Wieso werden gerade nach Erdbeben, Flugzeugabstürzen, Zugunglücken u.a. Katastrophen Gottesdienste gehalten anstatt über den "lieben" Gott zu schimpfen?

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9 Antworten

Ich finde die Frage genial.

Meine Antwort: Wenn ich nach einem solchen Unglück einen (ganz normalen) Gottesdienst halte oder wenn ich bei einer konkreten Beerdigung beauftragt bin, dann hat auch die "Klage" darin einen festen Platz.
Ich empfehle auch den Angehörigen, eine solche Klage nicht zu unterdrücken und sage dazu: "Der liebe Gott hält das aus."

Vorbild dazu sind viele Klagepsalmen und sogar Rachspsalmen der Bibel.

Gläubige müssen nicht alles gutheißen oder verstehen oder schön reden. Gläubige dürfen und sollen zu ihren Gefühlen stehen.

In Notfallseelsorgesituationen kommt es immer wieder vor, dass Menschen den lieben Gott aufs übelste beschimpfen. Ich finde, ein Vater hat allen Grund dazu, wenn seine 21jährige Tochter morgens komische Geräusche von sich gibt, stirbt und nicht mehr reanimiert werden kann.

Wer bin ich, dass ich ihm in einer solchen Situation widerspreche oder diese Gedanken verbiete?  Und wenn ich danach an einem Gedenkgottesdienst beteiligt bin oder an der Beerdigung, dann bekommt diese Wut und das Unverständnis auch seinen Raum.

Und ich bin überzeugt: Nur wenn es diesen Raum bekommt, können auch ehrliche Trostworte wirken.

Bei einer Beerdigung dürfen alle Gefühle ihren Raum haben. Auch Wut, manchmal auch Erleichterung (das ist ein vergleichbares Thema), Unverständnis, Verzweiflung, Liebe...

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Zunächst: Es hilft einem in vielen Fällen, in denen Situationen zu beurteilen sind, sich die Beziehung des Menschen zu Gott wie die eines kleinen Kindes zu seinen Eltern vorzustellen.

Auch ein Kind weiß schon, dass das Leben mit Risiken behaftet ist, und wird nicht bei allem Unangenehmen, was ihm passiert, dafür die Eltern verantwortlich machen. Nach dem Motto: "Geschieht meiner Mutter recht, wenn mir die Finger erfrieren, warum gibt sie mir keine Handschuhe mit?"

Genauso weiß ein Mensch, wenn er in einen Zug oder ein Flugzeug steigt, dass ihm etwas passieren kann und dass der liebe Gott nicht dazu da ist, um ihn vor jeder Torheit und jedem Ungemach zu bewahren. Wäre es so, würde der Mensch nur noch träge vor sich hin dämmern und sich am Ende vor Langeweile das Leben nehmen.

Ich persönlich verstehe auch nicht, warum Menschen in Gebieten leben müssen, die für sie nicht geeignet sind, z.B: weil es Erdbebengebiete sind. Es wäre besser, es gäbe wesentlich weniger Menschen in für Menschen geeigneten Gebieten der Erde, und der Rest würde der Natur überlassen, was allen zugute käme. Und wer bedenkenlos Kinder in die Welt setzt, obwohl er weiß, dass diese wahrscheinlich zum Hungertod verurteilt sind, kann allenfalls die dafür mitverantwortlich machen, die Verhütung verbieten, aber nicht den lieben Gott.

Ist ein Unglück geschehen, ob nun vom Menschen mitzuverantworten oder nicht, so ist es gut, sich durch einen Gottesdienst an Folgendes zu erinnern: Der Aufenthalt des Menschen in der Welt ist nur vorübergehend. Es ist eine Bewährungsmöglichkeit der Menschen als unsterbliche Geistwesen, mit der sie die Beschränktheit der drei Dimensionen (aber auch die Körperlichkeit) erfahren und in einem Leben voller Risiken ganz neue Erfahrungen machen können. Die gesamte Schöpfung ist Teil eines guten Planes Gottes, in der das Böse und das Unglückliche vorübergehend notwendig sind, aber angesichts des umfassenden Rahmens der Ewigkeit vergleichbar unbedeutend. Das ist auch die Botschaft des Kreuzes: Weder Tod noch Grausamkeit sind aus der Froschperspektive des Menschen zu beurteilen und überzubewerten. Sie sind Teil eines viel größeren Planes, an dem wir Menschen aktiv teilhaben können. Auch dadurch, dass wir helfen, Unglücke zu vermeiden, Krankheiten zu heilen, Hinterbliebene zu trösten, Opfern zu helfen usw.

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Kommentar von Hunkpapa
22.04.2016, 12:50

Japan ist das von Erdbeben am schlimmsten bedrohte Land der Erde. Frage also die Japaner, warum sie dennoch in ihrer Heimat bleiben. Nebenbei kannst du sie auch fragen, warum  sie dennoch Atomkraftwerke betreiben.

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Es wird wohl kaum jemandem nützen, zu schimpfen. 

Die Gottesdienste sind glaube ich eher dazu da, die 'Hoffnung' sichtbar zu machen. An dass zu erinnern, was gut ist. 'Dankbar' zu sein, dass das nicht jeden Tag passiert.

Gott ist finde ich ein symbol dafür, für das gute. Die Katastrophen passieren halt. Das stelle ich persönlich nicht in Zusammenhang mit Gott, aber die Gottesdienste eben für die Hoffnung.

