Wo ist der Zusammenhang zwischen freiwilliges- und unfreiwilliges Handeln und Tugend?

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3 Antworten

Freiwilligkeit einer Handlung bzw. einer festen Haltung/inneren Einstellung (ἕξις [hexis]) in der Handlungsausrichtung ist nach Auffassung des Philosophen Aristoteles Bedingung/Voraussetzung, die Handlung bzw. die feste Haltung/innere Einstellung (ἕξις [hexis]) als gut loben oder als schlecht zu tadeln. Also ist Freiwilligkeit eine Bedingung/Voraussetzung, unter der Menschen (charakterliche) Tugend/Vortrefflichkeit (ἀρετὴ [arete]) zukommt. Eigene Tugend/Vortrefflichkeit (ἀρετὴ [arete]) oder Schlechtigkeit des Charakters liegt in der Macht der Menschen (Aristoteles, Nikomachische Ethik 3, 7, 1113 b; vgl. 3, 8, 1114 a). Die Handelnden haben eine Verantwortung für freiwillige Handlungen. Die Menschen haben auch eine Verantwortung für ihre feste Haltung/innere Einstellung (ἕξις [hexis]), auf der ihre (charakterliche) Tugend/Vortrefflichkeit (ἀρετὴ [arete]) beruht. Denn die Beschaffenheit einer festen Haltung/inneren Einstellung (ἕξις [hexis]) geht von freien Entscheidungen aus, durch die eine Gewohnheit der Handlungsausrichtunhg entsteht. Zwar ist die Verursachung einer festen Haltung/inneren Einstellung (ἕξις [hexis]) zu einem bestimmten Zeitpunkt nicht so einfach und vollständig wie bei einer Handlung, aber der Anfang liegt in der Macht/Verfügungsgewalt der Menschen. Daher gilt eine feste Haltung/innere Einstellung (ἕξις [hexis]) als freiwillig (Aristoteles, Nikomachische Ethik 3, 8, 115 a).


ausführliche Erläuterung des Freiwilligen und des Unfreiwilligen in der ethischen Theorie des Aristoteles:

Freiwilliges und unfreiwilliges Handeln erörtert Aristoteles in der Hauptsache in Nikomachische Ethik 3, 1 - 3 und (innerhalb einer Untersuchung der Gerechtigkeit) 5, 10, 1135 a –b. Aristoteles, Nikomachische Ethik 3, 4 - 7 geht auf den Zusmammenhang von dem Freiwlligen und Unfreiwilligen, dem Guten und schlechten und der Tugend/Vortrefflichkeit (ἀρετὴ [arete]) ein.

Es geht dabei darum, was den Handelnden zuschreibbar/zurechenbar ist. Lob und Tadel bezieht sich auf den Bereich des Freiwilligen. Was unfreiwillig ist, bekommt Verzeihung, manchmal auch Mitleid. Freiwilligkeit/Unfreiwilligkeit ist außerdem eine Grundlage im Recht für die Festsetzung von Belohnungen und Bestrafungen.

Das begriffliche Gegensatzpaar «freiwillig» – «unfreiwillig» heißt altgriechisch ἑκών (hekôn) - ἄκων (akôn) bzw. ἑκύσιος (hekoúsios) - ἀκούσιος (akoúsios) und kann auch mit «absichtlich» – «unabsichtlich», «willentlich» – «unwillentlich», «gewollt» – «ungewollt» wiedergegeben werden.

Aristoteles definiert (Nikomachische Ethik 3, 3, 1111 a 22 – 24) das Freiwillige (τὸ ἑκούσιον) als das, dessen Ursprung/Ursache (ἀϱχή) im Handelnden selbst ist und bei dem er Wissen über die einzelnen Umstände der Handlung hat.

Bei Naturgewalt oder Zwang aufgrund von Macht/Herrschaft liegt der Ursprung/die Ursache einer Handlung nicht im Handelnden selbst.

Unfreiwillig ist, was durch Zwang/erzwungenermaßen/unter Gewalteinwirkung oder durch Unwissenheit (βίᾳ ἢ δι᾽ ἄγνοιαν) geschieht; erzwungen ist etwas, dessen Ursprung/Ursache außerhalb des Handelnden liegt, bei dem der Handelnde selbst also nichts beiträgt (Aristoteles, Nikomachische Ethik 3, 1, 1109 b 35 – 1110 a 4).

