Wieso können alle so gut kommunizieren außer ich?

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7 Antworten

Hm,

hehe, das ist natürlich nicht so einfach. Ich habe mein Leben lang viel geredet, ist man dann Stufensprecherin, Schülersprecherin und dergleichen, lernt man immer mehr dazu.

Leute, die von sich aus schon gerne vor Publikum sprechen, gerne im Mittelpunkt stehen oder gerne Theater, Schauspielerei, oder etwas Kommunikatives machen, sind sicherlich im Vorteil. Ich habe Journalismus und PR studiert. Bei uns war es "normal" oft vor Publikum sprechen zu müssen. Es gab bei uns einige, denen das gar nicht lag. Eine meiner Mit-Studierenden hat regelmäßig Schweißausbrüche und eine zittrige Stimme bekommen, wenn Sie beispielsweise mit Ihrem Part eines Vortrags dran war. Wir haben so etwas immer in Gruppen geübt, unter Bekannten, bei lockerer Atmosphäre, sind Texte immer wieder durchgegangen. Ich kenne dein Alter nicht oder deinen Beruf oder Hobbys, oder ob du Schülerin bist. Daher weiß ich auch nicht, ob du Freude daran hast, beispielsweise zu schreiben und das dann laut jemand vorzulesen, oder ob du vielleicht so oder so nicht drumherum kommst Vorträge zu halten.

Aber: Übung macht in dem Falle tatsächlich den Meister. Am besten sicher in Form eines Vortrages, einer Präsentation, zu Übungszwecken.

Ich kann dir jedenfalls sagen, dass das Mädel bei uns, nach 3 Jahre Studium richtig gut geworden ist, im Halten von Vorträgen und man gemerkt hat, dass sie sich sichtlich besser dabei gefühlt hat, mit zunehmender Anzahl an schon gehaltenen Präsentationen ^^ Und das ging bei ihr anfangs echt gar nicht xD

Na ja, es gibt auch kleine Kniffe, wie immer etwas in der Hand zu halten (Kärtchen oder Stift)....sich bei aufkommender Nervosität kurz auf eine "Vertrauensperson" fixieren, eigene Fehler eher charmant, schmunzelnd übergehen als sich aus der Ruhe bringen lassen...vorweg Eselsbrücken für komplexe Wörter bauen oder 2,3 Synonyme überlegen....Ich merke nie ganze Sätze vor, sondern nur Stichpunkte, denn sonst wirkts oft auswendig überlegt. Lieber eine Geschichte zum Üben 3-Mal anhand von Stichpunkten erzählen, anstatt sich komplette Sätze zu notieren und diese dann auswendig zu lernen. Fehlt dir dann mal ein Wort kommst du viel schneller aus dem Konzept. Gedanklich flexibel sein zu können ist aber gerad das Schöne am freien Sprechen ^^.

nephalym 23.08.2012, 19:36

So wie ich das verstanden habe, geht es bei der Frage um direkte und spontane Face-to-Face-Interaktionen und nicht um Vorträge, oder?

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Juul093 23.08.2012, 19:46
@nephalym

ja, eigentlich schon aber ich bin trotzdem dankbar für die antwort :)

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nephalym 23.08.2012, 19:51
@Juul093

Die Antwort ist gut. Du musst dir nur im Klaren sein, dass das u.U. zwei sehr unterschiedliche Probleme sind. Es gibt Leute, die bei Vorträgen unfassbar gut sind und im persönlichen Gespräch vollkommen anders sind und sich ständig verhaspeln. Es kann natürlich auch sein, dass man durch das eine auch das andere besser kann. Du solltest dich nur nicht wundern.

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Juul093 23.08.2012, 20:27
@nephalym

ja ich weiß, bei mir ist es sogar so dass ich bei Vorträgen gelassener und besser sprechen kann, da ich ja immernoch meine karteikärtchen als hilfe habe ;-)

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Ich finde Deine Frage hochinteressant und Deine eigenen Lösungsideen sehr gut.

Meine Meinung dazu:

Ja, es gibt offenbar rhetorische Naturtalente, die mit der Gabe zu flüssigem und interessantem Sprechen geboren werden. Jeder kennt, glaube ich, einen Schulkameraden, auf den das zutraf. Aber man darf sich nicht täuschen: Die meisten, auch Menschen, die öffentlich auftreten, haben sich das hart erarbeitet (insbesondere was das öffentliche Redenhalten betrifft) oder es sich durch viel Übung erworben.

