Wird jede Untat gegenüber einem Kind auf die Gesellschaft zurückkommen, wenn das Kind erwachsen ist?

...komplette Frage anzeigen

7 Antworten

Die von dir beschriebene Dynamik ist nicht auf einzelne Bereiche begrenzt, sondern sie wirkt wie ein eigenständiger "böser Geist" übergeordnet über die gesamte Gesellschaft.

Wer einem Kind etwas antut, dem fehlt es an wesentlichen Dingen, die Menschlichkeit ausmachen. Dieses Fehlen wirkt aber überall, und da spielt es keine Rolle, ob ein Kind den Schaden hat oder ob Nachbarn ständig genervt werden oder ob jemand als Händler seine Kunden betrügt usw., der charakterliche Mangel wirkt sich auf breiter Ebene schädigend aus.

Der Beginn solcher Defizite an Menschlichkeit findet sich bereits in der Ignoranz von auch kleinen Ungerechtigkeiten und im größereren Stil auch im penetranten Wegschauen.

Auch in solchen Bereichen gibt es so etwas wie "Zuständigkeiten" (im negativen Sinn gemeint). Die einen sind für das Wegschauen zuständig, die anderen für das Begehen von Unrecht, und wieder andere für das Schönreden usw.

Um die Kette solcher Gewalt zu brechen, ist meiner Ansicht nach eine besondere Einsicht notwendig, nämlich die, daß man nicht versuchen darf, Menschlichkeit mit Anti-Menschlichkeit innerhalb eines Gesellschaftssystems bunt zu mischen. Man heilt ja auch nicht die Pest dadurch, daß man Erkrankte in die Ansammlungen Gesunder hineinschickt.

Doch solche Einsicht gilt gegenwärtig überwiegend als verwerflich, rechtsradikal usw. und verhindert zugleich, daß gewisses Gutmenschentum nicht als eine weitere Unterabteilung eines bösartigen Übergeistes erkannt wird.

Im Prinzip sind auch sog. böse Menschen nicht wirklich rundum böse, sondern sie sind anders beschaffen. Sie befinden sich vor allem an falscher Stelle, so daß sie inkompatibel zu dem sind, was sie umgibt.

Antwort bewerten Vielen Dank für Deine Bewertung
Kommentar von sophie1235
06.03.2017, 15:17

Um die Kette solcher Gewalt zu brechen, ist meiner Ansicht nach eine
besondere Einsicht notwendig, nämlich die, daß man nicht versuchen darf,
Menschlichkeit mit Anti-Menschlichkeit innerhalb eines
Gesellschaftssystems bunt zu mischen. Man heilt ja auch nicht die Pest
dadurch, daß man Erkrankte in die Ansammlungen Gesunder hineinschickt.

Meiner Meinung nach ein bedeutende Aussage!

Um bei Deinem Beispiel zu bleiben: Pest heilt man mit einer bestimmten Medizin. Was ist im Fall der Kette der Gewalt die zu verwendende Medizin, die hilft?

1

ich denke das kommt darauf an ob man sich bewusst ist dass das was einem angetan wurde nicht richtig ist.

manchmal führen die schädigungen die einem die eltern angetan haben auch zu genau dem gegenteil an einer psychischen störung als die eltern haben.

manchmal auch genau zu einem viel ausgeglichnerem ergebnis.

ich persönlich wurde psychisch fast gebrochen, und körperlich ausgenutzt sowie misshandelt, weis aber dass das was mir meine mutter angetan hat so falsch war wie es nur falsch sein kann und werde - sollte ich jeh eines haben - meinem kind soetwas nie antun.
ich weiß ich habe einen knacks, aber wenn ich sehe das ich nicht mehr klarkomme mit der situation werde ich mich an jemand anderen wenden um mir unterstützung zu geben.

wird einem kind aber immerzu nur gezeigt dass das -eigentliche falsche- was man tut "richtig" ist, wird es auch denken es sei richtig und das verhalten bei behalten.

Antwort bewerten Vielen Dank für Deine Bewertung

Zum einen glaube ich, dass der Mensch deutlich mehr aushält, als ihm die heutige Gesellschaft zumutet.

In der Vergangenheit musste ein Kind mit ansehen, wenn Verwandte verhungerten, von wilden Tieren gefressen wurden oder von benachbarten Stämmen erschlagen wurden. Da musste es dann einfach durch - das Sterben war Teil des Lebens. Keine Muße, um Traumatisierungen zu bewältigen (sonst war man das nächste Opfer) und der Psychologe war auch noch nicht erfunden. Dagegen sind heutige "Härten" geradezu lächerlich und harmlos.

