Wird zu viel studiert in Deutschland und droht eine Akademikerschwemme?

...komplette Frage anzeigen

11 Antworten

Das kommt sehr auf Branche und Fach an.

In einigen Studienfächern z.B. Medizin wird viel zu wenig studiert. Deutschland ist z.B. in einem Ärztemangel und in Zukunft wird es schlimmer werden. Das ist so, obwohl bereits jetzt zahlreiche Ärztinnen und Ärzte aus anderen Ländern abgegriffen werden. Das liegt auch nicht daran, dass zu wenig junge Leute Medizin studieren wollen. Es gibt einfach zu wenig Medizinstudienplätze. Ein Medizinstudienplatz ist für den Staat sehr teuer und das nötige Geld wird dafür einfach nicht zur Verfügung gestellt.

Auch in den Ingenieurswissenschaften ist es nach aktuellen Prognosen so, dass es eher zu wenig, als zu viele Studierende gibt. Hier gibt es zwar genug Studienplätze, aber das Studium ist extrem anspruchsvoll. Selbst Studierende, die als Schüler gute bis sehr gute Leistungen in Mathematik und Physik hatten, scheitern manchmal bereits in den ersten Semestern ihres Maschinenbau Bachelors. Wieder andere versuchen es gar nicht erst.

Wahrscheinlich kommt auch ein Lehrermangel auf Deutschland zu. In einigen Fächern besteht der in manchen Bundesländern jetzt schon.

Von Akademikerschwemme kann man in diesen Bereichen definitiv nicht sprechen. Im Gegenteil. Andererseits gibt es auch viele Ausbildungsberufe, in denen ein Fachkräftemangel bevorsteht: Krankenpflege, Altenpflege, Erzieher und eben das Handwerk. Das liegt sicher auch daran, dass die Arbeitsbedingungen und das Gehalt in diesen Bereichen nicht immer stimmen. Warum eine fünfjährige Ausbildung zum Erzieher oder zur Erzieherin machen, wenn die Arbeit anscheinend so wenig wertgeschätzt wird? Im Handwerk war es noch vor wenigen Jahren so, dass viele Leute, die dort wirklich gern eine Ausbildung gemacht hätten, abgelehnt worden sind, bevor die geburtenschwachen Jahrgänge kamen. Andere hatten ihre Ausbildung abgebrochen, weil sie in den Betrieben wie Dreck behandelt wurden. Wenn nicht viele mittelständische Betriebe finanziell mit dem Rücken zur Wand stehen würden, würde ich jetzt sagen, dass man da einfach nicht nachhaltig genug gewirtschaftet hat...


Andere Studienfächer wie z.B. die Geisteswissenschaften sind in der Wirtschaft nicht besonders gefragt. Man findet ja selten eine Stellenanzeige, in der es heißt "Philosoph" gesucht. Das bedeutet nicht, dass die Absolventen aus dem Bereich nicht auch Jobs in der Wirtschaft oder im Kulturbereich finden können - zumindest nach zwei bis drei Praktika. Dass die Aussichten in dem Bereich nicht ganz so gut sind, erfahren aber viele erst während des Studiums. Die Berufs- und Studienberatungen für Schülerinnen und Schüler sind oft extrem schlecht.

Die einzige Geisteswissenschaft, in der das anders ist, wären evangelische und römisch-katholische Theologie.  Das Studium ist jedoch lang (6 Jahre mindestens) und qualifiziert nur für eine praktische Ausbildung. Die Arbeitsbedingungen in dem Beruf sind (trotz gutem Gehalt) nicht gerade attraktiv und man sollte da auch weltanschaulich halbwegs durchgeformt sein.


Der Drang immer höherer Abschlüsse zu haben ist überall.

Als Schüler wird man selbst in manchen Ausbildungs-Branchen zum Abi gezwungen, da selbst Ausbildungsplätze nur mit Abiturienten besetzt werden.

Und wer keine Ausbildung findet oder doch keine Lust hat, der studiert dann eben.

Ich sehe es bei meinem Freund, der wollte eine Ausbildung machen und hat sich für diverse Sachen beworben gehabt (auch unterschiedliche Jobs). Ok, sein Lebenslauf ist nicht einwandfrei, da er immer gejobbt hat und erst Anfang 20 in die Ausbildung wollte. Das konnte er aber immer gut erklären, durch familiäre Probleme + keinerlei Unterstützung und er hat wirklich immer gearbeitet.

