Wieso will die EZB, dass jedes Jahr alles 2 % teurer wird?

7 Antworten

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Häufig wird argumentiert, die EZB wolle damit das "Schreckgespenst" Deflation verhindern. Dazu heißt es dann, wenn die Preise fallen würden, dann würden die Menschen Konsum und Investitionen aufschieben, wodurch die Wirtschaftsaktivitäten abflauen würden.

Aber das ist Unsinn: Wenn ich Hunger habe, kaufe ich mir etwas zu essen -und warte nicht noch einen Monat zu, nur weil der Laib Brot dann 0,2 Eurocent billiger ist. Du würdest auch Deinen Urlaub nicht um ein Jahr aufschieben, nur weil der Flug dann ~€10 billiger ist. Und wir alle kaufen uns alle paar Jahre einen neuen PC, obschon wir wissen, dass wir dasselbe Modell ein paar Monate später billiger bekommen würden: Als Lebewesen mit endlicher Lebenszeit haben wir eine Zeitpräferenz, uns Dinge lieber heute statt morgen zu gönnen. Das durch eine Deflation zu verändern -dazu müsste die Deflation schon sehr, sehr stark ausgeprägt sein.

Was sie aber natürlichen Ursprungs gerade nicht wäre! Die meisten Menschen wissen gar nicht, dass die Menschheit die längste Zeit ihrer Existenz sehr gut ohne Zentralbanken ausgekommen ist! Die Preisfindung war allein durch Angebot und Nachfrage durch den freien Markt geprägt. Und dieser war dann letztlich wiederum durch die Produktivität der Gesellschaft gesteuert; die Produktivitätssteigerungen durch technische Errungenschaften führten dabei zu einer (moderaten) Deflation -was die Menschen aber sogar begrüßt haben, denn dadurch wurden ihre Ersparnisse ja immer wertvoller. Umgekehrt war Schuldenmachen eher unpopulär, denn die Verbindlichkeiten wurden ja im Laufe der Zeit auch immer schwerer zu begleichen. (Das hat die Investitionstätigkeiten früher übrigens trotzdem nicht wirklich gehemmt -es wurde halt nur weniger auf Pump investiert, bzw. nur in Anlageformen, deren Renditen hoch genug waren, die Deflation zu kompensieren).

Heute läuft das genau andersherum: Notenbanken sind letztlich politische Anhängsel der jeweiligen Staaten (auch wenn sowohl Politik als auch Notenbanker das gebetsmühlenartig bestreiten : Es ist so!). Daher agieren sie auch im Sinne der Regierungen. Und Regierungen geben liebend gerne Geld aus, das sie nicht haben: Wählerstimmen müssen durch Wahlgeschenke gehätschelt werden, die jeweiligen Interessenvertreter wollen mit Staatsaufträgen bedient werden, manch selbstverliebter Politiker will sich durch teure Prestigeobjekte ein Denkmal setzen, Kriege führen, im Ausland Einfluss nehmen, etc. pp. -immerzu sind dann die Staatseinnahmen zu klein. Vor die Wahl gestellt, die Ausgaben zu kürzen, die Einnahmen durch Steuern zu erhöhen oder das ganze durch Schuldenaufnahme zu finanzieren, wählen alle Regierungen immer das Schuldenmachen!

Als Schuldner sind sie dann natürlich daran interessiert, dass ihre Schulden sich durch Inflation verringern. Die Inflation darf aber auch nicht zu hoch sein, weil es sonst durch Vertrauensverlust der Bürger zu einer hyperinflationären Abwärtsspirale käme, welche das System schnell zerstört (siehe z.B. Deutschland 1919-1923, oder jetzt aktuell in Venezuela).

Der Produktivitätszuwachs in Europa beträgt im Mittel ca. 2%..3% pro Jahr. Gäbe es keine EZB, welche den Markt verzerrt, dann hätten wir also eine moderate Deflation von diesen 2..3%: Die Sparer wären zufrieden, die Investoren würden genau hinschauen, dass sich Investitionskredite auch rentieren und der Verbraucher würde erst mal das Geld ansparen, um sich ein Auto zu kaufen, statt es wie heute auf Kredit zu kaufen.