Zum anderen habe ich den Eindruck, dass unsere Gesellschaft übersensibel bzgl. physischer Handlungen gegen Kinder ist, aber die heftigsten Psychospielchen und -manipulationen in der Erziehung akzeptiert. Hinterlässt ja keine blauen Flecken...

Wenn ich sehe, wie heftig körperlich Kinder untereinander und miteinander umgehen, wüsste ich nicht, warum ihnen ein Klaps durch einen Erwachsenen schaden sollte.

Eine "verwirrte, irrational funktionierende Gesellschaft" hat ganz andere Ursachen: Dass man aus falsch verstandener Toleranz heraus die verdrehtesten und pervertiertesten Ansichten auch noch als "normal" durchgehen lässt. So weit, dass sich der Normale schon fragt, ob er denn überhaupt noch ganz normal ist.

Antwort bewerten Vielen Dank für Deine Bewertung
Kommentar von sophie1235
06.03.2017, 15:19

In der Vergangenheit musste ein Kind mit ansehen, wenn Verwandte verhungerten, von wilden Tieren gefressen wurden oder von benachbarten Stämmen erschlagen wurden. Da musste es dann einfach durch - das Sterben war Teil des Lebens. Keine Muße, um Traumatisierungen zu bewältigen (sonst war man das nächste Opfer) und der Psychologe war auch noch nicht erfunden. Dagegen sind heutige "Härten" geradezu lächerlich und
harmlos.

Das sehe ich auch so.

0

Indem man sein Gehirn einschaltet? Ich hab in der Kindheit selber viel Gewalt erlebt und würde das meinem Sohn niemals antun- hab das sogar eher ins Gegenteil verkehrt- so dass mein Sohn mit seinen 5 Jahren schon andere Kinder in der Kita darüber belehrt, dass Gewalt / Schlagen / Schubsen dämlich ist. Ggf. braucht es für solch eine Kehrtwende ein Minum an intellektuellen Fähigkeiten- aber auch nicht übermäßig viel.

Antwort bewerten Vielen Dank für Deine Bewertung
Kommentar von sophie1235
06.03.2017, 14:04

Indem man sein Gehirn einschaltet?

Leider hilft das wohl nicht.

Wenn ich wieder zitieren darf (S. 160,161):

"Was uns krank macht, ist das Undurchschaubare, die Zwänge der Gesellschaft, die wir durch die Mutteraugen in uns aufgenommen haben und die wir durch keine Lektüre oder Bildung loswerden können. Oder anders ausgedrückt:

Unsere Patienten sind intelligent, sie lesen in Zeitungen und Büchern über die Absurdität der Rüstung, die Ausbeutung des Kapitals, die Verlogenheit der Diplomatie, die Arroganz und Manipulation der Macht, die Anpassung der Schwachen, die Ohnmacht des Einzelnen und machen sich darüber ihre Gedanken. Was sie aber nicht sehen, weil sie sie nicht sehen können, ist die Absurdität ihrer geliebten Mutter zur Zeit, als sie noch ganz kleine Kinder waren."

0

Weitaus mehr Eltern tun ihren Kindern nicht das an was ihnen von ihren Eltern angetan wurde.

Man hat immer die Entscheidung sich dem Schlechten oder dem Guten zuzuwenden.

Antwort bewerten Vielen Dank für Deine Bewertung
Kommentar von sophie1235
06.03.2017, 14:05

Man hat immer die Entscheidung sich dem Schlechten oder dem Guten zuzuwenden.

Kann man diese Entscheidung bewusst treffen?

Wenn ich wieder zitieren darf (S. 160,161):

"Was uns krank macht, ist das Undurchschaubare, die Zwänge der
Gesellschaft, die wir durch die Mutteraugen in uns aufgenommen haben und die wir durch keine Lektüre oder Bildung loswerden können. Oder anders ausgedrückt:

Unsere Patienten sind intelligent, sie lesen in Zeitungen und Büchern
über die Absurdität der Rüstung, die Ausbeutung des Kapitals, die
Verlogenheit der Diplomatie, die Arroganz und Manipulation der Macht, die Anpassung der Schwachen, die Ohnmacht des Einzelnen und machen sich darüber ihre Gedanken. Was sie aber nicht sehen, weil sie sie nicht sehen können, ist die Absurdität ihrer geliebten Mutter zur Zeit, als sie noch ganz kleine Kinder waren."

1

Auch ich habe aus dem Buch von Alice Miller sehr viel Stoff zum Nachdenken gezogen und für mich verinnerlicht.  Es existiert von der gleichen Autorin der Titel 'Am Anfang war Erziehung', in dem sie den gleichen Mechanismus im Hinblick auf den Werdegang solcher Kinder zu späteren Diktatoren bzw. Monstern behandelt.

