Woher kommt die Vorstellung von der Natur als ein denkendes und bewusst handelndes Wesen?


10.08.2020, 13:02

Zum besseren Verständnis: Diese Vorstellungen äußern sich in Phrasen wie "das hat die Natur so vorgesehen" oder "da hat sich die Natur schon etwas dabei gedacht".

7 Antworten

Vom Fragesteller als hilfreich ausgezeichnet

Es ist eine uralte Vorstellung, dass sich alles in der Natur von allein regelt oder von Gottheiten gesteuert wird, ( Götter gab es für Sonne, Donner, Fruchtbarkeit...).

Heute werden Eingriffe in die Natur (Kultivierung), die dem Wohl und dem Schutz der Menschheit dienen sollen, häufig abgelehnt mit der Begründung, dass sie nicht "nachhaltig" genug für die Natur seien.

Im Sinn: "Der Mensch sei der Natur Untertan". Da werden zum Schutz von Insekten und anderen Tieren, Bauten, Straßen oder sonstige Einrichtungen nicht geschaffen, weil sie als "unnatürlich" abgelehnt werden. Wenn die Chemie verteufelt und Naturprodukte verherrlicht werden, so ähnelt das ebenso einer "Vergöttlichung" der Natur.

Dabei sollte der Mensch mit der Natur im Einklang leben.

Also siehst du zwischen Eingriffen und Veränderungen der Natur durch den Menschen und einem Leben im Einklang mit der Natur keinen Widerspruch?

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@Nunuhueper

Sehe ich auch so. Diese Vorstellung es sei ein Frevel in den Lebensraum einzugreifen verstehe ich sowieso nicht. Warum überhaupt? Weil das allein einer imaginären Autorität vorbehalten wäre?! Man muss halt nur gut aufpassen, dass man keinen Mist baut und Ökosysteme aus dem Gleichgewicht bringt, auf denen unsere Lebensgrundlage beruht.

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@Nunuhueper

Für deinen differenzierten und fortschrittlichen Blick auf den Umgang mit der Natur. :-)

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Also ich denke, dass man das so nicht interpretieren darf, die Natur als ein selbständiges, für sich denkendes "Wesen" zu sehen, auch wenn es im Sprachgebrauch manchmal den Anschein hat.

Selbst die früheren Kulturen und Naturvölker haben verschiedene Gottheiten verehrt, die in der Summe die Natur bilden. Bei den Kelten z.B. gab es nicht die Mutter Natur, sondern die Mutter Erde.

Ich würde Natur heute als die Summe aller Ökosysteme auf unserer Erde definieren.

Also alles, was natürlichen und nicht vom Menschen beeinflussten Systemen und Kreisläufen entspricht. Dazu gehören auch das Wetter und andere natürliche Umwelteinflüsse wie Erdveränderungen (Verschiebung der Erdplatten), Vulkane etc.

Was der moderne Mensch zumindest noch nicht verstanden hat, ist, dass die einzelnen Ökosysteme alle zusammenhängen und Einfluss aufeinander nehmen können. Beispiel Waldflächen auf der Erde > Klimaveränderungen.

Auch die einzelnen Ökosysteme selber sind sehr komplexe Systeme, die in sich zusammenwirken. Auf den ersten Blick besteht ein Wald aus Bäumen, man sieht auch Tiere und Insekten. Das ist aber längst nicht alles. Im nicht sichtbaren Bereich des Waldes, z.B. im Boden, bestehen weitreichende Verknüpfungen von Wurzelsystemen und Pilzgeflechten, oft mehrere Quadratkilometer groß.

Ein perfektes Versorgungssystem, aber möglicherweise auch ein gigantisches Kommunikationssystem.

Auch der biochemische Bereich, der für uns nicht sichtbar ist, ist Teil des Systems. Pflanzen- und Baumduftstoffe, wie Terpene, werden im Ökosystem gezielt eingesetzt, um bei Schädllingsbefall Fressfeinde herbei zu locken und andere Individuen zu warnen/informieren. Das bekannteste Beispiel ist die Akazie, die bei Erhalt dieser Infos über Terpene sofort anfängt, Giftstoffe zu bilden.