So aber druckt die EZB dagegen soviel Geld, dass es stattdessen 2% Inflation gibt -das sind also mithin am BIP gemessen erst mal jene 2..3%, um den natürlichen Produktivitätszuwachs zu Gunsten des Staates abzuschöpfen und dann nochmals weitere ca. 2%, um sogar noch eine künstliche Teuerungsrate zu produzieren. In der Realität sind es sogar noch mehr als jene rechnerischen 4..5%: Die EZB druckt nämlich sogar ca. 8% des BIP pro Jahr -das klappt, weil die resutierende Inflation sich (momentan noch!) eher in den Assets (=Aktien, Immobilien, Kunstgegenstände, Luxusgüter) widerspiegelt und diese allesamt nicht Eingang in die offizielle Inflationsstatistik finden.

Fazit: Ohne Notenbanken hätten wir eine moderate Deflation, welche keinem wehtäte -außer jenen, die partout gerne Schulden machen wollen, welche sie nie zurückzahlen, sondern durch Geldentwertung loswerden wollen. Stattdessen haben wir jedoch ein System, bei dem die Notenbanken im Auftrag der Politik (=als Hauptschuldenmacher überhaupt) die Schuldzinsen auf Null oder gar negative Raten drücken und jedes Jahr weitere Billionen (!) an neuen "billigen" Schulden aufhäufen. Weil dieser Schuldenberg jedoch mit ca. 8% jährlich wächst, sind die künstlich abgeschöpften 4..5% abe nicht genug, um diese Schulden wieder loszuwerden. Das genau ist der eigentliche Grund, warum wir in nicht allzu ferner Zukunft leider erleben werden müssen, dass die Notenbanken entweder ihr "Inflationsziel" auf eher in Richtung ~5% vergrößern werden oder die Negativzinsen in Richtung ~3% manipulieren werden. Damit letzteres funktioniert, ohne dass die Geschäftsbanken pleite gehen, muss zuvor noch das Bargeld abgeschafft werden, damit man diese Negativzinsen an Dich weitergeben kannst, ohne dass Du Dich durch Bargeldabhebung dagegen wehren kannst.

-Ich hoffe, das war ausführlich genug.. :-)

Das war es, genauso eine Antwort wollte ich, dafür hast du auch den Stern gekriegt.

Eines habe ich noch nicht verstanden: Wenn der Staat sich verschuldet, mit sagen wir mal 100 Mio. (damit es leichter ist) und sich sagt hmm, zurückzahlen will ich nicht, inwiefern wird er diese Schulden dann durch Geldentwertung los? Der Betrag -100 Mio bleibt doch. Das hab ich noch nicht ganz verstanden.

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@Zitronensorbet1

Machen wir's eine Nummer übersichtlicher: Sagen wir mal, von Deinem Arbeitslohn bleiben Dir heute, 2019, nach Abzug von Steuern und sonstigen Abzügen €20 pro Arbeitsstunde -und bei mir sieht das genauso aus.

Jetzt leihe ich mir von Dir €1000 ;das entspricht somit einem Gegenwert von 50 Arbeitsstunden. Du hast dafür also 50h gearbeitet und erwartest dafür irgendwann eine vergleichbare Rückzahlung.

Gäbe es keine Inflation, dann müsste ich für den geliehenen Gegenwert von 50 Arbeitsstunden irgendwann mal 50h Arbeitsstunden arbeiten, um Dir die €1000 zurückzuzahlen.

Nun gibt es aber eine Inflation! Nehmen wir mal an, die läge bei 5%. Um diesen Faktor 1.05 steigen dann jährlich die Preise aller Waren und Dienstleistungen -und damit auch die Löhne. Durch den Zinseszinsfaktor bedeuten 5% Teuerungsrate eine Verdoppelung der Preise alle log(2)/log(1.04) = 14,2 Jahre. Da eine Verdoppelung der Preise ja umgekehrt auch einer Halbierung der Kaufkraft entspricht, heißt das, dass sich Deine €1000 alle ~14 Jahre in ihrem Wert halbieren.

