Wieso zahlen Krankenkassen Homöopathie?

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11 Antworten

Hallo WichsEnte07,

sehr einfach gesagt ist das so, weil Politiker gerne Geschenke verteilen, die den Staat selbst nicht viel kosten und weil wir in einer freien Marktwirrschaft leben.

Richtig ist, dass Homöopathika Placebos sind. Das ist das übereinstimmende Ergebnis der naturwissenschaftlichen Einschätzung wirkstofffreier Kügelchen und der Gesamtstudiendurchsicht.

Die gesetzlichen Krankenkassen dürften deshalb nach den Regelungen im Sozialgesetzbuch (SGB V ist hier zuständig) die Kosten des Verfahrens nicht übernehmen, um die sozialen Kassen nicht zu belasten.

Nun ist die Homöopathie aber bei uns intensivst beworben und gerade bei jungen Familien sehr beliebt. Junge Familien sind bei den Kassen gern gesehene Kunden.

Die Gesundheitsreformen in den 1990ern haben den Wettbewerb zwischen den Kassen ermöglicht. Jede Kasse hat also gerne gerade bei den gut zahlenden jungen Familien ein paar Werbeargumente.  Und da kommt die Kostenübernahme von Homöopathie sehr recht.

Es kam also in den 1990ern bedingt durch die allgemeine Beliebtheit und den Wunsch der Kassen nach Profilierung bei umworbenen Kundenkreisen (und unterstützt durch weitere Arbeit der Lobbyverbände wie dem DZVhÄ) dazu, dass die Politiker eine entsprechende Änderung im Sozialgesetzbuch V vorgenommen haben.

Auf dem 100. Deutschen Ärztetag haben die anwesenden Ärzte mit überwältigender Mehrheit gegen diese Sonderregelung protestiert. Du kannst das hier auf Seite 8 nachlesen:

http://www.bundesaerztekammer.de/aerztetag/beschlussprotokolle-ab-1996/100-daet-1997-pdf/

"In letzter Minute in das Gesetzgebungsverfahren eingebrachte Veränderungen ermöglichen sämtlichen Gruppierungen unkonventioneller Heilverfahren auf der Ebene der von ihnen reklamierten ”Binnenanerkennung” in großem Umfang diagnostische und therapeutische Verfahren den Leistungen des Sozialversicherungssystems zugänglich zu machen. Diese Verfahren halten einer Prüfung auf Sinnhaftigkeit und Wirksamkeit nicht stand und sprengen somit die Grenzen des ohnehin bis an den Rand der Leistungsfähigkeit strapazierten Sozialversicherungssystems.

Es wird nicht verkannt, daß ein Teil der Bevölkerung sich zu dieser Art Diagnostik und Therapie hingezogen fühlt. Die Finanzierung dieser Wünsche kann jedoch nicht zu Lasten der gesetzlichen Krankenversicherung gehen, wenn man nicht die Grundlagen einer wissenschaftlich orientierten Medizin in Frage stellen will.

Die deutsche Ärzteschaft fordert daher die Abgeordneten des Deutschen Bundestages auf, die (....) in letzter Minute in das Gesetzgebungsverfahren eingebrachten Veränderungen im SGB V ersatzlos zu streichen"

Derartige Proteste wurden bis heute immer wieder an die Politik herangetragen, der Gesetzgeber ist ihnen aber bislang nicht nachgekommen. Politiker sind eben keine Wissenschaftler und kümmern sich um die Datenlage herzlich wenig. Immer wieder lächeln einzelne Politiker gerne in die Kamera, wenn man sich mit der beliebten Homöopathie (oft gezielt falsch als Naturheilverfahren beworben) zusammen ablichten lässt. Man propagiert einen unsinnigen Pluralismus und Wahlfreiheit - Schlagworte, die beim Patienten, der die Datenlage oft auch nicht kennt, natürlich gut ankommen.

Sind der Kostenübernahme zuerst nur wenige Kassen gefolgt, hat der marktwirtschaftliche Wettbewerb dazu geführt, dass sich mittlerweile fast keine Kasse mehr findet, die zumindest über Zusatztarife die Homöopathie nicht in gewisser Weise erstattet.

Eine Liste hierzu findest Du hier:

http://www.homöopedia.eu/index.php/Artikel:Krankenkassen

Dass es sich keine Kasse wirklich leisten kann, eine Erstattung nicht wenigstens über Sondertarife anzubieten, liegt aber auch an der intensiven Arbeit der Lobbyverbände: Der DZVhÄ erklärt allen Patienten nur allzu bereit, wie sie schnell zu den Kassen wechseln können, die die Verträge mit dem DZVhÄ mitmachen. Der swr hat dieses Treiben einmal sehr aufschlussreich beleuchtet:

http://www.swr.de/report/homoeopathie-auf-dem-vormarsch-trotz-zweifelhaftem-nutzen-zahlen-immer-mehr-kassen/-/id=233454/did=15854612/nid=233454/1hibtr3/index.html

Ganz klar muss also auch hier ein Grund für die Bereitschaft vieler Kassen zur Kooperation gesehen werden: Etwas nicht anbieten mag sich noch die eine oder andere Kasse leisten können - dass ihnen der lukrativste Kundenkreis aktiv abgeworben wird, aber nicht mehr.

Den Kassen entstehen hohe Zusatzkosten, auch durch die mit dem DZVhÄ abschließbaren "Selektivverträge", bei denen sich der Patient an einen DZVhÄ-Arzt fest bindet.

http://journals.plos.org/plosone/article?id=10.1371/journal.pone.0134657

"Compared with usual care, additional homeopathic treatment was associated with significantly higher costs."

