Wofür lebe ich, wenn mich keiner mag?

Support

Liebe/r WrongTime,

Deine Situation klingt sehr besorgniserregend. Sprich bitte unbedingt mit einem Menschen darüber, dem Du vertraust. Das kann ein guter Freund, ein Verwandter oder auch eine Vertrauensperson aus der Schule sein. Du kannst Dich zudem jederzeit an die Telefonseelsorge wenden. Dort ist rund um die Uhr jemand erreichbar und Du hast die Möglichkeit, ein anonymes und vertrauliches Gespräch zu führen. Telefon: 0800/1110111 oder 0800/1110222 (gebührenfrei aus dem deutschen Fest- und Mobilfunknetz). Hier ist die Webseite der Seelsorge - dort kannst Du auch chatten, falls Du das lieber möchtest: http://www.telefonseelsorge.de/

Herzliche Grüße

Ted vom gutefrage-Support

22 Antworten

Hallo,

du hast wirklich ein großes Paket zu tragen, keine Frage.

Es gibt tatsächlich Fälle, wo entweder die Depression sich als therapieresistent erweist oder eben die Therapie oder gar der Therapeut nicht der richtige für einen ist. Im Grunde, also wenn wir die Therapie auf einen rationalen Kern reduzieren, kann der Therapeut nur an deiner Einstellung arbeiten. Viele übertragen ihr Heilungspotential auf ihren Therapeuten, der sich aufgrund seiner Stellung und Autorität als Projektionsfläche anbietet, und erwarten dann, von diesem geheilt zu werden. Zwar ist diese Einstellung verständlich, leider aber kontraproduktiv. Für mich liest sich dein Text, als hättest du dich bereits abgeschrieben. Überlasse deine Gesundung nicht dem Therapeuten, sondern gestalte deine Therapie aktiv mit.

Otto Rank hat diesen Fehler, den viele Patienten unbewusst begehen, in seiner Arbeit als Psychoanalytiker oft beobachten können und folgendermaßen beschrieben: "Denn das Erste, was der Patient tut, wenn er die Behandlung beginnt, ist, daß er seinen Gesundheitswillen auf den Analytiker projiziert, der ihn ja sozusagen ohnehin berufsmäßig repräsentiert. D. h. der Patient selbst braucht jetzt nicht mehr gesund werden zu wollen, da der Analytiker ihn gesund machen soll und will. Es ist dies ein Beispiel für die vorhin beschriebene Tendenz des Patienten, den Therapeuten zum positiven Willensakteur zu machen und sich selbst die negative Rolle vorzubehalten" (Technik der Psychoanalyse, Bd. II, S. 27-28, Leipzig/Wien 1929).

Wie ist es um deinen Gesundheitswillen bestellt? Was tust du alles, damit es dir besser geht? Behandelst du dich gut? Gönnst du dir etwas? Vielleicht würde dir klassische Musik, Malen, Fotografieren, Lesen, Schwimmen, Laufen oder etwas anderes helfen, einen Ausgleich zu finden, Stress zu reduzieren und dein Heilungspotential zu aktivieren. Du fragst, wofür lebe ich, wenn mich keiner mag. Ich würde sagen, du lebst für dich. Natürlich sind Freunde, Familie, unsere Partner, Kinder und Kollegen wichtig und wir leben auch für sie; aber wenn das alles nicht vorhanden ist, dann lebst du für dich. Du lebst für die Momente, die dir ein Lächeln auf die Lippen zeichnen, dich tief berühren, das Beste aus dir herausholen und Freude schenken. Du lebst für das Glück, das mit den Wellen des Lebens kommt und geht, und für die Schönheit, die du aus den Winkeln deines Lebens hervorzauberst, wie ein geübter Fotograf, der die Winkel findet, um aus der banalsten Szene Meisterwerke zu schaffen. Das liegt in dir. Wenn du all das nicht in deinem Leben siehst oder erlebst, kannst du anfangen, an deiner Einstellung zu drehen, um dein Leben mit Aktionen zu bereichern, die machbar sind.

