Wissenschaft, Universum und die Existenz ?

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Hallo Woischderball, 

wenn man das Ganze sauber betrachten will, muss man in die Tiefen der Erkenntnistheorie einsteigen. Das ist ein Zweig der Philosophie. 

Wenn Du wirklich genau verstehen willst, warum es jedem Wissenschaftler die Schuhe auszieht, wenn jemand sagt, man müsse eine wissenschaftliche Aussage ja nicht ernst nehmen, weil es ja "nur eine Theorie" sei, empfehle ich das Buch "Wissenschaftstheorie im Einsatz" von Gerhard Vollmer. (Gebraucht recht preiswert zu haben: https://www.amazon.de/Wissenschaftstheorie-Einsatz-Beitr%C3%A4ge-selbstkritischen-Wissenschaftsphilosophie/dp/3777604992/ref=sr_1_1?ie=UTF8&qid=1502121911&sr=8-1&keywords=wissenschaftstheorie+im+Einsatz)

In Kürze zu Deinen Fragen: 

Meiner Meinung nach, kann der Mensch sowieso so nichts beweisen.

Nicht ganz. Unsere eigene Existenz ist letztbeweisbar. Das ist das berühmte "Cogito ergo sum" von Descartes - "ich denke, also bin ich". 

Alles darüber hinaus ist nicht letztbeweisbar. Der Mensch nimmt seine Umgebung immer nur über Sinneseindrücke wahr - und die können falsch sein. Wir können nicht letztbeweisen, dass wir nicht nur ein Gehirn in einer Suppe sind, das mit elektrischen Impulsen stimuliert wird und nur deshalb wahrnimmt, was wir sehen, hören oder schmecken. Du kannst nicht letztbeweisen, dass ich existiere, obwohl Du meine Zeilen liest. Du kannst nicht letztbeweisen, dass der PC vor Dir existiert.

Für alle praktischen Fragen des Alltags wirst Du aber dennoch davon ausgehen, dass der LKW, der auf Dich zufährt, tatsächlich existiert... und tunlichst die Straße verlassen. Wer sich auf die Unmöglichkeit der Letztbeweisbarkeit beruft, der lebt nicht lange. 

Und genau deshalb können wir formulieren: Für alle praktischen Belange des Lebens brechen wir eine Beweiskette dann ab, wenn wir rational gut begründbare, am besten reproduzierbare und widerspruchsfreie Daten vorliegen haben, die uns ein bestimmtes Modell als die Wirklichkeit gut beschreibend erkennen lassen. 

Alles was wir zu wissen glauben bleibt für mich eine Theorie.

Man muss hier sehr vorsichtig sein, weil der Theoriebegriff in der Naturwissenschaft eine ganz besondere Bedeutung hat - und zwar einen anderen als im Alltag. 

In der Umgangssprache bezeichnen wir die Theorie als Gegenteil der Praxis. Wer theoretisch autofahren kann, der war zumindest schon lange nicht mehr hinter dem Steuer und ist sicher kein routinierter Fahrer. In der Umgangssprache bezeichnet Theorie auch eine ungetestete Idee oder eine Vermutung. 

In der Naturwissenschaft ist eine Idee oder eine Vermutung oder auch eine "Spekulation" natürlich auch der Anfang eines Gedankenganges. Es bleibt aber nicht dabei. 

Der Wissenschaftler wird seine Idee, also wie er einen bestimmten Vorgang in der Natur versteht, zuerst in eine exakte wissenschaftliche Sprache bringen. Die ist nicht selten mathematisch formuliert. Erst in der exakten Formulierung ist die Vermutung testbar. Wir nennen das jetzt eine "Hypothese". 

Die Hypothese macht Vorhersagen, die man in Beobachtungen und Experimenten überprüfen kann. Man kann also bei naturwissenschaftlichen Modellen herausfinden, ob sie im Rahmen der Messgenauigkeit die Natur gut beschreiben. 

Wenn die Hypothese das schafft, dann erst sprechen wir in der Naturwissenschaft von einer Theorie. 