Das freie Sprechen erfordert ja mehrere Dinge: (1) den interessanten Inhalt, (2) die Fähigkeit, eine Idee in Sprache umzusetzen, d.h. die Formulierung, (3) ein Mindestmaß an Sprechtechnik, (4) die Überwindung der Angst vor den Zuhörern, insbesondere, wenn es mehrere sind.

Zu (1) kann ich Dir keine Ratschläge geben. Wenn nichts drin ist, kommt auch nichts raus.

Was (2) betrifft, hast Du schon ein paar gute Ideen geäußert: Übung macht den Meister. Sprich mehr, nicht nur mit oder zu anderen, sondern auch mit Dir selbst. Das habe ich selbst immer wieder gemacht und ich weiß, dass das andere auch machen. Auf dem Wege zu einer Verhandlung oder einer Konferenz habe ich mir beim Fahren immer vorgestellt, was andere fragen oder sagen könnten und dann meine Antwort laut ausgesprochen. Beim Üben kann man ja leicht Pausen machen und Versuche wiederholen, ohne sich zu blamieren. Es hört ja keiner zu. Und in der realen Situation hat man dann schon einige brauchbare Formulierungen zur Verfügung, die schon mal "durch den Mund gelaufen" sind. Selbstgespräche (normal lautes Sprechen mit einem eingebildeten Gesprächspartner) sind nicht schlecht. Man kann sie sogar beim Gehen in der Fußgängerzone machen, jetzt, wo viele Leute mit einem Headset herumlaufen und mit Gott und der Welt telefonieren. Erzähle Dir den Inhalt eines Filmes oder Deine Ideen zur Lösung eines Weltproblems, Deine Meinung zum Sinn des Lateinunterrichtes, kurz alles, worüber Du sprechen willst und kannst.

Zu (3) kann ich Dir gar nichts sagen, da ich Dich nicht kenne und nicht weiß, wie Du sprichst. Aber als Logopäde weiß ich, dass es da manchmal etwas zu verbessern gibt. Ich habe gerade einen Erzieher in Therapie, der meint, dass er in Elterngesprächen nicht gut "rüberkommt", und er hat recht. Aber er kann, natürlich, seine Sprechtechnik (Lautstärke, Stimmqualität, Deutlichkeit) noch sehr verbessern.

Der Punkt (4) wird immer sehr gerne diskutiert, oft unter dem Stichwort "Nervosität". Diese ist natürlich eine Angstreaktion. Wenn man das einmal anerkannt hat, ist die Lösung ziemlich klar. Man muss einen Plan haben und Geduld.

Man muss schon wissen, was man sagen will, bevor man sich einem Publikum stellt. Stichwörter auf einem Zettel mögen gut sein, besonders wenn man meint, dass frei formulierte Reden besser sind als vorformulierte Reden. (Das ist nämlich nicht der Fall, warum würden sonst alle großen Reden vorformuliert gehalten? An Martin Luther Kings "I have a dream" hat Dr. King eine ganze Nacht gefeilt und verschiedene Versionen laut durchprobiert.) Wichtig ist nur, dass das Manuskript in "gesprochener Sprache" abgefasst ist. Einen Text in "geschriebener Sprache" kann man natürlich nicht als Redetext verwenden!

Zu dem Plan gehört natürlich dazu, dass Du Dir für jeden Fall, den Du fürchtest, überlegst, was Du machen willst, wenn dieser Fall eintritt. Zum Beispiel, wenn Du den Faden verlierst. Als Redner vor einem Publikum kannst Du dann eine Pause machen, die so lange sein kann, bis zu den Faden wieder gefunden hast. Und wenn das nach 3 Minuten nicht der Fall ist, gibst Du auf. Was machst Du dann? Du sagst zum Publikum: "Es tut mir leid. Ich kann jetzt meinen Vortrag nicht mehr zuende halten", und gehst raus. Wenn Du das wirklich gut vorbereitet hast und wirklich dazu bereit bist, wird es nie passieren, das hat die Erfahrung gezeigt.

