Würde Kant etwas dagegen haben wenn die Neigung eine Handlung begleitet?

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Hallo,

das ist eine umstrittene Frage in der Kant-Interpretation. Sowohl in der Grundlegung der Metaphysik der Sitten , als auch in der Kritik der praktischen Vernunft ist Kant da leider nicht ganz eindeutig.

Klar ist:

Eine Handlung ist nach Kant dann und nur dann moralisch gut, wenn sie nicht aus Neigung, sondern aus Pflicht vollzogen wird.

Mögliche Interpretation 1:

Eine Handlung ist nach Kant dann und nur dann moralisch gut, wenn sie aus Pflicht vollzogen wird und nicht von einer Neigung begleitet wird.

Das war offensichtlich die Meinung von Schiller und auch rosepetals versteht Kant so.

Moegliche Interpretation 2:

Eine Handlung ist nach Kant dann und nur dann moralisch gut, wenn sie aus Pflicht vollzogen wird, sie kann aber von einer Neigung begleitet werden.

Warum 2. meiner Meinung nach die bessere Interpretation ist:

  • 1. ist offensichtlich ziemlicher Unsinn. Darum macht sich Schiller ja auch drüber lustig.
  • 2. passt zur Religionsschrift Kants. Dort besteht das radikal Böse im Menschen darin, dass er das Moralgesetz nicht zum höchsten Bestimmungsgrund seines Willens macht.
  • 2. passt zur doppelten Bestimmung, die der Mensch bei Kant hat. Als Naturwesen hat der Mensch unvermeidlich Neigungen. Als (endlich es) Vernunft Wesen ist der Mensch aber frei dazu das Moralgesetz den Neigungen über zu ordnen. Auch wenn der Mensch aus Freiheit handelt hört der Mensch dabei nicht auf zugleich ein Naturwesen zu sein.
  • Eine der beiden Anmerkungen zum Lehrsatz IV der Kritik der praktischen Vernunft stärkt eher 2. (weiß gerade nicht welche).
  • Mit ersten lässt sich die Gattung der erlaubten Handlungen schlecht von den verbotenen Handlungen unterscheiden.

Soweit verstanden? Letztlich kann man sich am besten eine eigene Meinung bilden, indem man Kant selbst liest.

Noch Fragen?

Danke für die hilfreiche Antwort !!

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Guten Abend.

Kant war / ist innerhalb der Aufklärung DER Entwickler und Vertreter einer nicht-zweckorientierten (de-ontologischen), also rein auf der Logik basierenden Ausformulierung des Gerechtigkeitsbegriffs zu einer Ethik, die sich somit als Prinzip und nicht als Zweck oder Handlungskonsequenz im Rahmen einer relatitistischen Pragmatismusorientierung darstellt.

Wenn du nun die von dir zitierten Schillersätze nochmals genau betrachtest wird dir auffallen, dass Schiller die damit verbundene Konfliktsituation des Menschen zwischen dem "Tun-Sollen" (Prinzip) und dem "Tun-Wollen" (Neigung) sehr genau erfaßt und thematisiert.

Das war auch Kant bewußt und in seiner "Kritik der praktischen Vernunft" ist auch das Thema Einfluß und Bedeutung von Neigung in der Erkenntnis- und Handlungsorganisation des "real-existierenden Menschen" von ihm ausführlich behandelt worden.

Dies ändert jedoch an den Ergebnissen seiner "Kritik der reinen Vernunft" leider nichts.

Und so bleibt es leider bei dem ewigen Konflikt zwischen Sollen und Wollen und der Tatsache, dass die Absicht, den >Kategorischen Imperativ< umzusetzen nicht von der Zufälligkeit einer Neigung sondern von dem Bedürfnis, das Vernünftige zu tun geleitet sein muß, um prinzipielle Gültigkeit beanspruchen zu können.

Also: Frei nach Kant:

Aus Neigung handeln nimmer - aus Vernunft handeln immer.

Wenn beides zusammenpaßt, umso besser. :-)

PS: Das ist übrigens auch der Grund, warum du mit Recht die Geltung der Menschenrechte für dich auch denjenigen gegenüber beanspruchen kannst, denen du bedauerlicher weise vielleicht nicht sympatisch bist. ;-)

Gruß

Ja! Er würde sagen, die Handlung geschehe nicht mehr aus der Tugend heraus. Eine tugendhafte Handlung geschieht nach Kant ohne jegliche Neigung. Man solle nur gut handeln, weil man das allgemeine Sittengesetz beachtet.

(Ein sehr komisches Weltbild. Jemand der bei der Suppenküche hilft, weil er einfach gerne hilft und Menschen zum Lächeln bringt, wäre nicht tugendhaft. Er wäre es erst, wenn er es aus der Achtung vor dem Gesetz tue, nicht aus "Eigennutz", d.h. sich besser fühlen.)

Was genau ist mit dieser Achtung gemeint ? Ich habe das auch im Buch stehen das verstehe ich aber auch nicht genau

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@shortystruggles

Achtung = Beachtung. Also die Beachtung des "Sittengesetzes". Das ist so etwas wie 'absolute und objektive' moralische Richtigkeit. Wie die Formel in der Physik.

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Und in Wahrheit gibt es ja kein selbstloses Handeln.

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