Wirkt sich die Mondphase auf den Schlaf aus?

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3 Antworten

Hallo DerVerschwoerer,


Der Mond hat  - sollte er vom Bett aus gesehen nicht wirklich gerade ins Gesicht scheinen - keinerlei Einfluss auf den Schlaf.

Betrachten wir es einmal genauer: 


Ich habe Dir ein Bild angehängt. Es ist eine typische optische Täuschung. Sehr viele Menschen sehen hier ein weißes Dreieck.


Nur: Wenn man das Bild genau betrachtet, dann ist da gar keines da. Dennoch sehen Viele das weiße Dreieck. Das hat nichts, aber auch gar nichts mit "Einbildung" zu tun, sondern mit der Art und Weise, wie unser Gehirn Eindrücke verarbeitet. Diese Verarbeitungsmechanismen sind ja im Laufe der Evolution nicht entstanden, um nicht von optischen Täuschungen hereingelegt zu werden. Deshalb sind sie hier fehleranfällig. Wir ziehen hier einfach leicht die falschen Schlüsse. Ganz unbewusst, ohne, dass wir überhaupt merken, was da in uns abläuft.


Und ganz ähnlich ist das mit dem Schlaf und dem Vollmond. 


Unser Gehirn ist leider nicht wirklich gut darin, komplexere Zusammenhänge richtig zu deuten. Bei seltenen, aber auffälligen Ereignissen - wie zum Beispiel einer schlaflosen Nacht - suchen wir nach einem Grund. Nur: Da können eben
sehr viele Gründe dafür in Frage kommen. Und prompt passiert es nur allzu leicht, dass unser Gehirn nach dem erstbesten Grund greift, der uns ins Auge fällt. Und das ist - wenn er zufällig gerade am Himmel steht - der Vollmond.


Der Vollmond bietet eine wunderbare Erklärung für schlechten Schlaf, weil das so schön unpersönlich ist. Das mag unser Unterbewusstsein. Man muss dann kein schlechtes Gewissen haben, weil man zu spät noch gegessen hat, zu spät noch aufregende PC-Spiele gemacht hat oder spannende Filme gesehen hat; weil man zu unregelmäßigen Zeiten ins Bett geht oder sich Stress gemacht hat,... oder was auch immer in diese Richtung.


Nein: Der Vollmond, der ist ist ein praktischer Sündenbock.

Besonders, weil er in ein paar Tagen nicht mehr voll sein wird. Ihn zu beschuldigen, bedeutet also, dass wir unsgleichzeitig die Hoffnung verschaffen, dass sich das Problem innerhalb weniger Tage von selber löst. Wir müssen also nicht unsere Gewohnheiten ändern - nein! Der Schlafforscher Jürgen Zulley beschreibt das sehr treffend: "beruhigter „schlecht schlafen“".


Es gibt also sehr einfache psychologische Erklärungen dafür, warum rund jeder Vierte von sich sagt, er schlafe bei Vollmond schlechter.


Nur: Große Studien belegen, dass da keine Schwankungen in der Schlafqualität auffindbar sind, wenn man sauber nachmisst.


Zum Beispiel: Klösch, Zeitlhofer (2003) Ausgewertet wurden Schlaftagebuchaufzeichnungen aus über 5000 Nächten.


Ergebnis:  In keiner der zur Verfügung stehenden subjektiven Schlafbeurteilungen konnte ein signifikanter Unterschied zwischen den Vollmond-/Neumondnächten, den Nächten während des zunehmenden/abnehmenden Mondes und den als "neutral" eingestuften
gefunden werden. 


Noch genauer untersuchte es das Max Planck-Institut. Dort findet man:


„Wir konnten keinen statistisch belegbaren Zusammenhang zwischen menschlichem Schlaf und den Mondphasen aufzeigen.“ Im Rahmen dieser
Untersuchungen fand sein Team weitere unveröffentlichte Analysen von über 20.000 Schlafnächten, welche ebenfalls keinen Einfluss des Mondes feststellen konnten.


Schlechter Schlaf bei Vollmond ist also das weiße Dreieck. Wir sehen eine Häufung, die nicht da ist.