Bei der Freiwilligkeit sind also zwei Bedingungen notwendig und deren gemeinsames Vorliegen ist hinreichend, eine Handlung als freiwillig zu beurteilen:

1) Abwesenheit/Fehlen von Zwang, da der Ursprung/die Ursache der Handlung im Handelnden selbst liegt (dies ermöglicht, auch menschlichen Kindern und den übrigen Lebewesen einen Anteil am Freiwilligen zuzuschreiben, da sie den Ursprung ihres Strebens in sich tragen)

2) Wissen über die relevanten Umstände einer Handlung in einer konkreten Handlungssituation

Bei der Unfreiwilligkeit gibt es zwei Arten unfreiwilliger Handlungen:

1) Handlung durch Zwang/unter Gewalteinwirkung

2) Handlung aus Unwissenheit

Das Unfreiwillige (τὸ ἀκούσιον) geschieht aufgrund von Zwang und einer Unwissenheit, aber nicht einer Unwissenheit über das für die Handelnden Nützliche/Zuträgliche/Förderliche, sondern einer Unkenntnis der konkreten Umstände, unter denen das Handeln stattfindet, und die Handelnden empfinden, nachdem sie Wissen bekommen haben, Schmerz und Bedauern/Reue.

Zu dem Wissen über relevante Umstände einer Handlung gehört Wissen über:

  • Subjekt der Handlung (Wer handelt?)
  • Inhalt der Handlung (Was tut jemand?)
  • Betroffene der Handlung (Auf wen oder was bezieht sich die Handlung?)
  • Mittel der Handlung (Womit tut jemand etwas?)
  • Art und Weise der Handlung (Wie handelt jemand?)
  • Zweck der Handlung (Wozu/mit welchem Ziel handelt jemand?)


Unwissenheit über Handlungsumstände kann dazu führen, etwas unfreiwillig zu tun. Die tatsächlich begangene Handlung weicht von dem ab, was erstrebt war. Beispielsweise kann Unwissenheit über eingesetzte Mittel zu ungewollten Ergebnissen/Wirkungen führen.

Vom Unfreiwilligen unterscheidet Aristoteles das Nicht-Freiwillige. Das Nicht-Freiwillige (τὸ οὐχ ἑκούσιον) geschieht aufgrund von Unwissenheit (δι᾽ ἄγνοιαν), ohne daß die Handelnden es bedauern.

Aristoteles erörtert auch noch gemischte Handlungen. Sie geschehen im Prinzip freiwillig, wenn auch mit unfreiwilligem Anteil. Der Ursprung/die Ursache der Handlung liegt zwar in den Handelnden selbst, aber an sich würden sie freiwillig nicht so handeln. Sie tun dies nur aufgrund des Drucks der Umstände in einer augenblicklichen Situation in der Wahl eines kleineren Übels bzw. zugunsten eines sonst nicht erreichbaren Guten (z. B. Erpressung, mit der Drohung, Eltern oder Kinder, die jemand in seiner Gewalt hat, müßten sterben, wenn nicht eine geforderte Handlung ausgeführt wird, oder wenn bei einem Seesturm Ballast über Bord geworfen, damit ein Schiff nicht untergeht).

Handlungen, die aufgrund von Leidenschaften/Affekten (wie Zorn oder Begierde) geschehen, beurteilt Aristoteles nicht als unfreiwillig. Es gibt bei ihnen einen Ursprung im Menschen. Es wäre unpassend, das, was begehrt oder gemieden werden soll, unfreiwillig zu nennen

Informationen in Büchern zum Thema:

Ralf Elm, hekôn (hekousios) – ouch hekôn- akôn (akousios) / freiwillig – nicht-freiwillig – unfreiwillig. In: Aristoteles-Lexikon. Herausgegeben von Otfried Höffe. Redaktion: Rolf Geiger und Philipp Brüllmann. Stuttgart : Kröner, 2005 (Kröners Taschenausgabe ; Band 459), S. 247 - 250

Christoph Rapp, Freiwilligkeit, Entscheidung und Verantwortlichkeit (III 1- 7). In: Aristoteles: Nikomachische Ethik. Herausgegeben von Otfried Höffe. 3., gegenüber der 2. bearbeiteten, unveränderte Auflage. Berlin : Akademie-Verlag, 2010 (Klassiker auslegen ; Band 2), S. 109 – 133

Ursula Wolf, Aristoteles' ›Nikomachische Ethik‹. 2., durchgesehene Auflage. Darmstadt : Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 2007 (Werkinterpretationen), S. 116 - 124

Kommentar von MajinDiana
09.05.2016, 01:27

Vielen Dank ! Besser hätte man es nicht erklären könne :)

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Wenn ich mir deine Frage ansehe und direkt darunter auf die "Verwandte fragen" schaue, steht dort eine annähernd ähnliche dabei. Nutz doch einfach mal die Suchfunktion und tadaaa

Kommentar von MajinDiana
08.05.2016, 17:56

Leider finde ich selbst in der Suchfunktion nichts das mir bei der Frage weiterhelfen kann :/

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Wenn du eine Frau heiratest, ist das ein freiwilliges Handeln; wenn du sie heiraten musst, ist es ein unfreiwilliges Handeln; wenn sie dir davonläuft, ist es eine Tugend.

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