Will die Evolution nicht, dass Homosexuelle ihre Gene vererben?

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Könnte man Homosexualität demnach als Schutzmechanismus sehen, der die Weitergabe von schlechtem Erbgut verhindert?

Nein. Das funktioniert nicht, weil Selektion nicht auf Ebene der Population (Populationsselektion), sondern auf Ebene des einzelnen Individuums (Individualselektion) wirkt. In der Evolution geht es nicht darum, durch die Fortpflanzung die eigene Art zu erhalten, sondern einzig und allein darum, seine eigenen Gene mit der weiterzugeben. Biologen sprechen hier davon, dass ein jedes Individuum bestrebt ist, seine biologische Fitness zu maximieren. Mit biologischer Fitness ist in diesem Zusammenhang das Vermögen eines Individuums gemeint, seine eigenen Gene in den Genpool der nachfolgenden Generation zu bringen. Maximiert wird die biologische Fitness, wenn es einem Individuum gelingt, möglichst viele Kopien seiner Gene in den Genpool zu bringen.
Grundsätzlich verhalten sich alle Individuen in bezug auf ihre Gene egoistisch. Ein freiwilliger Verzicht auf eine Weitergabe vermeintlich schlechter Gene zum Wohle der Art/Population findet nicht statt. Für nähere Informationen empfehle ich hier die Auseinandersetzung mit Richard Dawkins' Theorie der egoistischen Gene.

Die Frage stellt sich mir deshalb, da Homosexuelle ja durchaus einen Kinderwunsch haben können, die Evolution jedoch an dieser Stelle gegen sie arbeitet.

So scheint es auf den ersten Blick zu sein. Homosexuelle haben keine Kinder und damit müsste ihre biologische Fitness eigentlich gegen Null gehen. Tatsächlich ist Homosexualität aber mit der Evolutionstheorie vereinbar. Genauere Erkenntnisse liefern uns hierfür die Forschungsarbeiten aus der Soziobiologie - einem Zweig der Verhaltensforschung, der das Sozialverhalten im Hinblick auf seine evolutionäre Entstehung und seinen adaptiven Wert beleuchtet.

Insbesondere William D. Hamilton setzte sich mit dem Begriff der biologischen Fitness auseinander und stellte fest, dass es mehr als einen Weg zur Steigerung der Fitness gibt. Er erkannte, dass sich die Gesamtfitness aus zwei Teilen zusammensetzt. Zunächst haben wir da die direkte Fitness, den offensichtlichsten Weg, nämlich durch das Zeugen eigener Nachkommen, die jeweils einen Teil (bei diploiden Organismen genau die Hälfte) der Gene des Elters erben.
Aber nicht nur eigene Kinder haben mit einem Individuum Gene gemeinsam, sondern auch andere Verwandte. Man kann daher seine biologische Fitness deshalb auch steigern, indem man anderen Verwandten hilft -dieser Weg wird indirekte Fitness genannt.

Der Grad der Verwandtschaft lässt sich mit dem Verwandtschaftskoeffizienten r berechnen. Er gibt an, wie hoch für ein bestimmtes Allel die Wahrscheinlichkeit ist, dass zwei Individuen es durch eine gemeinsame Abstammung in sich tragen. Ein diploides Elternteil beispielsweise kann ein bestimmtes Allel entweder an sein Kind vererben oder nicht. Deswegen beträgt r zwischen Eltern und Kindern 0.5 (r wird immer als relativer Wert und deshalb nicht als absoluter Wert in Prozent angegeben).
Allgemein lässt sich r nach der Formel r = ∑(0.5)G berechnen. Die 0.5 ergibt sich durch die o. g. Tatsache, dass bei dipoliden Organismen durch die meiotische Teilung der Geschlechtszellen (Gameten) ein bestimmtes Allel entweder weitergegeben wird oder nicht. G steht für die Anzahl an Generationen zwischen den Individuen. Das Summenzeichen gibt an, dass man die einzelnen Wahrscheinlichkeiten für jede mögliche Verbindungen zwischen zwei Verwandten addiert werden müssen.
Betrachtet man z. B. zwei Vollgeschwister, liegen zwei Generationen zwischen ihnen: vom einen Geschwister muss man eine Generation zurück zu den Eltern springen und dann wieder eine Generation vor zum anderen Geschwister. Außerdem gibt es zwei mögliche Verbindungen zwischen den Geschwistern, nämlich einmal über den Vater und einmal über die Mutter. Für Vollgeschwister beträgt r deshalb: r = 2(0.5)2 = 0.5. Ein Vollgeschwister ist aus genetischer Sicht damit genauso wertvoll wie ein eigener Nachkomme.