Was macht dir Spaß? Was freut dich? Was steigert dein Wohlgefühl? Finde es heraus und schöpfe deine Möglichkeiten aus, so beschränkt sie auch sein mögen. Wenn du dich einsam fühlst und von der Welt abgetrennt erlebst, frage dich, wie du das verändern kannst. Versuche mit den Menschen in Beziehung zu treten, das ist sehr wichtig. Versuch Anschluss zu finden, bspw. in einer Musikgruppe, Sportverein etc. Du kannst auch deinen Therapeuten wechseln und einen anderen finden, einen, den du nach neuen Kriterien findest und auswählst. Du musst vor allem menschlich mit deinem Therapeuten auskommen können. Das ist das A und O, die menschliche Beziehung. Wenn das bei euch nicht gegeben ist, such dir einen anderen Therapeuten, der meinetwegen einer anderen Therapieschule angehört, gute Bewertungen im Internet bekommen hat und bei dem du dich gut aufgehoben und verstanden fühlst. Oder sag deinem Therapeuten, dass es dir nicht gut geht und du den Eindruck hast, dass dir die Therapie nicht hilft. Spiel mit offenen Karten. Frag auch deinen Psychiater, was du noch machen kannst, ob eine andere Dosierung oder ein anderes Medikament vielleicht besser für dich wäre. Was ich dir sagen will ist: interessiere dich für dich. Studiere dein Krankheitsbild, die Depression, Essstörung und Epilepsie. Such dir gute Bücher aus deiner Bibliothek heraus und knie dich in die Materie ein. Versuch dich zu verstehen, dich kennen zu lernen, damit du weißt, wie du dir helfen kannst. Führe ein Therapie-Tagebuch, wo du all deine Erkenntnisse, Zweifel, Gefühle und Gedanken aufschreibst, und zwar, so, wie dir der Schnabel gewachsen ist. Lass alles raus. Achte auf deinen Körper. Überprüfe deine Essgewohnheiten, Schlafenszeiten und deine Wohnung. Ernährst du dich gesund? Sind deine Schlafzeiten geregelt? Fühlst du dich bei dir Zuhause wohl, ist alles schön aufgeräumt und sauber? All das sind Eckpunkte, die dein Wohlgefühl steigern können. Du kannst dir von der Bibliothek auch Audiobooks bzw. CDs ausleihen, z.B. klassische Musik, Aufnahmen von Meereswellen und auch Anleitungen zur Entspannung und Stressreduktion. Jede gute Bibliothek hat CDs, auf denen Anleitungen zur Muskelrelaxation gegeben werden. Aber das wirst du auch auf YouTube finden, in MP3 konvertieren und runterladen kannst, z.B. auf dein Handy. Such einfach nach: Muskelrelaxation nach Jacobson oder Progressive Muskelentspannung. Das kannst du sowohl morgens als auch abends vor dem Schlafengehen üben, um locker zu werden, Stress abzubauen und Energie zu gewinnen. Du kannst dich auch in traditioneller Meditation versuchen, auch das findest du in der Bibliothek oder auf YouTube. Traditionelle Meditation hat nachweislich einen positiven Einfluss auf das Gehirn. Auch Schwimmen ist sehr hilfreich, wenn es geht Frust abzubauen und deine Gesundheit zu stärken. Was liegt dir, was spricht dich an? Finde es heraus.

Du bist bereits hier, du lebst. Du stehst mitten im Leben. Entscheide, wohin dieses Leben gehen soll und bestimme, welcher Mensch du sein willst. Übe dich in Geduld, erwarte nicht zu viel von dir. Es gibt keine Wunderheilungen. Du musst dir Zeit geben, dir und der Therapie. Alles braucht seine Zeit. Arbeite beständig weiter an dir und die Ergebnisse werden sich sehen lassen. Du bist nicht nicht nur der Mensch ohne Familie und Freunde, sondern mehr. Überprüfe dich, erkenne das und lass es auch andere erkennen.

Mach dir kleine Freuden, die deinen Alltag versüßen. Kauf dir mal schöne Blumen, um dein Zuhause zu verschönern. Ein Eis, das du ganz aufmerksam und bewusst isst. Genieße mal ganz bewusst den Sonnenuntergang. Verfolge seine letzten Strahlen auf deiner Haut und die Ruhe, die einsetzt, nachdem die Sonne untergegangen ist. Versuche kleine Momente des Glücks und Friedens für dich zu finden. Dir geht es nicht. Du kannst das mal wirklich aussprechen: Es geht mir nicht gut. Ich leide.

Warum? Um Mitgefühl mit dir zu entwickeln und sanfter mit dir umzugehen. Gib dir die Aufmerksamkeit, die du brauchst. Sei gut zu dir. Das wird dir helfen, dich zu öffnen und Anschluss zu finden. Wobei es manchmal ganz gut ist einsam zu sein. Und es ist allemal besser einsam zu sein, als von falschen Menschen umgeben. Aber das ist nicht die Alternative. Suche Anschluss, achte aber, dass es niveauvolle Menschen sind, weil du es verdienst, mit guten Menschen abzugeben. Es ist ein Akt der Selbstachtung darauf zu achten, wer in den Genuss deiner Aufmerksamkeit und Gesellschaft kommt und wer nicht.

