Wieso lassen wir den Leistungsdruck in unserer Gesellschaft zu?

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9 Antworten

Das bildungspolitische Klima war auch schon mal ganz anders: In den 60er Jahren etwa wurden große Anstrengungen unternommen, um Schüler_innen aus sozial benachteiligten Verhältnissen Wege zu höheren Abschlüssen zu ermöglichen.

Ergebnisse dieser Haltung sind zum Beispiel VHS, Abendschule, zweiter Bildungsweg allgemein...

Doch seit etwa den 80er Jahren wird der Mensch schleichend und immer mehr als rein ökonomisches Wesen gesehen, weniger als soziales.
Diese Entwicklung hat inzwischen derartige Ausmaße angenommen, dass sie sich massiv in der Gesellschaft bemerkbar macht und vom Einzelnen als Druck, als Belastung erlebt wird.

Dieses Erleben ist nun auch bei den Kindern und Jugendlichen angekommen, aus verschiedenen Gründen: Eltern sind natürlich besorgt und möchten ihr Kind möglichst gut auf "den Ernst des Lebens" vorbereitet wissen, also werden die Kleinen auf Anraten so genannter Experten schon mit verschulten Frühbildungsangeboten im Kindergartenalter vollgepumpt und überfordert. Dabei wird von allen Beteiligten vergessen, dass Kinder lernen wollen, sie können gar nicht anders, es entspricht der menschlichen Natur. Allerdings lernen Kinder nur mit Freude, wenn sie selbst Thema und Tempo bestimmen dürfen, sich ihre Welt eigenständig erschließen. Vorschulische und verschulte Bildungsangebote sind also nicht nur sinnlos, sondern auch kontraproduktiv.

Das soziale Lernen, das Verhalten in der Gruppe, freies Spiel werden als nutzlos abgetan und völlig vernachlässigt, dabei bildet Sozialverhalten ein wesentliches Merkmal des Menschen als Gruppenwesen.
Hier lernen Kinder Grundlagen des sozialen Miteinanders, die ihnen sonst später fehlen und die sie mühsam nachholen müssen.

Die Politik hat sich endgültig zum reinen Erfüllungsgehilfen wirtschaftlicher Interessen degradiert, indem sie stumpf irgendwelche PISA-Ergebnisse zum Credo einer "erfolgreichen" Bildungspolitik erhebt. Dabei wird (absichtlich?) übersehen, dass eine tatsächlich erfolgreiche Bildungspolitik statistisch nicht unbedingt messbar ist, sondern den Schwerpunkt auf Transferleistung, Gruppenarbeit, eigenständige Problemlösung und Kooperation legt.

Die Skandinavier haben das schon vor Jahren verstanden und verinnerlicht: Kleine, altersgemischte Klassen, Gruppenarbeit, Kinder helfen Kindern, ko-konstruktivistischer Ansatz...
Sicher, hierzulande wird ebenfalls vollmundig davon gesprochen, aber hier sind es eben nur leere Worthülsen, die schulische Realität basiert nach wie vor auf Notendruck, Frontalunterricht, Wissensvermittlung ohne allzuviel pädagogische "Vorbelastung" der Lehrerschaft.
Warum? Weil unser Wirtschaftssystem nicht auf Kooperation angelegt ist, sondern auf Gewinnmaximierung durch Konkurrenz.

Dazu ein Schulsystem, so ungerecht wie kein anderes auf der Welt! Es dient in dieser Form allein der Zementierung sozialer Ungleichheit. Und wer verhindert die flächendeckende Einführung integrativer Gesamtschulen?
Die so genannte Elite, die sich allein selbst und völlig ungerechtfertigt so bezeichnet und wahrscheinlich Angst um ihre Privilegien hat. Diese Haltung zieht sich quer durch alle Parteien und ist kein Merkmal einer einzigen. Statt diese Entwicklung zu entschärfen, die Reibung und soziale Erhitzung durch einen arbeitsunabhängigen Sockellohn zu entschärfen, werden die Daumenschrauben immer enger angezogen, wird die soziale und materielle Ungleichheit immer stärker vorangetrieben.

Sorry, da habe ich mich doch wirklich mal in Rage geredet...

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Du nennst G8 und Studienzeiten.

Da hat man ganz blind auf das englischsprachige Ausland geschaut, gedacht, von dort kommt nur Gutes und wir müssen es nachmachen.

Vergleicht man englischen A-level und Abitur, dann fällt auf, dass man bei uns deutlich später zur Uni kommt. Aber unsere Bildungsideologen haben ganz übersehen, dass wir in unseren Gymnasien viel breiter ausbilden als die Engländer. Ein a-level kann unglaublich dünn sein.