Aus dieser Erkenntnis leitete Hamilton sein Konzept der Verwandtenselektion ab. Damit wollte er altruistisches Verhalten unter Verwandten erklären. Indem man anderen Verwandten hilft, handelt man nur scheinbar altruistisch (selbstlos), denn eigentlich kommt die altruistische Handlung ja dennoch den eigenen Genen zugute. Bekannt als Hamilton's rule wurde die einfache Formel r * b > c. Dabei steht r für den soeben kennengelernten Verwandtschaftskoeffizienten, b (engl. benefits) steht für den Nutzen, der dem unterstützten Individuum zuteil wird und c für die Kosten (engl. costs), die der Altruist trägt. Altruistisches Verhalten lohnt sich demnach also, wenn der Nutzen multipliziert mit dem Verwandtschaftskoeffizient größer ist als die Kosten.

Ein homosexuelles Individuum kann also sehr wohl seine biologische Fitness steigern, nämlich indem es seinen anderen Verwandten ganz im Sinne der Verwandtenselektion hilft und ganz ohne das Zeugen eigener Nachkommen. Wenn ein Homosexueller z. B. sein Vollgeschwister unterstützt, ist sein Beitrag zur eigenen Fitness damit genauso groß wie wenn es einen eigenen Nachkommen zeugen würde.

Um diesen Konflikt in Kauf zu nehmen, braucht die Evolution doch einen triftigen Grund. Hat sie den?

Den hat sie durchaus. Nehmen wir einmal ein homosexuelles Individuum hilft seinem nicht homosexuellen Geschwister, dessen Kind (also die Nichte oder den Neffen des homosexuellen Individuums) aufzuziehen. Zwar beträgt r zwischen dem Homosexuellen und Nichte/Neffe nur 0.25 und ist damit kleiner als r zwischen dem Neffen und dem Geschwister des Homosexuellen (die sind ja Elter und Kind, also muss r hier 0.5 betragen). Dafür hat sich der Homosexuelle aber auch sämtliche Kosten gespart, die mit der Zeugung eines eigenen Nachkommens einhergehen: die Suche nach einem geeigneten Fortpflanzungspartner, die Brautwerbung usw.

Denkbar ist auch, dass homosexuelles Verhalten dann vorteilhaft ist, wenn die Umweltbedingungen sehr hart sind. Bei vielen sozial lebenden Tierarten bekommem nicht alle Mitglieder der Gruppe Nachwuchs. Bei Erdmännchen (Suricata suricatta) z. B. bekommt nur ein einziges dominantes Weibchen, manchmal als "Königin" bezeichnet, in der Gruppe Jungtiere. Der Grund dafür ist, dass der Lebensraum der Erdmännchen, die Kalahari in Südafrika, kaum geeignetes Futter bietet. Es gibt dort schlicht zu wenig Futter, als dass jedes Weibchen der Gruppe eigene Junge aufziehen könnte. Stattdessen konzentrieren sich alle Kräfte der Gruppe auf den einen Wurf der Königin, der damit die besten Überlebenschancen hat. Und da die anderen Erdmännchenweibchen ja ebenfalls mit dem Wurf der Königin verwandt sind (es sind Tanten oder größere Schwestern), lohnt sich das Mithelfen für jedes Weibchen aus Sicht ihrer biologischen Fitness trotzdem. Unter solchen Bedingungen könnte sich Homosexualität sogar lohnen, weil es sozusagen die Gefahr verringert, dass die Schwestern der Königin in Versuchung geraten, es trotzdem einmal mit eigenem Nachwuchs zu versuchen.