Haben wollte ihn keiner, alle haben mit verschiedensten Gründen abgelehnt. So meinten manche in seinem 5 Jahre alten Real-Abschlusszeugnis sein zu viele unentschuldigte Fehltage. Ja, dafür hatte er ein gutes Arbeitszeugnis in dem deswegen extra Stand, dass er dort immer pünktlich war und gute Arbeit geleistet hat...

Er war wirklich motiviert alles zu lernen, aber wenn die Firmen nicht wollen, dann ist es eben so...  

Selbst übers Arbeitsamt vermittelt hatten die was zu mäckeln, er hatte eben kein Vorwissen oder haben ihn beim Probearbeiten echt wie den letzten Dreck behandelt. Ja, als Azubi ist man eben der Unterste, das hat er bei seinem Betrieb dann später auch ertragen müssen. Aber was da zum Teil abging ist echt nicht mehr normal und sogar schon zum Teil menschenverachtend...

Ich meine auch, dass man von einem Azubi im Handwerk nicht erwarten kann, dass er vor der Ausbildung eigentlich schon alles kann, damit er als billige Arbeitskraft direkt mit anpacken kann. (normale handwerkliche Fähigkeiten für den Haushalt hat er).

Irgendwann hat er in der Gastronomie eine Ausbildung gefunden und die waren auch wieder total zufrieden, obwohl es auch eine anstrengende und nicht besonders nette Branche ist.

 

Es liegt also nicht nur an den Bewerbern, dass es so ist.

Das ist sicher stark abhängig vom jeweiligen Fachgebiet.

Gerade in der Biologie und in den Geisteswissenschaften gibt es wohl (viel) mehr Absolventen, als nachgefragt werden, während es in den meisten Natur- und Ingenieurswissenschaften hierzulande weiterhin einen eklatanten Fachkräftemangel gibt.

Im Allgemeinen sehe ich jedoch kein Überangebot, denn im Zuge der fortschreitenden Automatisierung und Globalisierung werden immer mehr "einfache" Tätigkeiten entweder von Maschinen erledigt oder in Länder mit niedrigeren Lohnkosten ausgelagert. Was bleibt, sind insbesondere Forschung und Entwicklung, sowie evtl. ein paar Stellen im Bereich der Verwaltung.

Ja, die überakademisierung in Deutschland ist schon längere Zeit ein Thema.

Der Hauptgrund für dieses Verhalten ist häufig die Ansicht sowohl der Studierenden als auch der Eltern, dass man heutzutage nur noch mit einem Studium ein entsprechendes Einkommen bestreiten könnte, um sich ein Leben finanzieren zu können wie man es sich vorstellt.

Glücklicherweise reguliert sich das aber häufig von selbst, weil viele gerade während des Studiums an ihre Grenzen stoßen und es dann mehr oder weniger freiwillig abbrechen.

Ist ja auch gut so, denn ansonsten hätte man in 20 Jahren jede Menge Akademiker, die auf einen 70-jährigen Handwerker warten.

Ohne Zweifel eine Sternantwort. Ohne Neid.

3

Der Hauptgrund für dieses Verhalten ist häufig die Ansicht sowohl der Studierenden als auch der Eltern, dass man heutzutage nur noch mit einem Studium ein entsprechendes Einkommen bestreiten könnte, um sich ein Leben finanzieren zu können wie man es sich vorstellt.

Diese Ansicht kommt ja nicht von ungefähr, sondern wird von der Industrie tatsächlich so ... nunja, nicht nur vermittelt, sondern regelrecht ... "enforciert".

Ich habe versucht, sowohl mit einem Abschluss als Facharbeiter, als auch später mit Bachelorabschluss (von einer ehemaligen Fachhochschule), einen Job in dem Bereich zu bekommen, für den ich mich hatte ausbilden lassen. Ich bin letztlich sogar ca. 600 km weit umgezogen, um meine beruflichen Chancen zu steigern. Aber ich bekam immer wieder zu hören, dass ich nicht qualifiziert genug sei, obwohl beide Abschlüsse sehr gut waren und ich auch über zahlreiche weitere Refenzen (Nebenjobs, Praktika, etc.) verfügte. Es war also unausweichlich, den (universitäten) Master noch dranzuhängen. Und nein, ich habe kein "brotloses Fach" gelernt/studiert.

Das von Wissenschaft und Wirtschaft geforderte Qualifikationsniveau ist in der Vergangenheit immer weiter gestiegen und ich sehe auch nicht, dass dieser Trend sich allzu bald umkehren würde.