Also reduziert man unsere Gymnasialzeit, lässt das Stoffpensum gleich und der Druck ist da.

Analog die Studienreform. Man hat uns die angelsächsischen Bachelors und Masters aufoktroyiert. Wer von euch glaubt wirklich, mit einem Bachelor berufsreif zu sein? Nun wurden alle möglichen Klimmzüge gemacht, um aus einem Vordiplom einen berufsreifen Bachelor zu machen, damit die Studenten eher fertig werden. In Wirklichkeit hat man Grundlagen und Berufskenntnisvermittlung durcheinander gebracht.

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WEil sich zu wenige den Mund aufmachen trauen

Oder meinen es würde eh nichts nützen.

Da brauchst du nicht mal G8 dafür, das fängt doch heute schon in der Grundschule an, da gilt eine 3 als schlechte Note. und da beginnt dann auch die Spirale: Eigenlich macht in dem Alter lernen noch Spaß, nicht aber wenn man gut sein muss. So wird einem der Lernspass verleidet, man macht es weil man muss und so geht es munter weiter.

Ich kann mich noch an meine Grundschulzeit erinnern: Eine 4 war zwar keine Grund zur Freude, aber auch keine Katastrophe. Man wurde nichts aufs Gymnasium gezwungen, weil man sonst nichts wird, auch die Ralschule war ok. Und sogar mit dem Quali hattest du gute Chancen auf einen Ausbildungsplatz.

Wenn aber immer mehr Schüler einen hohen SChulabschluss haben erwarten die AG auch mehr und schrauben ihre Anforderungen hoch. Was wiederum die Eltern dazu bringt ihre Kinder anzutreiben usw und so fort.

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Kommentar von Digarl
01.05.2016, 18:00

Warte warte warte ....

Inwiefern bringt das Eltern dazu ihre Kinder abzutreiben? Das bezweifle ich eher sehr stark.

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Ich meine, dies ist die Kehrseite der Globalisierung. Freier Handel bedeutete für uns Deutsche über Jahrzehnte, dass wir unsere Autos und Maschinen in alle Welt verkaufen  und dafür im Januar Erdbeeren und Tomaten essen können. In der Zwischenzeit ist es aber so, dass Geld und Arbeit dorthin gehen, wo  am meisten Profit möblich ist und das bedeutet, dass bei uns keiner mehr für Handlangerdienste 20 € die Stunde verlangen kann nur weil er Deutscher ist.

Ergo: Es wird sich Vieles in der Welt anpassen, aber für die "kleinen Leute" , für die wird die Anpassung eine Veränderung in Form einer Verschlechterung sein.

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Unser Leben, in Deutschland und im Jahr 2016, ist eines welches sich die meisten Menschen wünschen. Fast alle Menschen, die je gelebt haben und mittlerweile verstorben sind, lebten mit der Ungewissheit ob sie für den nächsten Tag Essen oder Trinken haben. Bei einer Lungenentzündung, gar bei einer Erkältung zu sterben war kein Einzelfall (Lungenentzündungen viel häufiger als heute).

Auch heute noch leben die meisten Menschen unter unserem Standard, viele haben Angst vor Krieg, Krankheiten oder auch vor Hunger bzw. Durst. Das ist wahrer Druck, nicht unserer.

Warum leben wir, die die Mittel haben, in einem solchen Druck?

Damit wir die "Mittel" ein fortschrittliches Leben zu genießen auch erhalten können. Ohne unseren Druck würden wir keinen Fortschritt machen, wir würden absinken und in die Vergangenheit abdriften ... das ganze würde uns nur noch mehr Druck bescheren. Wenn wir alle keinen Zeitdruck haben, arbeiten wir nicht effizient, unser System bricht zusammen und somit unser künstlich erhaltener Frieden.

Studenten die unnötig, also extra, lange studieren schaden dem System, deshalb werden sie beschimpft. Sie fallen den Arbeitern und den fertig studierten zur Last. Ebenso denen, die anfangen wollen zu studieren da die Langzeitstudenten Plätze belegen.

Eine Welt ohne Druck wäre eventuell möglich, doch der Fortschritt würde versiegen da wir zu wenig Selbstdisziplin besitzen (was allerdings in höherem Maß wieder zu Druck führen würde).