Rechnen wir es aus: In 14,2 Jahren von jetzt an ist unser beider Arbeitslohn doppelt so hoch wie heute, d.h.: Du und ich verdienen €40 je Arbeitsstunde. Wirklich reicher sind wir dadurch nicht geworden, denn leider haben sich ja auch alle Preise verdoppelt.

Wenn ich Dir nun die geliehenen €1000 zurückzahlen wollte, dann müsste ich dafür jetzt aber keine 50h mehr arbeiten, sondern nur noch halb so viel: 1000/40 = 25h. Die Inflation hat also meine Schulden bei Dir *real* entwertet. Denn obschon es *nominal* (= also: zahlenmäßig) noch immer €1000 sind, muss ich Dir für Deine geleisteten 50h Arbeitsstunden jetzt nur noch halb so viele zurückgeben. Ich bin also effektiv 50% meiner Schulden bei Dir los!

Würde ich mir gar nochmals weitere 14,2 Jahre Zeit mit dem Zurückzahlen lassen, dann wäre ich schon 75% meiner Schulden bei Dir losgeworden, denn dann läge der Stundenlohn bereits bei €80, mithin wären Deine €1000 also nur noch 12,5h Arbeitsstunden wert.

-In Deinem Beispiel mit €100 Mio. Staatsschulden ist das nicht anders: Natürlich bleibt die Schuld *nominal* bei ihrem ursprünglichen Wert von €100 Mio stehen. Aber die Inflation sorgt dafür, dass diese Schulden *real* immer weniger wert werden. Relevant ist aber natürlich nur der reale Wert.

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@bitbuerster

ok, verstanden.
Aber die Löhne steigen doch nicht jedes Jahr um den Inflationswert an? Das ist doch auch der Grund, weshalb sich immer weniger Menschen wirklich etwas leisten können und immer mehr Schulden machen.

Klar gibt es auch solche die sagen ein Corsa würde mir auch reichen, aber da ich nur einmal lebe kaufe ich mir jetzt den Cayenne auf pump.

Aber was jetzt meine ist:
Wenn man die Teilhabe am Gesellschaftlichen leben in Form von Konsum eines Jahresurlaubs oder einer Freizeitgestaltung wie Kinobesuch, regelmäßig Essen gehen etc pp nicht jährlich kürzen möchte, sondern halten möchte, die Löhne jedoch mit den Preisen nicht mitsteigen, dann ist man ja mehr oder weniger genötigt Schulden zu machen, weil man sonst ja irgendwann nur noch arbeitet um Miete, Essen und Benzin zu bezahlen, was sich kein Mensch (verständlicherweise) gefallen lässt.

Ich denke, dass das ein ganz wesentlicher Grund für die Volksverschuldung ist und dass es an sich idiotisch ist, eine Inflation künstlich herbeizuführen.

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@Zitronensorbet1

Vorab: "Die" Inflation gibt es nicht, denn jeder von uns lebt einen Tick anders und hat damit auch eine Art individuelle Teuerungsrate.

Die Warenkörbe, welche zur Berechnung der "offiziellen" Teuerungsrate dienen, sind damit eh nur eine Näherung. Umgekehrtes gilt für die Lohnsteigerungen auch: Sie fallen je nach Branche unterschiedlich stark aus -und, wie wir alle wissen, auch nach dem Lohnniveau: Die ohnehin schon Gutverdiener erfreuen sich höherer (absoluter, aber auch relativer) Lohnzuwächse als die mittleren und unteren Einkommensklassen.