So lange eine Mehrheit der Patienten das so hinnimmt, wird der Gesetzgeber daran nicht viel ändern.

Grüße

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Kommentar von wolfgang1956
09.03.2017, 13:07

Nicht vergessen: Wer heilt hat recht! Offenbar haben auch Homöopathen Heilerfolge vorzuweisen. Sonst würden sie nicht im SGB berücksichtigt!

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Die Kassen rechnen einfach.

Es gibt Menschen die den Unfug glauben und eine homöopathische Behandlung wünschen.
Im Konkurrenzkampf der Kassen bezahlen sie diese Behandlung, immerhin konsultieren viele dieser Menschen dann keinen Mediziner, sondern gehen brav zu ihrem Quacksalber des Vertrauens. Richtige Medikamente sind oft viel teurer als homöopathische Placebos.

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Bei weitem nicht alle Kassen zahlen für Homöopathische Behandlungen.

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Es gibt auch Ärzte, die Homöopathie (mit) anwenden. In Einzelfällen KANN die Krankenkasse dann auch die Kosten übernehmen.

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In der Politik nennt man das heute Populismus.

Es gibt keinerlei Beweise für die Wirksamkeit, aber genügend Werbung damit viele Leute daran glauben.

Und bei vielen Gläubigen gibt es natürlich auch ein Angebot, z.B. von den Krankenkassen, die damit glauben weitere Kunden zu werben, und von Politikern, die damit glauben Wahlen zu gewinnen.

Logik und Vernunft braucht man es dazu nicht, nur der Glaube an den Aberglauben.

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weil es im Konkurrenzkampf ein super Verkaufsargument ist. Und von "bezahlen" kann eher nicht die Rede sein. Soweit ich weiß, sind es Zuschüsse, die sich in einem echt überschaubaren Rahmen halten.

Wer im Kassenvergleich die gängigen Testportale befragt, entscheidet sich gerne für die Kasse, die die meisten Häkchen im Leistungsportfolio hat. 

Dass Beten hilft, ist auch nicht erwiesen und trotzdem macht es die halbe Menschheit ... mindestens.. Für mich gilt: Wenn es gefühlt hilft, reicht mir das. 

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Kommentar von uteausmuenchen
08.03.2017, 20:43
Für mich gilt: Wenn es gefühlt hilft, reicht mir das.

Dinge, die nur gefühlt helfen, sollten halt nicht über die Sozialkassen finanziert werden. Wenn man bedenkt, dass Kassen teilweise absolut notwendige Dinge wie eine neue Brille oder Zahnersatz nicht ausreichend bezuschussen und deswegen nicht wenige Sozialhilfeempfänger mit schlechter Brille oder/und schlechten Zähnen leben müssen, ist es einfach nur traurig, dass der Gesetzgeber extra Sonderregelungen schafft, damit die Leute ihren Zauberzucker bezahlt bekommen.

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Also Unsere macht das nicht. Wir haben eine extra Versicherung dafür

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Kommentar von groooveman1
07.03.2017, 18:26

Ihr habt eine eigene Versicherung die euch Zuckerkügelchen bezahlt?

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Na ja, der Bedarf ist da wie rantt schon sagte und die Heil-Erfolge sind ja nun auch nicht von der Hand zu weisen. Ich denke, dass Kassen sich nicht darum drängeln, weitere (eher geringfügige) Kosten zu übernehmen, wenn es nicht erfolgreich wäre.


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Kommentar von rztpll
07.03.2017, 20:04

Welche Heilerfolge?

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Kommentar von Naiver
07.03.2017, 21:56

Hallo rzpll, nimm sie alle!

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Kommentar von MalNachgedacht
08.03.2017, 09:46

Gesetzliche Krankenkassen haben am liebsten Patienten die viel verdienen (und damit hohe Beiträge zahlen) aber möglichst gesund und wenig krank sind. Und wenn krank dann eher nur "harmlose" Erkrankungen die schnell wieder heilen.

Also genau solche Krankheiten bei denen auch Abwarten und Nichtstun wirken würde und bei denen entsprechend auch Homöopathie "Erfolgserlebnisse" vorweisen kann.

Der AIDS-Kranke der bis an sein Lebensende auf eine antiretrovirale Therapie kostet eine Krankenkasse viel Geld - aber der wird kaum zu einer Krankenkasse wechseln die Homöopathie anbietet weil er statt  auf die antiretrovirale Therapie (die ihm eine fast normale Lebenserwartung ermöglicht) kaum auf Globuli setzen wird (mit denen er in wenigen Jahren tot ist)

Homöopathie ist in den allermeisten Fällen mehr was für Gesunde die im Krankheitsfall eine Pille und einen Ansprechpartner wollen aber eigentlich auch ohne beides gesund würden.

Und auch nur das erstatten die Kassen ja - und keine aufwendigen homöopathischen Behandlungen.

Mit Homöopathie lockt man also eine für die Krankenkasse lukrative (und gesunde) Kundschaft - und gerade auch besser Verdienende bei denen es auch schick ist sich ein bisschen abzuheben indem man z.B. erwähnt dass man sich homöopathisch behandeln läßt oder "impfkritisch" ist...

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In Österreich nicht....Such eine die es nicht tut wenn es Dir lieber ist.

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Weil die Patienten wieder gesund werden möchten.

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Die Kassen sagen: Weil die Versicherten es wollen.

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