Es gibt aber auch unnötigen Druck, vor allem in Bereichen wie z.B. Medizin. Wir besitzen Methoden welche strikt nicht erforscht werden wollen, weshalb? Es sei unethisch und gegen die Natur. Die Menschheit verschließt sich dem Fortschritt. Dadurch muss man auf ältere bzw. momentan noch aktuelle Methoden greifen, welche stressiger sind.

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Kommentar von DreiGegengifts
01.05.2016, 18:07

Fast alle Menschen, die je gelebt haben und mittlerweile verstorben sind, lebten mit der Ungewissheit ob sie für den nächsten Tag Essen oder Trinken haben.

Das sind die üblichen System-Scheuklappen. Dann werden alle Gesellschaften, alle Epochen, alle politischen und wirtschaftlichen Systeme und alle Lebensentwürfe in der Historie und Gegenwart als schlecht angesehen, weil sie nicht den eigenen gerade vorherrschenden  gesellschaftlichen Vorstellungen entsprechen. Mit der Realität hat das alles wenig zu tun.


Die Natur hat übrigens  schon immer genug für alle hergegeben. Es gab schon immer Krisenzeiten genau wie satte Zeiten. Heute ist das auch nicht anders. Die Probleme sind natürlich gesellschaftsspezifisch. Mit Wertigkeiten muss man dagegen vorsichtig sein. Natürlich gibt es eine ununterbrochene Entwicklung. Daher verändern sich die Lebensbedingungen in einem fortlaufenden Prozess. Aber mit dem Gefühl lebten die Menschen zu jeder Zeit. Und zu jeder Zeit waren sie so geformt, wie es ihre Umwelt entsprach

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Kommentar von Saragoza
01.05.2016, 19:16

@ Digart, ja klar: "Heil dem  deutschen Stanbard":!?

Konkurrenzkrampf; allseits legitimierte Ausbeutung, Scheinmoral, Formaldemokratie, Wettbewerbszwang, Weltmeister Hysterie, geheuchelte Freundlichkeit, Statuszwang, Lohnskalverei, hohle Disziplin, kulturferne Massen-medien, TÜV Prüfer Mentalität, Schadenfreude, ausgehöhlte Mitmenschlichkeit, Geselligkeit als schlechte Deko, etc.

In "Ger-Money" wird alles "Lebendige" nach dem Geld wert bewertet, ja sicher, das wünschen sich alle anderen Länder, weltweit, sicher dringend, ebenso!

Naja: beinahe, so etwa 1941-44, wäre es ja fast als "Traum-a" in Erfüllung gegangen - das deutsche Ideal, oder?

Aber zuerst muss-te man ja noch alle "entfernen", die nicht "einverstanden" waren, auch, oder?

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Das wild gewordene, völlig verallgemeinerte Leistungs- und "tödliche" Effizienz Prinzip und Denken, als Flucht vor dem eigenen Ich, der wirtschaftlich gestützte Leistungsgedanke, hat die westliche Welt (und nicht nur "Ger-Money") völlig erfasst und in seinen Krallen:

Wettbewerbszwang, legitimierte Ausbeutung, Raub- und Beute Gesellschaft, Geschäftsgewinne als End-Ziel überall, perfektionierte GIER, hohe Rendite, allseits legitmierte Ausgrenzung, über-betonte, lustig gelebte, leistungsorientierte Einseitigkeit hilft nur den Gewinner, die anderen, die Looser, die automatisch zurückfallen, werden kalt-lächelnd zurückgelassen, nachdem man/ frau sie ausgenommen, ausgebeutet und dann als entleerte Hüllen zurückgelassen hat, Humanität, gesellschaftliche Werte,
wie Harmonie, Freundlichkeit, Hilfsbereitschaft, Barmherzigkeit, Vertrauen etc.,
gehen dabei verloren,

Deutsch-reich ist auf den Zug aufgesprungen und bejubelt seine Sieger und verachtet die "armen" Verlierer, wer das vollmundig lebt und nicht bei sich und in seinem Leben die Balance findet, das vermindert wird von diesem Sog mitgerissen, ..!

Weltmeister Hysterie,  etc.

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Das ist der Konkurrenzkampf ,jeder will besser sein. Das gehört zu dieser Wirtschaftsart.Der Druck hat sich in den letzten 30 Jahren vervielfältigt. Genauso in etwa wie die Herzkreislauferkrankungen. 

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Das ganze ist die Summe aller Einzelzwänge. Man kann daher nur die eigenen Maxime verändern und der eigenen Denkentwicklung anpassen. Die Gesellschaft verändert sich, wenn diese Entwicklung viele mitgehen.

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Weil wir ein Volk der Duckmäuser sind.

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