Eine naturwissenschaftliche Theorie erfüllt also folgende Anforderungen:

  • Sie beschreibt einen in der Natur gesetzmäßig ablaufenden Prozess
  • Sie hat einen Erklärwert (das heißt, sie stellt alle Beobachtungsdaten in einen logischen Zusammenhang und erklärt uns, warum wir diese Daten gefunden haben und nicht andere)
  • Sie hat einen Vorhersagewert (Sie macht Aussagen über zukünftige Beobachtungen)
  • Sie ist so exakt formuliert, dass sie an der Natur scheitern kann: Passen (zukünftige) Beobachtungen nicht mehr zu ihren Aussagen, können wir sie als falsch erkennen
  • Sie ist frei von Widersprüchen und es liegen keinerlei Beobachtungsdaten vor, die mit ihr im Widerspruch sind. 

Zu beachten ist, dass das für jede naturwissenschaftliche Theorie gilt: für Newtonsche Mechanik nicht anders als für die Evolutionstheorie. 

Wir können also formulieren: Theorien sind meist bestens an der Natur geprüfte Modelle, die Prozesse in der Natur beschreiben. Sie stellen Beobachtungsdaten in einen logischen Zusammenhang. 

Theorien können durch Beobachtungsdaten falsifiziert werden. Beobachtungsdaten selbst schaffen aber Faktizität. Bei Beobachtungsdaten handelt es sich nicht um "Theorien".

 Es ist nur eine Theorie.

Vielleicht verstehst Du jetzt in der Summe, warum dieser Satz Unsinn ist. 

Richtig ist, dass es kein sicheres Wissen, keine Letztbeweisbarkeit gibt. Naturwissenschaft erkennt aber als methodische Grundlage gerade das an, indem sie alle ihre Modelle "Theorien" nennt und niemals aufhört, diese immer und immer wieder an der Natur zu testen. 

Naturwissenschaft ist gerade die Methode, im "gesicherten Wissen" mit immer schärferen Tests nach Irrtümern zu suchen, um diese auszubessern. 

Die "gesicherte naturwissenschaftliche Theorie" ist deshalb das bestmöglichst gesicherte Wissen, das eine von Menschen gemachte Allgemeinaussage überhaupt werden kann. Mit "es ist nur eine Theorie" verkennst Du die wissenschaftliche Methodik, die gerade zwischen Spekulation, Hypothese und Theorie unterscheidet.

Gerade WEIL Allgemeinaussagen über die Natur grundsätzlich nicht letztbeweisbar sind (weil wir nie unendlich viele Beobachtungsdaten mit unendlicher Messgenauigkeit zur Verfügung haben), ist die "naturwissenschaftliche Theorie" das bestmögliche, was man nach den Kriterien der Erkenntnistheorie erreichen kann. Dein Hinweis ist also keine "Schwäche" einer bestimmten naturwissenschaftlichen Aussage, sondern eine allgemeine Eigenschaft aller Allaussagen.

Grüße

Sehr lobenswert, dass du dir all diese Mühe machst. Aber diese Dinge wurden ihm bereits in seiner erwähnten Antwort erläutert. Er will es jedoch nicht kapieren - oder er trollt gezielt.

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vielen dank. Hast mir weiter geholfen

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Hallo uteausmuenchen

>cogito ergo sum = Letztbeweis

Seh' ich anders:  diese Aussage klingt mir ziemlich beliebig und auch unlogisch: [ "beliebig":] "Ich atme, also bin ich. Ich kann gucken und etwas sehen, also bin ich. Ich denke nur, daß ich denke, also bin ich gar nicht (sondern ich werde quasi nur gedacht, es, etwas denkt in mir und läßt mich meinen, daß "Ich" es bin). Cogito ergo est. [u.v.m.]" .. also alles nicht so eindeutig klar, wie es klingt. ["unlogisch":] Weil ich denke bin ich. Aber weil ich bin, kann ich überhaupt nur denken. Also gab es mich schon bevor ich denken konnte? Also bin ich nicht, weil ich denke, sondern - auch wieder - weil es mich schon gab, kann ich nun auch denken. (???) Gruselig unlogisch. Subjektives Erleben logisch unzulässig zum Axiom erhoben.