Und außerdem hast du ja schon erkannt, dass Homosexualität einen Kinderwunsch nicht ausschließen muss. Homosexuelle können ja durchaus auch Nachkommen zeugen.
Man muss hierzu anfügen, dass es ausschließliche Homosexualität ohnehin nur sehr selten gibt. Homosexuelles Verhalten ist im Tierreich zwar bei sehr vielen Arten dokumentiert, aber nur die allerwenigsten beobachteten Individuen verhalten sich ausschließlich homosexuell. Die allermeisten sind eher das, was wir als bisexuell bezeichnen würden. Und auch beim Menschen ist das nicht anders. Nur ganz wenige Menschen sind wirklich ausschließlich hetero- oder homosexuell. Die allermeisten sind eigentlich bisexuell orientiert, wobei bi zu sein hier nicht heißt, dass man gleichermaßen auf beide Geschlechter stehen muss, sondern viele eine mehr oder weniger stärker ausgeprägte Geschlechtspräferenz haben. Viele, die sich als homosexuell bezeichnen, wären dann eigentlich eher bisexuell und könnten dann zwar überwiegend homosexuell leben, unter Umständen aber trotzdem Nachwuchs zeugen.

Und selbst ausschließlich homosexuelle Menschen müssen ja grundsätzlich nicht auf leibliche Kinder verzichten, etwa durch Samenspenden oder/und künstliche Befruchtung ist das möglich. Manche lesbische Paare entscheiden sich für eine Samenspende und suchen im Internet nach einem geeigneten Spender. Manche entscheiden sich für die direkte Methode, bei der eine der Partnerinnen mit dem Mann intim wird, andere bevorzugen die so genannte Bechermethode, bei der der Mann in einen Behälter ejakuliert und die Frau sich den Samen anschließend z. B. mit einer Spritze selbst einführt. Manche wollen, dass der Spendervater im Leben des Kindes eine Rolle spielt, andere wollen wirklich nur den Samen und den Mann ansonsten völlig außen vor lassen. Umgekehrt kann natürlich auch ein homosexueller Mann seinen Samen spenden, z. B. auch in einer Samenbank. Es gibt also Möglichkeiten und sie werden auch genutzt.

Woher ich das weiß:Studium / Ausbildung – Biologiestudium, Universität Leipzig

Kannst du bitte versuchen, das in drei Sätzen zu sagen? Und ist deine Antwort nun JA oder NEIN ?

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@cyberoma

In drei Sätzen? Mhm ... ich versuche es. Der Inhalt meiner Antwort lautet wie folgt:

  1. Selektion findet immer auf Ebene des Individuums statt und nicht auf Ebene der Population, daher ist jedes Individuum danach bestrebt durch Weitergabe seiner eigenen Allele seine biologische Fitness (Fitness = das Vermögen, seine Allele in den Genpool der folgenden Generation zu bringen) zu maximieren, also möglichst viele Kopien seiner eigenen Gene zu verbreiten.
  2. Homosexuelle können ihre biologische Fitness zwar nicht direkt (über eigene Nachkommen) steigern, aber indirekt, indem sie Verwandten helfen, denn ein Teil ihrer Allele steckt ja auch in den Verwandten und zwar umso mehr, je näher sie miteinander verwandt sind, wobei diese Verwandtschaftsnähe durch den Verwandtschaftskoeffizient r ausgedrückt wird.
  3. Homosexuelle können trotzdem ja auch eigenen Nachwuchs zeugen z. B. mit Hilfe einer Leihmutter (bei einem schwulen Paar) oder durch eine Samenspende (bei einem lesbischen Paar), zumal die meisten Tiere ja auch nicht ausschließlich homosexuell, sondern bisexuell sind.

Die Antwort lautet nun: Homosexualität steht nicht im Widerspruch zur Evolutionstheorie und die Antwort muss deshalb "Nein" lauten.

Kurz genug?

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In früheren Zeiten, bspw. im alten römischen Reich, war es völlig normal auch homosexuell zu sein. Erst das Christentum hat es stigmatisiert. Viele Homosexuelle haben damals aber trotzdem Kinder mit einer Frau gezeugt. Es ist also nicht unwahrscheinlich, dass du selber von Homosexuellen abstammst. Eine Degeneration der Population ist jedoch nicht festzustellen.