Ich meine auch, man müsste diese zugegebenermaßen komplexe Thematik mehr öffentlich machen.

Gegensteuern? Da fällt mir momentan nur eine geniale Trauma-Lösch-Technik ein: WingWave.
Damit kann Ungeahntes bewirkt werden, z.B. in Bezug auf eigene Glaubenssätze, die man übernommen hat und die einen selbst schädigen, deren man sich aber nicht bewusst wird, außer - ja, man sucht das Gespräch darüber, oder wenn man mal seinen Werdegang ausführlicher aufschreibt und plötzlich (!) feststellt, dass da einiges nicht plausibel gelaufen ist, wofür man nur eine Erklärung finden kann:
es muss eine ganz ganz frühe Prägung sein, die einen noch immer beeinflusst (fünf Monate nach dem Heimgang meiner Mutter stecke ich selbst in solch einer Phase des Aufdeckens solch früher Prägungen - eine schwierige Sache, wenn man explizit keine Schuldzuweisungen zulassen mag, weil sich diese Prägungen weit unterhalb dieser Schwelle abspielen.

Danke für die interessante Frage!

Antwort bewerten Vielen Dank für Deine Bewertung

Das ist schon richtig, dass Erlebtes genauso wiedergegeben wird. Allerdings nicht zwangsläufig und immer. Genau das macht einen Menschen aus, dass er trotz widriger Kindheit eine bessere Erziehung an den Tag legt.

Ein Mensch ist nicht schlecht, sondern benimmt sich schlecht. Und ein Mensch, der sich schlecht benimmt, dem widerfuhr Schlechtes. Niemand benimmt sich schlecht, wenn es ihm gut geht. Da hast du schon recht

Da das Nachahmen unterbewusst geschieht, muss man sich dessen deshalb bewusst sein. Zu erkennen, dass man es selber genau so schlecht macht wie die eigenen Vorgänger. Manchmal erkennt man dies zwar, aber man hat keine Vorstellung, wie man es anders machen könnte, oder kommt nichtmal auf die Idee, dass es andere Optionen gibt.

Wenn man allerdings seine Erlebnisse reflektiert und stets an sich arbeitet, ist der Kreislauf oft schon am bröckeln.

Die Weiterentwicklung der Gesellschaft ist also von den starken Menschen abhängig. Wie du sagst, sonst endet das ganze in einer Abwärtsspirale. Dadurch ist durchaus der Zustand der Welt zu erklären, ja. OOOH, TERRORISTEN; NA DIE JAGEN WIR JETZT ABER MAL MIT ORDENTLICHEM BUMMS IN DEN SICHEREN TOD!. Nee in der Tat, Druck erzeugt immer Gegendruck. Gewalt kann niemals Freiden stiften.

Ich meine nicht starke Menschen im Sinne davon, Bösewichte mit Gewalt zu jagen oder mit dem Ellenbogenprinzip durchs Leben zu kommen. Nein, ich meine emotional und kognitiv stark genug, Leid, Hass und Gemeinheit zu akzeptieren ohne sich auf das selbe Niveau herunterzulassen. (Stattdessen was tun? Da bin ich überfragt) Und das geschieht dadurch, dass man sich und seine Emotionen reflektiert. Aber es auszuhalten ohne Vergeltung zu wollen, das ist das Schwierige, selbst im Kleinen gelingt das nicht hundertpro, wie soll es da Weltfreiden geben? Wenn ich an Nachbarschaftsstreitigkeiten denke. Oder alleine daran, wenn ein Kind im Kindergarten zu einem anderen gesagt hat: "Man darf aber nicht hauen" und zack, haut selbst das handgreiflich gewordene Kind zurück.

Und man fragt sich doch, ist es denn gerecht, nicht zurückzuschlagen? Wieso muss ich das ertragen? Der hat es doch auch verdient. Ich muss mich wehren...

Natürlich, Rache ist stets das einfachste und erscheint logisch. Man stellt sich dadurch aber für mich auf die selbe Stufe. Ich finde es stets schwierig, abzuwägen. Oder sich die Rache zu verkneifen, sagen wir es so.

Antwort bewerten Vielen Dank für Deine Bewertung
Kommentar von Phantomadora
06.03.2017, 14:14

Wie würdest du handeln, wenn man deinen Bruder/Mutter/Mann tötet.
Hättest du da nicht übel Lust, dem Täter an die Gurgel zu springen? Wie
hält man es aus, ohne dass man genau so schlecht wird?

Da fängts schon an.

0

Was möchtest Du wissen?