Aber im statistischen Mittel passt das: Löhne und Teuerungsrate halten sich da in etwa die Waage, siehe z.B. https://www.zeit.de/wirtschaft/2018-08/teuerungsrate-inflation-lohnzuwachs-nivellierung-konsum-deutschland

idiotisch ist, eine Inflation künstlich herbeizuführen

Naja, das kommt halt immer auf das Auge des Betrachters an: Wie zuvor schon angeführt, profitieren Schuldner von der Inflation, während Sparer und Gläubiger von einer Deflation profitieren würden. Da die Finanzpolitik nun mal von Politikern gemacht werden, die bis zum Halskragen hoch überschuldet sind, wird eben eine inflationäre Geldpolitik betrieben. -Aus deren Sicht ist das somit alles andere als idiotisch..

wenn die Löhne jedoch mit den Preisen nicht mitsteigen, dann ist man ja mehr oder weniger genötigt Schulden zu machen

Wie o.g. ist Deine Annahme "im Mittel" falsch: Löhne und Teuerung halten sich durchaus in etwa die Waage. Was zur zunehmenden Abnahme der Kaufkraft großer Teile der Bevölkerung führt, sind dagegen zwei andere Effekte:

  • Die zunehmende Ungleichheit in der Verteilung von Einkommen und Vermögen: Salopp gesagt werden die Armen immer ärmer und die Reichen immer reicher, weil der Produktivitätsgewinn der Volkswirtschaft zunehmend den Eigentümern der Produktionsmittel zufließt (=Firmeneigentümern, Aktionären) und weniger den lohnabhängig Beschäftigten. Natürlich wiederholen Politiker mantramäßig das Gegenteil, aber mit mathematischen Methoden wie dem sog. "Gini-Koeffizienten" (siehe https://de.wikipedia.org/wiki/Gini-Koeffizient) kann man das Maß an Ungleichheit sehr schön messbar machen.
  • Der zweite Effekt, den kaum jemand kennt, der aber noch wichtiger ist, ist der sog. Cantillon-Effekt (siehe https://de.wikipedia.org/wiki/Cantillon-Effekt). Er besagt simpel ausgedrückt, dass selbst eine 1:1 Anpassung der Löhne an die Teuerung die lohnabhängig Beschäftigten trotzdem benachteiligt, weil der Zeitverzug dieser Anpassung zu ihrem Nachteil ist: Bis sie ihre Löhne erhöht bekommen haben, vergeht Zeit, in der sie die bereits höheren Preise noch mit ihren alten, niedrigeren Löhnen bezahlen müssen.
ein ganz wesentlicher Grund für die Volksverschuldung

Eher nein. Früher hast Du erst mal gespart und Dir dann etwas gekauft. Heute ist die Konsumkultur umgekehrt: Alles sofort her -dann halt auf Pump. Die aktuell real negativen Zinsen begünstigen dieses Verhalten nur, denn wer spart, ist ja der Dumme, weil sein Erspartes an Kaufkraft verliert. In Summe ist diese Verschuldungsorgie aber ein Strohfeuer und muss eines Tages zusammenbrechen, denn jedweder Kredit ist letztlich "von der Zukunft ausgeliehene Arbeitskraft" und damit nicht beliebig strapazierfähig..

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@bitbuerster

Ich muss sagen, dass ich noch nie eine solche kompetente und gute Erklärung/Antwort hier bekommen habe, so sollte es eigentlich hier grundlegend sein, dass die Antworten, die wirklich eine Antwort geben können.
Woher weißt du das, also was machst du beruflich, bzw. wenn anders erworben, woher stammt dein Fachwissen?

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Die EZB gehört den Zentralbanken der Euro-Länder. Die Posten dieser Institutionen werden politisch besetzt (Politik bestimmt über Besetzung der Posten). Insofern ist der Grund ein politischer, und zwar der, dass Staaten sich durch Inflation entschulden können.

Wenn ein Staat z.B. 500 Milliarden schulden hat und die Inflation bei 2% liegt, dann verschwinden jedes Jahr allein aufgrund der Inflation schon mal 10 Milliarden. Natürlich nicht nominal, aber der Staat muss 2% weniger Wertschöpfung erbringen (bzw in Fall eines Staates den Bürgern abnehmen) um die Schulden zu bezahlen.

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