Wm 2022 Katar - Pro und Contra?

2 Antworten

Warum sollte man sie entziehen: Menschenrechtsverletzungen generell in diesem Land und speziell bei den WM vorbereitungen (Sklaven arbeit), keine Demokratie sondern Absolutistische Monarchie, Korruption, zu hohe Temperaturen
Diese Probleme gab/gibt es z.t. auch bei anderen WM ausrichtern.

Is halt wie überall, nur Profitgier ohne Rücksicht auf Verluste. 

Zudem is die FIFA ja eh nur ein korrupter Haufen. (siehe du Idee einer Mega Club WM) 

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Fangen wir mal mit den Menschenrechten an. Das ist eine von den Medien stark gefärbte Situation in der aber nichts so heiß gegessen wird, wie es gekocht wird.

Oft ist von Sklaven die Rede. Zur Sklaverei gehören aber meines Erachtens vier Faktoren, die alle nicht erfüllt sind: Ein Sklave wird gegen seinen Willen verschleppt, die Gastarbeiter kommen jedoch freiwillig. Sklaven sind Eigentum des Besitzers und haben keine Rechte, die Gastarbeiter durften aber schon immer in Katar frei bewegen und in ihrer Urlaubszeit frei reisen (damals mussten sie beantragen, dass sie dafür die Herausgabe ihres Reisepasses beantragen, was aber mittlerweile geändert ist, sie dürfen ihren Reisepass behalten). Sklaven können nicht kündigen, Gastarbeiter schon. Sklaven werden nicht bezahlt, die Gastarbeiter bekommen für ihre Arbeit keinen für uns allzu hoch wirkenden, aber für ihre Verhältnisse (gemessen am Heimatland) fürstlichen Lohn.

Ich hatte einige Projekteinsätze in Katar und hatte dort Kontakt mit Einheimischen, hochqualifizierten Gastarbeitern (in der Technik) und niedrig qualifizierten Gastarbeitern  (Putzkräfte, Baukräfte, die oft zitierten "Sklaven"). Alle waren glücklich, könnten in ihre Heimat zurück, wollen es aber nicht, weil sie ihrer Familie zuhause so ein besseres Leben ermöglichen können.Bei vielen Einheimischen nimmt auch die Tendenz ab, Gastarbeiter als Menschen zweiter Klasse zu sehen, die Regierung arbeitet am Image der Arbeiter.

Vor einigen Jahren waren die Bedingungen zwar zweifelhaft, Reisepass abgeben, schlechte Unfallverhütungsmaßnahmen (ob wissentlich oder einfach unwissentlich, da der Beginn der Industrialisierung von Katar weniger lang zurück liegt als in Europa und Amerika, wo man viel mehr Zeit zum Lernen hatte - wenn man nicht über den Tellerrand guckt, muss man selbst lernen) und das Image der Fremden während man selbst als reiche "Ölscheichs" auf einem sehr hohen Ross sitzt. Nicht zuletzt aufgrund der internationalen Kritik arbeitet der Emir von Katar und seine Regierung stark daran, Gesetze zu schaffen, die diese Faktoren zu verbessern.

Ein paar Gedanken hierzu:

  • Katar ist nicht gerade eine Fußballnation und hat noch bei keiner WM gespielt. Dass sie als Austragungsort quasi ihren Freifahrtschein ohne Qualifikation gelöst haben, stößt vielen sicher übel auf. Fußballbegeistert sind sie sicher, der lokale (aber auch international expandierende) Sportsender beIN Sports ist voll mit den nationalen Ligen aus aller Welt, aber selbst spielen ist noch nicht so ihr Ding. Die Motivation, die WM auszutragen, hat eher mit Begeisterung (der ehemalige Tennisspieler, katarische Sportminister und Inhaber von beIN Sports, Nasser Al-Khelaifi, ist Besitzer von Paris Saint Germain, die lustigerweise trotz aller Wirtschaftssanktionen weiter von Emirates gesponsort werden), Prestige und Wirtschaft zu tun. Bei der Vergabe hat sicher auch Geld eine Rolle gespielt, auch seitens der FIFA, was viele als "gekaufte WM" interpretieren.
  • Da die WM im Winter stattfindet, weil es im Sommer schlicht und ergreifend zu drückend ist (50°C und hohe Luftfeuchtigkeit) wirft das natürlich den Spielplan der nationalen Ligen durcheinander, die eigentlich im Winter spielen. Eine Katastrophe für das "Gewohnheitstier Mensch".
  • Ein wenig schwingt sicher auch die Angst vor den Ausstrahlungsrechten mit: Die Exklusivrechte für die Handball-WM hatte beIN Sports, die bei der Sublizensierung der internationalen Sender eine Verschlüsselung zur Voraussetzung gemacht hatten, weshalb die Handball-WM nicht auf den deutschen Öffentlich-Rechtlichen zu sehen war. Vermutlich hat man auch Angst vor einer ähnlichen Regelung bei der Fußball-WM.
  • Eine Söldnertruppe gemischter Staatsangehörigkeiten wie bei der Handball-WM wird für Katar nicht antreten, das verbieten die Regularien der FIFA. Es werden vermutlich aber auch ein paar nicht-arabische Namen auftauchen, da man mal stark im Bereich der Gastarbeiter rekrutiert hat. Wer ein talentiertes Kind der Sportförderung stellte, bekam katarische Staatsbürgerschaft für die ganze Familie, inkl. aller Privilegien, auch finanzieller Art. Jackpot! Worauf ich allerdings gespannt bin ist, ob sich das organisatorische Chaos der Handball-WM wiederholt wo viele Gäste aufgrund von Staus an den Kassen und Sicherheitskontrollen nicht in die nur viertelvollen Stadien gekommen sind.
  • Nicht nur Katar behandelt seine Arbeiter wie folgend geschildert, auch die Emirate oder Saudi-Arabien, teilweise sogar noch schlechter. Die haben aber keine Fußball-WM unter kuriosen Bedingungen (Austragung im Winter weil der Sommer mit bis zu 50°C und hoher Luftfeuchtigkeit zu heiß wäre, zweifelhafte Vergabe), da interessiert das keinen. Die Gastarbeiter wären auch ohne WM da, nur ein kleiner Teil von ihnen baut die Stadien, der Rest baut Wolkenkratzer und Prunkbauten inkl. einer künstlichen Insel um die Wirtschaft/Industrie und Tourismus nach Doha zu locken und Infrastruktur wie die Metro, arbeitet als Taxifahrer, Gastronomiekraft, Verkäfer, Putzkraft...
  • Die Gastarbeiter in Katar sind niedrig qualifizierte Arbeiter aus Indien, Pakistan, Philippinen und anderen asiatischen Ländern. In ihrem eigenen Land hätten sie kaum bis garkeine Chance auf Arbeit (und wenn dann nur unter noch schlechteren Bedinungen und bei sehr schlechter Bezahlung mit der sie und ihre Familie nicht auskämen. Da das soziale Netz dort dünn bis nicht vorhanden sind, würden sie dort verhungern oder ein sehr elendes Leben führen und die Gefahr auf der Arbeit (wenn sie eine haben) ums Leben zu kommen wäre noch höher.
  • Das Gehalt mag nicht hoch klingen, aber da sie steuerfrei arbeiten, bezahlte Unterkünfte gestellt bekommen und nur für recht günstige Lebensmittel aufkommen müssen, bringen sie Netto um die 1000 Euro nach Hause. Ins Heimatland überwiesen, kann die Familie davon schon ein regelrechtes Bonzendasein führen, gemessen an den Daheimgebliebenen gleichen Standes, die Kinder können zur Universität gehen und im Heimatland oder in Katar oder anderen arabischen Ländern als hochqualifizierte Angestellte (Bedingungen sind da deutlich besser) arbeiten. Die Familien der Gastarbeiter sind oft in ihrer Heimat regelrechtem Sozialneid ausgesetzt, für den Preis, den Familienvater nur in seiner Urlaubszeit zu Gesicht zu kriegen. Das haben sie sich freiwillig ausgesucht, sie werden nicht verschleppt, sondern gehen dort hin weil sie dort eine realistische Chance auf für ihre Landesverhältnisse gutes Geld haben
  • Die Reisebedingungen (früher musste man als Gastarbeiter seinen Reisepass abgeben und jedes Mal bei Ausreise betteln ihn ausgehändigt zu bekommen) wurden gelockert, man behält seinen Pass und seine Freiheit. Von Sklaven zu reden, wäre also übertrieben. Die Baustellen sind mittlerweile gut gesichert. Im heißen Sommer müsste man den Arbeitern aber mehr Trinkpausen zugestehen, hier ist deutliches Verbesserungspotential. Unter Umständen muss man aber die Arbeiter zu Sicherheitskleidung und Trinkpausen zwingen, sie arbeiten evtl. sonst doch in leichter Kleidung und ohne Pause durch und kippen dann vom Gerüst. Mehr Sicherheitsbewusstsein und erzwungene Pausen und Sicherheitsausrüstung täten Not, aber die Bedingungen sind besser als in den heimischen Arbeitsstätten. Die relativen Zahlen an schweren Unfällen sind klein, die Absoluten aber zu hoch, wenn auch deutilch geringer als in der Heimat der Gastarbeiter.
  • Wofür die Politik nicht viel kann, das ist in manchen Einheimischen drin: Der Respekt vor den Gastarbeitern ist erschreckend gering. Mich hat ein Einheimischer gewarnt, ich solle keinen Kleinwagen mieten sondern was Größeres, da Kleinwagen oft mit Gastarbeitern in Verbindung gebracht und von den Einheimischen in den V8-Landcruisern mit Kuhfänger von der Straße geschoben werden. Dreht ein Lokalsender einen Bericht im Souq Waqif (dem großen arabischen Basar in Doha) werden erst mal alle Inder/Pakistaini/Südostasiaten vom Fernsehteam verscheucht um ein idyllisches Bild von einheimischen "Weißkitteln" und ein paar gut situierten Westeuropäern als willkommene Gäste zu erzeugen. Aber auch hier findet ein Umdenken statt.

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