nur noch Sprachwissenschaftler beherrschen, denn es gab keine Vokale oder Betonungszeichen. So ist sicher einiges falsch ins moderne arabisch oder andere Sprachen übersetzt worden. Auf der Seite www.alrahman.de sind viele Beispiele. Ich liebe die Jungfrauen im Paradies, die eigentlich Weintrauben sind

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Eine richtige Interpretation richtet sich nach dem Koran und Sunnah.
In zahlreichen Hadithen gibt der Prophet Interpretationen und lebt den Koran vollständig aus: er ist wie ein laufender Koran. Sein Leben ist nichts anderes als der Koran.

Meinst du etwa, dass der Gesandte Allahs Muhammed saw den Koran falsch interpretiert hat?

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Kommentar von Alanbar31
08.11.2015, 23:17

Gute Antwort

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Manche Sachen müssen eben umschrieben werden, weil man es nicht direkt übersetzen kann. Genauso wie du das deutsche Wort Schilderwald in keine andere Sprache übersetzen kannst und wenn es dann umschrieben gehen halt viele wichtigen Informationen verloren.

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Kommentar von TheDevil10
07.11.2015, 13:54

Dann sollen sie bestimmte Wörter so lassen wie sie sind und nicht umschreiben oder übersetzten. Menschen müssen eben die genaue Definition dazu wissen. 

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Es gibt viele Übersetzungen, aber sie wurden mit sehr viel Mühe übersetz. Zudem hat uns Allah einen gesunden Verstand gegeben mit dem wir selber nachdenken und das richtige herausbekommen können.

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  • Die Historische Geschichte des praktizierten Islams ,hat seit 1400 Jahren ,für meinen Geschmack (als fühlender  Mensch ),bereits mehr als genug Wahrheiten an den Tag gebracht ..
  • Gott verschone uns also vor weiteren solchen .."echten Wahrheiten"
  • Wahrheit kann immer nur Gut und liebend sein .Alles andere stammt  gewiss nur immer vom  Vater der Lüge !  
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Echte Wahrheiten? In so einem Buch? Eher nicht. Außerdem ist es relativ egal, da jedes Grüppchen sich diese "Lehren" sowieso so auslegt wie es gerade am besten passt.

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Viele mir bekannte Muslime haben selbst schon zugegeben, dass einige Sachen absichtlich falsch oder zumindest extrem übertrieben interpretiert werden, z.B. die Unterdrückung der Frauen mit Burqua, Alkoholverbot etc.. die machen es halt, wie es ihnen gerade passt. Ich habe mir sogar sagen lassen, dass Muslime in Deutschland oft viel strenger leben, als z.B. in der Türkei. Da ist es kein Problem, wenn ein Teenager mit Minirock herumläuft oder seine Haare offen zeigt etc.

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Damit würdest du den Arabern unterstellen sie können ihre eigene Sprache nicht verstehen.

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Kommentar von musso
07.11.2015, 11:07

Verstehst du problemlos Mittelhochdeutsch? Ich nicht

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Jeder Muslim sucht sich ganz persönlich die Suren heraus, die ihm  gefallen, und nach denen er sich richtet.

Die vielen Widersprüche im Koran sind nur dazu da, es jedem recht zu machen.

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Kommentar von Geansehaut
07.11.2015, 13:44

Wiedersprüche gibt es im koran nicht.

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Der Prophet Muhammad (s.) sagte: " Die Religion (Islam) wird fortfahren bis zur Stunde (Tag der Auferstehung), mit zwölf Kalifen für euch, alle von ihnen werden von den Quraisch abstammen."(Sahih von Muslim, Kitab al-Imaara) 

Mit den zwoelf Kalifen sind die zwoelf Imame gemeint. (Die Nachkommen des Propheten) 

Der erste von den Imamen ist Imam Ali (a) der Fuehrer der Glaeubigen und der 4. Kalif nach Ussman. 

 Imam Ali (a) hat die Verse richtig interpretiert. 

Der heilige Prophet (saws) sagte: ,,Ich bin die Stadt des Wissens und Ali ist ihr Tor; wer in die Stadt eintreten möchte, sollte durch ihr Tor eintreten.”
Al Hakim, Al Tabari, Ibn Athir usw.
Dieser Hadith (Ueberlieferung)  steht auch in Sahih Bukhari und Sahih Muslim.

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Kommentar von ItsJustMe38
08.11.2015, 00:13

Ja Imâm Ali hat die Verse richtig interpretiert. Genau das war auch der Grund, wieso er Abû Bakr, Umar und Uthman ein Treueeid abgelegt hat und ihnen stets zur Seite gestanden ist.

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Kommentar von Alanbar31
08.11.2015, 23:18

Its justme 38 , richtig was du sagst

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Du scheinst eine Sache nicht richtig begriffen zu haben; Die Gelehrten der Ahlu Sunnah wal- Jamaah sprechen nie ohne Beweiese aus Koran und Sunnah. Wie sollte es also unter den Umständen möglich sein Verse falsch zu deuten?

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Wenn man logisch denkt kann sowas nicht passieren.

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