Sondern: Worte haben keinen Sinn, wenn nicht mit ihnen etwas gemeint ist, ein Gedankeninhalt, etwas Gemeintes einhergeht. Wollen wir also über "Existenz" (und "Universum, Geist, Bewußtsein, Ons, Sein, Denken, Welt, Weltbild, .." undundund, "Letzbegründung, Letztbeweis, Logik, Logos, Verstand, Einsicht, Erkenntnis"), warum überhaupt etwas existiert oder wie das möglich ist, sprechen, schreiben, denken, dann müssen wir uns auf das mit diesen Wörtern Gemeinte einigen(!).

Jegliche Logik bleibt dann unter dem Vorbehalt der Benennung eines Gemeinten durch uns. (Also eine ewige immanente rein-logische Fehlerquelle - wir können ``ersten Wahrheiten´´, einer "beobachtungsunabhängigen Wirklichkeit" nur näherkommen indem wir sie erforschen und idealsterweise uns ein bestmögliches Gesamtbild verschaffen - einen rein-logischen Ausgangspunkt, ab dem sich das Universum zu ``erdenken´´, es zu schlußfolgern wäre, gibt es mE nicht)

[ Achso, .. da steht's ja, weiter unten und in fett .. hätt' ich doch erst fertig gelesen ;o) ]

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@RoSiebzig

>Das mit diesen Wörtern Gemeinte einigen

.. und das in einem Bereich (Metaphysik, ``erste Fragen´´, Urgrund des Seins, usw), der - jenseits von nachprüfbar Gewußtem - liegt oder wabert. Also schon a priori Unklarheit in sich trägt, .. ``Benennung von unbekanntem Gemeintem´´ .. höchst hasardös!?

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"Meiner Meinung nach, kann der Mensch sowieso so nichts beweisen. Alles was wir zu wissen glauben bleibt für mich eine Theorie. "

Das ist genau DEIN Problem, wenn du DEINE Definition von Theorie verwendest.

"Und so schlagfertig wie ich bin äußerte ich halt: Es ist nur eine Theorie."

Das ist richtig unter DEINER Definition von einer Theorie. Die Evolutionstheorie läuft leider unter einer anderen Definition von "Theorie".

"Meiner Meinung nach, kann der Mensch sowieso so nichts beweisen."

Das ist für empirische Wissenschaften so. In der Mathematik existieren aber Dinge die de facto beweisbar sind. Die Projektion in die Realität muss man aber dabei immer als fehlerträchtig ansehen, sodass umgangssprachlich "Beweise" eher "Belege" genannt werden.

Ich habe überhaupt kein Problem damit, wenn jemand sagt, er habe keine Ahnung von der Evolutionstheorie oder er habe keine Ahnung, ob die Evolutionstheorie stimmt oder nicht. Aber dagegenzuargumentieren und seine eigene Definition von "Theorie" als Grundlage der Bewertung zu nehmen ist für einen intersubjektiven Aussatusch nicht hilfreich.

Zum Standing der Evo-Theorie: Es gibt aktuell kein einziges alternatives Erklärungsmodell, welches mit allen anderen Wissenschaftsdisziplinen in völligem Einklang ist. Alle anderen herumgeisternen Hypothesen scheitern meistens an der Falsifizierbarkeit oder ihrer sinnvollen Integration in die bestehende Wissenslandschaft.

Im strengen Sinne sind positive, endgültige Beweise, die über Existenznachweise hinausgehen, sind auch nicht möglich, sondern nur endgültige Widerlegungen. Dein Fehler ist aber, dass du deshalb das Wort "Theorie" benutzt, als wäre es gleichbedeutend mit "Vermutung" oder "Möglichkeit".

Ein Modell muss aber hohen Standards genügen, bevor man es als wissenschaftliche Theorie bezeichnen kann. Auch wenn man immer die Möglichkeit einer Widerlegung im Hinterkopf behalten muss, ist eine ordentliche Theorie dann eine mit sehr großer oder mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit zutreffende Annäherung an die Wirklichkeit.

Wenn man so tut, als wäre die Unmöglichkeit von sicherem Wissen ein Makel der Evolutionstheorie selbst oder ein Grund, sie zu verwerfen, tut man eben ihr und dem ganzen wissenschaftlichen Arbeitsprozess Unrecht. Einige User haben offenbar nicht die Geduld, dir das ausführlich zu erklären (oder benutzen den Theoriebegriff selber falsch).

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