Jeder schläft mal schlecht. Nur: Steht der Vollmond gerade nicht am Himmel, dann erinnern wir dies nicht in Zusammenhang mit dem Mond. Auch Vollmondnächte, in denen wir bestens schlafen, vergessen wir einfach.


Eine Freundin von mir sagt zum Beispiel immer, wenn sie genervt ist "Ich bin so reizbar heute, es muss Vollmond sein". Ich habe etwas darauf geachtet: Sie sagt es bei absolut jeder Mondphase... Nur: Dadurch, dass sie es sich so sagt, stellt sie immer wieder selbst den Zusammenhang her - und wird es dann so erinnern.


"The Fault lies in us, not in the world" (Shakespeare)

Hier noch nützliche Links zum Thema zum Weiterlesen:

Übersicht über alle möglichen dem Mond nachgesagten Eigenschaften (und leider alle falsch: Keine gehäuften Geburten, keine gehäuften Unfälle, OP-Komplikationen, nichts...)

http://www.dermond.at/index.php

Ab S. 23 ein toller Text (leider Englisch) über die psychologischen Effekte, die hier eine Rolle spielen und über zig Studien, die das alles untersucht haben: http://www.aske-skeptics.org.uk/resources/Intelligencer/Intelligencer_2-3and4_1998_WithoutAddress.pdf#page=23

Und noch ein Podcast dazu:

http://www.gwup.org/images/stories/audio/Sendung3ohneMusik_MP3256K.mp3

Grüße

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Kommentar von uteausmuenchen
14.10.2016, 15:28

Hallo Markussteinberg,

der Artikel mag interessant sein, er ist aber von 2013.

Kurz davor kam eben diese kleine Studie des Schweizers Christian Cajochen, die bei Vollmond rund 5 Minuten spätere Einschlafzeit und 20 Minuten weniger Schlaf fand.

Im Jahr danach haben sich das Leute vom Max Planck Institut genauer angesehen: In der (ohnehin sehr kleinen und damit statistisch anfälligen) Studie ist ein Problem in der Ausgangssituation: Die Vollmondgruppe war im Schnitt etwas älter als die anderen Gruppen. Mit dem Alter verändert sich aber der Melatoningehalt in unserem Blut und damit das Schlafbedürfnis.

Neuere große Untersuchungen und extensive Suche nach noch unveröffentlichten Daten ergab, dass da keinerlei Zusammenhang besteht:

"Um Zufallsbefunde zu vermeiden, wie sie in Studien mit geringer
Teilnehmerzahl möglich sind, untersuchten die Wissenschaftler nun
Schlafdaten von 1.265 Probanden aus 2.097 Nächten. „Nachdem wir diese große Anzahl von Daten ausgewertet hatten, konnten wir frühere Ergebnisse aus anderen Studien nicht bestätigen“, berichtet Martin Dresler, Neurowissenschaftler am Max-Planck-Institut für Psychiatrie in München und Donders Institute for Brain, Cognition and Behaviour in Nijmegen, Niederlande. „Wir konnten keinen statistisch belegbaren Zusammenhang zwischen menschlichem Schlaf und den Mondphasen aufzeigen.“
Im Rahmen dieser Untersuchungen fand sein Team weitere
unveröffentlichte Analysen von über 20.000 Schlafnächten, welche
ebenfalls keinen Einfluss des Mondes feststellen konnten. Dass diese Ergebnisse nicht veröffentlicht worden sind, könnte ein Beispiel für eine verzerrte Veröffentlichungspraxis sein, wie sie beispielsweise auch als „Schubladenproblem“ bekannt ist. Darunter versteht man das Phänomen, dass viele Untersuchungen zwar durchgeführt, aber nie veröffentlicht werden – sie verbleiben stattdessen in der Schublade der Forscher."

https://www.mpg.de/8271794/schlaf_vollmond

Trotzdem geistert die Cajochen-Arbeit immer noch durch die Medien, weil es eben erheblich spektakulärer ist, "geheimnissvolle Einflüsse" zu vermelden, als zu schreiben "Der Mond war voll und nichts geschah". Verkauft sich einfach nicht so gut...

Grüße

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