Zum Schluss noch ein Wort zur Nervosität: "Nervosität" mit allen ihren Symptomen ist die Folge von mangelnder Planung / Vorbereitung und mangelnder Erfahrung. Gegen das erste kann man etwas tun, nämlich besser planen und sich besser vorbereiten. Gegen das zweite gibt es nur eines, nämlich die Erfahrung selbst. Anders gesagt, man muss etliche Vorträge mit Nervosität gehalten haben, bevor man Vorträge ohne Nervosität halten kann.

Und noch etwas: Die Leute, die einen Redner wegen seiner Nervosität kritisieren, sind die, die selbst noch keinen brauchbaren Vortrag gehalten haben. Was im Umkehrschluss heißt: Die wirklichen Könner (und nur auf die kommt es an), werden einen milde beurteilen, weil sie sich an ihre eigenen ersten Vorträge erinnern, bei denen auch einiges schief gegangen ist.

Juul093 14.09.2012, 13:33

Danke für diese umfangreiche und sehr hilfreiche Antwort ! :-) Leider habe ich den Stern schon vergeben, aber fühlen Sie sich als bester Beantworter meiner Frage ! ;-)

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also eins vorweg: Es können bei weitem nicht alle frei vor anderen sprechen !!!!!!!! Wenn man kein Naturtalent ist, ist es langes und teilweise hartes training dahin zu kommen. Hier spielen nämlich viele Bausteine eine Rolle. Selbstsicherheit, Stimmlage, Lautstärke, konzentration und Geduld mit sich selbst sind die wichtigsten. Wenn du das nächste mal vor anderen reden musst, geh den Vortrag nehrfach im Geist durch. Mach dir einen Spickzettel mit einigen, wenigen aussagefähigen Stichpunkten. Such Dir einen Punkt an der Wand hinter den zuhörern. Noch besser ist es wenn du dir 3 Punkte suchst. eine hinter und knapp über den Zuhörern, einen links knapp übr ihnen und einen rechts knapp über Ihnen. Während du sprichst, schaust du ausschließlich auf diese drei punkte (und gelegentlich auf den Spickzettel :-)) Wenn Du immer wieder die Punkte wechselst, haben die Zuhörer das Gefühl angeschaut zu werden (da ist ihnen genauso unangenehm, wie Dir das Gefühl von ihnen beobachtet zu werden) sie sind dann i.d.R aufmerksamet und höflicher. Selbstverständlich wirst du angesehen! Das lässt sich nicht verhindern. Während des Vortrages spielt das für dich aber keine Rolle ! Du bist da, um zu reden. BASTA ! Was die anderen über dich denken ist meistens viel harmloser, als du es dir vorstellst. wenn du es wirklich wissen willst, frage nach dem Vortrag einige Leute nach ihrer Meinung. Beim reden bitte eine gehobene Lautstärke, aber nicht brüllen, die Worte sollten deutlich ausgesprochen werden, dazu gehört, dass du dir Zeit nimmst, und nicht durch den Vortrag rennst. Stellen die dir wichtig sind kannst du mir deiner Tonlage hervorheben. Viel Erfolg

Ich habe es schon so verstanden, dass sie nicht einfach nur so mit einer Freundin quatschen möchte? Beziehungsweise, dass sie dabei keine Probleme hat oder jetzt wirkungsvoll Verben einsetzen möchte?

Ich weiß es nicht. Jedenfalls ist es es übrigens auch ganz hilfreich sich mal selbst aufzunehmen. Manchmal lustig zu sehen, was für nervösen Zuckungen man beim Sprechen so erliegt oder anderen Ticks, manchmal hilft es aber auch zu sehen, dass man doch eigentlich viel souveräner wirkt als man selbst glaubte.

Hol dir Feedback von deinem Umfeld.

Du solltest vielleicht mal ein Rhetorik-Seminar irgendwo machen. Das kann man auf jeden Fall üben. Viele Leute bekommen das Sprechen erst in solchen Kursen richtig beigebracht. Das merkt man zum Beispiel daran, dass fast alle Fußballspieler die gleiche Sprechtechnik benutzen. Du kannst ja mal nach Rhetorikkursen oder -seminaren in deiner Stadt googlen.

ist nicht schlimm ich verspreche mich auch immer und so das ist doch kein Weltuntergang jeder hat seine Macken.

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