Es ist ja auch nicht so, als wäre dies reine Arroganz der Akademiker. Ein erfolgreiches Studium (Bachelor und konsekutiver Master) dauert mindestens 10 Semester, mit ein paar außeruniversitären Engagements, Nebenjobs, Praktika, Hochschulwechsel, etc. evtl. auch deutlich länger. Es ist ja nicht so, als würden Studenten in der Uni nur Däumchen drehen, bzw. wenn sie es tun, dann werden sie ihr Studium nicht erfolgreich absolvieren. Jeder, der bereits ein Hochschulstudium absolviert hat, weiß, welchen Aufwand (und welche finanzielle Belastung) dies bedeutet. Von daher sollte es eigentlich selbstverständlich sein, dass diese Leistung anschließend auch entsprechend honoriert wird. Ein Studium ist so gesehen eine Investition von Zeit und Geld in die eigene Zukunft. Denjenigen, welche diese Investition getätigt haben, die Rendite abzusprechen und sie auf die selbe oder gar eine niedrigere Stufe zu stellen, wäre nun wirklich das falsche Signal.

Glücklicherweise reguliert sich das aber häufig von selbst, weil viele gerade während des Studiums an ihre Grenzen stoßen und es dann mehr oder weniger freiwillig abbrechen.

Gut möglich.

Ein erfolgreiches Studium ist in der derzeitigen Lage jedenfalls keineswegs eine sinnlose Investition. Eventuell kann man so gesehen die hohen Abbrecherquoten tatsächlich gutheißen, denn könnte ein jeder jedes Studium erfolgreich absolvieren, wären die entsprechenden Abschlüsse ja letztlich auch nicht viel mehr, als die Bescheinigung, dass man eine gewisse Zeit abgesessen hat und somit kaum noch etwas wert.

1

die Grundlage dieser Denkweise ist jedoch nach wie vor Komma das ein Studium zwangsläufig oder auf jeden Fall die Türen öffnet zu höheren Gehaltsebenen. Und das ist falsch.

2
@GoodFella2306

Allein die Aufnahme eines Studiums nützt natürlich nichts.

Der erfolgreiche Abschluss eines Studiums, der ja (zum Glück) in der Regel auch entsprechende Fähigkeiten und Motivation/Interessen seitens des Studierenden voraussetzt, kann dann allerdings durchaus der häufig zitierte "Türöffner" sein und das ist ja auch durchaus gut so.

0

das ist schon klar, aber darum geht es hier auch gar nicht, sondern um die Frage wieso überhaupt so viele ein Studium beginnen. Und da geht es eben nicht um das Studium an sich, sondern in vielen Fällen einzig und allein um den Gedanken später damit richtig Kohle machen zu können. Und dieser Ansatz ist grundfalsch.

1

Ja. Das hängt auch mit der Bologna-Reform zusammen. Man hat versucht die meisten Studiengänge europaweit zu vereinheitlichen, im Hinblick auf die EU-Freizügigkeit, damit die Qualifikation von Arbeitskräften vergleichbar wird.

Außerdem lag es im Interesse von Wirtschaftsvertretern, um Studiengänge zu beschleunigen und damit schneller Fachpersonal zu "generieren". Andererseits werden Bachelor-Absolventen dann häufig wegen mangelnder Praxiserfahrung nicht eingestellt oder landen in Trainee-Programmen... also quasi die Ausbildung nach dem Studium...

Der Grundgedanke einer Universität und akademischen Leistungen wird damit hinfällig. Es werden keine "Denker und Dichter" mehr ausgebildet, sondern nur noch Arbeitskräfte, angepasst auf den momentanen Arbeitsmarkt, was wirklich traurig ist.

Und je nachdem wie sich der Arbeitsmarkt entwickelt, kann es auch irgendwann in DE so passieren, wie es in manchen EU-Staaten bereits war, dass man nämlich einen Hochschulabschluss braucht, wenn man als Putzfrau eingestellt werden möchte.

Vorallem verläuft diese Entwicklung völlig konträr zur Kulturhoheit der Bundesländer. Worfür ein Schüler in Bayern die Note 4- bekommen würde, bekommt vllt. ein Schüler aus NRW eine 2+.

Daher sind Studiengänge mit Stex im Grunde noch als höherwertiger anzusehen, wie bspw. Medizin, Jura, Lehramt, usw.

Außerdem lag es im Interesse von Wirtschaftsvertretern, um Studiengänge zu beschleunigen und damit schneller Fachpersonal zu "generieren". Andererseits werden Bachelor-Absolventen dann häufig wegen mangelnder Praxiserfahrung nicht eingestellt oder landen in Trainee-Programmen... also quasi die Ausbildung nach dem Studium...

... oder es wird gleich der Masterabschluss gefordert, dessen Regenstudienzeit mindestens dem eines Universitätsdiploms entspricht.

