Wieso ist dieses Lernsystem sinnlos?

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5 Antworten

Texte interpretieren, zwischen den Zeilen lesen, Wichtiges von Unwichtigem trennen können, all da brauchst du in jedem Beruf, in den zum Beispiel Verträge geschlossen werden. Im Privatleben musst du die Zeitung nicht nur Zeile für Zeile lesen können, sondern auch den Subtext der Artikel erkennen. Sogar Werbespotts bedürfen der kritischen Interpretation, oder glaubst du, dass Lidl sich wirklich lohnt (und wenn ja, für wen?)

Und warum macht man dies von der ~8. Klasse bis zum Abitur durchgängig anhand von 10000 Texten aus einer Zeit, in der die Sprache ganz anders war? Warum muss ich beim Zeitung lesen oder beim Werbespots sehen wissen, wie die ganzen rhetorischen Mittel heißen und was sie machen?

Ein bisschen ist ja schön und gut, aber denn bitte anhand von Texten mit moderner Sprache und nicht 4 Jahre lang.

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@Copyyy

Dass auch Texte aus früheren Zeiten betrachtet und interpretiert werden, hängt mit unserem Begriff von Kultur zusammen, von der allgemein angenommen wird, dass sie eine Geschichte hat und sich entwickelt. Bei Entwicklungen ist es natürlich von Interesse, den Ursprung zu kennen. Die rhetorischen Mittel muss man nicht benennen können, zu wissen, dass es sie gibt und wie sie wirken, ist aber durchaus nützlich.

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@Schuhu

Im Grunde stimme ich dir auch zu, Interpretation sollte auch anhand von älteren Texten in der Schule behandelt werden, doch wie begründest du, dass ca. 3 der letzten 3,5 Jahre vorm Abitur (8.-12.1) nur aus Interpretation bestehen? Der Rest ist Charakterisierung, worüber vielleicht eine Klausur in der 8. oder 9. Klasse geschrieben wird und vielleicht noch ein Diktat in der 8. oder 9. Klasse. Grammatik, Rechtschreibung und Zeichensetzung hatte ich seit der 8. Klasse wenn überhaupt nur eine Stunde lang, obwohl das, meiner scheinbar unbedeutenden Meinung nach, sehr viel wichtiger ist, wenn man sich anguckt, wie manche schreiben. Besonders Apostrophsetzung hatte ich in der Schule in meinem Leben nicht ein einziges mal gemacht und wenn man sich mal auf YouTube oder Twitter umguckt, wo die meisten nach der Regel "S am Ende des Wortes bedeutet Apostroph" schreiben.

Einen modernen Text musste ich übrigens bis dato (Jahrgangsstufe 11.1) noch nicht analysieren und das wird wohl auch nie passieren, zumindest, wenn meine Deutschlehrerin dem Kurs nichts falsches über den Lehrplan für 11.1 und 11.2 erzählt hat.

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@Copyyy

Von einem Gymnasiasten in der Oberstufe darf man erwarten, dass er Rechtschreibung und Grammatik beherrscht.

Daher geht es an die nächstgrößeren Herausforderungen: Sinnzusammenhänge verstehen und diese schriftlich darstellen. Mir erscheint das sinnvoller, als sich noch jahrelang mit Kleinigkeiten wie Apostrophensetzung auseinanderzusetzen.

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Das ist aber leider zum größten Teil nicht der Fall. Schlechte Elementarbereiche sind fast schon normal.... Und ich erwarte nicht, dass Apostrophsetzung jahrelang behandelt wird, aber zumindest angesprochen werden kann es schon einmal. "Sinnzusammenhänge verstehen und schriftlich darstellen" ja, doch ich verstehe darunter nicht die Aufzählung von tausend unterschiedlichen rhetorischen Mitteln. Also, das Thema werde ich hier nicht weiter diskutieren, will aber nur noch einmal meinen Standpunkt klarstellen: Man soll es lernen, ich habe nichts dagegen, dass rhetorische Mittel im Text erkannt werden müssen und die Wirkung derer schriftlich dargestellt werden muss, aber dies muss nicht jahrelang geschehen.

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Hallo,

das Abitur ist gar nicht dazu gedacht auf das Berufsleben vorzubereiten. Dafür sind andere Abschlüsse, wie z.B. eine Berufsausbildung vorgesehen. Das Abitur bzw. die allgemeine Hochschulreife soll - wie der Name schon verrät - auf ein Studium an einer Hochschule vorbereiten. In bestimmten Studienfächern werden die von Dir genannten Dinge gefordert.

Man sollte zudem das Wort allgemein in "allgemeine Hochschulreife" nicht außen vor lassen. Das vergessen viele Leute und ärgern sich, dass sie sich mit Fächern, die sie nicht mögen (oft Deutsch oder Mathe) machen müssen. Dann hört man oft "das braucht doch eh kein Mensch" oder "das brauche ich doch nie wieder".

Meiner Meinung nach ist es übrigens völlig in Ordnung, dass das Abitur nur relativ wenig auf das Berufsleben vorbereitet. Das geschieht in der Berufsausbildung oder im Studium. Bei letzterem muss man sich jedoch selbst darum kümmern. Entsprechende Veranstaltungen bietet fast jede Uni an, häufig sind diese aber nicht im Studienverlauf vorgesehen und man muss sie "freiwillig" machen.

Der Antwort von zalto kann ich übrigens auch nur beipflichten. Viele Dinge aus der Schule erweisen sich als nützlicher als man zunächst denkt.


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Mal im Ernst: Ich gebe dir recht, ein bisschen Interpretation schön und gut, aber jahrelanges Interpretieren, Analysieren und sowas ist einfach nur zu viel... Und lernen, wie man eine Bewerbung schreibt, tut man vielleicht eine Schulstunde lang.... 

Ich bekomme täglich EMails. Die muss ich lesen und interpretieren - wobei so manches nur zwischen den Zeilen steht. Dasselbe bei Projektstatusberichten oder Bewerbungsschreiben. Richtig interessant wird es dann, wenn sie jemand aus einem anderen Kulturkreis verfasst hat, der von ganz anderen Überzeugungen und Werten geprägt ist.

So schlecht fand ich es im Rückblick nicht, mal genauer hinzuschauen: Was steht da an Worten? Welchen Sinn ergeben sie, welche Widersprüche sind enthalten? Was will mir der Autor sagen? Erwartet er von mir eine Handlung? Will er mich nur belehren oder droht er mir sogar?

Das ist nur eine von vielen Sachen, in denen das deutsche Bildungssystem dem Zeitgeist hinterher hinkt.

Danke für deine antwort :D

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