Versuch Wege zu finden, dir zu helfen. Versuch, bei dir selbst anzukommen. Ich weiß, dass das nicht einfach ist. Es ist leicht gesagt, schwierig getan. Aber versuche es zumindest. Du befindest dich jetzt nun mal an dem Punkt, wo du dich befindest. Das ist Fakt. Frage wohin die Reise ab jetzt gehen soll und lenke all deine Gedanken, Absichten, Gefühle und Taten in diese eine Richtung. Lass dich nicht runterkriegen, abwatschen, sondern folge beharrlich diesem Weg. Such dir einen Sinn, ein Ziel, und lass alle Hindernisse wie Wellen an einem Felsen brechen. Nimm das Zepter in die Hand, geh nicht nur zur Therapie, sondern gestalte Therapie, sei da und ganz bei dir. Es gibt Wege, um dir zu helfen. Du musst sie nur finden. Gib dich nicht geschlagen, weil es momentan nicht funktioniert, wie du es gerne hättest. Sondern versuche dein Leben zu machen. Tue es für dich, weil es niemand gibt, der es für dich machen würde. Setz dich für dein Glück ein, gib dich nicht auf, finde deinen Sinn, geh deinen Weg – und lass dich dabei von nichts und niemanden aufhalten.

In diesem Sinne wünsche ich dir alles Gute!

Hallo WrongTime,

zunächst einmal etwas Grundsätzliches zum Thema "Therapie": Da sich Veränderungen im Denken und Fühlen nicht so schnell erreichen lassen, wie man sich das wünscht, kann leicht der Gedanke aufkommen, dass die Therapie nichts bringt. Das ist aber nicht der Fall! Damit die Behandlung greifen kann, sind mindestens zwei Dinge nötig: die eigene Mitarbeit und Zeit! Hab daher Geduld und sei zuversichtlich, dass Dich die Therapie Stück für Stück weiterbringt. Und arbeite möglichst gut mit!

Ich vermute mal, dass Du eher ein feinfühliger Mensch bist. Sensible Menschen sind meistens schneller verletzbar als andere und nehmen Stimmungen, Worte, sowie Mimik und Gestik anderer viel intensiver wahr. So ist es zu erklären, dass Manches an Dich herankommt, dass andere nicht einmal bemerkt haben.

Hinzu kommt noch, dass heutzutage viele Menschen relativ wenig Einfühlungsvermögen zeigen. Sie fragen sich nicht, wie das, was sie tun, auf andere wirkt. Ohne zu wollen, verletzen sie durch ihr Verhalten das eine oder andere Mal Menschen aus ihrem Umfeld.

Als sensibler Mensch bist Du wahrscheinlich mehr ein zurückhaltender Typ, nicht wahr? Zurückhaltende Menschen werden leider nicht so schnell wahrgenommen, wie diejenigen, die immer ganz vorne mitmischen. Das wertest Du verständlicherweise als Verletzung. Je öfter das geschieht, desto mehr bist Du der Überzeugung, dass Dich niemand mag und Dein Selbstwertgefühl ist im Keller! Was kannst Du dagegen tun, damit es Dir wieder besser geht?

Versuche einmal verstärkt Deine liebenswerten Eigenschaften und wertvollen Fähigkeiten zu sehen. Ein Schlüssel für ein größeres Selbstwertgefühl besteht auch darin, sich selbst zu akzeptieren und anzunehmen. Beobachte Dich einmal selbst, wie oft Du Dich wahrscheinlich wegen Deines Aussehens, Deiner Leistungen oder Fähigkeiten kritisierst. Hast Du den Kritiker in Dir selbst bemerkt, der Dich bei vielen Gelegenheiten herunter macht? Oder ist Dir auch schon einmal aufgefallen, dass Du mit Dir selbst übermäßig streng und unbarmherzig bist?

Anstatt Dir z.B.Vorwürfe zu machen, wie z. B.: "Ich mache immer alles falsch", wäre es besser, wenn Du auf Fehler, die Du machst, verständnisvoll und wohlwollend reagierst. Je mehr Du Dich auf Deine Stärken und guten Eigenschaften konzentrierst, desto eher gelingt es Dir, Dein Selbstvertrauen aufzubauen.

Wenn Du Deinen Blick ständig auf Deine Fehler und Unzulänglichkeiten lenkst, entsteht ein verzerrtes Selbstbild. Sollte es einmal vorkommen, dass Dich jemand herunter macht oder respektlos Dir gegenüber ist, dann brauchst Du das nicht einfach so hinnehmen. Du kannst demjenigen in einem sachlichen Ton erklären, was Dir an seinem Verhalten nicht gefällt und welche Veränderungen Du Dir wünscht.

Ein guter Schritt in Richtung zu mehr Selbstvertrauen wäre, wenn Du in Dir selbst, statt in anderen Sicherheit suchst. Ansonsten machst Du Dich von dem Urteil anderer abhängig. Besser wäre es, wenn Du lernst, auch einmal auf Dich selbst zu vertrauen und unabhängig von der Meinung anderer eigenständige Entscheidungen triffst (was nicht heißten soll, dass Du Dich niemals korrigieren lassen solltest). Damit übernimmst Du mehr Eigenverantwortung, was sich wiederum positiv auf Dein Selbstbewusstsein auswirken kann.