,,Die Hoffnung ist das einzige Licht im Unbekannten".

Leid und schmerz ist bekannt, aber jeder schmerz ist jedes mal anders. also immer 'unbekannt'.

Ich hoffe, irgend jemand teilt meine Ansichten, zumindest teilweise.

Liebe Grüße, Allie

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Kommentar von Hunkpapa
21.04.2016, 17:34

Viele Leute werden deine Ansicht teilen, und du wirst lachen: Das gönne ich dir sogar.

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Kommentar von Enders9
22.04.2016, 07:17

Es wird wohl kaum jemandem nützen, zu schimpfen.

Doch es würde helfen.
Es könnte nämlich zum Abfallen vom Glauben führen und dazu, daß nicht mehr Milliarden Euro an die Kirchen gegeben werden statt an Organizationen, die tatsächlich helfen. Es ist unglaublich wieviele Leute glauben die Caritas würde durch die katholische Kirche finanziert.

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Viele Menschen suchen in ihrer Schwäche eine Konstante in ihrem Leben und sei es auch nur ein eingebildetes Wesen. Die einzige Kraft, an die man in einer für sich unordentlichen, schrecklich brutalen, stets sich verändernden Welt glauben kann, möchte man wohl nicht verlieren... oder verärgern. Widersinnig, ich weiß, aber das sind Religionen an sich schon.

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Für einen Menschen, der an Gott glaubt, ist Gott nicht "lieb" - jedenfalls nicht im Sinne des Kinderglaubens, nach dem er immer schön allen Schmerz aus der Welt schafft. Das ist nicht Gott, das ist ein Göttchen.

Gottesdienste sind für Menschen die gläubig sind. Wer glaubt, weiß, daß eine Katastrophe nicht von Gott eigens geschickt wird und er weiß auch, daß Gott nicht dazu da ist, die Welt für uns kuschelig und schmerzfrei zu machen. Gott hat es auch nicht nötig, zu "prüfen", ob einer glaubt oder nicht, er schaut ja ins Herz und weiß das bereits.

Wäre Gott so eine Art Katastrophenschutz-Allesversicherer, wären wir nicht die Menschen, die wir sind. Wir wären vielleicht superglücklich aber auch superdoof. Denn der menschliche Geist wächst immer nur, indem er Probleme löst und lernt mit Schwierigkeiten umzugehen. 

Ergo hat Gott die Welt hingestellt wie sie ist, damit wir und alles andere darin leben. Das schließt Unglücke und persönlichen Schmerz ein. Sei es durch die Natur oder durch andere Menschen. Ein Gottesdienst dient dazu, solchen Kummer zu bewältigen in dem Bewußtsein, daß er geteilt werden kann und in dem Glauben, daß der Gott, an den man glaubt, mit uns teilt. Vielen Menschen, die gläubig sind, lindert das ihren Schmerz und sie können sich nach einer Zeit wieder dem Leben zuwenden. 

"Schimpfen" hilft vermutlich niemandem. Gruß, q.

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Kommentar von Hunkpapa
22.04.2016, 12:38

Auch ein Gott muss sich schwere Vorwürfe gefallen lassen - vorausgesetzt es gibt einen. Und ohne einen Gott lässt es sich auch leben. Probleme, Schwierigkeiten und Herausforderungen sind natürlich und o.k. Aber alles hat irgendwann seine Grenzen. Was soll, wie im o.g. Beispiel, der Mann, der seine Frau und seine 11 Kinder mit einem Schlag verloren hat, daraus lernen? Ob er überhaupt noch lebt?!

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weil dir jeder gottesgläubige sagen wird, dass das alles seinen grund hat... les dir vielleicht mal nur mal was über hiob durch... als gläubiger siehst du solche unfälle eher als prüfung deines glaubens 

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Kommentar von Hunkpapa
21.04.2016, 16:57

Warum sollte jemand geprüft werden, ob er auch wirklich glaubt? Keine gute Idee, jemanden zu prüfen, ob er auch dann noch glaubt, wenn, wie mal geschehen, 300 tausend Menschen bei einem Tsunamie oder 40 tausend Menschen bei einem Erdbeben umkamen. Im letztgenannten Fall verlor z. B. ein Mann auf einem Schlag seine Frau und seine 11 Kinder. Keine gute Idee den Glauben eines Gläubigen so zu überprüfen

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Weil das moderne Christentum scheinheilig ist. Um die Illusion eines alle liebenden Gottes aufrecht zuerhalten, muß alles Schlechte von jemanden Anderem kommen. Deswegen wird nicht geschimpft.

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Ist doch netter, wenn man Hoffnung verbreitet als wenn man Schuld verteilt. Beides nützt den Opfern eh nicht mehr, aber beten hilft vielleicht den Hinterbliebenen.

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Kommentar von Hunkpapa
21.04.2016, 17:10

Noch netter wäre es, wenn sich die Menschheit allmählich von ihrem Irrglauben verabschiedet.

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Weil es nichts bringt in ständigem Groll gegen Gott oder sonst jemand zu leben...

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Kommentar von Hunkpapa
21.04.2016, 17:08

Wenn jemand berechtigte Zweifel hat, dass es überhaupt einen Gott gibt, der wird kaum noch mit einem solchen Gott schimpfen können.

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