Also: Nein, falsch.

Genau da liegt doch der Haken.

Wenn Schwule mit Frauen Sex haben, machen sie das doch nicht aus Lust, sondern, weil sie sich überlegt haben, dass sie gerne Kinder hätten. Das würden homosexuelle Tiere doch aber nie machen.

Auf der einen Seite haben wir also den animalischen Instinkt, der Schwule zum Sex mit Männern treibt, auf der anderen Seite den menschlichen Geist, der eigene Kinder begehren kann und der erkennt, dass das nur durch Sex mit Frauen möglich ist und danach handelt.

Während es in der Tierwelt aufgrund des fehlenden menschlichen Geistes noch keinen Konflikt gibt, kommt es sehr wohl zu einem Konflikt beim Menschen, der mit seinem Geist seinen Gelüsten entgegenwirkt.

Wie löst sich dieser Konflikt auf?

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Ich denke, Homosexualität ist normal und die haben auch kein besseres oder schlechteres Erbgut als Heteros. Aber möglicherweise hat es die Natur so eingerichtet, dass sie sich nicht fortpflanzen sollen, dass es nicht zu viele Menschen gibt auf der Welt.

Da es keine Evolution gibt, kann sie auch nichts wollen.

Woher ich das weiß:Recherche

Dafür gibt es keine Anzeichen, da es ja nicht so ist, das irgendein Merkmal von Homosexuellen bekannt wäre, dass auf 'schlechte Gene' hindeuten lässt. Der einzige Grund, warum die Raten für Depressionen höher sind, ist Homophobie, ohne Homophobie wäre das nicht so. Haben Daten aus anderen Kulturkreisen und Zeitaltern, sowie einfach nur der Vergleich von Familie zu Familie ergeben.
Es ist ja auch wirklich nicht so, dass irgendwelche körperlichen Erkrankungen häufiger bei Homosexuellen auftreten. Gibt es einfach nicht. Deshalb kann das ja nicht stimmen, oder?
Das einzige, was mir einfällt, ist Autismus. Es sind überdurchschnittlich viele Autisten bisexuell. Viele davon sind aber trotzdem in verschiedengeschlechtlichen Beziehungen mit Kindern, außerdem gibt es kein Homosexualitätsgen und ein Autismusgen wahrscheinlich auch nicht, kann also nicht zusammen hängen. Die Theorie ist eher, das Autisten öfter darüber nachdenken, ob sie denn wirklich hetero sind - und das sehr viele Heterosexuelle eigentlich bi sind, aber nie darüber nachdenken. Letzteres wurde experimentell bewiesen.

Die Theorien, warum Homosexualität existiert, sind andere.
Einer der Hauptgründe ist die Adoption von Waisen. Gerade in Monogamen Spezies finden sich oft gleichgeschlechtliche Paare, die Waisen oder Ausgestoßene Kinder aufnehmen und großziehen. Verschiedengeschlechtliche Paare machen sowas in der Tierwelt eigentlich nie. Und beim Menschen auch fast nur als ein weiteres Kind nach den leiblichen, oder wenn es Probleme mit der Fruchtbarkeit gibt.
Ein weiterer Grund, der als Theorie besteht, ist, dass vor allem homosexuelle Männchen oft sanfter und sozialer sind als die heterosexuellen Männchen, und deshalb als Streitschlichter fungieren. Sie sind genauso stark wie die heterosexuellen Männchen, haben aber kein Interesse an brutalem Balzverhalten für die Weibchen, und verhindern tödliche Kämpfe zwischen Männchen oder Gewalt gegenüber Weibchen.

Die Theorie, dass somit die Verbreitung "schlechter" Gene verhindert wird, habe ich noch nie gehört.

Oh und. Lass die Formulierung "Die Evolution will" weg. Die Evolution will gar nichts, sie passiert. Eine Lawine will auch nicht ins Tal, auch wenn sie eine Richtung hat. Weil sie keinen Willen hat.

Woher ich das weiß:Studium / Ausbildung – Ausbildung als MTLA

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