So hat man vorgegeben, die Studienzeiten verkürzen zu wollen, hat sie aber letztlich verlängert - was allerdings auch nachvollziehbar ist, schließlich häufen wir im Laufe der Zeit immer mehr Wissen an und benötigen auch immer mehr Wissen. Unsere Welt, unsere Technik, wird immer komplexer und die Lebenserwartung der Menschen wird immer länger.

Von daher ist es zu einem gewissen Grad durchaus nachvollziehbar, dass auch die Ausbildungszeiten sich verlängern sollen. Ein Arbeitnehmer muss heute tatsächlich mehr können, als noch vor 30 Jahren und er muss länger arbeiten, weil das Renteneintrittsalter gestiegen ist. Warum also sollten sich nicht auch die Ausbildungszeiten verlängern?

Der Grundgedanke einer Universität und akademischen Leistungen wird damit hinfällig. Es werden keine "Denker und Dichter" mehr ausgebildet, sondern nur noch Arbeitskräfte, angepasst auf den momentanen Arbeitsmarkt, was wirklich traurig ist.

Das liegt an der "Straffung" der Studiengänge, um die Menge an Inhalt unterzubringen, die von Wissenschaft und Wirtschaft inzwischen gefordert wird. Wenn man noch Zeit zum "dichten und denken" lassen wollte, müsste man die Regelstudienzeiten noch weiter verlängern.

An meiner Uni beispielsweise wird für die Studenten mit einer Arbeitsbelastung von 60 h pro Woche kalkuliert - wohlgemerkt nur für das Studium - natürlich nicht nur Präsenzzeit, sondern einschließlich der Vor- und Nachbereitung zu Hause. Das ist bereits 50 % mehr, als eine Vollzeittätigkeit und somit im Grunde nicht mehr zu bewältigen. Wenn man dann noch nebenher arbeiten muss, ist klar, dass man die Regelstudienzeit gut und gerne mal verdoppeln muss, um das Studium auch tatsächlich zu absolvieren.

Damit möchte ich nicht sagen, dass das "unnötig" ist. Aber es wäre eben ehrlicher, dann gleich von vornherein die Regelstudienzeit entsprechend zu veranschlagen, also etwa mit acht Semestern für den Masterstudiengang anstatt mit vieren. Dann könnte man das ganze auch wieder studieren.

2

Das wird so sein, daß zuviel studiert wird.Allerdings muß man differenzieren: es gibt Studiengänge , die sind in der Arbeitswelt sehr nachgefragt und werden gebraucht ,auf der anderen Seite gibt es die, die kaum nachgefragt werden wie z.B. Philosophie , oder die , die seit jahrzehnten überlaufen sind wie z.B. Architektur.Wir haben in D  keine Planwirtschaft, ein bischen Planung  wäre sicher nicht schlecht.

Wenn Zahlen genannt werden von Instituten der Wirtschaft, muß man vorsichtig sein, die sind sicher oft zum Vorteil der Wirtschaft ausgelegt.Die Wirtschaft hat gerne einen Überhang an Bewerbern, um eine größere Auswahl zu haben und um die übertariflichen Gehälter niedrig halten zu können.

Das regelt sich von selbst. Es gibt Studiengänge, in denen der wichtigste Schein der Taxischein ist...

Ja, es wird zu viel studiert, d.h. es gibt mehr qualifizierte Studienabgänger als es verfügbare Jobs gibt, die diese Qualifikation wirklich voraussetzen.

Das hat wiederum zur Folge, dass letztendlich viele Absolventen in einem Job landen, für den sie gar keine Studium gebraucht hätten. Und entsprechend auch nicht so bezahlt werden. 

Es gibt bereits jetzt ein Überangebot. Gerade in der Medien- und Wirtschaftsbranche findest du mit nem Master nur schwer einen Job wo du ansatzweise so viel verdienst das sich das Studium gerechnet hat ^^

Es gibt bereits jetzt ein Überangebot.

... aber nur in bestimmten Studienrichtungen.

0

Das Handwerk muss besser bezahlt werden und somit wieder goldenen Boden haben. Und diese "Ohne Abitur bist Du Nichts Mentalität" muss aus den Köpfen der Menschen raus.

Alternativ werden uns irgendwann mal Akademiker die Toilettengroschen abnehmen.

ist in anderen Ländern leider längst der Fall

2

Es ist doch schon jetzt ein Überangebot vorhanden.

Das hängt immer von der betrachteten Fachrichtung ab. In den meisten Natur- und Ingenieurswissenschaften gibt es sicher keinen Überschuss an Absolventen.

1

Was möchtest Du wissen?