Wenn man im Wissen über diese Zusammenhänge, also um das "Ganze" den Oberbegriff Natur benutzt, so meint man damit das jeweilige Ökosystem und nicht irgendein Wesen mit dem Zauberstab.

Beim Begreifen der Natur im Sinne unseres modernen Wissenschaftsverständnisses muss man schon stark differenzieren. Hier kommen sehr viele unterschiedliche Wissenschaftsbereiche zusammen, die teils sehr unterschiedliche ASpekte vertreten und auch unterschiedliche Ansichten haben.

Wenn wir die Agrar- bzw. Forstwissenschaften nehmen, macht man sich dort z.B. wohl kaum Gedanken um die Pflanzen-Neurobiologie oder um die spezielle Mykologie des Waldbodens. So haben wir das Problem, dass der Wald leider nicht in seiner Gesamtheit gesehen und behandelt wird. Was nützt uns also eine wissenschaftlich Sichtweise, die nur Teilbereiche abbildet?

Bei den seit Jahren vorherrschenden und leider zunehmenden starken Waldbränden, die es schon immer gab, ist es aber tatsächlich so, dass es die Natur (gemeint ist hier aber das Ökosystem) "schon richten wird". Das ist in natürlichen Kreisläufen etwas völlig normales und aus den oberflächlich verbrannten Gebieten entstehen natürliche und gesunde neue Waldflächen.

Aber genau so entstehen solche Aussagen.

Es ist ja nicht so, dass man denkende Wesen vom Rest der Natur klar abgrenzen könnte.

Menschen zeichnen sich nur dadurch aus, dass sie bewusster nachdenken als weniger hoch entwickelte Geschöpfe hier auf der Erde.

Es gibt kein Lebewesen, von dem man sagen könnte, es sei das primitivste aller zum Denken fähigen Lebewesen. Wir wissen nicht, wo Denkfähigkeit beginnt.

Da nun aber alle Lebewesen Teil der Natur sind, kann man doch wirklich behaupten, dass die Summe ihrer denkenden Zellen so etwas wie der "Denkapparat der Natur" sei.

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Zudem ist ja auch das Denken jeden Menschen stets nur zu einem kleinen Teil bewusstes Denken.

Wenn also schon wir nur zum Teil bewusst denken, muss das mit der Natur (deren Teil wir ja sind) ebenso sein.

Interessanter Ansatz. Obwohl ich nicht vermute, dass die Menschen von denen ich in der Fragestellung spreche sich das tatsächlich so vorstellen.

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@BerwinEnzemann

Ich könnte mir sehr gut vorstellen, dass es irgendwo im Weltall Leben gibt, das auf so ungewöhnliche Weise denkt, dass wir es, sollten wir ihm begegnen, noch nicht mal als Lebewesen wahrnehmen würden.

Isaac Asimov war wohl der erste, der an diese Möglichkeit gedacht hat.

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Hier hat schon jemand geschrieben, daß das schon in der fernen Vergangneheit so war. Heute scheint da aber die alte Gottesvorstellung durch, selbst wenn die Leute, die das äußern gar nicht mehr religiös sind ... Es mußte eben alles einen Plan und ein Ziel haben, doch die Evolution funktioniert so nicht ...

Ich verstehe das als eine Art Rückzugsgefecht eines früh verinnerlichten "Gottes" - Wahn.

Man glaubt zwar nicht mehr an einen infizierten Einzel - "Gott", aber das Gefühl "da MUSS ja doch irgendwas sein" läßt denn die absonderlichsten Phantasien sprießen wie die Natur als Gesamt - Wesen, ob mit oder ohne Bewußtsein, "Mutter Erde" und sonstige Phantasmen.

Gute Erklärung.

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Die "Naturreligionen" kamen vor dem theismus.. Der theismus entsprang also aus dem Naturglaube nicht andersherum

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