Was leider am Selbstvertrauen immer wieder kratzt, ist die Kritik anderer Menschen. Bis zu einem gewissen Grad hast Du es jedoch selbst in der Hand, wie Du mit Kritik umgehst und ob Du zulässt, dass sie Dich in Deinen Grundfesten erschüttert.

Damit das nicht geschieht, könnte es Dir helfen, die Kritik eines anderen als nichts anderes zu sehen als seine persönliche Meinung. Andere Menschen mögen die Sache schon wieder ganz anders sehen. Es ist ja nicht schlecht, sich Kritik anzuhören, dennoch kann man selbst entscheiden, ob man sich die Meinung des Kritikers zu eigen macht, oder auch nicht.

Ein guter Tipp, um das Selbstbewusstsein zu stärken ist es, den Mut aufzubringen, auch einmal nein zu sagen. Manchmal verlangen andere von einem Dinge, wovon man genau weiß, dass sie einem entweder nicht gut tun oder man sie einfach nicht schaffen kann. In solchen Situationen ist es notwendig, ein klares Nein zum Ausdruck zu bringen. Damit zeigt man, dass man sich selbst ernst nimmt und zu sich selbst steht. Ein Nein sollte immer freundlich aber bestimmt zum Ausdruck gebracht werden.

Dann möchte ich noch einen wichtigen Punkt anführen, der eng mit dem Selbstbewusstsein in Verbindung steht. Es geht um die persönliche Ausstrahlung, wie wir also auf andere wirken. Das fängt z. B. damit an, welche Körperhaltung Du einnimmst, oder auch was Du anderen durch Deine Mimik und Gestik zum Ausdruck bringst.

Wenn Du z.B. eine selbstbewusstere Haltung einnimmst, indem Du z. B. Deinen Körper aufrichtest, hat das auch Rückwirkungen auf Deine Gefühle. Auch das Sprechen kann ausschlaggebend sein. Versuche Dir durch ausreichend lautes und deutliches Sprechen bei anderen Gehör zu verschaffen. Halte nicht das, was Du sagen möchtest, für unwichtig oder unbedeutend.

Du siehst also, es gibt eine ganze Anzahl von Möglichkeiten, an seinem Selbstvertrauen gezielt zu arbeiten. Sei nicht entmutigt, wenn sich Fortschritte nicht so schnell einstellen, wie Du es Dir wünschst. Mehr Selbstvertrauen zu entwickeln gleicht einem Training, an dem man ausdauernd und hart arbeiten muss.

Falls Du an Gott glaubst, könnte Dir auch folgender Gedanke helfen: Gott hält Dich persönlich für wichtig! Ja, jeder Einzelne bedeutet ihm etwas und er nimmt sich gern derer an, die niedergeschlagen und bedrückt sind. Das wird an einigen Stellen in der Bibel sehr schön zum Ausdruck gebracht.

Hier heißt es z.B.: "Ich, der Hohe und Erhabene“, sagt Gott, „wohne in der Höhe, im Heiligtum. Doch ich wohne auch bei denen, die traurig und bedrückt sind. Ich gebe ihnen neuen Mut und erfülle sie wieder mit Hoffnung“ (Jesaja 57:15, Hoffnung für alle). Damit dieses Versprechen zutreffen kann, ist es wichtig, sich etwas näher mit Gottes Wort zu beschäftigen. Viele haben festgestellt, dass sie dadurch zu einer ausgeglicheneren Einstellung zu sich selbst gelangt sind und mehr Lebensfreude entwickelt haben.

Ich wünsche Dir, dass das auch Dir gelingt, wenngleich Du auch nicht von heute auf morgen ein völlig anderer Mensch werden kannst. Wenn Du jedoch am Ball bleibst und die gegebenen Tipps beachtest, wirst Du im Laufe der Zeit wahrscheinlich positive Änderungen in Deinem Fühlen und Denken feststellen.

LG Philipp

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Vielen lieben Dank. Finde es super, soviel Zeit zu Opfern um einem anderen Menschen zu helfen.  Du bist ein wirkliches Vorbild für unsere heutige Gesellschafft!

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Hallo,

Du kannst mit einem Menschen reden. Es gibt im Internet und über das Telefon kostenlose Seelsorge. Auch kannst Du zu einem anderen Psychologen gehen.

Ich bin Christ. Gott liebt Dich und will, dass Du lebst. Wenn Du einiges wissen möchtest, was mich überzeugt, dass es Gott gibt, dann kannst Du mich in den Kommentaren fragen.

Alles Gute

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